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Das Zeitalter der Eidechse: Gedichte 1993-1996


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Rezension von

Daniel Bigalke

Das Zeitalter der Eidechse: Gedichte 1993-1996 Die Urgestalt des Mythos als objektives, aber heute nicht mehr für jedermann wahrnehmbares Weltgefühl, ist reine, wahllose und unbewußte Schöpfung. Seine immanenten Wahrheiten stehen fest und zwar zeitlos, absolut, das bedeutet abgelöst von Schicksal und Geschichte, abgelöst aber auch von den Tatsachen unseres eigenen Lebens und Sterbens. Die unberechenbaren Geschehnisse der Tatsachenwelt werden dadurch entwertet und überwunden. Das inhaltliche Wort des Mythos ist eine Wirklichkeit in dem Maße, wie sie es außerhalb unserer selbst ist. Sie hat sich von unserem Willen loszulösen. Der engagierte, tatsachenorientierte Mensch ist dazu berufen, die Wirklichkeit zu gestalten und zu erkennen, indem er solche Symbole gezielt erschafft. In der determinierten Zeit irdischen In-der-Welt-Seins kann so ein Symbol der Ewigkeit erschaffen werden, das einen Fixpunt für weitere Generationen zu bieten in der Lage ist. Joachim Werneburg schafft in seinen Gedichten für Thüringen immer wieder eine Mythologie in Geologie, Pflanzen- und Tierwelt. Sie ist entkoppelt vom lediglich Subjektiven und schafft eine eigene Welt, eine neue und ewige Wirklichkeit, die das irdische Beschränktsein transzendiert. Er entwarf poetische Exkursionen in die vorgeschichtliche, mittelalterliche Zeit und entdeckte diesen Landstrich im schöpferischen Konflikt zwischen slawischen Einwanderungen seitens der Wenden und westlichen Eroberungen, wie die der Merowinger. Den DDR-Zeitgeist hielt er in einigen Epigrammen fest („Thüringer Meer“). In diesen Zusammenhang gehört auch das vorliegende Werk mit Sammlungen von Gedichten. Der enthaltene Zyklus „Die Felswand von Lioux“ beispielsweise führt sogar noch weiter: in die Provence. Der Kampf des Lichts gegen das Dunkel zeigt sich im Sandstein an der Felswand, aber auch in den Bildern des ungarischen Malers Victor Vasarely, die in der kleinen Stadt Gordes gezeigt werden. Für den Tod des Lichts steht das Schicksal des Troubadours Guilhem de Cabestanh, für die Wiedergeburt dagegen ein Quell in der Kalksteinhöhle. Und Zikaden berichten von der Niederlage der Waldenser, die gegen den Vatikan eine Lichtreligion durchsetzen wollten. Der Titelzyklus "Das Zeitalter der Eidechse" bestellt seine Akteure auf den Riechheimer Berg bei Erfurt – wieder in die thüringische Heimat. Hier sind – neben der kleinen Echse – Schaf, Hase und ein Maulwurf Träger der Handlung. Deren Wirken deutet - fast schon im Sinne eines Tierkreises - die Menschheitsgeschichte an. Es ist freilich im allgemeinen richtig, daß die Sprache für uns dichtet und denkt, d.h. daß sie die fragmentarischen oder gebundenen Impulse unseres eigenen Wesens aufnimmt und zu einer Vollkommenheit führt, zu dem diese, auch rein für uns selbst, sonst nicht gelangt wären. Werneburg führt mit seinen dichterischen und sprachlichen Mitteln den Leser hin zu einem Mythos, zu einer Vollkommenheit, so daß man bei ihm selbst die Sprache gelegentlich wie eine fremde Naturmacht, die nicht nur unsere Äußerungen, sondern auch unsere innersten Bedürfnisse und ihre übermannende Kraft ergreift, wahrnimmt. Das Bild der Natur bleibt tragend – so wie die vorliegenden Gedichte den Leser in eine entrückte Welt tragen. - Aus dem Gedichtzyklus „Die Felswand von Lioux“: “Lavendel Den Bauern treff ich unterm Olivenbaum. Bedächtig nickt er und weist nach dem lila Felde. Jetzt haben wir die heißeste Sonne hier, im Heumond muß der Lavendel geerntet werden. Die Blüten sind mit Säften nun angefüllt. Die Pflanze sendet im Hause noch lang den Duft aus. Den Schnitter rufe ich, denn ich möchte auch in diesem Winter den Wein bei dem Nachbarn kaufen. (…) Bevor nun dunkle Erde vom Felde bleibt, Lavendel sich in die Münze des Bauern wandelt, Merk ich auf einen Engel im lila Feld, der Goldstück-Worte dem dürftigen Wandrer zuwirft. Tief atme ich sie ein, es ist Erntezeit, und einzufahren hab ich die gewürzten Sprüche.“

Die Urgestalt des Mythos als objektives, aber heute nicht mehr für jedermann wahrnehmbares Weltgefühl, ist reine, wahllose und unbewußte Schöpfung. Seine immanenten Wahrheiten stehen fest und zwar zeitlos, absolut, das bedeutet abgelöst von Schicksal und Geschichte, abgelöst aber auch von den Tatsachen unseres eigenen Lebens und Sterbens. Die unberechenbaren Geschehnisse der Tatsachenwelt werden dadurch entwertet und überwunden. Das inhaltliche Wort des Mythos ist eine Wirklichkeit in dem Maße, wie sie es außerhalb unserer selbst ist. Sie hat sich von unserem Willen loszulösen. Der engagierte, tatsachenorientierte Mensch ist dazu berufen, die Wirklichkeit zu gestalten und zu erkennen, indem er solche Symbole gezielt erschafft. In der determinierten Zeit irdischen In-der-Welt-Seins kann so ein Symbol der Ewigkeit erschaffen werden, das einen Fixpunt für weitere Generationen zu bieten in der Lage ist.

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Joachim Werneburg schafft in seinen Gedichten für Thüringen immer wieder eine Mythologie in Geologie, Pflanzen- und Tierwelt. Sie ist entkoppelt vom lediglich Subjektiven und schafft eine eigene Welt, eine neue und ewige Wirklichkeit, die das irdische Beschränktsein transzendiert. Er entwarf poetische Exkursionen in die vorgeschichtliche, mittelalterliche Zeit und entdeckte diesen Landstrich im schöpferischen Konflikt zwischen slawischen Einwanderungen seitens der Wenden und westlichen Eroberungen, wie die der Merowinger. Den DDR-Zeitgeist hielt er in einigen Epigrammen fest („Thüringer Meer“).

In diesen Zusammenhang gehört auch das vorliegende Werk mit Sammlungen von Gedichten. Der enthaltene Zyklus „Die Felswand von Lioux“ beispielsweise führt sogar noch weiter: in die Provence. Der Kampf des Lichts gegen das Dunkel zeigt sich im Sandstein an der Felswand, aber auch in den Bildern des ungarischen Malers Victor Vasarely, die in der kleinen Stadt Gordes gezeigt werden. Für den Tod des Lichts steht das Schicksal des Troubadours Guilhem de Cabestanh, für die Wiedergeburt dagegen ein Quell in der Kalksteinhöhle. Und Zikaden berichten von der Niederlage der Waldenser, die gegen den Vatikan eine Lichtreligion durchsetzen wollten. Der Titelzyklus "Das Zeitalter der Eidechse" bestellt seine Akteure auf den Riechheimer Berg bei Erfurt – wieder in die thüringische Heimat. Hier sind – neben der kleinen Echse – Schaf, Hase und ein Maulwurf Träger der Handlung. Deren Wirken deutet - fast schon im Sinne eines Tierkreises - die Menschheitsgeschichte an.

Es ist freilich im allgemeinen richtig, daß die Sprache für uns dichtet und denkt, d.h. daß sie die fragmentarischen oder gebundenen Impulse unseres eigenen Wesens aufnimmt und zu einer Vollkommenheit führt, zu dem diese, auch rein für uns selbst, sonst nicht gelangt wären. Werneburg führt mit seinen dichterischen und sprachlichen Mitteln den Leser hin zu einem Mythos, zu einer Vollkommenheit, so daß man bei ihm selbst die Sprache gelegentlich wie eine fremde Naturmacht, die nicht nur unsere Äußerungen, sondern auch unsere innersten Bedürfnisse und ihre übermannende Kraft ergreift, wahrnimmt. Das Bild der Natur bleibt tragend – so wie die vorliegenden Gedichte den Leser in eine entrückte Welt tragen. -

Aus dem Gedichtzyklus „Die Felswand von Lioux“:

“Lavendel

Den Bauern treff ich unterm Olivenbaum.

Bedächtig nickt er

und weist nach dem lila Felde.

Jetzt haben wir die heißeste Sonne hier,

im Heumond muß der

Lavendel geerntet werden.

Die Blüten sind mit Säften nun angefüllt.

Die Pflanze sendet

im Hause noch lang den Duft aus.

Den Schnitter rufe ich, denn ich möchte auch

in diesem Winter

den Wein bei dem Nachbarn kaufen.

(…)

Bevor nun dunkle Erde vom Felde bleibt,

Lavendel sich in

die Münze des Bauern wandelt,

Merk ich auf einen Engel im lila Feld,

der Goldstück-Worte

dem dürftigen Wandrer zuwirft.

Tief atme ich sie ein, es ist Erntezeit,

und einzufahren

hab ich die gewürzten Sprüche.“

geschrieben am 03.12.2008 | 575 Wörter | 3307 Zeichen

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