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Lüge. Die Erzählungen


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Lüge. Die Erzählungen DAS GANZE LEBEN ist nichts weiter als eine einzige Lüge. Wir sind geboren, um sterben zu müssen. Dazwischen passiert nur Mittelmaß: karrieregeile Philister, Streber, Angeber, die im Mittelpunkt stehen wollen, obwohl sie nichts zu sagen haben. DER EINZIGE AUSWEG ist die Liebe. Das dachte sich auch der junge Petersburger Viktor Hofmann (1884-1911). Nicht zufällig im Jahr des Erscheinens von Joris-Karl Huysmans’ À rebours (Gegen den Strich) geboren; dieser großen Litanei über die Mühseligkeit des Daseins im Meer von Mediokrität und Hässlichkeit, der Bibel der Décadence. Auch Hofmann, Sohn eines kulturbeflissenen reichen Möbelfabrikanten, war Dandy. Wie Puschkin, später in Frankreich Jaques Rigaut, der junge Louis Aragon oder Drieu La Rochelle. Exakt wie seine Glaubensbrüder litt er an seiner Existenz, obwohl er in wachsenden Wohlstand geboren wurde. Er suchte nach Liebe. In der Erzählung »Lüge«, die dem Band seinen Namen gegeben hat, schildert er seinen unbeholfenen Versuch, eine verheiratete Frau, mit der er im Konzert war, endlich zum Gehen zu überreden. »Sie macht große Augen und wendet sich mir sogar zu vor lauter Verständnislosigkeit. - Wohin können wir zwei denn fahren? So mitten in der Nacht? Was denken Sie sich eigentlich? Ich glaube nicht, daß ihre Verwunderung echt ist. Möchte ihr am liebsten sagen, daß sie mit der Maskerade aufhören soll. Aber ich merke schon, das darf nicht sein: Es verstößt wohl gegen die Regeln. Es gilt, mitzuspielen und sich ebenfalls zu verstellen.« Der kleine Düsseldorfer Lilienfeld Verlag hat die Erzählungen von Viktor Hofmann zum ersten Mal in Deutsch veröffentlicht. Hofmann, übrigens Neffe des Innenarchitekten von Schloss Neuschwanstein, Julius Hofmann, nannte seinen Stil selbst »Mystischen Intimismus«. Der russische Idiosynkrat verstand es, seine sublime Beobachtungsgabe und seine Wahrnehmung in eine seinen Gefühlen gemäße Sprache zu transferieren. Seine Offenheit wirkt wie Ironie. »Ich überdenke mein Leben. Bei diesem winterlichen und grauen Tagesanbruch wirkt es auf mich zum Erschrecken trübe. War ich denn jemals, und sei es auch nur für eine Minute, glücklich?« Das Leben als ein langer Prozess des Sterbens. »Gib mir die Hand: Weißt du, mir scheint, daß alles erstirbt. Denn auch das Erblühen unserer Rosen war nur deren langsames Absterben: Alles Leben ist ein Ersetzen von Teilchen durch andere […] « Hofmann befand sich in der Bewegung der europäischen Décadence, spürte er, »daß ich mit jedem Atemzug sterbe. Oh, ich wittere ihn, diesen Geruch des Herbstes, den Geruch der stickigen Treibhäuser, diese Verwesung der Welt«. So ist selbst die Liebe nicht die Liebe. Was man dafür am Anfang hielt, - ja halten wollte, war nur ein körperliches Verlangen, nichts weiter als Trieb. Wenn selbst die Liebe nur ein hohles Gefäß ist, kann nichts in der materiellen Welt Erlösung bringen. Hofmann schrieb bereits als Schüler seine ersten Verse. 1904 gelang ihm die Veröffentlichung seines ersten Lyrikbandes »Buch der Anfänge«, mit dem er einer größeren Leserschaft bekannt wurde. 1909 siedelte er über nach St. Petersburg, wo er eine Anstellung fand zuerst als Sekretär, später als Redakteur beim »Neuen Journal für alle«. In diesem Jahr erschien auch sein zweiter Gedichtband »Die Probe«. Er verkehrte in Symbolistenkreisen und publizierte in Almanachen der Décadence. Zu seinen Freunden zählte der junge Ossip Mandelstam. Hofmann übersetzte Guy de Maupassant und Heinrich Mann. Wie zufällig folgt Hofmann dem décadenten Romanprotagonisten Huysmans’ Jean Floressas Duc Des Esseintes in seiner Nervenkrankheit am Ende seines kurzen Lebens. Huysmans hatte diese zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert moderne Krankheit dem »Traité des névroses« von Dr. Alexander Axenfeld entnommen. Während eines Paris-Aufenthaltes im Jahr 1911 wurde Hofmann so stark von Neurasthenie heimgesucht, dass er sich aus Furcht vor dem Wahnsinn umbringen wollte. Sein erster Suizidversuch endete im Fiasko: Er schoss sich lediglich einen Finger ab. Beim darauffolgenden zweiten starb der 27jährige. In einem nicht abgeschickten Abschiedsbrief an seine Mutter schrieb er: »Liebe Mama. Ich bin verrückt geworden. Bin schon ein vollkommener Idiot. Ich möchte Dich nur ungern traurig machen, aber mit mir ist es nun ganz vorbei…«

DAS GANZE LEBEN ist nichts weiter als eine einzige Lüge. Wir sind geboren, um sterben zu müssen. Dazwischen passiert nur Mittelmaß: karrieregeile Philister, Streber, Angeber, die im Mittelpunkt stehen wollen, obwohl sie nichts zu sagen haben.

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DER EINZIGE AUSWEG ist die Liebe. Das dachte sich auch der junge Petersburger Viktor Hofmann (1884-1911). Nicht zufällig im Jahr des Erscheinens von Joris-Karl Huysmans’ À rebours (Gegen den Strich) geboren; dieser großen Litanei über die Mühseligkeit des Daseins im Meer von Mediokrität und Hässlichkeit, der Bibel der Décadence. Auch Hofmann, Sohn eines kulturbeflissenen reichen Möbelfabrikanten, war Dandy. Wie Puschkin, später in Frankreich Jaques Rigaut, der junge Louis Aragon oder Drieu La Rochelle. Exakt wie seine Glaubensbrüder litt er an seiner Existenz, obwohl er in wachsenden Wohlstand geboren wurde. Er suchte nach Liebe.

In der Erzählung »Lüge«, die dem Band seinen Namen gegeben hat, schildert er seinen unbeholfenen Versuch, eine verheiratete Frau, mit der er im Konzert war, endlich zum Gehen zu überreden. »Sie macht große Augen und wendet sich mir sogar zu vor lauter Verständnislosigkeit.

- Wohin können wir zwei denn fahren? So mitten in der Nacht? Was denken Sie sich eigentlich?

Ich glaube nicht, daß ihre Verwunderung echt ist. Möchte ihr am liebsten sagen, daß sie mit der Maskerade aufhören soll. Aber ich merke schon, das darf nicht sein: Es verstößt wohl gegen die Regeln. Es gilt, mitzuspielen und sich ebenfalls zu verstellen.«

Der kleine Düsseldorfer Lilienfeld Verlag hat die Erzählungen von Viktor Hofmann zum ersten Mal in Deutsch veröffentlicht. Hofmann, übrigens Neffe des Innenarchitekten von Schloss Neuschwanstein, Julius Hofmann, nannte seinen Stil selbst »Mystischen Intimismus«. Der russische Idiosynkrat verstand es, seine sublime Beobachtungsgabe und seine Wahrnehmung in eine seinen Gefühlen gemäße Sprache zu transferieren. Seine Offenheit wirkt wie Ironie.

»Ich überdenke mein Leben. Bei diesem winterlichen und grauen Tagesanbruch wirkt es auf mich zum Erschrecken trübe. War ich denn jemals, und sei es auch nur für eine Minute, glücklich?«

Das Leben als ein langer Prozess des Sterbens. »Gib mir die Hand: Weißt du, mir scheint, daß alles erstirbt. Denn auch das Erblühen unserer Rosen war nur deren langsames Absterben: Alles Leben ist ein Ersetzen von Teilchen durch andere […] «

Hofmann befand sich in der Bewegung der europäischen Décadence, spürte er, »daß ich mit jedem Atemzug sterbe. Oh, ich wittere ihn, diesen Geruch des Herbstes, den Geruch der stickigen Treibhäuser, diese Verwesung der Welt«.

So ist selbst die Liebe nicht die Liebe. Was man dafür am Anfang hielt, - ja halten wollte, war nur ein körperliches Verlangen, nichts weiter als Trieb. Wenn selbst die Liebe nur ein hohles Gefäß ist, kann nichts in der materiellen Welt Erlösung bringen.

Hofmann schrieb bereits als Schüler seine ersten Verse. 1904 gelang ihm die Veröffentlichung seines ersten Lyrikbandes »Buch der Anfänge«, mit dem er einer größeren Leserschaft bekannt wurde. 1909 siedelte er über nach St. Petersburg, wo er eine Anstellung fand zuerst als Sekretär, später als Redakteur beim »Neuen Journal für alle«. In diesem Jahr erschien auch sein zweiter Gedichtband »Die Probe«. Er verkehrte in Symbolistenkreisen und publizierte in Almanachen der Décadence. Zu seinen Freunden zählte der junge Ossip Mandelstam. Hofmann übersetzte Guy de Maupassant und Heinrich Mann. Wie zufällig folgt Hofmann dem décadenten Romanprotagonisten Huysmans’ Jean Floressas Duc Des Esseintes in seiner Nervenkrankheit am Ende seines kurzen Lebens. Huysmans hatte diese zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert moderne Krankheit dem »Traité des névroses« von Dr. Alexander Axenfeld entnommen. Während eines Paris-Aufenthaltes im Jahr 1911 wurde Hofmann so stark von Neurasthenie heimgesucht, dass er sich aus Furcht vor dem Wahnsinn umbringen wollte. Sein erster Suizidversuch endete im Fiasko: Er schoss sich lediglich einen Finger ab. Beim darauffolgenden zweiten starb der 27jährige.

In einem nicht abgeschickten Abschiedsbrief an seine Mutter schrieb er:

»Liebe Mama.

Ich bin verrückt geworden. Bin schon ein vollkommener Idiot. Ich möchte Dich nur ungern traurig machen, aber mit mir ist es nun ganz vorbei…«

geschrieben am 21.05.2009 | 641 Wörter | 3628 Zeichen

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