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Charles Baudelaire. Dichter und Kunstkritiker


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Charles Baudelaire. Dichter und Kunstkritiker 1841 trat der 20jährige Charles Baudelaire eine Seereise an. Allerdings nicht freiwillig. Seine Mutter und sein Stiefvater versprachen sich von der langen Schiffsfahrt nach Kalkutta, der junge Mann würde sich eines Besseren besinnen, sein Leben zukünftig ändern und eine bürgerliche Existenz führen. Dies hatte er bislang nicht gerade getan. Baudelaire war dabei, sein nicht unstattliches Erbe zu verprassen. Er richtete sich auf der Ile Saint-Louis, mitten in Paris und dennoch durch die Seine vom mediokren Trubel abgetrennt, eine luxuriöse Wohnung ein. Er trug edle, ausschließlich schwarze Kleidung und war im Konsum von Alkohol und Kokain nicht geizig. Als die Fregatte mit dem Namen Le Paquebot-des-Mers-du-Sud auf der Ile Bourbon, der heutigen Réunion, östlich von Madagaskar angelegt hatte, war der Passagier Baudelaire zur Weiterreise nicht mehr zu bewegen. Der Kapitän sah sich gezwungen, dessen Stiefvater in einem Brief vom 14. Oktober 1841 mitzuteilen: »Seit unserer Abfahrt von Frankreich haben wir alle an Bord feststellen können, daß es zu spät war, noch darauf hoffen zu können, Herrn Beaudelaire [sic] von seiner uneingeschränkten Vorliebe für die Literatur, so wie man sie heute versteht, oder von seinem Entschluß, sich irgendeiner anderen Beschäftigung zu widmen, abzubringen […] Ich sehe mich gezwungen, Ihnen ebenfalls mitzuteilen, […] daß durch alle seine schneidenden Begriffe und Ausdrücke über alle gesellschaftlichen Bindungen – die jenen entgegenstehen, die wir von Kindesbeinen an respektieren […] – seine gesellschaftlichen Kontakte noch weiter eingeschränkt wurden.« Karin Westerwelle macht an dieser exemplarischen Anekdote die Konfliktlinien fest, die Baudelaire mit der bürgerlichen Gesellschaft, mit einem derartigen Leben hatte. Diese Konfliktlinien waren nicht nur für Baudelaire verzehrend. Sie waren zugleich Antriebskraft für eines der modernsten und anregendsten Werke der Literatur des 19. Jahrhunderts überhaupt. Der von der Münsteraner Literaturwissenschaftlerin herausgegebne Sammelband fokussiert die Perzeption Baudelaires von Kunst. Die Reflexion des Verhältnisses von Malerei und Dichtung hat in Frankreich eine lange Tradition. Baudelaire geht jedoch einen Schritt weiter. Seine Kunstkritiken sind frei von spekulativ philosophischen Betrachtungen des Schönen. Der Pariser Dandy steht an der Seite Stendhals, indem er die Möglichkeit negiert, ein Kunstwerk könne vom Menschen ohne subjektive Regung betrachtet werden. Baudelaire und andere Zeitgenossen provozierten mit der These, entscheidendes Kriterium für den Wert und die Schönheit von Kunst sei das Glücksgefühl, das bei dem jeweiligen Betrachter ausgelöst werde. Wolfgang Drost hält in seinem Beitrag Baudelaire insoweit für einen Hegelianer. Denn von dem Philosophen stammt die Aussage: »Was durch Kunstwerke jetzt in uns erregt wird, ist außer dem unmittelbaren Genuß zugleich unser Urteil.« Neben den ausführlichen Kunstkritiken, die Baudelaire direkt als solche benannte, finden sich auch an anderen Stellen in seinem umfangreichen Werk Referenzen auf die Bildende Kunst seiner Zeit. Dem vorliegenden Band, der zurückgeht auf die Vorlesungsreihe »Charles Baudelaire. Dichter, Kunstkritiker und Zivilisationsdiagnostiker« an der Universität Münster 2003-2004, gelingt die Kristallisation der poetologischen Dimension von Baudelaires Kunstkritiken. Gleich mehrere Beiträger befassen sich mit der permanenten Evokation von bestimmten Kunstwerken in den Fleurs du mal. Deutlich wird, dass deren Autor keine dieser Nennungen zufällig platzierte. Über das einzelne, bestimmte Werk spielt er quasi performativ seine Modernekritik ein. Beschriebenes Gemälde und integrierendes Gedicht befruchten sich gegenseitig und schaffen beim Leser einen durch dessen Phantasie geschaffenes Seh-Erlebnis. Deutlich wird, in wie vielfältiger Weise Baudelaire modern war. Sehr vergleichbar heutigen Künstlern, findet er die neue Kunst dort, »wo es keine alte Kunst mehr gibt«, wie es Hermann Doetsch in seinem bedeutenden Beitrag formuliert. Geht heutige Kunstbetrachtung zunehmend aus den klassischen Bereichen von Kunst-Präsentation wie dem Museum heraus, so interessierte sich Baudelaire für Karikaturisten von innovativen Zeitungen. Von all dem nicht zu trennen ist die Porträtierung Baudelaires, gibt sie doch Zeugnis von der Sicht seiner selbst, die er dem jeweiligen Künstler abverlangt hat. Nicht zufällig war er bekannt mit einigen - heute als bedeutend geltenden - Künstlern wie Nadar oder Constantin Guys. Xenia Fischer-Loock untersucht in ihrem Aufsatz die bisher wenig beleuchtete Freundschaft zwischen Baudelaire und Eduard Manet. Der Band ist eine wichtige Wegmarke in der Baudelaire-Forschung. Er führt Karl Heinz Bohrers »Der Abschied – Theorie der Trauer« (1996) und Sartres Baudelaire-Essay weiter.

1841 trat der 20jährige Charles Baudelaire eine Seereise an. Allerdings nicht freiwillig. Seine Mutter und sein Stiefvater versprachen sich von der langen Schiffsfahrt nach Kalkutta, der junge Mann würde sich eines Besseren besinnen, sein Leben zukünftig ändern und eine bürgerliche Existenz führen.

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Dies hatte er bislang nicht gerade getan. Baudelaire war dabei, sein nicht unstattliches Erbe zu verprassen. Er richtete sich auf der Ile Saint-Louis, mitten in Paris und dennoch durch die Seine vom mediokren Trubel abgetrennt, eine luxuriöse Wohnung ein. Er trug edle, ausschließlich schwarze Kleidung und war im Konsum von Alkohol und Kokain nicht geizig. Als die Fregatte mit dem Namen Le Paquebot-des-Mers-du-Sud auf der Ile Bourbon, der heutigen Réunion, östlich von Madagaskar angelegt hatte, war der Passagier Baudelaire zur Weiterreise nicht mehr zu bewegen. Der Kapitän sah sich gezwungen, dessen Stiefvater in einem Brief vom 14. Oktober 1841 mitzuteilen: »Seit unserer Abfahrt von Frankreich haben wir alle an Bord feststellen können, daß es zu spät war, noch darauf hoffen zu können, Herrn Beaudelaire [sic] von seiner uneingeschränkten Vorliebe für die Literatur, so wie man sie heute versteht, oder von seinem Entschluß, sich irgendeiner anderen Beschäftigung zu widmen, abzubringen […] Ich sehe mich gezwungen, Ihnen ebenfalls mitzuteilen, […] daß durch alle seine schneidenden Begriffe und Ausdrücke über alle gesellschaftlichen Bindungen – die jenen entgegenstehen, die wir von Kindesbeinen an respektieren […] – seine gesellschaftlichen Kontakte noch weiter eingeschränkt wurden.«

Karin Westerwelle macht an dieser exemplarischen Anekdote die Konfliktlinien fest, die Baudelaire mit der bürgerlichen Gesellschaft, mit einem derartigen Leben hatte. Diese Konfliktlinien waren nicht nur für Baudelaire verzehrend. Sie waren zugleich Antriebskraft für eines der modernsten und anregendsten Werke der Literatur des 19. Jahrhunderts überhaupt.

Der von der Münsteraner Literaturwissenschaftlerin herausgegebne Sammelband fokussiert die Perzeption Baudelaires von Kunst. Die Reflexion des Verhältnisses von Malerei und Dichtung hat in Frankreich eine lange Tradition. Baudelaire geht jedoch einen Schritt weiter. Seine Kunstkritiken sind frei von spekulativ philosophischen Betrachtungen des Schönen. Der Pariser Dandy steht an der Seite Stendhals, indem er die Möglichkeit negiert, ein Kunstwerk könne vom Menschen ohne subjektive Regung betrachtet werden. Baudelaire und andere Zeitgenossen provozierten mit der These, entscheidendes Kriterium für den Wert und die Schönheit von Kunst sei das Glücksgefühl, das bei dem jeweiligen Betrachter ausgelöst werde. Wolfgang Drost hält in seinem Beitrag Baudelaire insoweit für einen Hegelianer. Denn von dem Philosophen stammt die Aussage: »Was durch Kunstwerke jetzt in uns erregt wird, ist außer dem unmittelbaren Genuß zugleich unser Urteil.«

Neben den ausführlichen Kunstkritiken, die Baudelaire direkt als solche benannte, finden sich auch an anderen Stellen in seinem umfangreichen Werk Referenzen auf die Bildende Kunst seiner Zeit. Dem vorliegenden Band, der zurückgeht auf die Vorlesungsreihe »Charles Baudelaire. Dichter, Kunstkritiker und Zivilisationsdiagnostiker« an der Universität Münster 2003-2004, gelingt die Kristallisation der poetologischen Dimension von Baudelaires Kunstkritiken. Gleich mehrere Beiträger befassen sich mit der permanenten Evokation von bestimmten Kunstwerken in den Fleurs du mal. Deutlich wird, dass deren Autor keine dieser Nennungen zufällig platzierte. Über das einzelne, bestimmte Werk spielt er quasi performativ seine Modernekritik ein. Beschriebenes Gemälde und integrierendes Gedicht befruchten sich gegenseitig und schaffen beim Leser einen durch dessen Phantasie geschaffenes Seh-Erlebnis.

Deutlich wird, in wie vielfältiger Weise Baudelaire modern war. Sehr vergleichbar heutigen Künstlern, findet er die neue Kunst dort, »wo es keine alte Kunst mehr gibt«, wie es Hermann Doetsch in seinem bedeutenden Beitrag formuliert. Geht heutige Kunstbetrachtung zunehmend aus den klassischen Bereichen von Kunst-Präsentation wie dem Museum heraus, so interessierte sich Baudelaire für Karikaturisten von innovativen Zeitungen.

Von all dem nicht zu trennen ist die Porträtierung Baudelaires, gibt sie doch Zeugnis von der Sicht seiner selbst, die er dem jeweiligen Künstler abverlangt hat. Nicht zufällig war er bekannt mit einigen - heute als bedeutend geltenden - Künstlern wie Nadar oder Constantin Guys. Xenia Fischer-Loock untersucht in ihrem Aufsatz die bisher wenig beleuchtete Freundschaft zwischen Baudelaire und Eduard Manet.

Der Band ist eine wichtige Wegmarke in der Baudelaire-Forschung. Er führt Karl Heinz Bohrers »Der Abschied – Theorie der Trauer« (1996) und Sartres Baudelaire-Essay weiter.

geschrieben am 21.05.2009 | 659 Wörter | 4146 Zeichen

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