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Wörterbuch des Müßiggängers


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Wörterbuch des Müßiggängers Was ist Müßiggang? Was macht einen Müßiggänger aus? Wort und Typus scheinen nicht mehr richtig angesagt zu sein. Denn irgendwo gehört hat man sie. Was sich jedoch dahinter verbirgt, ist den meisten ein wenig schleierhaft. Macht man die Probe aufs Exempel und fahndet nach dem vermeintlich ausgestorbenen Müßiggänger mittels der meistgenutzten Internet-Suchmaschine Google, so erhält man schlappe 130.000 Einträge. Viele betreffen einen erfolgreichen Sportler mit dem Namen Müßiggang. Zum Vergleich: Googelt man »Geld«, so zeigt einem der US-amerikanische Suchdienst über 74 Millionen Einträge. Das sagt eine Menge über die Prioritäten in unserer Gesellschaft. Dagegen schreibt Gisela Dischner in ihrem »Wörterbuch des Müßiggängers« Geld regiere nicht die Welt des Müßiggängers. Der versuche, das nötige Geld mit möglichst geringem Aufwand zu beschaffen. Im weiteren Text zu diesem Stichwort zitiert sie Autoren, die sich in kluger Weise mit dem Wesen und den Folgen des Geldes beschäftigt haben. Nach Rilke den Soziologen Georg Simmel, der zum Ende des 19. Jahrhunderts schrieb, das Geld schiebe sich zunehmend zwischen die Menschen und verhindere, dass sie echten Kontakt haben. So ist das gesamte Buch aufgebaut: Es gliedert sich in Stichworte: Arbeit, Augenblick, Begehren, Freiheit, Freude, Genuss, Lust, Kunst, Muße Paradies. Diese werden allerdings nicht eindimensional behandelt. Vielmehr kommen verschiedenste Autoren zu Wort, wodurch eine weitwinklige Ausleuchtung entsteht. Zwar findet sich in dem Buch ein ausführliches Literaturverzeichnis – jedoch kein Stichwortregister. Das ein deutlicher Hinweis darauf, wie die Autorin das Buch genutzt wissen möchte, die von 1973 bis 2004 Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Hannover lehrte. Es eignet sich zum Blättern, zum Anlesen und dann vielleicht Weiterschmökern. Es ist ein Buch für neugieriges Flanieren, - das immer weiter neugierig macht. Es finden sich kluge Begriffe, die klug und anschaulich erläutert werden, über die die Autorin keine autoritären Aussagen trifft. Vielmehr lädt sie ein, der Leser möge mitkommen, möge seine eigenen Gedanken schweifen lassen oder sich sogar Notizen machen. Im Vorwort schreibt Gisela Dischner, der Müßiggänger fühle sich als geistiger Flaneur. »Der geistige Flaneur ist ununterbrochen im Zustand erhöhter Wahrnehmung. Seine aufmerksam-gelassene Konzentration ist nur mit dem Qualitativen beschäftigt – Quantität, die der Marktlogik folgt, interessiert ihn nicht.« Der Müßiggänger schreibe keine Bestseller, er sei nicht fleißig – nach Gesichtspunkten der Marktlogik. Als Diener der Schönheit sei er hingegen entschlossen. Beim Begriff Glück zitiert die Literaturprofessorin Nietzsche: »Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheit vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin (…) zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was Andere glücklich macht.« Der philosophische Pulverkopf (Ernst Jünger) macht klar, dass Glück sich immer nur im jeweiligen Augenblick findet. Die Flucht auf morgen, auf den Zeitpunkt, wenn das haus abbezahlt ist oder die Kinder groß sind, ist eine absurde Suche im Nichts. Kein Wunder, dass der Dandy einen der längsten Texte in dem Wörterbuch hat. Man merkt der belesenen Autorin geradezu ihre Freude an, ihren inneren Müßiggänger am Dandy zu reiben. – Auch wenn wir nicht mit allem einverstanden sind: Dieses Stichwort ist quasi eine kleine Geschichte des Dandytums. Das Buch sprengt verkrustete Ansichten oder Gewohnheiten, über die man sich vielleicht gar nicht bewusst ist. Sein tiefes Wissen kommt so nonchalant daher, dass die Lektüre nur eines ist: pure Freude. So liest man beim Stichwort Natur: »Über Gras geht er [der Müßiggänger] am liebsten barfuß.« Dringende Leseempfehlung!

Was ist Müßiggang? Was macht einen Müßiggänger aus? Wort und Typus scheinen nicht mehr richtig angesagt zu sein. Denn irgendwo gehört hat man sie. Was sich jedoch dahinter verbirgt, ist den meisten ein wenig schleierhaft. Macht man die Probe aufs Exempel und fahndet nach dem vermeintlich ausgestorbenen Müßiggänger mittels der meistgenutzten Internet-Suchmaschine Google, so erhält man schlappe 130.000 Einträge. Viele betreffen einen erfolgreichen Sportler mit dem Namen Müßiggang. Zum Vergleich: Googelt man »Geld«, so zeigt einem der US-amerikanische Suchdienst über 74 Millionen Einträge.

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Das sagt eine Menge über die Prioritäten in unserer Gesellschaft. Dagegen schreibt Gisela Dischner in ihrem »Wörterbuch des Müßiggängers« Geld regiere nicht die Welt des Müßiggängers. Der versuche, das nötige Geld mit möglichst geringem Aufwand zu beschaffen. Im weiteren Text zu diesem Stichwort zitiert sie Autoren, die sich in kluger Weise mit dem Wesen und den Folgen des Geldes beschäftigt haben. Nach Rilke den Soziologen Georg Simmel, der zum Ende des 19. Jahrhunderts schrieb, das Geld schiebe sich zunehmend zwischen die Menschen und verhindere, dass sie echten Kontakt haben.

So ist das gesamte Buch aufgebaut: Es gliedert sich in Stichworte: Arbeit, Augenblick, Begehren, Freiheit, Freude, Genuss, Lust, Kunst, Muße Paradies. Diese werden allerdings nicht eindimensional behandelt. Vielmehr kommen verschiedenste Autoren zu Wort, wodurch eine weitwinklige Ausleuchtung entsteht. Zwar findet sich in dem Buch ein ausführliches Literaturverzeichnis – jedoch kein Stichwortregister. Das ein deutlicher Hinweis darauf, wie die Autorin das Buch genutzt wissen möchte, die von 1973 bis 2004 Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Hannover lehrte. Es eignet sich zum Blättern, zum Anlesen und dann vielleicht Weiterschmökern. Es ist ein Buch für neugieriges Flanieren, - das immer weiter neugierig macht.

Es finden sich kluge Begriffe, die klug und anschaulich erläutert werden, über die die Autorin keine autoritären Aussagen trifft. Vielmehr lädt sie ein, der Leser möge mitkommen, möge seine eigenen Gedanken schweifen lassen oder sich sogar Notizen machen. Im Vorwort schreibt Gisela Dischner, der Müßiggänger fühle sich als geistiger Flaneur. »Der geistige Flaneur ist ununterbrochen im Zustand erhöhter Wahrnehmung. Seine aufmerksam-gelassene Konzentration ist nur mit dem Qualitativen beschäftigt – Quantität, die der Marktlogik folgt, interessiert ihn nicht.« Der Müßiggänger schreibe keine Bestseller, er sei nicht fleißig – nach Gesichtspunkten der Marktlogik. Als Diener der Schönheit sei er hingegen entschlossen. Beim Begriff Glück zitiert die Literaturprofessorin Nietzsche: »Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheit vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin (…) zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was Andere glücklich macht.« Der philosophische Pulverkopf (Ernst Jünger) macht klar, dass Glück sich immer nur im jeweiligen Augenblick findet. Die Flucht auf morgen, auf den Zeitpunkt, wenn das haus abbezahlt ist oder die Kinder groß sind, ist eine absurde Suche im Nichts.

Kein Wunder, dass der Dandy einen der längsten Texte in dem Wörterbuch hat. Man merkt der belesenen Autorin geradezu ihre Freude an, ihren inneren Müßiggänger am Dandy zu reiben. – Auch wenn wir nicht mit allem einverstanden sind: Dieses Stichwort ist quasi eine kleine Geschichte des Dandytums.

Das Buch sprengt verkrustete Ansichten oder Gewohnheiten, über die man sich vielleicht gar nicht bewusst ist. Sein tiefes Wissen kommt so nonchalant daher, dass die Lektüre nur eines ist: pure Freude. So liest man beim Stichwort Natur: »Über Gras geht er [der Müßiggänger] am liebsten barfuß.«

Dringende Leseempfehlung!

geschrieben am 24.09.2009 | 556 Wörter | 3290 Zeichen

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