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Ernst Jünger – Ein Jahrhundertleben


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Rezension von

Jan Robert Weber

Ernst Jünger – Ein Jahrhundertleben Das Interesse am 102-jährigen Leben des Schriftstellers Ernst Jünger ist zur Zeit groß. Neben der Lebensbeschreibung des Literaturwissenschaftlers Kiesel ist in diesem Herbst eine zweite Biographie über Jünger aus der Feder Heimo Schwilks erschienen. Im Gegensatz zu Kiesel, dessen Buch eine Mischung aus Werkbiographie und Forschungsbericht darstellt, weiß Schwilk um die Schwierigkeit, das lange Leben einer schillernden Schriftstellerpersönlichkeit nachzuzeichnen, die sich in den Brüchen und Wechselfällen des 20. Jahrhunderts mit seinem Werk mehrmals neu erfinden musste. Man kennt Jüngers Masken: Krieger und Dandy; eiskalter Beobachter auf verlorenem Posten und sensibler Seismograph der Epoche; Waldgänger und Anarch; Käferliebhaber und Naturfreund; Weltreisender. Heimo Schwilk nennt sein Buch „Ein Jahrhundertleben“. Das liegt nahe. Jünger hat die Weltkriegsepoche des 20. Jahrhundert wie kein zweiter deutscher Schriftsteller miterlebt. Mehr noch: Als Tatmensch hat er das extreme Zeitalter mitgemacht, und das nicht nur als Literat. Zwischen 1914 bis 1918 war er als Frontsoldat ein Held des Grabenkampfes. In der Weimarer Republik verschrieb er sich als nationalistischer Publizist dem Untergang der parlamentarischen Demokratie und dem Aufgang eines imperialen Deutschland, dessen Bevölkerung anstelle von Bürgern aus dem neuen Menschentypus „organischer Konstruktionen“ bestehen sollte, beseelt vom Willen zur Macht und begabt mit einer quasi natürlichen Handhabung technokratischer Mittel. Nach Hitlers Machtübernahme ging Jünger in die Opposition. Ebenso mutig wie umsichtig prangerte er in „Das Abenteuerliche Herz“ oder „Auf den Marmorklippen“ die Gräueltaten des NS-Regimes an, ohne dass der NS-Staat diese ihm unliebsamen Werke einer verdeckten Regimekritik verbot. Im Zweiten Weltkrieg war Jünger dann wieder Soldat, dieses Mal als Besatzungsoffizier in Paris und Inspekteur im Kaukasus. Nun nahm er als distanzierter Beobachter mit dandyistischer Attitüde das Weltkriegsgeschehen auf und hielt seine Erlebnisse im Tagebuch der „Strahlungen“ fest. Außerdem gehörte er zum Umkreis der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, so dass es kaum verwunderlich ist, dass Jünger mitten im Kriege im Essay „Der Friede“ als einer der ersten deutschen Schriftsteller um eine europäische Einigung freier Nationen warb. In der Bundesrepublik Deutschland lebte Jünger schließlich zurückgezogen im oberschwäbischen Wilflingen als ein oft kritisierter, häufiger noch angefeindeter Autor, der sein Werk beharrlich mit neuen Tagebüchern, Essays, Romanen und Aphorismensammlungen anwachsen ließ. Als die Berliner Mauer am 9.11.1989 fiel, war Jünger 94 Jahre alt: Die Überwindung der deutschen Teilung bedeutete ihm „endlich einmal eine gute Nachricht für unser Land“. Sie kam für Jünger keineswegs so überraschend wie für die meisten seiner Zeitgenossen, hatte er doch den Zusammenbruch der Sowjetunion in Folge einer wettrüstenden „Überanstrengung“ staatlicher Kräfte bereits um 1960 prognostiziert, als der Kalte Krieg wieder einmal heiß zu werden drohte. Um Politik ging es dem Autor allerdings zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr, wie Schwilk erhellend darlegt. Fünf Jahre vor seinem Tod, 1993, veröffentlichte Jünger den Essay „Prognosen“, in dem er ein letztes Mal von der Gegenwart als einem götterfernen Interregnum schreibt. Für den alten Jünger stand es fest, dass es eine Wiederkehr der Götter geben würde, mit der die epochale Krise der (Post-)Moderne überwunden werden könne. An dieser Wiederkehr müssten die Dichter in erster Linie mitwirken, ihr Werk müsse Zuversicht geben, Trost spenden und die Hoffnung auf ein Leben ohne bürokratische Bevormundung, ökologische Zerstörung und staatliche Kriege wach halten. Zu Recht deutet Schwilk diesen Essay als einen exemplarischen Text. Aus Jüngers 22-bändigem Gesamtwerk spricht, so sein Biograph, die „Gewissheit der Transzendenz“. Dass Jünger kurz vor seinem Tod zum Katholizismus konvertierte, wird so verständlich: Der Schriftsteller habe damit ein Zeichen setzen wollen, mit der die „Erneuerung des Glaubens“ für das 21. Jahrhundert quasi vorweggenommen wurde. „Wir müssen uns in unserer Eigenschaft als Rationalisten überwinden lassen“, zitiert Schwilk seinen Autor, „und dieser Ringkampf findet heute statt. Gott tritt den Gegenbeweis gegen uns an.“ In dreiundzwanzig Kapiteln hat Schwilk das wechselvolle Leben Jüngers aufgeschrieben. Die besten davon sind die ersten Sieben, in der die Jugend und das Weltkriegs-I-Erlebnis erzählt werden. Hier wird deutlich, dass der Knabe stark unter den häufigen Wohnungs- und Schulwechseln litt, die ihm seine vermögenden Eltern zumuteten. Hier wird die Traumatisierung des Jugendlichen nachvollziehbar, die er auf den wilhelminischen Gymnasien erfuhr. Und hier kann der Leser an Jüngers Kriegserfahrung gleichsam als armchair-soldier teilnehmen. Schwilk stellt uns einen außergewöhnlichen, tatsächlich heldenhaften Frontoffizier vor, der nicht nur glücklich und tollkühn zahlreiche Materialschlachten in vorderster Linie überstand, sondern bisweilen auch an seinem Dienst verzweifelte sowie unter dem zermürbenden Frontalltag und der immerwährenden Todesgefahr litt. Wie wenig Jünger ein typischer Soldat war, zeigt seine Methode, das traumatische Kriegserlebnis zu bewältigen: zum einen mit extensiver Lektüre, zum anderen mittels der Käferjagd – von beidem konnte Jünger selbst an der Front und unter Beschuss nicht lassen. Schwilk ist eine, vor allem in den ersten Kapiteln, fesselnd geschriebene Biographie gelungen. Im Gegensatz zu Kiesel stützt er seine Lebensbeschreibung weniger auf das literarische Werk als auf Dokumente, Briefwechsel und authentische Tagebücher. Damit umgeht Schwilk die Gefahr, Jüngers literarische Selbststilisierungen zu übernehmen. Er rückt uns den Menschen heran, indem er auf Distanz zum Autor geht. Jüngers Werk und Leben versteht Schwilk als Versuch der „Überwindung der eigenen ängstlichen Natur“ – eine Schlussfolgerung, die im Falle von Jünger tatsächlich nur aus einem intensiven Quellenstudium gezogen werden kann. Allerdings besitzt auch diese Biographie einen Makel, der schon Kiesels Werk anhaftet: Die erste, zweifellos ereignisreichere Hälfte von Jüngers Leben nimmt den größten Teil der Biographie in Anspruch – die letzten 50 Lebensjahre werden dagegen auf gut 100 Seiten abgehandelt, ja vernachlässigt. Dabei böte auch die zweite Lebenshälfte genügend Stoff: Jünger ist ab seinem 50. Lebensjahr als ökologiebewusster Weltreisender, konservativer Zeitkritiker, metaphysischer Geschichtsphilosoph und nimmermüder Käferfreund ein äußerst produktiver Autor – der größte Teil des Gesamtwerks entsteht erst nach 1945. Vor allem aber ist er immer wieder ein Politikum, ohne den die Geistesgeschichte der Bundesrepublik kaum zu denken ist. Freilich wäre es zuviel verlangt, in einem Band Jüngers 102-jähriges Leben gleichbleibend intensiv zu schildern. Vielleicht wäre es aber für Schwilk und seinen Verlag ratsam gewesen, zum kommenden 10. Todesjahr 2008 nur die ersten fünfzig Jahre erscheinen zu lassen und sich für die zweite Hälfte des „Jahrhundertlebens“ einen eigenständigen Band vorzubehalten. Ernst Jünger zwischen 50 und 100 – diese Lebensspanne wartet jedenfalls auch noch nach der zweiten Lebensbeschreibung vom Biographien-Herbst 2007 auf ihren Autor.

Das Interesse am 102-jährigen Leben des Schriftstellers Ernst Jünger ist zur Zeit groß. Neben der Lebensbeschreibung des Literaturwissenschaftlers Kiesel ist in diesem Herbst eine zweite Biographie über Jünger aus der Feder Heimo Schwilks erschienen. Im Gegensatz zu Kiesel, dessen Buch eine Mischung aus Werkbiographie und Forschungsbericht darstellt, weiß Schwilk um die Schwierigkeit, das lange Leben einer schillernden Schriftstellerpersönlichkeit nachzuzeichnen, die sich in den Brüchen und Wechselfällen des 20. Jahrhunderts mit seinem Werk mehrmals neu erfinden musste. Man kennt Jüngers Masken: Krieger und Dandy; eiskalter Beobachter auf verlorenem Posten und sensibler Seismograph der Epoche; Waldgänger und Anarch; Käferliebhaber und Naturfreund; Weltreisender.

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Heimo Schwilk nennt sein Buch „Ein Jahrhundertleben“. Das liegt nahe. Jünger hat die Weltkriegsepoche des 20. Jahrhundert wie kein zweiter deutscher Schriftsteller miterlebt. Mehr noch: Als Tatmensch hat er das extreme Zeitalter mitgemacht, und das nicht nur als Literat. Zwischen 1914 bis 1918 war er als Frontsoldat ein Held des Grabenkampfes. In der Weimarer Republik verschrieb er sich als nationalistischer Publizist dem Untergang der parlamentarischen Demokratie und dem Aufgang eines imperialen Deutschland, dessen Bevölkerung anstelle von Bürgern aus dem neuen Menschentypus „organischer Konstruktionen“ bestehen sollte, beseelt vom Willen zur Macht und begabt mit einer quasi natürlichen Handhabung technokratischer Mittel. Nach Hitlers Machtübernahme ging Jünger in die Opposition. Ebenso mutig wie umsichtig prangerte er in „Das Abenteuerliche Herz“ oder „Auf den Marmorklippen“ die Gräueltaten des NS-Regimes an, ohne dass der NS-Staat diese ihm unliebsamen Werke einer verdeckten Regimekritik verbot. Im Zweiten Weltkrieg war Jünger dann wieder Soldat, dieses Mal als Besatzungsoffizier in Paris und Inspekteur im Kaukasus. Nun nahm er als distanzierter Beobachter mit dandyistischer Attitüde das Weltkriegsgeschehen auf und hielt seine Erlebnisse im Tagebuch der „Strahlungen“ fest. Außerdem gehörte er zum Umkreis der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, so dass es kaum verwunderlich ist, dass Jünger mitten im Kriege im Essay „Der Friede“ als einer der ersten deutschen Schriftsteller um eine europäische Einigung freier Nationen warb. In der Bundesrepublik Deutschland lebte Jünger schließlich zurückgezogen im oberschwäbischen Wilflingen als ein oft kritisierter, häufiger noch angefeindeter Autor, der sein Werk beharrlich mit neuen Tagebüchern, Essays, Romanen und Aphorismensammlungen anwachsen ließ.

Als die Berliner Mauer am 9.11.1989 fiel, war Jünger 94 Jahre alt: Die Überwindung der deutschen Teilung bedeutete ihm „endlich einmal eine gute Nachricht für unser Land“. Sie kam für Jünger keineswegs so überraschend wie für die meisten seiner Zeitgenossen, hatte er doch den Zusammenbruch der Sowjetunion in Folge einer wettrüstenden „Überanstrengung“ staatlicher Kräfte bereits um 1960 prognostiziert, als der Kalte Krieg wieder einmal heiß zu werden drohte. Um Politik ging es dem Autor allerdings zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr, wie Schwilk erhellend darlegt. Fünf Jahre vor seinem Tod, 1993, veröffentlichte Jünger den Essay „Prognosen“, in dem er ein letztes Mal von der Gegenwart als einem götterfernen Interregnum schreibt. Für den alten Jünger stand es fest, dass es eine Wiederkehr der Götter geben würde, mit der die epochale Krise der (Post-)Moderne überwunden werden könne. An dieser Wiederkehr müssten die Dichter in erster Linie mitwirken, ihr Werk müsse Zuversicht geben, Trost spenden und die Hoffnung auf ein Leben ohne bürokratische Bevormundung, ökologische Zerstörung und staatliche Kriege wach halten. Zu Recht deutet Schwilk diesen Essay als einen exemplarischen Text. Aus Jüngers 22-bändigem Gesamtwerk spricht, so sein Biograph, die „Gewissheit der Transzendenz“. Dass Jünger kurz vor seinem Tod zum Katholizismus konvertierte, wird so verständlich: Der Schriftsteller habe damit ein Zeichen setzen wollen, mit der die „Erneuerung des Glaubens“ für das 21. Jahrhundert quasi vorweggenommen wurde. „Wir müssen uns in unserer Eigenschaft als Rationalisten überwinden lassen“, zitiert Schwilk seinen Autor, „und dieser Ringkampf findet heute statt. Gott tritt den Gegenbeweis gegen uns an.“

In dreiundzwanzig Kapiteln hat Schwilk das wechselvolle Leben Jüngers aufgeschrieben. Die besten davon sind die ersten Sieben, in der die Jugend und das Weltkriegs-I-Erlebnis erzählt werden. Hier wird deutlich, dass der Knabe stark unter den häufigen Wohnungs- und Schulwechseln litt, die ihm seine vermögenden Eltern zumuteten. Hier wird die Traumatisierung des Jugendlichen nachvollziehbar, die er auf den wilhelminischen Gymnasien erfuhr. Und hier kann der Leser an Jüngers Kriegserfahrung gleichsam als armchair-soldier teilnehmen. Schwilk stellt uns einen außergewöhnlichen, tatsächlich heldenhaften Frontoffizier vor, der nicht nur glücklich und tollkühn zahlreiche Materialschlachten in vorderster Linie überstand, sondern bisweilen auch an seinem Dienst verzweifelte sowie unter dem zermürbenden Frontalltag und der immerwährenden Todesgefahr litt. Wie wenig Jünger ein typischer Soldat war, zeigt seine Methode, das traumatische Kriegserlebnis zu bewältigen: zum einen mit extensiver Lektüre, zum anderen mittels der Käferjagd – von beidem konnte Jünger selbst an der Front und unter Beschuss nicht lassen.

Schwilk ist eine, vor allem in den ersten Kapiteln, fesselnd geschriebene Biographie gelungen. Im Gegensatz zu Kiesel stützt er seine Lebensbeschreibung weniger auf das literarische Werk als auf Dokumente, Briefwechsel und authentische Tagebücher. Damit umgeht Schwilk die Gefahr, Jüngers literarische Selbststilisierungen zu übernehmen. Er rückt uns den Menschen heran, indem er auf Distanz zum Autor geht. Jüngers Werk und Leben versteht Schwilk als Versuch der „Überwindung der eigenen ängstlichen Natur“ – eine Schlussfolgerung, die im Falle von Jünger tatsächlich nur aus einem intensiven Quellenstudium gezogen werden kann.

Allerdings besitzt auch diese Biographie einen Makel, der schon Kiesels Werk anhaftet: Die erste, zweifellos ereignisreichere Hälfte von Jüngers Leben nimmt den größten Teil der Biographie in Anspruch – die letzten 50 Lebensjahre werden dagegen auf gut 100 Seiten abgehandelt, ja vernachlässigt. Dabei böte auch die zweite Lebenshälfte genügend Stoff: Jünger ist ab seinem 50. Lebensjahr als ökologiebewusster Weltreisender, konservativer Zeitkritiker, metaphysischer Geschichtsphilosoph und nimmermüder Käferfreund ein äußerst produktiver Autor – der größte Teil des Gesamtwerks entsteht erst nach 1945. Vor allem aber ist er immer wieder ein Politikum, ohne den die Geistesgeschichte der Bundesrepublik kaum zu denken ist. Freilich wäre es zuviel verlangt, in einem Band Jüngers 102-jähriges Leben gleichbleibend intensiv zu schildern. Vielleicht wäre es aber für Schwilk und seinen Verlag ratsam gewesen, zum kommenden 10. Todesjahr 2008 nur die ersten fünfzig Jahre erscheinen zu lassen und sich für die zweite Hälfte des „Jahrhundertlebens“ einen eigenständigen Band vorzubehalten. Ernst Jünger zwischen 50 und 100 – diese Lebensspanne wartet jedenfalls auch noch nach der zweiten Lebensbeschreibung vom Biographien-Herbst 2007 auf ihren Autor.

geschrieben am 12.11.2007 | 1008 Wörter | 6310 Zeichen

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