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Shakespeares Hühner


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Informationen zum Buch
  ISBN
  Autor
  Verlag
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  Seiten
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  Extras

Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Shakespeares Hühner Der neue Band mit Erzählungen von Ralf Rothmann ist “Shakespeares Hühner” betitelt, einem Auszug aus der zweiten Geschichte. Mit den übrigen Erzählungen hat der Titel nichts gemein. Insgesamt findet man acht Geschichten von unterschiedlicher Länge und Qualität in dem Buch vor. Während einige der Geschichten den Leser unmittelbar oder nach geschicktem Aufbau in eine intensive und nahe gehende Gefühlswelt der Protagonisten hineinziehen oder auch durch schöne Metaphern und Zusammenhänge ein Glücksgefühl beim Lesern hervorrufen, sind andere Geschichten weniger überzeugend, zum Teil leider einfach nur platt. Der Beginn mit „Abschied von Montparnasse“ ist ein starker Auftakt. Auf ganz wenigen Seiten skizziert Rothmann wunderbar die tiefe Einsamkeit einer jungen Frau in Paris und ihre Verzweiflung daran, deutet auch schon frühzeitig seine Sprachvirtuosität an, wenn er z.B. die junge Frau beim Anblick eines Mannes und des Kellners denken lässt „Wie wesentlich er aussah neben diesem Camembert, der sich vermutlich für Gottes größtes Geschenk an die Frauen hielt […]“. Hiernach folgt die titelgebende und längere Erzählung „Othello für Anfänger“, eine schöne Studie über den Beginn und das auch wegen kommunikativen Missverständnissen drastische Ende einer Freundschaft zweier Frauen. Auch hier lässt Rothmanns Sprachwitz immer wieder die Mundwinkel des Lesers nach oben hüpfen, etwa „Die Friseuse massierte mir irgend etwas in die Kopfhaut, vermutlich eine Nährlotion für den Heiligenschein; […]“ oder „Du kannst etwas nicht ausdrücken - aber das sagst du so umwerfend, dass es keine Rolle mehr spielt.“ Auch der Sinn für das Melancholische kommt immer wieder zum Vorschein, so „dass das Zauberhafte dieser Welt, auch das in der Liebe, nicht von Machern oder Denkern geschaffen wird.“ Die beiden nächsten Stücke. „Traber-Sonate“, ein Wiedersehen zweier Männer in einem Pferdestall bei einem Pferderennen, sowie „Alte Zwinger“, in dem es teilweise recht morbid um mögliche sexuelle Erfahrungen von Jugendlichen mit einer alkoholsüchtigen alten Frau geht, die dann von zwei Jungen tot gefunden wird, sind nach dem beeindruckenden Beginn des Buches eher zähe Kost, wenngleich auch hier sprachliche Pretiosen durchscheinen, etwa wenn Rothmann die Hengste im Stall beschreibt: „Größer und dunkler als die Stuten schienen sie zu sein, weniger freundlich in ihrer Neugier, heiserer, wenn sie hinter den Versorgungsschlitzen schraubten, und sogar ihre Reglosigkeit kam mir geballter vor.“ Auch „Tempelschlaf“, die fünfte Erzählung, ist inhaltlich und von der Spannung her eher dürftig und berichtet von einer Selbsterfahrung zweier Europäer in einem japanischen Kloster für einen Tag mit allen Entbehrungen und allen einzuhaltenden Vorschriften dort. Zum Glück erhält der Leser danach als Ausgleich die rührende und wieder brillant geschriebene Geschichte „Sterne tief unten“, die einen Krankenhausmitarbeiter beschreibt, dem eine zusätzliche Arbeit, der unterirdische Transport von Leichen zur Pathologie, aufgebürdet wird, was er stoisch, aber stolz erledigt. Sein Zusammentreffen mit einem Kind aus der nebenan liegenden Villa, aber auch seine Begegnungen mit einer Verkäuferin, der er am Ende nachläuft, um sie kennen zu lernen, sind authentisch und einfühlsam formuliert. Wie nebenbei kommen die Verhältnisse zwischen den Personen zur Sprache, etwa das Machtgefüge bei der Übernahme der neuen Tätigkeit, wenn der Pflegedienstleiter zur Überzeugung noch anfügt: „Ich meine, wie lange bist du jetzt bei uns? Wann hab ich dich eingestellt?“. Mit wenigen Worten wird dem Protagonisten sein Platz klar gemacht. Oder auch die doch nötige Abgrenzung zum hochbegabten Villenkind, wenn der Protagonist klar stellt: „Lass gut sein Vincent. Ich bin nicht euer Zirkusaffe. Das Lächeln des Jungen erlosch […]“. Bewegend ist dann die Schlussszene der Geschichte, als er seine neue Eroberung ins Bett tragen möchte und dabei bemerkt, dass er auf diese Weise auch die Leichen von den Krankenbetten in die Metallwannen legt: „Viel leichter erschien sie ihm als alles, was er sonst zu tragen hatte, leichter sogar als die Kinder, auch wenn das natürlich nicht stimmen konnte“. Wenn man sich dieses Bild vor Augen führt, stockt man unwillkürlich im Lesefluss. Die folgende Erzählung „Der Hunger der Vergesslichkeit“ ist eigentlich ein schöner Ansatz über den Umgang mit Alter, Erinnerung und objektiv wie subjektiv verdrängter Geschichte, wäre nicht die unglaubwürdige homosexuelle Eskapade des handelnden Architekten Teil und vor allem zu ausführlicher Teil der Geschichte. Das durchaus wechselseitig fordernde Verhältnis des Architekten zum ehemaligen Stasi-Mitarbeiter, der ein Ereignis zeitlich um die Machtübernahme der Nazis recherchiert, kommt sehr schön in folgender Passage zum Vorschein, nachdem der Architekt Verbesserungsvorschläge für das Projekt des Alten gemacht hat: „Was man auch sagte und wie richtig es klang - mit der bedeutungsvollen Pause, die er bis zu einer Antwort verstreichen ließ, wollte er einem offenbar nicht nur Gelegenheit geben, den eigenen Irrtum einzusehen; in diesem geistigen Vakuum sollte man sich auch dümmer fühlen, als man tatsächlich war.“ Welche ironische Eleganz des Alten. Wünschenswert wäre ein besserer Schlusspunkt für das Buch als die meiner persönlichen Meinung nach ganz langweilige Geschichte „Frischer Schnee“ gewesen - immerhin ist sie sehr kurz. Die eigentlichen feinsinnigen Akzente der Geschichte werden von den viel zu plastischen Ausführungen rund um die letzten Endes erfolgreiche Suche nach spontanem Geschlechtsverkehr überrollt. Insgesamt bin ich mit dem Fazit zu diesem Erzählungsband gespalten. Einerseits entdeckt man auch in den nicht so gut gelungenen Geschichten viele sprachliche Höhepunkte und kann sich an diesen Einzelpassagen erfreuen, zusätzlich an den genannten gänzlich gelungenen Geschichten. Andererseits wird das hohe und eindrucksvolle Niveau der meiner Ansicht nach drei besten Geschichten überhaupt nicht durchgehalten. Man spürt ganz klar die erzählerische Kraft und Klasse von Rothmann, aber mehr Konstanz hätte dem Buch gut getan. Wer den Autor noch nicht kennt, sollte trotzdem die Lektüre wagen und sich ein eigenes Bild machen.

Der neue Band mit Erzählungen von Ralf Rothmann ist “Shakespeares Hühner” betitelt, einem Auszug aus der zweiten Geschichte. Mit den übrigen Erzählungen hat der Titel nichts gemein. Insgesamt findet man acht Geschichten von unterschiedlicher Länge und Qualität in dem Buch vor. Während einige der Geschichten den Leser unmittelbar oder nach geschicktem Aufbau in eine intensive und nahe gehende Gefühlswelt der Protagonisten hineinziehen oder auch durch schöne Metaphern und Zusammenhänge ein Glücksgefühl beim Lesern hervorrufen, sind andere Geschichten weniger überzeugend, zum Teil leider einfach nur platt.

weitere Rezensionen von Dr. Benjamin Krenberger


Der Beginn mit „Abschied von Montparnasse“ ist ein starker Auftakt. Auf ganz wenigen Seiten skizziert Rothmann wunderbar die tiefe Einsamkeit einer jungen Frau in Paris und ihre Verzweiflung daran, deutet auch schon frühzeitig seine Sprachvirtuosität an, wenn er z.B. die junge Frau beim Anblick eines Mannes und des Kellners denken lässt „Wie wesentlich er aussah neben diesem Camembert, der sich vermutlich für Gottes größtes Geschenk an die Frauen hielt […]“. Hiernach folgt die titelgebende und längere Erzählung „Othello für Anfänger“, eine schöne Studie über den Beginn und das auch wegen kommunikativen Missverständnissen drastische Ende einer Freundschaft zweier Frauen. Auch hier lässt Rothmanns Sprachwitz immer wieder die Mundwinkel des Lesers nach oben hüpfen, etwa „Die Friseuse massierte mir irgend etwas in die Kopfhaut, vermutlich eine Nährlotion für den Heiligenschein; […]“ oder „Du kannst etwas nicht ausdrücken - aber das sagst du so umwerfend, dass es keine Rolle mehr spielt.“ Auch der Sinn für das Melancholische kommt immer wieder zum Vorschein, so „dass das Zauberhafte dieser Welt, auch das in der Liebe, nicht von Machern oder Denkern geschaffen wird.“

Die beiden nächsten Stücke. „Traber-Sonate“, ein Wiedersehen zweier Männer in einem Pferdestall bei einem Pferderennen, sowie „Alte Zwinger“, in dem es teilweise recht morbid um mögliche sexuelle Erfahrungen von Jugendlichen mit einer alkoholsüchtigen alten Frau geht, die dann von zwei Jungen tot gefunden wird, sind nach dem beeindruckenden Beginn des Buches eher zähe Kost, wenngleich auch hier sprachliche Pretiosen durchscheinen, etwa wenn Rothmann die Hengste im Stall beschreibt: „Größer und dunkler als die Stuten schienen sie zu sein, weniger freundlich in ihrer Neugier, heiserer, wenn sie hinter den Versorgungsschlitzen schraubten, und sogar ihre Reglosigkeit kam mir geballter vor.“

Auch „Tempelschlaf“, die fünfte Erzählung, ist inhaltlich und von der Spannung her eher dürftig und berichtet von einer Selbsterfahrung zweier Europäer in einem japanischen Kloster für einen Tag mit allen Entbehrungen und allen einzuhaltenden Vorschriften dort. Zum Glück erhält der Leser danach als Ausgleich die rührende und wieder brillant geschriebene Geschichte „Sterne tief unten“, die einen Krankenhausmitarbeiter beschreibt, dem eine zusätzliche Arbeit, der unterirdische Transport von Leichen zur Pathologie, aufgebürdet wird, was er stoisch, aber stolz erledigt. Sein Zusammentreffen mit einem Kind aus der nebenan liegenden Villa, aber auch seine Begegnungen mit einer Verkäuferin, der er am Ende nachläuft, um sie kennen zu lernen, sind authentisch und einfühlsam formuliert. Wie nebenbei kommen die Verhältnisse zwischen den Personen zur Sprache, etwa das Machtgefüge bei der Übernahme der neuen Tätigkeit, wenn der Pflegedienstleiter zur Überzeugung noch anfügt: „Ich meine, wie lange bist du jetzt bei uns? Wann hab ich dich eingestellt?“. Mit wenigen Worten wird dem Protagonisten sein Platz klar gemacht. Oder auch die doch nötige Abgrenzung zum hochbegabten Villenkind, wenn der Protagonist klar stellt: „Lass gut sein Vincent. Ich bin nicht euer Zirkusaffe. Das Lächeln des Jungen erlosch […]“. Bewegend ist dann die Schlussszene der Geschichte, als er seine neue Eroberung ins Bett tragen möchte und dabei bemerkt, dass er auf diese Weise auch die Leichen von den Krankenbetten in die Metallwannen legt: „Viel leichter erschien sie ihm als alles, was er sonst zu tragen hatte, leichter sogar als die Kinder, auch wenn das natürlich nicht stimmen konnte“. Wenn man sich dieses Bild vor Augen führt, stockt man unwillkürlich im Lesefluss.

Die folgende Erzählung „Der Hunger der Vergesslichkeit“ ist eigentlich ein schöner Ansatz über den Umgang mit Alter, Erinnerung und objektiv wie subjektiv verdrängter Geschichte, wäre nicht die unglaubwürdige homosexuelle Eskapade des handelnden Architekten Teil und vor allem zu ausführlicher Teil der Geschichte. Das durchaus wechselseitig fordernde Verhältnis des Architekten zum ehemaligen Stasi-Mitarbeiter, der ein Ereignis zeitlich um die Machtübernahme der Nazis recherchiert, kommt sehr schön in folgender Passage zum Vorschein, nachdem der Architekt Verbesserungsvorschläge für das Projekt des Alten gemacht hat: „Was man auch sagte und wie richtig es klang - mit der bedeutungsvollen Pause, die er bis zu einer Antwort verstreichen ließ, wollte er einem offenbar nicht nur Gelegenheit geben, den eigenen Irrtum einzusehen; in diesem geistigen Vakuum sollte man sich auch dümmer fühlen, als man tatsächlich war.“ Welche ironische Eleganz des Alten.

Wünschenswert wäre ein besserer Schlusspunkt für das Buch als die meiner persönlichen Meinung nach ganz langweilige Geschichte „Frischer Schnee“ gewesen - immerhin ist sie sehr kurz. Die eigentlichen feinsinnigen Akzente der Geschichte werden von den viel zu plastischen Ausführungen rund um die letzten Endes erfolgreiche Suche nach spontanem Geschlechtsverkehr überrollt.

Insgesamt bin ich mit dem Fazit zu diesem Erzählungsband gespalten. Einerseits entdeckt man auch in den nicht so gut gelungenen Geschichten viele sprachliche Höhepunkte und kann sich an diesen Einzelpassagen erfreuen, zusätzlich an den genannten gänzlich gelungenen Geschichten. Andererseits wird das hohe und eindrucksvolle Niveau der meiner Ansicht nach drei besten Geschichten überhaupt nicht durchgehalten. Man spürt ganz klar die erzählerische Kraft und Klasse von Rothmann, aber mehr Konstanz hätte dem Buch gut getan. Wer den Autor noch nicht kennt, sollte trotzdem die Lektüre wagen und sich ein eigenes Bild machen.

geschrieben am 08.07.2012 | 892 Wörter | 5481 Zeichen

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