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Drei Steine


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Rezension von

Thomas Stumpf

Drei Steine Dortmund-Dorstfeld Anfang der 80er: Stillgelegte Zechen, hohe Arbeitslosenquote, wenig Perspektiven. Nils Oskamp besucht die Wilhelm-Busch-Realschule. Ein Neuer ist seit kurzem in der Klasse und beginnt rechte Parolen zu schwingen. Bald schart er einige unterbelichtete, treue „Volksgenossen“ um sich und verbreitet sein nationalsozialistisches, menschenverachtendes Gedankengut. Nils lehnt sich auf, ist den rechten Idioten intellektuell überlegen und stellt sie bloß. Doch das hat Folgen. Auf der Schultoilette wird er angegriffen und zusammengeschlagen. Ein einsamer, langer Kampf beginnt, denn ab jetzt steht Nils auf der Abschussliste, auch außerhalb der Schule. Das Problem: keiner hilft. Sein älterer Bruder macht sich über ihn lustig und es ist ihm peinlich, auf dem Schulhof mit Nils gesehen zu werden. Passanten auf der Straße schauen weg, damit sie nicht selbst ins Visier der Schläger geraten. Die Mutter hat eigene Probleme, denn es gibt einen Todesfall in der Familie. Der Vater will von allem nichts hören, er interessiert sich nur für Nils' immer schlechter werdenden schulischen Leistungen und gibt seinem Sohn die Schuld. Am schlimmsten sind die Lehrer. Sie verschließen ihre Augen sowohl vor der Gewalt als auch vor der rechten Ideologie an der Schule. Schlimmer noch, teilweise gehören Alt-Nazis dem Lehrkörper an, im Unterricht wird die erste Strophe des Deutschlandliedes gesungen. Bald zieren Hakenkreuzschmierereien die Schulwände. Alle schauen weg. Nur Thomas, genannt Tom, ein Freund von Nils' großem Bruder, unterstützt Nils tatkräftig. Eine dicke Freundschaft entwickelt sich. Gemeinsam nehmen Nils und Tom den beinahe aussichtslosen Kampf gegen die Nazis an der Schule auf, die Gewalt eskaliert und gipfelt schließlich in einen Mordanschlag. Ein wichtiger Comic und ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen rechtes Gedankengut und rechte Gewalt. Ein Comic, der in Schulen zur Pflichtlektüre werden sollte. Oskamp zeigt, wie schnell und leicht das rechte Gift sich in den Köpfen festsetzt. Sind es am Anfang "nur" provozierende Äußerungen, die später zur festen Überzeugung heranwachsen (wie etwa die Auschwitzlüge), sind es dann Schmierereien auf dem Schulklo, schwere Diffamierungen und am Ende die radikale Gewalt gegen alle Andersdenkenden. Der Comic zeigt aber auch, dass man sich auflehnen und Widerstand leisten kann, ja muss. Erzählerisch ist das schön umgesetzt: Es beginnt mit einem in dunklem Grau gehaltenen Alptraum. Dann fragt Nils' kleiner Sohn am nächsten Morgen, warum er eigentlich auf den Namen "Tom" getauft wurde. Nils beginnt die Geschichte von seinem Freund Tom zu erzählen. Es wechseln sich die Rückblenden und kurze Einblendungen in die Gegenwart ab, wenn der kleine Tom seinem Papa weitere Fragen stellt. Optisch sind die gegenwartsbezogenen Panels in Sepia gehalten, die Rückblenden in einem tristen Grau. Lediglich das Blut, das in einigen Bildern zu sehen ist, wird farblich herausgestellt in intensivem Rot. Erstaunlich ist auch, wie gut der Comic funktioniert und seinen Inhalt transportiert, obgleich er mit verhältnismäßig wenig Text auskommt. Die Bilder sprechen für sich, das ist sehr gut gemacht. Schön zeigt Oskamp das Versagen vieler Instanzen und Institutionen. Familie, Schule, Gesellschaft - es wird nichts oder nicht genug getan. Wegsehen ist bereits aktive Unterstützung der Gewalt. Und das ist ein Spiegel unserer heutigen Situation in Deutschland: mangelnde Aufmerksamkeit, Gleichgültigkeit und fehlende zivile Wehrhaftigkeit gegen rechte Strömungen. Der Titel "Drei Steine" erklärt sich übrigens wie folgt: Auf einem jüdischen Friedhof findet Nils die Grabsteine verschandelt und mit Hakenkreuzen beschmutzt vor. Von einem Grabstein nimmt er drei Steine mit. Diese Steine werden traditionell von Angehörigen bei jüdischen Begräbnissen auf das Grab gelegt. Im Comic finden die drei Steine Verwendung. Der erste Stein wird zur Waffe, mit der Nils sich gegen Angreifer wehrt, der zweite wird zum Symbol, das Richtige zu tun (was und in welchem Zusammenhang möchte ich an dieser Stelle nicht verraten), der dritte Stein findet - nach langer Reise - wieder auf einem Grab zu seiner eigentlichen Bestimmung zurück. Nicht umsonst genießt dieser Comic hohe Aufmerksamkeit in den Medien, auch außerhalb der für Comics üblichen Wege und Fachpresse, ganz gleich ob etwa beim Comic-Salon Erlangen oder zuletzt auf der Frankfurter Buchmesse. Dortmund-Dorstfeld ist auch heute noch eine Nazi-Hochburg und es ist nicht die einzige in der Republik. Im Anhang zum Comic hat der Autor einige sehr interessante Informationen zum Nationalsozialismus der jüngeren Zeit zusammengetragen, ein Aspekt, der den Comic als Schullektüre noch interessanter machen dürfte. Der Kampf gegen Rechts ist derzeit wichtiger denn je. In Zeiten, in denen in unserer Republik "Reichsbürger" Polizisten erschießen, "Wir-sind-das-Volk"-Rufe wie ein neues "Sieg-Heil" erklingen, das Wort „völkisch“ wieder „positiv“ besetzt werden soll, bürgerliche Politiker als "Volksverräter" beschimpft und Journalisten und engagierte Menschen mit dem Tode bedroht werden, muss man umso dankbarer sein für eine so persönliche und mutige Veröffentlichung. Unbedingt empfehlenswert!

Dortmund-Dorstfeld Anfang der 80er: Stillgelegte Zechen, hohe Arbeitslosenquote, wenig Perspektiven. Nils Oskamp besucht die Wilhelm-Busch-Realschule. Ein Neuer ist seit kurzem in der Klasse und beginnt rechte Parolen zu schwingen. Bald schart er einige unterbelichtete, treue „Volksgenossen“ um sich und verbreitet sein nationalsozialistisches, menschenverachtendes Gedankengut. Nils lehnt sich auf, ist den rechten Idioten intellektuell überlegen und stellt sie bloß. Doch das hat Folgen. Auf der Schultoilette wird er angegriffen und zusammengeschlagen. Ein einsamer, langer Kampf beginnt, denn ab jetzt steht Nils auf der Abschussliste, auch außerhalb der Schule.

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23.02.2017

Das Problem: keiner hilft. Sein älterer Bruder macht sich über ihn lustig und es ist ihm peinlich, auf dem Schulhof mit Nils gesehen zu werden. Passanten auf der Straße schauen weg, damit sie nicht selbst ins Visier der Schläger geraten. Die Mutter hat eigene Probleme, denn es gibt einen Todesfall in der Familie. Der Vater will von allem nichts hören, er interessiert sich nur für Nils' immer schlechter werdenden schulischen Leistungen und gibt seinem Sohn die Schuld. Am schlimmsten sind die Lehrer. Sie verschließen ihre Augen sowohl vor der Gewalt als auch vor der rechten Ideologie an der Schule. Schlimmer noch, teilweise gehören Alt-Nazis dem Lehrkörper an, im Unterricht wird die erste Strophe des Deutschlandliedes gesungen. Bald zieren Hakenkreuzschmierereien die Schulwände. Alle schauen weg. Nur Thomas, genannt Tom, ein Freund von Nils' großem Bruder, unterstützt Nils tatkräftig. Eine dicke Freundschaft entwickelt sich. Gemeinsam nehmen Nils und Tom den beinahe aussichtslosen Kampf gegen die Nazis an der Schule auf, die Gewalt eskaliert und gipfelt schließlich in einen Mordanschlag.

Ein wichtiger Comic und ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen rechtes Gedankengut und rechte Gewalt. Ein Comic, der in Schulen zur Pflichtlektüre werden sollte. Oskamp zeigt, wie schnell und leicht das rechte Gift sich in den Köpfen festsetzt. Sind es am Anfang "nur" provozierende Äußerungen, die später zur festen Überzeugung heranwachsen (wie etwa die Auschwitzlüge), sind es dann Schmierereien auf dem Schulklo, schwere Diffamierungen und am Ende die radikale Gewalt gegen alle Andersdenkenden. Der Comic zeigt aber auch, dass man sich auflehnen und Widerstand leisten kann, ja muss.

Erzählerisch ist das schön umgesetzt: Es beginnt mit einem in dunklem Grau gehaltenen Alptraum. Dann fragt Nils' kleiner Sohn am nächsten Morgen, warum er eigentlich auf den Namen "Tom" getauft wurde. Nils beginnt die Geschichte von seinem Freund Tom zu erzählen. Es wechseln sich die Rückblenden und kurze Einblendungen in die Gegenwart ab, wenn der kleine Tom seinem Papa weitere Fragen stellt. Optisch sind die gegenwartsbezogenen Panels in Sepia gehalten, die Rückblenden in einem tristen Grau. Lediglich das Blut, das in einigen Bildern zu sehen ist, wird farblich herausgestellt in intensivem Rot. Erstaunlich ist auch, wie gut der Comic funktioniert und seinen Inhalt transportiert, obgleich er mit verhältnismäßig wenig Text auskommt. Die Bilder sprechen für sich, das ist sehr gut gemacht.

Schön zeigt Oskamp das Versagen vieler Instanzen und Institutionen. Familie, Schule, Gesellschaft - es wird nichts oder nicht genug getan. Wegsehen ist bereits aktive Unterstützung der Gewalt. Und das ist ein Spiegel unserer heutigen Situation in Deutschland: mangelnde Aufmerksamkeit, Gleichgültigkeit und fehlende zivile Wehrhaftigkeit gegen rechte Strömungen.

Der Titel "Drei Steine" erklärt sich übrigens wie folgt: Auf einem jüdischen Friedhof findet Nils die Grabsteine verschandelt und mit Hakenkreuzen beschmutzt vor. Von einem Grabstein nimmt er drei Steine mit. Diese Steine werden traditionell von Angehörigen bei jüdischen Begräbnissen auf das Grab gelegt. Im Comic finden die drei Steine Verwendung. Der erste Stein wird zur Waffe, mit der Nils sich gegen Angreifer wehrt, der zweite wird zum Symbol, das Richtige zu tun (was und in welchem Zusammenhang möchte ich an dieser Stelle nicht verraten), der dritte Stein findet - nach langer Reise - wieder auf einem Grab zu seiner eigentlichen Bestimmung zurück.

Nicht umsonst genießt dieser Comic hohe Aufmerksamkeit in den Medien, auch außerhalb der für Comics üblichen Wege und Fachpresse, ganz gleich ob etwa beim Comic-Salon Erlangen oder zuletzt auf der Frankfurter Buchmesse. Dortmund-Dorstfeld ist auch heute noch eine Nazi-Hochburg und es ist nicht die einzige in der Republik. Im Anhang zum Comic hat der Autor einige sehr interessante Informationen zum Nationalsozialismus der jüngeren Zeit zusammengetragen, ein Aspekt, der den Comic als Schullektüre noch interessanter machen dürfte. Der Kampf gegen Rechts ist derzeit wichtiger denn je. In Zeiten, in denen in unserer Republik "Reichsbürger" Polizisten erschießen, "Wir-sind-das-Volk"-Rufe wie ein neues "Sieg-Heil" erklingen, das Wort „völkisch“ wieder „positiv“ besetzt werden soll, bürgerliche Politiker als "Volksverräter" beschimpft und Journalisten und engagierte Menschen mit dem Tode bedroht werden, muss man umso dankbarer sein für eine so persönliche und mutige Veröffentlichung. Unbedingt empfehlenswert!

geschrieben am 31.10.2016 | 748 Wörter | 4445 Zeichen

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