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Perspektiven, Bd. 4: Oswald Spengler. Philosoph des Schicksals


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Rezension von

Daniel Bigalke

Oswald Spengler. Philosoph des Schicksals Oswald spengler wäre über alle ihm heute gegenübertretenden Anschuldigungen völlig erhaben gewesen. Spengler (1880-1936), der gegenüber verletzender Denunziation zu meinen pflegte, sie störe ihn so wenig, wie es die Mauer eines Hauses störe, wenn an ihrer Ecke die Hunde ihr Bein heben, ist modern. Dafür steht die 2000 erschienene umfangreiche Schrift des Niederländers Frits Boterman („Oswald Spengler und sein Untergang des Abendlandes“) und die nun erschienene Studie von Frank Lisson, die sich mit den Facetten Spenglers kritisch auseinandersetzt. Was vor über 80 Jahren eindrucksvoll im „Untergang des Abendlandes“ (1918) begann, in „Preußentum und Sozialismus“ (1919) die Abrechnung mit dem Marxismus und die Besinnung auf die „staatssozialistischen“ preußischen Traditionen praktizierte sowie in „Jahre der Entscheidung“ (1933) die heutigen Krisen der Weltpolitik einer globalisierten Wirtschaft beeindruckend prophezeite, bekommt der Leser in dieser Schrift vorgelegt. Sie zeichnet sich durch eine erfrischende Abkehr von der einst reproduzierten Negativfolie „Spengler“ aus und offenbart seine vielen Schichten, die zuletzt vergleichbar intensiv nur in dem 1968 erschienen Buch von Anton M. Koktanek („Oswald Spengler in seiner Zeit“) beschrieben wurden: Dichterphilosoph (11ff.), Visionär (41ff.), Tatsachenmensch (95ff.) und Außenseiter (123ff). Als Außenseiter ergriff Spengler Partei gegen die Nationalsozialisten, um nach Hitlers Vorgehen gegen die konservative Opposition am 30. Juni 1934 Ekel gegenüber der Geistlosigkeit des „braunen Haufens“ zu empfinden und sich vollends in seine Studierstube zurückzuziehen. Lisson folgt bereits in der Gliederung dem Anspruch, den Charakter Spenglers integral zu erfassen, was sein Buch nicht nur als Remontage eines ungewürdigten Genies erscheinen läßt, sondern die Einordnung Spenglers in die deutsche Geistesgeschichte nachholt: Ambivalenz zwischen Politischem und Unpolitischem, Kultur und Zivilisation, Pessimismus und Aktivismus. Anbringen ließen sich analog auch Thomas Mann oder der Soziologe Ferdinand Tönnies. Ängste und Enttäuschungen seien die „ergiebigsten Quellen künstlerischer Produktivität“ (7). So gelingt es Lisson, Spenglers Werk vor allen Dingen an die Persönlichkeit, an die gleichsam sprudelnde subjektive Kreativität dieses Kulturphilosophen zu knüpfen. Spengler, geboren im anhaltinischen Blankenburg, verstand sich als Überwinder des eurozentrischen Weltbildes und bekam Zuspruch von bedeutenden Wissenschaftlern seiner Epoche, so z.B. Eduard Meyer. Die abendländische Kultur habe ihren Höhepunkt erreicht. Als Zivilisation, der Ära des entgrenzten und mit mächtigen exekutiven Befugnissen ausgestatteten Cäsarismus, gerate sie sowie ihr Demokratismus zur Farce bloßer Parolen, die von freiheitlichen Ansprüchen abstrahieren. Der Leser reflektiert heute automatisch die Folgen des 11. September 2001. Spengler versuchte bis 1924 verändernden Einfluß auf die Realpolitik zu nehmen, gewann die einflußreichen Presse - und Industriemagnaten Alfred Hugenberg und Paul Reusch für sich, um letztlich 1933 die große Auseinandersetzung zwischen der „weißen“ und der „farbigen“ Welt zu postulieren, die angesichts über das Mittelmeer zuströmender Flüchtlinge aus Afrika Gegenwartsnähe in sich birgt. So ergibt sich ein bisher unbekanntes Spengler-Bild, das ihn als Personifizierung der Schwellenzeit des 20. Jahrhunderts, als die Realität erfassenden Empiriker, als von Sehnsucht geplagten Mystiker und als der preußischen Tradition verhafteten Idealisten - als Meister der spekulativen Induktion - aufscheinen läßt. Der Vorwurf eines ausschließlichen Kulturpessimismus - Essenz selektiver Exegese spenglerischer Texte - wird ergänzt durch das Komplementärbild des Pragmatisten, der sogar die Tradition des preußischen Junkertums in Fragen der politischen Sozialisation der Jugend preiszugeben bereit war, um innovativen Tatsachenmenschen mit Idealen und einem solchen Genius den Weg in die politische Verantwortung zu bereiten, der urteilsfähig den Parteihader überwindet. Ob Spengler damit heute Parteigänger eines politischen ‘Extremismus’ wäre, muß dahingestellt bleiben. Allein Logik, Semantik, Kategorien und Kausalitäten - so gibt auch Lisson zu bedenken - können das Wesen der Welt nicht umfassend erschließen. Oswald Spengler stand im Zwiespalt zwischen ideellem Überbau und kreativem Ekel an der Realität. Diese Dichotomie, dieses psychologische Apriori, konnte Spengler nicht selbst überwinden. Womöglich war es aber dieser Zweispalt, der Spenglers Urteile und damit seine politischen Schriften spannend macht. Sie laden zur neuerlichen konstruktiven Reflexion ein. Frank Lissons Studie, die sich zwar an entscheidenden Stellen zu explizit und zu merklich an dem Buch Koktaneks von 1968 orientiert, ist der richtige Schritt dorthin.

Oswald spengler wäre über alle ihm heute gegenübertretenden Anschuldigungen völlig erhaben gewesen. Spengler (1880-1936), der gegenüber verletzender Denunziation zu meinen pflegte, sie störe ihn so wenig, wie es die Mauer eines Hauses störe, wenn an ihrer Ecke die Hunde ihr Bein heben, ist modern. Dafür steht die 2000 erschienene umfangreiche Schrift des Niederländers Frits Boterman („Oswald Spengler und sein Untergang des Abendlandes“) und die nun erschienene Studie von Frank Lisson, die sich mit den Facetten Spenglers kritisch auseinandersetzt. Was vor über 80 Jahren eindrucksvoll im „Untergang des Abendlandes“ (1918) begann, in „Preußentum und Sozialismus“ (1919) die Abrechnung mit dem Marxismus und die Besinnung auf die „staatssozialistischen“ preußischen Traditionen praktizierte sowie in „Jahre der Entscheidung“ (1933) die heutigen Krisen der Weltpolitik einer globalisierten Wirtschaft beeindruckend prophezeite, bekommt der Leser in dieser Schrift vorgelegt. Sie zeichnet sich durch eine erfrischende Abkehr von der einst reproduzierten Negativfolie „Spengler“ aus und offenbart seine vielen Schichten, die zuletzt vergleichbar intensiv nur in dem 1968 erschienen Buch von Anton M. Koktanek („Oswald Spengler in seiner Zeit“) beschrieben wurden: Dichterphilosoph (11ff.), Visionär (41ff.), Tatsachenmensch (95ff.) und Außenseiter (123ff). Als Außenseiter ergriff Spengler Partei gegen die Nationalsozialisten, um nach Hitlers Vorgehen gegen die konservative Opposition am 30. Juni 1934 Ekel gegenüber der Geistlosigkeit des „braunen Haufens“ zu empfinden und sich vollends in seine Studierstube zurückzuziehen. Lisson folgt bereits in der Gliederung dem Anspruch, den Charakter Spenglers integral zu erfassen, was sein Buch nicht nur als Remontage eines ungewürdigten Genies erscheinen läßt, sondern die Einordnung Spenglers in die deutsche Geistesgeschichte nachholt: Ambivalenz zwischen Politischem und Unpolitischem, Kultur und Zivilisation, Pessimismus und Aktivismus. Anbringen ließen sich analog auch Thomas Mann oder der Soziologe Ferdinand Tönnies.

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Ängste und Enttäuschungen seien die „ergiebigsten Quellen künstlerischer Produktivität“ (7). So gelingt es Lisson, Spenglers Werk vor allen Dingen an die Persönlichkeit, an die gleichsam sprudelnde subjektive Kreativität dieses Kulturphilosophen zu knüpfen. Spengler, geboren im anhaltinischen Blankenburg, verstand sich als Überwinder des eurozentrischen Weltbildes und bekam Zuspruch von bedeutenden Wissenschaftlern seiner Epoche, so z.B. Eduard Meyer. Die abendländische Kultur habe ihren Höhepunkt erreicht. Als Zivilisation, der Ära des entgrenzten und mit mächtigen exekutiven Befugnissen ausgestatteten Cäsarismus, gerate sie sowie ihr Demokratismus zur Farce bloßer Parolen, die von freiheitlichen Ansprüchen abstrahieren. Der Leser reflektiert heute automatisch die Folgen des 11. September 2001. Spengler versuchte bis 1924 verändernden Einfluß auf die Realpolitik zu nehmen, gewann die einflußreichen Presse - und Industriemagnaten Alfred Hugenberg und Paul Reusch für sich, um letztlich 1933 die große Auseinandersetzung zwischen der „weißen“ und der „farbigen“ Welt zu postulieren, die angesichts über das Mittelmeer zuströmender Flüchtlinge aus Afrika Gegenwartsnähe in sich birgt.

So ergibt sich ein bisher unbekanntes Spengler-Bild, das ihn als Personifizierung der Schwellenzeit des 20. Jahrhunderts, als die Realität erfassenden Empiriker, als von Sehnsucht geplagten Mystiker und als der preußischen Tradition verhafteten Idealisten - als Meister der spekulativen Induktion - aufscheinen läßt. Der Vorwurf eines ausschließlichen Kulturpessimismus - Essenz selektiver Exegese spenglerischer Texte - wird ergänzt durch das Komplementärbild des Pragmatisten, der sogar die Tradition des preußischen Junkertums in Fragen der politischen Sozialisation der Jugend preiszugeben bereit war, um innovativen Tatsachenmenschen mit Idealen und einem solchen Genius den Weg in die politische Verantwortung zu bereiten, der urteilsfähig den Parteihader überwindet. Ob Spengler damit heute Parteigänger eines politischen ‘Extremismus’ wäre, muß dahingestellt bleiben. Allein Logik, Semantik, Kategorien und Kausalitäten - so gibt auch Lisson zu bedenken - können das Wesen der Welt nicht umfassend erschließen. Oswald Spengler stand im Zwiespalt zwischen ideellem Überbau und kreativem Ekel an der Realität. Diese Dichotomie, dieses psychologische Apriori, konnte Spengler nicht selbst überwinden. Womöglich war es aber dieser Zweispalt, der Spenglers Urteile und damit seine politischen Schriften spannend macht. Sie laden zur neuerlichen konstruktiven Reflexion ein. Frank Lissons Studie, die sich zwar an entscheidenden Stellen zu explizit und zu merklich an dem Buch Koktaneks von 1968 orientiert, ist der richtige Schritt dorthin.

geschrieben am 16.11.2006 | 629 Wörter | 4181 Zeichen

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