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"Nur Fantasy reicht für Aegirs Flotte nicht aus" - Interview mit Jens Salzmann, Lars Gogolin und Gerald Meyer


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Jens Salzman und Lars Gogolin sind die Gesellschafter und Geschäftsführer des Arcanum Fantasy Verlags, der sich größtenteils der Veröffentlichung fantastischer Romane und Anthologien widmet. Gerald Meyer schreibt regelmäßig Kolumnen und Berichte für Computerspiele-Zeitschriften. Gemeinsam schickt sich da Trio an als Herausgeber einer überaus interessanten Heftroman-Reihe zu fungieren. Das Besondere dabei ist das ungewöhnliche aber viel versprechende Setting. Verlegt werden die Romane natürlich im Arcanum Fantasy Verlag, der jüngst eine Ausschreibung auf seiner Webseite veröffentlicht hat. Grund genug für mich mit den Schöpfern dieser wackeren Idee auseinander zu setzen.

Marc-Florian Wendland: Hallo Gerald, Jens und Lars. Beginnen wir doch am besten mit der üblichen Frage nach eurer Person. Stellt euch doch bitte kurz unseren Lesern vor.

Herausgeber: (Jens Salzmann): Nun, schon die erste Frage bringt das Berühmte „wo fang ich an“ mit sich. Um es kurz zu machen: Ich wurde 1979 geboren, habe dann die klassische Schullaufbahn bis zum Abitur durchlaufen, eine Ausbildung zum Orgel- und Harmoniumbauer absolviert und nach dem Zivildienst Architektur studiert. Neben dem Studium habe ich mit Lars Gogolin den Arcanum Fantasy Verlag gegründet.

Herausgeber: (Lars Gogolin): Auch ich bin 1979 geboren und kenne Jens schon seit gut 20 Jahren. Nach dem Abitur und der Bundeswehr habe ich ein Chemiestudium begonnen. Zur Zeit arbeite ich an meiner Doktorarbeit. Fantasy und Phantastik lese ich ebenfalls schon seit fast 20 Jahren, angefangen mit Wolfgang Hohlbein. Außerdem wurde das Interesse an dem Genre natürlich durch zahlreiche Filme, Computerspiele oder Pen and Paper Rollenspiele geweckt.

Marc-Florian Wendland: Jens und Lars, ihr seid die Geschäftsführer des Arcanum Verlags, einem kleinen Verlag, der sich der Veröffentlichung phantastischer Literatur widmet. Warum ihr den Verlag gegründet habt, lässt sich auf eurer Seite nachlesen, mich interessiert daher viel mehr, wie ihr den Verlag am Leben erhaltet? Viele Kleinverlage sind wenige Zeit nach ihrer Taufe bereits wieder Geschichte. Arcanum existiert hingegen seit einigen Jahren. Wie sieht euer generelles Konzept aus?

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Herausgeber: (Jens Salzmann): Es braucht eine große Portion Idealismus um sich in der umkämpften Buchbranche behaupten zu können. Viele Kleinverleger gehen davon aus, dass sich ein neuer Verlag schnell selbst trägt. Dies ist ein Irrtum. Wenn man nicht den zweifelhaften Weg eines sog. „Druckkostenzuschussverlages“ wählt (wobei hier nochmals ausdrücklich erwähnt sei, dass wir kein DKZV sind!), wird man mit der Tatsache, dass ein „klassischer“ Verlag mindestens 5 Jahre Investitionszeit bedeutet, konfrontiert. Und da scheitern viele Kleinverlage, entweder, weil der Idealismus ausgeht („Das lohnt sich ja nicht“) oder eben weil das Kapital ausgeht. Das bedeutet, auch wir erwirtschaften noch keine Gewinne, denn unser Verlag ist gerade einmal 4 Jahre alt. Unser Konzept (neben den Investitionen) sieht so aus, dass wir bewusst jungen und „unerfahrenen“ AutorInnen aus dem deutschsprachigen Bereich eine Chance geben wollen. Unter anderem mit unseren Ausschreibungen. Aber auch „Der Schrei des Feuervogels“ ist ein Debütroman, Dave T. Morgan hat uns sein Erstlingswerk anvertraut, was wir natürlich als besonderen Vertrauensbeweis sehen. Dass Michael H. Schenk uns seinen neuen Roman „Die Zwerge der Meere“ anvertraut hat, freut uns natürlich besonders und zeigt uns, dass wir mit unseren Bemühungen zumindest nicht ganz falsch liegen können. In Zukunft wäre also eine gesunde Mischung aus bekannten und unbekannten AutorInnen wünschenswert, wie zum Beispiel auch in unseren Anthologien, wo Charlotte Engmann oder Christel Scheja immer mal wieder „mit von der Partie“ sind. Das freut uns, denn die Kombination mit bekannten AutorInnen ist auch immer ein wertvolles Feature für unbekannte oder neue AutorInnen.

Herausgeber: (Lars Gogolin): Diese Mischung von bekannten erfolgreichen und jungen unbekannten Autoren werden wir versuchen in Zukunft noch etwas auszubauen. Da sind wir natürlich auf die Zusammenarbeit der „Großen“ angewiesen.

Marc-Florian Wendland: Ihr veröffentlicht unter anderem auch eBooks. Für mich sind eBooks und die entsprechenden Endgeräte immer noch ein Buch mit sieben Siegeln. Wie sind eure Erfahrungen und vor allem, wir das neue Medium, dank günstigerer Preise, von den Kunden nachgefragt?

Herausgeber: (Jens Salzmann): Ehrlich gesagt selten. Unter anderem aufgrund des eBooks wurde das „klassische Buch“ schon mehrmals totgesagt. Es ist wie so oft: Totgesagte leben länger, auch das Buch wird nicht aussterben, eher ist das eBook ein kurzlebiger Trend. Die Entwicklung bleibt abzuwarten.

Herausgeber: (Lars Gogolin): Also ich persönlich zum Beispiel würde niemals zu einem eBook greifen. Ich will Papier in den Händen halten. Und da ich sprichwörtlich selbst zu unseren besten Kunden gehöre, gehe ich einfach frech davon aus, dass das viele Menschen ähnlich sehen.

Marc-Florian Wendland: Gerald, kommen wir zu dir. Du schreibst mehr oder weniger regelmäßig für Computerspiele-Magazine. Hat da jemand seinen Kindheitswunsch zum Hobby oder gar Beruf gemacht?! Welches computerspielende Kind träumt nicht davon für seine Lieblingszeitschriften zu schreiben? Sind es ausschließlich Kolumnen, die du veröffentlichst, oder darfst du dich auch als Spieletester betätigen?

Herausgeber: (Gerald Meyer): Als Kolumnist muss ich die Spiele natürlich auch testen, und das ist manchmal nicht immer angenehm, wie Du manchen bissigen oder auch bösartigen Kommentaren entnehmen kannst. Mit anderen Worten: Spieletester zu sein ist kein Traumberuf, es sei denn, Du neigst kontinuierlich zur Abstumpfung und zum cholerischen Wahnsinn (kleiner Scherz). Meine persönliche Geschichte hingegen steht Deiner Frage konträr gegenüber: Ich habe bereits mit 16 Jahren fantastische Storys im Bastei-Verlag veröffentlicht, später Drucker und Mediengestalter gelernt, danach einen Verlag für Belletristik, Lyrik und Comic gegründet, Anthologien und Newcomer betreut, schrieb ein Lexikon über Abandonware-Spiele und bin so schlussendlich mehr oder weniger zufällig bei der Gamestar und der Kolumne gelandet – eigentlich wollte ich nur Promotion für mein Buch machen. Wenn auch nichts davon wahr ist, was ich gerade gesagt habe 

Marc-Florian Wendland: Nebenbei veröffentlichst du auch Belletristik und fungierst als Herausgeber... woher nimmst du die Zeit das alles unter einen Hut zu bekommen?

Herausgeber: (Gerald Meyer): Ich nehme sie mir.

Marc-Florian Wendland: Kommen wir zu eurer neuen Ausschreibung „Aegirs Flotte“. Die Idee, eine Kurzromanserie an die germanische Mythologie zu knüpfen ist wirklich originell. Wie kam die Zusammenarbeit zwischen euch dreien zustande? Und vor allem, wer hatte die initiale Idee, das ganze als Heftroman herauszugeben?

Herausgeber: (Jens Salzmann): Die konzeptionelle Idee stammt von Gerald Meyer, er trat an uns heran mit der Konzeptvorstellung und der Frage, ob wir eine Anthologie daraus machen wollten. Da das Fundament dieser Idee aber weit mehr tragen kann als eine einzelne Anthologie, haben wir Gerald die Ausweitung als Heftromanserie vorgeschlagen. Da auch Gerald schon früher weitergehende Vorstellungen hatte, wurden wir uns rasch einig. Daraufhin haben wir das Konzept der neuen Vorgehensweise angepasst – uns schlussendlich die Ausschreibung ins Leben gerufen.

Marc-Florian Wendland: Die germanische Mythologie hat leider das Problem, vielfach ausgelegt worden zu sein. Unterschiedliche germanische und keltische Kulturen haben ihre eigenen Namen eingeführt und Geschichten haben gar einen ganz anderen Ausgang. Als Beispiel sei hier der unterschiedlich ausgehende Zwist zwischen Hymir und Thor nach der verpassten Tötung der Midgardschlange erwähnt. Habt ihr keine Angst, dass aufgrund unterschiedlicher Autoren Unstimmigkeiten innerhalb der Geschichte zustande kommen?

Herausgeber: (Gerald Meyer): Nein, denn wir sind deshalb doppelt abgesichert: Herausgeber/Verlag. Wenn es irgendwelche Widersprüche gibt, wird es einem von uns auffallen, und dann muss der Autor – ob er will oder nicht -, eben noch einmal eine Kehrtwende machen. Letztendlich richtet es sich danach, welchen Weg die ersten Autoren, die den Zuschlag bekommen, eingehen. Der sollte stringent weiter verfolgt werden.

Herausgeber: (Jens Salzmann): So ist es.

Marc-Florian Wendland: Worauf legt ihr bei der Ausschreibung besonderen Wert? Mythologische Konsistenz oder spannende, gut erzählte Geschichte? Sprich, muss man ein (semi-)Experte sein, um veröffentlicht zu werden?

Herausgeber: (Gerald Meyer): Ja, der Autor sollte ein Semi-Experte sein. Reine Fantasy geht nicht, Halbwissen reicht aber für eine gute Fantasy-Geschichte.

Herausgeber: (Jens Salzmann): Wie immer legen wir besonderen Wert auf gute Fantasy, in diesem Fall heißt das auch: Fundiert in der germanischen Saga, denn wie Gerald schon schrieb, ist „nur“ Fantasy hier nicht ausreichend, das würde auch den Reiz des Projektes zerstören.

Herausgeber: (Lars Gogolin): In reiner Fantasy sind die Welt und die Charaktere frei erfunden. In diesem Fall muss der Autor sich auch an gegebene Richtlinien oder Ereignisse halten. Ich denke die Umsetzung dieser Aufgabe wird sehr anspruchsvoll für die Autoren. Ich bin sehr gespannt, was wir zu lesen bekommen.

Marc-Florian Wendland: Am Ende der ersten Staffel erreichen die verschiedenen Heldengruppen die Trümmer von Aegirs Flotte, die sie wieder seetüchtig machen sollen, um dann die Welt neu zu bevölkern. Das heißt, dass ihr mindestens eine zweite Staffel einplant! Wird diese dann mit den gleichen Autoren fortgeführt?

Herausgeber: (Gerald Meyer): Von meiner Seite aus nur bedingt: wenn sie gut sind eventuell, wenn sie mittelmäßig sind, vielleicht noch eine Chance. Wenn sie schlecht sind, sollten sie erst gar nicht in der ersten Staffel auftauchen. Es gibt keine Garantien für die Autoren, wirklich Stammautoren zu werden, es sei denn, sie erarbeiten es sich. Jeder kann mitmachen, und je besser er sich in der Mythologie auskennt, umso größer sind seine Chancen auf eine erneute Veröffentlichung.

Herausgeber: (Jens Salzmann): Dem gibt es nichts hinzuzufügen!

Marc-Florian Wendland: Wo wird diese zweite Staffel enden? Oder plant ihr dann eine weitere Staffel? Sprich, gibt es in eurem Konzept irgendwann einen „Endgegner“, der besiegt werden will oder wird der Faden, der sich aufgrund der vielen Autoren immer weiter verstrickten wird, solange weitergesponnen, wie das Interesse der Leserschaft vorhanden ist?

Herausgeber: (Gerald Meyer): Der Endgegner ist Loki. Eine zweite Staffel ist bereits in Planung, die im „Midgardsommer“ spielt, ohne zu viel zu verraten. Inwieweit die Geschichte verdichtet oder beschleunigt wird, hängt von den qualitativen Beiträgen der Autoren ab. Um Grunde genommen kann man aus der ganzen Story ein ganzes Universum stricken – aber warten wir’s ab ...

Herausgeber: (Jens Salzmann): Vielleicht sei noch so viel erklärt: Wir wissen ja nur bedingt, was auf uns zu kommt. Unsere Ausschreibung werden viele AutorInnen unterschiedlich angehen. Daher liegen die Chancen der zweiten Staffel natürlich unter anderem in den Einsendungen zur ersten Staffel. Natürlich haben wir Vorstellungen und Pläne für die zweite Staffel, doch gute Ideen, die in den ersten Einsendungen auftauchen mögen, werden wir nicht ablehnen.

Marc-Florian Wendland: Durch die zwölf verschiedenen Autoren wird die Neuzeitwelt nach dem Ragnarök aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Leben gefüllt. Ich stelle mir das ganze wie einen Film mit alternativer Szenebelegung vor. Hier sehe ich eine ganze klare Stärke eurer Idee: Die Arten- und Schauplatzvielfalt. Was aber, wenn die Gruppen den Strand erreichen? Müssen darauf aufbauende Autoren wirklich alle Gruppen berücksichtigen?

Herausgeber: (Gerald Meyer): Nicht unbedingt. Es kann auch Gruppen geben, die verlieren, die mit Gold beladen untergehen – wie im wirklichen Leben. Prädestiniert wäre hierfür der Dschungel. In Midgard gibt es nicht nur Gewinner... (sondern auch abgebrochene Geschichten, Versatzstücke etc.)

Herausgeber: (Jens Salzmann): Selbst die Gruppen, die Aegirs Flotte mehr oder weniger vollzählig und unversehrt erreichen müssen nicht zwangsläufig „alle in ein Boot gepfercht werden“ um es mal bildlich zu sagen. Es bieten sich auch für die zweite Staffel unterschiedliche Szenarien.

Marc-Florian Wendland: Jens und Lars, ihr habt durch eure letzte Ausschreibung bereits eine Vorstellung von der Anzahl der Geschichten, die euch erreichen werden. Welche Prognose habt ihr für „Aegirs Flotte?“

Herausgeber: (Jens Salzmann): Aufgrund des sehr speziellen Themas könnte es sein, das weniger Einsendungen eintreffen als zu anderen Ausschreibungen. Andererseits ist dieses Thema – meines Wissens nach – bislang ziemlich vernachlässigt worden. Vielleicht erreichen uns gerade deshalb besonders viele Einsendungen. Auf jeden Fall rechnen wir mit über 100 Einreichungen.

Herausgeber: (Lars Gogolin): Ich gehe sogar von eher 200 Einsendungen aus.

Marc-Florian Wendland: Neben Kurzromanen veröffentlicht ihr auch Kurzgeschichten. Werden dann mehrere Kurzgeschichten in einem Band veröffentlicht?

Herausgeber: (Jens Salzmann): Die Möglichkeit auch Kurzgeschichten einzureichen ist eher als Option zu sehen, für AutorInnen, die einen Kurzroman vielleicht als zu unpassend empfinden, sei es, weil ihnen die Kurzgeschichte mehr liegt, sei es, weil sie schon ihre Gruppe aus unterschiedlichen Winkeln beleuchten möchten. Die Maximale Zeichenzahl muss natürlich nicht versucht werden krampfhaft zu erreichen, aber man sollte auch nicht mit 5 Kurzgeschichten die Maximalzahl sprengen.

Marc-Florian Wendland: Eine wichtige Frage zum Abschluss: Bis wann läuft die Ausschreibung?

Herausgeber: (Jens Salzmann): Die Ausschreibung ist eine laufende Ausschreibung, d.h. sobald abzusehen ist, dass genug Material für die erste Staffel zusammenkommt, werden wir Informationen für die zweite Staffel zur Verfügung stellen.

Marc-Florian Wendland: Habt ihr bereits einen festen Termin für den ersten Band ins Auge gefasst?

Herausgeber: (Jens Salzmann): Einen genauen Erscheinungstermin haben wir noch nicht festgelegt, würden aber ganz gerne im Januar 2010 mit der Serie starten - das hängt nun ein bißchen von den Einsendungen ab!

Zwischen Webcritics und dem Arcanum Fantasy Verlag wurde im Bereich der phantastischen Literatur (vertreten durch Marc-Florian Wendland) eine lose Kooperation geschlossen, um das faszinierende Projekt „Aegirs Flotte“ zu unterstützen. Jedem veröffentlichten Autor wird daher die Möglichkeit geboten, seine Vision von der Neubesiedlung der Welt nach dem Ragnarök in Form eines Interviews und einer Leseprobe auf webcritics.de vorzustellen.

Weitere Informationen rund um die Ausschreibung und den Arcanum Fantasy Verlag finden Sie auf deren Webseite (http://www.arcanum-fantasy-verlag.de/).