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Vom Ende der Einsamkeit


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Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Vom Ende der Einsamkeit Erst vor kurzem konnte ich die hervorragend umgesetzte Hörbuchversion des Erstlingswerks von Benedict Wells, „Becks letzter Sommer“, genießen und habe mich deshalb sehr auf die neue Audio CD seines inzwischen vierten Romans, „Vom Ende der Einsamkeit“, gefreut. Wieder kann man attestieren, dass ein Sprecher gefunden wurde, der den Roman exzellent eingelesen hat. Zum einen hat Robert Stadlober einen Heimvorteil, wenn es darum geht den (einzigen) österreichischen Charakter richtig zu intonieren, zum anderen kann er aber auch die emotionale Flachheit der Hauptperson Jules gut transportieren, der sich trotz der zahlreichen Schicksalsschläge, die ihn im Laufe der Geschichte ereilen, bisweilen anhört, wie wenn er alles durch einen Nebel wahrnähme. Bei einigen Dialogen war mir die Sprecherleistung persönlich nicht pointiert genug, sodass man erst aus dem Kontext erkennen musste, wer da welchen Satz zu verantworten hatte. Aber ansonsten war ich rein akustisch sehr zufrieden mit der CD. Die Geschichte selbst wurde schon vielfach und überwiegend positiv besprochen, und in diesen Kanon kann ich mich auch einreihen. Wells ist wirklich ein guter Erzähler, wenngleich er auch diesmal einige Längen und kleinere Durststrecken zu verzeichnen hat, bei denen man sich – gerade beim Zuhören – denkt: Nun komm mal zum Punkt. Der Protagonist Jules verliert als Kind erst seine Eltern durch einen Autounfall, muss sich dann mit seinen beiden älteren Geschwistern Marty und Liz in einem Internat behaupten und wandelt sich vom wagemutigen Kind zu einem zurückgezogenen unsicheren Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Er hat über die normalen pubertären Gefühlswallungen hinaus Schwierigkeiten bei der Selbstfindung und Selbstbehauptung in der Welt, die eigentlich bis zum Schlusssatz des Romans andauern. Und er schafft es, trotz seiner Geschwister und trotz wohlmeinender Menschen um ihn herum einsam zu sein und zu bleiben. Seine vermeintliche Jugendliebe Alva verliert er nach der Schule aus den Augen, kämpft nicht stark genug darum, bei ihr bleiben zu können und erst Jahre später kommen die beiden als das Paar zusammen, das er sich stets erwünscht hatte. Dass Jules auch noch in dieser Situation die nächsten Bosheiten des Schicksals verkraften muss, macht den Roman insgesamt sehr schwermütig. Sprachlich setzt Wells wieder viele Glanzlichter, die sich vor allem gesprochen wunderbar im Kopf nachhallen lassen. Allerdings übertreibt er es manchmal mit der philosophischen Tiefgründigkeit der Figuren, vor allem, wenn man rekapituliert, was Jules und Alva in ihren Schultagen für Dialoge führen und Gedanken äußern: das ist mitunter ein bisschen dick aufgetragen. Zugegeben: in diesem Teenageralter denkt man ja, alles und alles besser zu wissen und zu verstehen, aber diese hier teilweise präsentierte gedankliche Abgeklärtheit der Jugendlichen, die sich natürlich in ihren späteren Lebensjahren manifestiert und verfestigt, ist nicht immer überzeugend. Die handelnden Figuren haben ja dankenswerter Weise auch deshalb so viel Zeit für ihre Gedankenspiele und emotionalen Verwirrungen, weil sie offenbar genug Geld haben, um nicht richtig arbeiten zu müssen. Da wird im späten Alter noch studiert, ohne messbaren Erfolg geschrieben und anderweitig dilettiert, sodass es durchaus die Frage rechtfertigt, ob Menschen mit realem Leben, d.h. echtem Berufsstress auch zu all dieser Passivität und Leidenslust in der Lage gewesen wären. Wie dem auch sei: der Roman thematisiert den Schmerz und den Umgang damit in beeindruckender Weise, aber zugleich fängt er auch viele (moderne) Nebenthemen schön ein und bereitet sie auch passend auf. Die Fragen, wann man den Ansprüchen der eigenen Familie genügt, ob man dies überhaupt tun muss, wann man für Kinder bereit ist und wieviel Kinder ertragen können, ob man glücklich sein kann oder es gar nicht gezielt sein sollte oder auch wie weit man sich anpassen muss, um eine Beziehung führen zu können, werden aufgegriffen und in mehr oder weniger größerem Umfang mit Lösungsansätzen versehen, die von den Handelnden selbst stammen und wechselseitig reflektiert werden. Gerade der Umgang mit Schwächen prägt viele der Charaktere und das gegenseitige, wenngleich manchmal späte Eingestehen dieser Schwächen, gibt den Figuren eine angenehm profunde Substanz. Hinzu kommt, dass man sich während der Lektüre immer wieder selbst Fragen zum eigenen Leben stellen kann, die mittels der Gedanken und Dialoge der Handelnden hervorgerufen werden. Insbesondere die Überlegung, wann Zeit verloren ist und ob man sie gerne zurückgewinnen würde, oder ob man den Lauf des Lebens als solchen akzeptiert, ist ein durchaus metaphysisches Grundproblem, mit dem man sich zur Stärkung der eigenen Zufriedenheit durchaus einmal befassen kann. Wenn man zudem akzeptiert, dass man aus glücklichen Umständen keine guten Geschichten kreieren kann, wird man anerkennen, dass Wells mit diesem teilweise tragischen Roman ein wirklich gutes Stück Literatur gelungen ist. Hinzu kommt, dass auch dieser Roman in der vorgetragenen Version einen ganz eigenen Charakter entwickelt, was nicht nur der Verdienst des Sprechers ist, sondern ebenfalls den sprachlichen Fähigkeiten Wells‘ zuzuschreiben ist. Denn beileibe nicht jeder gute Roman gibt auch ein gutes Hörbuch.

Erst vor kurzem konnte ich die hervorragend umgesetzte Hörbuchversion des Erstlingswerks von Benedict Wells, „Becks letzter Sommer“, genießen und habe mich deshalb sehr auf die neue Audio CD seines inzwischen vierten Romans, „Vom Ende der Einsamkeit“, gefreut. Wieder kann man attestieren, dass ein Sprecher gefunden wurde, der den Roman exzellent eingelesen hat. Zum einen hat Robert Stadlober einen Heimvorteil, wenn es darum geht den (einzigen) österreichischen Charakter richtig zu intonieren, zum anderen kann er aber auch die emotionale Flachheit der Hauptperson Jules gut transportieren, der sich trotz der zahlreichen Schicksalsschläge, die ihn im Laufe der Geschichte ereilen, bisweilen anhört, wie wenn er alles durch einen Nebel wahrnähme. Bei einigen Dialogen war mir die Sprecherleistung persönlich nicht pointiert genug, sodass man erst aus dem Kontext erkennen musste, wer da welchen Satz zu verantworten hatte. Aber ansonsten war ich rein akustisch sehr zufrieden mit der CD.

Die Geschichte selbst wurde schon vielfach und überwiegend positiv besprochen, und in diesen Kanon kann ich mich auch einreihen. Wells ist wirklich ein guter Erzähler, wenngleich er auch diesmal einige Längen und kleinere Durststrecken zu verzeichnen hat, bei denen man sich – gerade beim Zuhören – denkt: Nun komm mal zum Punkt. Der Protagonist Jules verliert als Kind erst seine Eltern durch einen Autounfall, muss sich dann mit seinen beiden älteren Geschwistern Marty und Liz in einem Internat behaupten und wandelt sich vom wagemutigen Kind zu einem zurückgezogenen unsicheren Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Er hat über die normalen pubertären Gefühlswallungen hinaus Schwierigkeiten bei der Selbstfindung und Selbstbehauptung in der Welt, die eigentlich bis zum Schlusssatz des Romans andauern. Und er schafft es, trotz seiner Geschwister und trotz wohlmeinender Menschen um ihn herum einsam zu sein und zu bleiben. Seine vermeintliche Jugendliebe Alva verliert er nach der Schule aus den Augen, kämpft nicht stark genug darum, bei ihr bleiben zu können und erst Jahre später kommen die beiden als das Paar zusammen, das er sich stets erwünscht hatte. Dass Jules auch noch in dieser Situation die nächsten Bosheiten des Schicksals verkraften muss, macht den Roman insgesamt sehr schwermütig.

Sprachlich setzt Wells wieder viele Glanzlichter, die sich vor allem gesprochen wunderbar im Kopf nachhallen lassen. Allerdings übertreibt er es manchmal mit der philosophischen Tiefgründigkeit der Figuren, vor allem, wenn man rekapituliert, was Jules und Alva in ihren Schultagen für Dialoge führen und Gedanken äußern: das ist mitunter ein bisschen dick aufgetragen. Zugegeben: in diesem Teenageralter denkt man ja, alles und alles besser zu wissen und zu verstehen, aber diese hier teilweise präsentierte gedankliche Abgeklärtheit der Jugendlichen, die sich natürlich in ihren späteren Lebensjahren manifestiert und verfestigt, ist nicht immer überzeugend. Die handelnden Figuren haben ja dankenswerter Weise auch deshalb so viel Zeit für ihre Gedankenspiele und emotionalen Verwirrungen, weil sie offenbar genug Geld haben, um nicht richtig arbeiten zu müssen. Da wird im späten Alter noch studiert, ohne messbaren Erfolg geschrieben und anderweitig dilettiert, sodass es durchaus die Frage rechtfertigt, ob Menschen mit realem Leben, d.h. echtem Berufsstress auch zu all dieser Passivität und Leidenslust in der Lage gewesen wären.

Wie dem auch sei: der Roman thematisiert den Schmerz und den Umgang damit in beeindruckender Weise, aber zugleich fängt er auch viele (moderne) Nebenthemen schön ein und bereitet sie auch passend auf. Die Fragen, wann man den Ansprüchen der eigenen Familie genügt, ob man dies überhaupt tun muss, wann man für Kinder bereit ist und wieviel Kinder ertragen können, ob man glücklich sein kann oder es gar nicht gezielt sein sollte oder auch wie weit man sich anpassen muss, um eine Beziehung führen zu können, werden aufgegriffen und in mehr oder weniger größerem Umfang mit Lösungsansätzen versehen, die von den Handelnden selbst stammen und wechselseitig reflektiert werden. Gerade der Umgang mit Schwächen prägt viele der Charaktere und das gegenseitige, wenngleich manchmal späte Eingestehen dieser Schwächen, gibt den Figuren eine angenehm profunde Substanz. Hinzu kommt, dass man sich während der Lektüre immer wieder selbst Fragen zum eigenen Leben stellen kann, die mittels der Gedanken und Dialoge der Handelnden hervorgerufen werden. Insbesondere die Überlegung, wann Zeit verloren ist und ob man sie gerne zurückgewinnen würde, oder ob man den Lauf des Lebens als solchen akzeptiert, ist ein durchaus metaphysisches Grundproblem, mit dem man sich zur Stärkung der eigenen Zufriedenheit durchaus einmal befassen kann.

Wenn man zudem akzeptiert, dass man aus glücklichen Umständen keine guten Geschichten kreieren kann, wird man anerkennen, dass Wells mit diesem teilweise tragischen Roman ein wirklich gutes Stück Literatur gelungen ist. Hinzu kommt, dass auch dieser Roman in der vorgetragenen Version einen ganz eigenen Charakter entwickelt, was nicht nur der Verdienst des Sprechers ist, sondern ebenfalls den sprachlichen Fähigkeiten Wells‘ zuzuschreiben ist. Denn beileibe nicht jeder gute Roman gibt auch ein gutes Hörbuch.

geschrieben am 03.06.2016 | 776 Wörter | 4495 Zeichen

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