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Klage


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Klage Cool is auch, was danach passiert. »Die Politiker wissen real nichts vom Leid, vom Warten, vom Abgestellt- und Ausgesetztsein, ausgeliefert der Stille und der Angst, dass das große Nichts eintritt«, schreibt Rainald Goetz in seinem Internet-Tagebuch namens »Klage«. »Woher weiß er das? Es gibt, wenn man diese These vertritt und man im Regierungsviertel unterwegs ist, eine ebenso bewährte wie literarisch und publizistisch produktive Methode, den Politikern nahezukommen: Man fragt sie«, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Die FAS bedient sich eines leicht durchschaubaren rhetorischen Tricks. Mit ihrer Frage, woher der Autor seine Behauptung denn wisse, suggeriert sie, er würde es nicht wissen, um sogleich ihre eigene Weisheit aufdrücken zu können. Der Quark wird von der FAS weiter getreten: »Und was antwortet dann wohl ein Franz Müntefering, dessen Frau gegen die Krankheit kämpft, ein Peter Struck, der einen Schlaganfall überlebt hat, ein Horst Seehofer, der zwischen Leben und Tod schwebte, was schließlich ein Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble auf die Frage nach der Angst vor dem großen Nichts? Einfach schon mal festzustellen, dass die ‚real nichts wissen’.« Unvorstellbar ist für den Rezensenten der FAS, dass Rainald Goetz es wissen könnte. Der Wissende ist dem Nichtwissenden suspekt. Ein weiteres schönes Beispiel ist eine kleine Anekdote über Joschka Fischer, mit der Goetz so viel erzählt über die Mentalität der führenden Köpfe von Rot-Grün. »Fischer, der sogenannte Außenminister a. D., kam um 19 Uhr 19 allein in die Akademie und war davon irritiert, dass das Erscheinen seines kleinen, tönchenhaft voluminösen Körpers hier überhaupt keine Reaktion hervorrief. Er stand da mitten in der Eingangshalle, Bauch rausgestreckt, Kopf nach hinten ins Kreuz gehängt, Missmut im Gesicht, und keiner reagierte. Niemand kam auf ihn zu, niemand war bei ihm, hinter ihm, nichts. Auch die Frau am eigens rechts aufgebauten Kartentisch sah den Minister a. D. zwar, stürzte aber nicht sofort zu ihm. Sie war der eher ruhigere Typ Mensch und außerdem gerade noch mit einem anderen Kunden im Gespräch. In die Leere des Raums vor sich, in Richtung dieser Frau sagte Fischer ziemlich laut: - wo finde ich denn jemand von den Organisatoren? - sie: hja, hm?, äh - da muss doch irgendjemand da sein?! - wen meinen Sie denn? - na, den Herrn Malchow zum Beispiel! - sie: hm, ja Die Frau wurde immer ruhiger, umso ruhiger, je heftiger Fischer seinem Unwillen Ausdruck gab. Er war von den Widrigkeiten der Situation hier jetzt schon richtig enragiert, offen empört und herrisch sagte er: - wo sind die denn?! Die Frau sagte jetzt nichts mehr, in totaler Zeitlupe kam sie hinter ihrem Tresen hervor, null aktiviert oder gar alarmiert von Fischers absurder Hysterie, gerne hilfreich, ganz gelassen ratlos, vielleicht von einem schwachen, nicht ganz zu Ende gedachten Nebengedanken angeweht wie: was hat denn der kleine Dicke da für ein Problem? Als hätte Fischer diese unverschämte Frage körperlich empfangen, als würden ihm hier gemeinerweise und absichtlich bestimmte Hintergrundinformationen vorenthalten, rief er wütend aus: - die müssen doch irgendwo sein!, wo sind die denn?! « Goetz eigener Kommentar zu dem am 6. März 2008 ins Netz Gestellten und zwei Tage zuvor Erlebten geht an die Substanz: »Das ist der traurige Geisteszustand in dem sich unsere rot-grünen Politrentner befinden«, stellt er lakonisch fest. Die veröffentlichten Reaktionen in den sogenannten deutschen Leitmedien sprechen Bände über die Befindlichkeiten in diesem Lande. Da der Schriftsteller Rainald Goetz sein Tagebuch im Internet führte, also quasi öffentlich, provozierte er diese Reaktionen, die nun die gedruckte Fassung von »Klage« erst als Kunst erstrahlen lassen. Plotten wir wieder die FAS mit ihrer Rezension gegen das elektronische Diarium aus Berlin-Mitte.: »Jeder ist anders, aber ich für meinen Teil vermag in Joschka Fischer, der uns nicht nur in Tausenden von Interviews, sondern auch mit bestverkauften Memoirenbänden über jede Windung seines Lebens, seiner Politik und seiner Leibesfülle informiert hat, keinen opaken Dunkelmann der Macht zu sehen. Ich weiß schon jetzt viel zu viel über ihn«, schreibt Nils Minkmar, uns über allerlei belehrend. Wir erfahren nicht nur, dass jeder anders ist (aha), sondern auch, dass der Journalist Joschka Fischer genau kennt (hört hört). Damit nicht genug: Er kennt ihn aufgrund seiner zahlreichen Interviews und Bücher. Das ist interessant. Wahrscheinlich beherrscht Minkmar eine spezielle spirituelle Technik des Chanelns, um zwischen den Zeilen das Ungesagte zu entdecken. Dass man, insbesondere als Außenminister, sehr viel redet, ohne etwas zu sagen, scheint ihm dagegen noch nicht aufgefallen zu sein. »Klage« ist ein Versuch gewesen, Literatur noch im Bereich des Möglichen zu produzieren. Vor zwanzig Jahren sah Goetz die Form des Theaters als die potenziell mögliche an, vor zehn Jahren arbeitete er mit DJs. Dieses Tagebuch, das Goetz auf der Internet-Seite von Vanity Fair auf Veranlassung des damaligen Chefredakteurs Ulf Poschardt geführt hat, erscheint nun gediegen gebunden. Suhrkamp hat daraus ein Buch gemacht, obwohl es so gar keines sein will. Was könnte deutlicher diese Widersprüchlichkeit zuspitzen als der schwer seriös daherkommende dunkelblaue Leineneinband. Die heftige Reaktion der Kritiker ist die beste Bestätigung vom Projekt und den Goetzschen Notaten über den grenzdebilen Alltag in der postmortalen Welt am Anfang des 21. Jahrhunderts. Die FAS kommt zum Ergebnis: »Es kommt erschreckend wenig raus bei diesem Angriff auf die gesellschaftlichen Subsysteme mit disparaten Mitteln« und will sich eigentlich nur verteidigen. Denn worum es der Zeitung wirklich geht, erfährt der FAS-Leser nach einer langen Aufzählung von in »Klage« Kritisierten nebenbei: Das alles sei »noch gar nichts gegen das, was Goetz für so gut wie alle Kollegen dieses Feuilletons bereithält«. Aha. Deswegen der ausführliche Verriss. Wesentlich differenzierter die Besprechung der Süddeutschen Zeitung, die Goetzens elektronische Notate ausführlich zitiert. Rainald Goetz regt sich über eine Schlagzeile der taz auf, in der diese den Rücktritt Steinmeiers fordert: »Die ressentimentabgesicherte Verhöhnung derer, die in den Apparaten Entscheidungen treffen und dabei wirklich Verantwortungslast übernehmen, ist reaktionäre Antiaufklärung, so gesellschaftsschädlich und verblödet wie die Autoritätsfixierung und Apparategläubigkeit von vor 68.« Goetz sieht die linke Tageszeitung hier in Augenhöhe der Bildzeitung. Die Süddeutsche setzt sich davon ab. Sie hingegen kürt Goetz zum »Zeitgenossen des Jahres«. Vielleicht als prophylaktischen Angriffs-Schutz. Lieber Rainald Goetz, deshalb schlage ich vor, die Klage fortzusetzen - vielleicht unter dem Titel »Berufung«. Hier könnte die Kritik mit einbezogen werden: Wie ein Bild, bei dem jemand in den Spiegel schaut und sich dabei in einem Spiegel sieht und in einem Spiegel und in einem Spiegel.

Cool is auch, was danach passiert.

weitere Rezensionen von Matthias Pierre Lubinsky


»Die Politiker wissen real nichts vom Leid, vom Warten, vom Abgestellt- und Ausgesetztsein, ausgeliefert der Stille und der Angst, dass das große Nichts eintritt«, schreibt Rainald Goetz in seinem Internet-Tagebuch namens »Klage«.

»Woher weiß er das? Es gibt, wenn man diese These vertritt und man im Regierungsviertel unterwegs ist, eine ebenso bewährte wie literarisch und publizistisch produktive Methode, den Politikern nahezukommen: Man fragt sie«, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Die FAS bedient sich eines leicht durchschaubaren rhetorischen Tricks. Mit ihrer Frage, woher der Autor seine Behauptung denn wisse, suggeriert sie, er würde es nicht wissen, um sogleich ihre eigene Weisheit aufdrücken zu können. Der Quark wird von der FAS weiter getreten: »Und was antwortet dann wohl ein Franz Müntefering, dessen Frau gegen die Krankheit kämpft, ein Peter Struck, der einen Schlaganfall überlebt hat, ein Horst Seehofer, der zwischen Leben und Tod schwebte, was schließlich ein Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble auf die Frage nach der Angst vor dem großen Nichts? Einfach schon mal festzustellen, dass die ‚real nichts wissen’.« Unvorstellbar ist für den Rezensenten der FAS, dass Rainald Goetz es wissen könnte. Der Wissende ist dem Nichtwissenden suspekt.

Ein weiteres schönes Beispiel ist eine kleine Anekdote über Joschka Fischer, mit der Goetz so viel erzählt über die Mentalität der führenden Köpfe von Rot-Grün. »Fischer, der sogenannte Außenminister a. D., kam um 19 Uhr 19 allein in die Akademie und war davon irritiert, dass das Erscheinen seines kleinen, tönchenhaft voluminösen Körpers hier überhaupt keine Reaktion hervorrief. Er stand da mitten in der Eingangshalle, Bauch rausgestreckt, Kopf nach hinten ins Kreuz gehängt, Missmut im Gesicht, und keiner reagierte. Niemand kam auf ihn zu, niemand war bei ihm, hinter ihm, nichts. Auch die Frau am eigens rechts aufgebauten Kartentisch sah den Minister a. D. zwar, stürzte aber nicht sofort zu ihm. Sie war der eher ruhigere Typ Mensch und außerdem gerade noch mit einem anderen Kunden im Gespräch. In die Leere des Raums vor sich, in Richtung dieser Frau sagte Fischer ziemlich laut:

- wo finde ich denn jemand von den Organisatoren?

- sie: hja, hm?, äh

- da muss doch irgendjemand da sein?!

- wen meinen Sie denn?

- na, den Herrn Malchow zum Beispiel!

- sie: hm, ja

Die Frau wurde immer ruhiger, umso ruhiger, je heftiger Fischer seinem Unwillen Ausdruck gab. Er war von den Widrigkeiten der Situation hier jetzt schon richtig enragiert, offen empört und herrisch sagte er:

- wo sind die denn?!

Die Frau sagte jetzt nichts mehr, in totaler Zeitlupe kam sie hinter ihrem Tresen hervor, null aktiviert oder gar alarmiert von Fischers absurder Hysterie, gerne hilfreich, ganz gelassen ratlos, vielleicht von einem schwachen, nicht ganz zu Ende gedachten Nebengedanken angeweht wie: was hat denn der kleine Dicke da für ein Problem? Als hätte Fischer diese unverschämte Frage körperlich empfangen, als würden ihm hier gemeinerweise und absichtlich bestimmte Hintergrundinformationen vorenthalten, rief er wütend aus:

- die müssen doch irgendwo sein!, wo sind die denn?! «

Goetz eigener Kommentar zu dem am 6. März 2008 ins Netz Gestellten und zwei Tage zuvor Erlebten geht an die Substanz: »Das ist der traurige Geisteszustand in dem sich unsere rot-grünen Politrentner befinden«, stellt er lakonisch fest.

Die veröffentlichten Reaktionen in den sogenannten deutschen Leitmedien sprechen Bände über die Befindlichkeiten in diesem Lande. Da der Schriftsteller Rainald Goetz sein Tagebuch im Internet führte, also quasi öffentlich, provozierte er diese Reaktionen, die nun die gedruckte Fassung von »Klage« erst als Kunst erstrahlen lassen. Plotten wir wieder die FAS mit ihrer Rezension gegen das elektronische Diarium aus Berlin-Mitte.: »Jeder ist anders, aber ich für meinen Teil vermag in Joschka Fischer, der uns nicht nur in Tausenden von Interviews, sondern auch mit bestverkauften Memoirenbänden über jede Windung seines Lebens, seiner Politik und seiner Leibesfülle informiert hat, keinen opaken Dunkelmann der Macht zu sehen. Ich weiß schon jetzt viel zu viel über ihn«, schreibt Nils Minkmar, uns über allerlei belehrend. Wir erfahren nicht nur, dass jeder anders ist (aha), sondern auch, dass der Journalist Joschka Fischer genau kennt (hört hört). Damit nicht genug: Er kennt ihn aufgrund seiner zahlreichen Interviews und Bücher. Das ist interessant. Wahrscheinlich beherrscht Minkmar eine spezielle spirituelle Technik des Chanelns, um zwischen den Zeilen das Ungesagte zu entdecken. Dass man, insbesondere als Außenminister, sehr viel redet, ohne etwas zu sagen, scheint ihm dagegen noch nicht aufgefallen zu sein.

»Klage« ist ein Versuch gewesen, Literatur noch im Bereich des Möglichen zu produzieren. Vor zwanzig Jahren sah Goetz die Form des Theaters als die potenziell mögliche an, vor zehn Jahren arbeitete er mit DJs. Dieses Tagebuch, das Goetz auf der Internet-Seite von Vanity Fair auf Veranlassung des damaligen Chefredakteurs Ulf Poschardt geführt hat, erscheint nun gediegen gebunden. Suhrkamp hat daraus ein Buch gemacht, obwohl es so gar keines sein will. Was könnte deutlicher diese Widersprüchlichkeit zuspitzen als der schwer seriös daherkommende dunkelblaue Leineneinband.

Die heftige Reaktion der Kritiker ist die beste Bestätigung vom Projekt und den Goetzschen Notaten über den grenzdebilen Alltag in der postmortalen Welt am Anfang des 21. Jahrhunderts. Die FAS kommt zum Ergebnis: »Es kommt erschreckend wenig raus bei diesem Angriff auf die gesellschaftlichen Subsysteme mit disparaten Mitteln« und will sich eigentlich nur verteidigen. Denn worum es der Zeitung wirklich geht, erfährt der FAS-Leser nach einer langen Aufzählung von in »Klage« Kritisierten nebenbei: Das alles sei »noch gar nichts gegen das, was Goetz für so gut wie alle Kollegen dieses Feuilletons bereithält«. Aha. Deswegen der ausführliche Verriss.

Wesentlich differenzierter die Besprechung der Süddeutschen Zeitung, die Goetzens elektronische Notate ausführlich zitiert. Rainald Goetz regt sich über eine Schlagzeile der taz auf, in der diese den Rücktritt Steinmeiers fordert: »Die ressentimentabgesicherte Verhöhnung derer, die in den Apparaten Entscheidungen treffen und dabei wirklich Verantwortungslast übernehmen, ist reaktionäre Antiaufklärung, so gesellschaftsschädlich und verblödet wie die Autoritätsfixierung und Apparategläubigkeit von vor 68.« Goetz sieht die linke Tageszeitung hier in Augenhöhe der Bildzeitung. Die Süddeutsche setzt sich davon ab. Sie hingegen kürt Goetz zum »Zeitgenossen des Jahres«. Vielleicht als prophylaktischen Angriffs-Schutz.

Lieber Rainald Goetz, deshalb schlage ich vor, die Klage fortzusetzen - vielleicht unter dem Titel »Berufung«. Hier könnte die Kritik mit einbezogen werden: Wie ein Bild, bei dem jemand in den Spiegel schaut und sich dabei in einem Spiegel sieht und in einem Spiegel und in einem Spiegel.

geschrieben am 26.11.2008 | 1029 Wörter | 5959 Zeichen

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