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Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau.


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau. Botho Strauß hat uns durchschaut. Uns grenzdebile Masse zwischen Konsumismus und Wirtschaftskrise. Er hält der Gesellschaft, an deren Rand er in der Uckermark lebt, den Spiegel vor. Manches, was er schreibt, ist schwer verständlich. Durchwoben vom allenthalben besungenen Bildungskanon - den keiner kennt. Zwischen den mythologisch-schweren Büchern scheint er sich regelmäßig selbst zu erholen durch ein leichtes Theaterstück. Leicht allerdings nicht im Inhalt, sondern lediglich in der Form. Medium und Transportmittel. Mit seinem jüngsten Stück »Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau« hat der 1944 in Naumburg an der Saale Geborene wiederum ins Schwarze getroffen. Hier geht es um verschiedene Frauen, deren Vornamen alle mit K beginnen. Oder ist es etwa immer dieselbe Frau? Herrlich ist es, mitzuerleben, wie sie in ihren Taschen wühlen. Ohne fündig zu werden. »Ich finde mein Pillendöschen nicht. Das silberne mit der Achatnuß auf dem Deckel. Das ständige Suchen nach Schlüsseln, Handys, Kreditkarten. Das ständige Abklopfen aller Taschen in sämtlichen Kleidungsstücken. Und wiederum das Suchen nach Schlüsseln, Pillen, Handys und Kreditkarten.« Die Agonie der Sprache als Ausweis der Abwesenheit von Geist. Worthülsen werden senil hin- und hergeworfen. Dem anderen wird nicht zugehört. Man selbst kennt sich nicht. Kein Kontakt zu nichts. Die einzige Perzeptionsbasis und Selbstdefinition läuft über Mobiltelephon, Kreditkarte, Porsche Cayen. Botho Strauß’ Bücher und Theaterstücke sind Seismographen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, seine Dramen seien keine Tragödien, sondern Gesellschaftskomödien, - »die einzigen, die wir haben«. Kaum ein anderer kann uns so lakonisch beschreiben, wie es Strauß gelingt: »Kathinka trägt ein langes T-Shirt, unruhig gemustert mit lauter kleinen Orchesterinstrumenten; sie sieht eher aus wie ein streunendes Mädchen als eine Expertin für innovative Prothesentechnologie«. Vor 25 Jahren las sich seine Beschreibung der herrschenden Philisterklasse so (»Paare Passanten«): »Schwangerenrat trifft sich dienstags bei Helen, nur der Hausmeister bleibt ein alter mürrischer Einsiedel. Aufgeklärt, blaß, gerade das Rauchen aufgegeben, etwas fettiges Haar, Jeans und T-Shirt und darüber eine folkloristische Strickware, nach immer mehr Aufklärung dürstend (‚Literatur’ nennen sie’s kurz und umfassend), am liebsten die permanente Diskussion, um sich vor Glück, Unglück und anderen Unbegreiflichkeiten zu schützen. Helens Mann, Jurist, blond, stark gelichtetes Kopfhaar, Kinnbart, ist im vierten Monat ihrer Schwangerschaft in die SPD eingetreten. Seine Neigung zu skandinavischen Abholmöbeln hat sich bei der Einrichtung ihrer Dreieinhalbzimmer-Wohnung durchgesetzt.« Nun sind sie alt geworden, die Post-68er. Sie können sich zwar alles leisten, aber ihr Sex ist fade. Zur Partei kann man sich im Bekanntenkreis nicht mehr bekennen. Der Lehrerberuf stresst. Die eigenen Kinder hören nicht. Das Leben zieht vorüber. So könnte über dem ganzen als Motto stehen aus dem Stück ein Satz des Sohnes: »Warte hier. Bis alles vorbei ist.«

Botho Strauß hat uns durchschaut. Uns grenzdebile Masse zwischen Konsumismus und Wirtschaftskrise. Er hält der Gesellschaft, an deren Rand er in der Uckermark lebt, den Spiegel vor. Manches, was er schreibt, ist schwer verständlich. Durchwoben vom allenthalben besungenen Bildungskanon - den keiner kennt.

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Zwischen den mythologisch-schweren Büchern scheint er sich regelmäßig selbst zu erholen durch ein leichtes Theaterstück. Leicht allerdings nicht im Inhalt, sondern lediglich in der Form. Medium und Transportmittel. Mit seinem jüngsten Stück »Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau« hat der 1944 in Naumburg an der Saale Geborene wiederum ins Schwarze getroffen. Hier geht es um verschiedene Frauen, deren Vornamen alle mit K beginnen. Oder ist es etwa immer dieselbe Frau? Herrlich ist es, mitzuerleben, wie sie in ihren Taschen wühlen. Ohne fündig zu werden.

»Ich finde mein Pillendöschen nicht. Das silberne mit der Achatnuß auf dem Deckel. Das ständige Suchen nach Schlüsseln, Handys, Kreditkarten.

Das ständige Abklopfen aller Taschen in sämtlichen Kleidungsstücken.

Und wiederum das Suchen nach Schlüsseln, Pillen, Handys und Kreditkarten.«

Die Agonie der Sprache als Ausweis der Abwesenheit von Geist. Worthülsen werden senil hin- und hergeworfen. Dem anderen wird nicht zugehört. Man selbst kennt sich nicht. Kein Kontakt zu nichts. Die einzige Perzeptionsbasis und Selbstdefinition läuft über Mobiltelephon, Kreditkarte, Porsche Cayen. Botho Strauß’ Bücher und Theaterstücke sind Seismographen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, seine Dramen seien keine Tragödien, sondern Gesellschaftskomödien, - »die einzigen, die wir haben«. Kaum ein anderer kann uns so lakonisch beschreiben, wie es Strauß gelingt: »Kathinka trägt ein langes T-Shirt, unruhig gemustert mit lauter kleinen Orchesterinstrumenten; sie sieht eher aus wie ein streunendes Mädchen als eine Expertin für innovative Prothesentechnologie«. Vor 25 Jahren las sich seine Beschreibung der herrschenden Philisterklasse so (»Paare Passanten«):

»Schwangerenrat trifft sich dienstags bei Helen, nur der Hausmeister bleibt ein alter mürrischer Einsiedel. Aufgeklärt, blaß, gerade das Rauchen aufgegeben, etwas fettiges Haar, Jeans und T-Shirt und darüber eine folkloristische Strickware, nach immer mehr Aufklärung dürstend (‚Literatur’ nennen sie’s kurz und umfassend), am liebsten die permanente Diskussion, um sich vor Glück, Unglück und anderen Unbegreiflichkeiten zu schützen. Helens Mann, Jurist, blond, stark gelichtetes Kopfhaar, Kinnbart, ist im vierten Monat ihrer Schwangerschaft in die SPD eingetreten. Seine Neigung zu skandinavischen Abholmöbeln hat sich bei der Einrichtung ihrer Dreieinhalbzimmer-Wohnung durchgesetzt.«

Nun sind sie alt geworden, die Post-68er. Sie können sich zwar alles leisten, aber ihr Sex ist fade. Zur Partei kann man sich im Bekanntenkreis nicht mehr bekennen. Der Lehrerberuf stresst. Die eigenen Kinder hören nicht. Das Leben zieht vorüber. So könnte über dem ganzen als Motto stehen aus dem Stück ein Satz des Sohnes:

»Warte hier. Bis alles vorbei ist.«

geschrieben am 08.05.2009 | 428 Wörter | 2648 Zeichen

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