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Zigeuner


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Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Zigeuner Der Autor sieht sich auch nicht in der Position, eine irgendwie geartete Moralkeule über den von ihm portraitierten Menschen zu schwingen. Schließlich möchte er sich auch von Betroffenheitsliteratur distanziert sehen. Dennoch spricht er selbstverständlich die Probleme des Zusammenlebens mit den Zigeunern, sei es in ihrem heimatlichen Lebensraum, sei es nach ihrer Migration Richtung Westen an, dazu aber auch ihre zahlreichen und heftigen Querelen untereinander. Es bleibt also nicht bei der bloßen Beobachtung, sondern diese wird beschreibend und bewertend ergänzt, wenngleich es für meinen Geschmack manchmal doch mehr als der erlebten Geschichten bedurft hätte, um ein angesprochenes Thema gelungen abzurunden. Denn Konsequenzen vorzuschlagen oder gar belehrende Schlussfolgerungen zu machen, dazu lässt sich der Autor nicht hinreißen - dies würde die Komposition seines Buches empfindlich stören. Dadurch entsteht aber eben manchmal der schale Eindruck eines angerissenen, aber nicht zu Ende gedachten Problems, manifestiert vor allem durch die fehlenden allgemein(gültig)en Ausführungen und die dafür im Übermaß vorhandenen Einzelbetrachtungen und Erlebnisberichte. Diese sind letzten Endes aber alle interessant, amüsant, tragisch und in vielen weiteren Facetten der Gefühlswelt zu beschreiben und der Autor vermag es, seine eigenen Empfindungen, selbst wenn sie auf Fehleinschätzungen beruhten, authentisch nachzuzeichnen. Unterteilt in 14 Kapitel hat der Autor den jeweiligen Berichten ein Thema gegeben und so eine ansprechende inhaltliche Gruppierung seiner Erlebnisse vorgenommen. Beginnend mit dem „Preis der Freiheit“ berichtet er von den harten Zeiten nach dem Fall des eisernen Vorhangs, verschäft später durch die Anforderungen der kapitalistischen Marktwirtschaft und die Unfähigkeit zur effektiven und wirtschaftlichen Selbstorganisation der Stämme bzw. Dörfer. Das ist auch ein Aspekt im Kapitel „Träume und Traumata“, wo ein hoffnungsvoll gestartetes, aber nach Wegzug des Gründers jäh in sich zusammenfallendes Aufbauprojekt für ein Dorf beschrieben wird. In „Orakel und faule Zauber“ widmet sich der Autor den Hellseherinnen und Hexen, insbesondere den aberwitzigen Folgen, wenn diese wie seit neuestem Steuern auf ihre Tätigkeit entrichten müssten. Dass da die Frage der Gewährleistung auftaucht, ist natürlich ein voraussehbarer Scherz. Erschütternd sind die Ausführungen in „Aus der Zeit gefallen“, wenn über die vergeblichen Versuche des traditionellen Handwerks geschrieben wird, mit der Moderne Schritt zu halten, aber erst recht, wenn das Leben auf der Müllkippe von Oradea nachgezeichnet wird: wie wenig kann ein Mensch denn Wert sein? Nahtlos gehen die schlimmen Gedanken über in den „Sumpf des Hasses“, wo von Anschlägen und der mangelnden Aufklärung derselben berichtet wird, aber auch von der unmöglichen Rekonstruktion der Wahrheit, wenn jeder jeden der Lüge bezichtigt. Ein erster Umschwung des Buches findet statt, als der Autor über die gewonnene Erkenntnis berichtet, dass doch nachweisbare Gewalt von Roma ausgeht und nicht nur in Einzelfällen, dies am Beispiel Ungarn. Nach gut der Hälfte des Buches kommt der Autor dann endlich einmal in eine Fahrtrichtung, die ich mir schon viel früher gewünscht hätte. Er berichtet über die von verworrener Dogmatik und Lebensferne geprägten Forscher und Institute, die sich der Bekämpfung des Antiziganismus verschrieben haben. Dabei deckt er nicht nur logische und fachliche Fehler auf, sondern beschreibt auch schön das Denkkarussell, in dem sich die Mitglieder dieser Zirkel befinden: das Forschungssubjekt wird mit dem Generalverdacht „Opferstatus“ versehen, Tatsächliches wird ausgeblendet, insbesondere was die Prämisse der Schutzbedürftigkeit der vermeintlichen Opfer stören könnte, aber es wird auch schön erklärt, dass das stete Verharren im Status der Diskriminierung auf Dauer verhindert, dass man sich innerhalb der Gesellschaft auf Augenhöhe gegenübersteht. Auch die nur allzu bereitwillig als Claqueure herbeispringenden Linksintellektuellen kriegen das Fett ab, das ihnen gebührt. Und auch der Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland samt dessen rührigen Vorsitzenden sowie verschiedene angegliederte Institutionen (siehe v.a. Kapitel 14) werden kritisch beleuchtet, insbesondere der sprachliche Wandel, der an dem Vorsitzenden selbst über die Jahrzehnte hin auszumachen ist, und die Multifunktionalität einiger Vorstandsmitglieder, die die Validität ihrer Publikationen und angeblichen Forschungsergebnisse ohne viel Argumentationsaufwand rasch ad absurdum führt. Letzten Endes arbeitet der Autor heraus, dass all diese Akteure keinen Beitrag zur faktischen Verbesserung der Lebenssituation der Betroffenen erbringen, dass die vornehmlich theoretisch beteiligte Wissenschaft diese Lebenssituation nicht einmal begreift - wie auch, wenn man sich nicht in die Problemgebiete vor Ort begibt, sondern nur mit fragwürdigen theoretisch-analytischen Methoden sprachliche Vergehen anderer zu ächten gewillt ist und dabei mitunter völlig absurde Vergleiche zum immer wieder als Totschlagsargument herbeigezogenen Naziregime gegen andere Bevölkerungsgruppen wie die Juden zieht. Dabei kommt fast schon zynisch hinzu, dass sich beileibe nicht alle „Zigeuner“ unter den „Schutz“ des genannten Zentralrats gestellt sehen wollen, vielmehr Roma und Sinti keineswegs alle unter einen Hut zu bringen sind, ja sogar bestimmte Roma keinesfalls von Sinti vertreten werden wollen und umgekehrt und es daneben durchaus Gruppen gibt, die sich selbstbewusst Zigeuner nennen und das keinesfalls als Beleidigung ansehen. Dazu analysiert der Autor treffend, dass sich gerade öffentliche Stellen sehr wohl der diskriminierenden Wirkung bewusst sein müssen, wenn sie „Roma-Kriminalität“ pauschal als solche bezeichnen, obwohl es bei typischen Delikten, Beispiel Metalldiebstähle, auch etliche andere Trittbrettfahrer gibt, die rein gar nichts mit Roma zu tun haben. Er plädiert deswegen aber völlig zu Recht dafür, dass Missstände benannt werden können müssen und nicht unter einem falschen Deckmantel der Nichtdiskriminierung das Schweigen öffentlicher Stellen und engagierter Bürger dazu führt, dass redliche Mitglieder jeglicher Minderheiten von wenigen kriminellen Subjekten in Misskredit gezogen werden. Das alles ist sehr spannend zu lesen und könnte eine Kulmination des Buches sein, aber leider geht der Autor dann in den letzten drei Kapiteln wieder zum Duktus des Anfangs zurück und gerät ins Erzählen ohne zielführende Struktur. So werden natürlich noch weitere Themen abgedeckt, etwa ausbeuterische Strukturen innerhalb von Roma-Gemeinden, die Vorliebe ganzer Dörfer für bestimmte Destinationen, etwa der Straßenstrich in Dortmund oder Frankreichs Süden statt Deutschland, die Perversion von Bettelei oder die eigenen Pilgerfahrten der Ziganen. Aber das schon zu Beginn bemängelte strukturlose Dahinfließen der Erzählung ist für das viele Wissen und die unbestreitbare Analysekompetenz des Autors zu wenig. Es hätte zum Beispiel wenig bedurft um das Problem der Verhinderung des Zugangs der Kinder zur Bildung durch die eigenen Väter (Grund: durch Wissen wird die Autorität des Familienoberhauptes schwächer) auch bei anderen sozial schwachen Bevölkerungsgruppen auszumachen, also wiederum ein allgemeines Problem und nicht ein spezifisch ziganes zu erläutern. Und auch das Wiederaufgreifen der Probleme rund um den Zentralrat in Kapitel 14 hätte mit den Punkten, die im Mitteilteil des Buches angesprochen worden waren, besser gebündelt und als Schlusspunkt ausgearbeitet werden können. Stattdessen endet das Buch seicht und nahezu nichtssagend mit einem Wunsch nach Verbesserung der Zustände: wie das passieren soll, bleibt offen. Was bleibt als Fazit? Dieses Buch gibt dem interessierten Leser viel Wissenswertes zum Begreifen und auch zum Nachdenken. Eine einheitliche Volksgruppe der Zigeuner gibt es nicht. Es gibt viele und deutliche regionale Unterschiede und es gibt wie in jeder Bevölkerungsgruppe redliche und unredliche Exemplare. Dazu gibt es - wie so oft bei Minderheiten - keine einheitliche und vor allem keine altruistisch-redliche Lobby, sondern es hat sich mittlerweile eine den Opferstatus weidlich auskostende Anprangerungsindustrie gebildet, die öffentliche Gelder nutzt, um praktisch wenig zielführende Beiträge und Forderungen von sich zu geben, und statt der Eigenständigkeit der Betroffenen nur immer neue Hilfsmittel verlangt. Die wahre Arbeit an den Menschen und für die Menschen wird stattdessen auf Kirche, soziale Einrichtungen und Einzelpersonen abgewälzt, die oft mit der schieren Masse von Neuankömmlingen oder Ansässigen überfordert sind, aber auch mit deren Einstellung zum Leben und zu rechtlichen und moralischen Normen. In puncto Kriminalität kann man aus den Ausführungen des Autors überwiegend völlig richtig entnehmen, dass es dem Grunde nach keine typische Zigeuner- oder Romakriminalität gibt, wohl aber Kriminelle aus dieser Bevölkerungsgruppe wie auch aus anderen. Es gibt dagegen sehr wohl nach innen, also innerhalb der einzelnen Roma-Gruppen, kriminelles Verhalten, etwa das Ausbeuten untereinander und viele Formen mafiöser Strukturen, oft aufgrund der schwachen Stellung der Roma nach außen, aber auch aufgrund der problematischen gesellschaftsinternen Strukturen der Roma in den osteuropäischen Staaten, die ihnen den Zugang zu rechtlichen Möglichkeiten zumindest erschwert. Konkrete Hilfestellungen für den Umgang mit Zigeunern, Roma oder Sinti, egal ob in Deutschland oder in Europa, gibt das Buch leider nicht, nur viele und rege Aspekte zur weiteren Reflektion.

Der Autor sieht sich auch nicht in der Position, eine irgendwie geartete Moralkeule über den von ihm portraitierten Menschen zu schwingen. Schließlich möchte er sich auch von Betroffenheitsliteratur distanziert sehen. Dennoch spricht er selbstverständlich die Probleme des Zusammenlebens mit den Zigeunern, sei es in ihrem heimatlichen Lebensraum, sei es nach ihrer Migration Richtung Westen an, dazu aber auch ihre zahlreichen und heftigen Querelen untereinander. Es bleibt also nicht bei der bloßen Beobachtung, sondern diese wird beschreibend und bewertend ergänzt, wenngleich es für meinen Geschmack manchmal doch mehr als der erlebten Geschichten bedurft hätte, um ein angesprochenes Thema gelungen abzurunden. Denn Konsequenzen vorzuschlagen oder gar belehrende Schlussfolgerungen zu machen, dazu lässt sich der Autor nicht hinreißen - dies würde die Komposition seines Buches empfindlich stören. Dadurch entsteht aber eben manchmal der schale Eindruck eines angerissenen, aber nicht zu Ende gedachten Problems, manifestiert vor allem durch die fehlenden allgemein(gültig)en Ausführungen und die dafür im Übermaß vorhandenen Einzelbetrachtungen und Erlebnisberichte. Diese sind letzten Endes aber alle interessant, amüsant, tragisch und in vielen weiteren Facetten der Gefühlswelt zu beschreiben und der Autor vermag es, seine eigenen Empfindungen, selbst wenn sie auf Fehleinschätzungen beruhten, authentisch nachzuzeichnen.

weitere Rezensionen von Dr. Benjamin Krenberger


Unterteilt in 14 Kapitel hat der Autor den jeweiligen Berichten ein Thema gegeben und so eine ansprechende inhaltliche Gruppierung seiner Erlebnisse vorgenommen. Beginnend mit dem „Preis der Freiheit“ berichtet er von den harten Zeiten nach dem Fall des eisernen Vorhangs, verschäft später durch die Anforderungen der kapitalistischen Marktwirtschaft und die Unfähigkeit zur effektiven und wirtschaftlichen Selbstorganisation der Stämme bzw. Dörfer. Das ist auch ein Aspekt im Kapitel „Träume und Traumata“, wo ein hoffnungsvoll gestartetes, aber nach Wegzug des Gründers jäh in sich zusammenfallendes Aufbauprojekt für ein Dorf beschrieben wird. In „Orakel und faule Zauber“ widmet sich der Autor den Hellseherinnen und Hexen, insbesondere den aberwitzigen Folgen, wenn diese wie seit neuestem Steuern auf ihre Tätigkeit entrichten müssten. Dass da die Frage der Gewährleistung auftaucht, ist natürlich ein voraussehbarer Scherz. Erschütternd sind die Ausführungen in „Aus der Zeit gefallen“, wenn über die vergeblichen Versuche des traditionellen Handwerks geschrieben wird, mit der Moderne Schritt zu halten, aber erst recht, wenn das Leben auf der Müllkippe von Oradea nachgezeichnet wird: wie wenig kann ein Mensch denn Wert sein? Nahtlos gehen die schlimmen Gedanken über in den „Sumpf des Hasses“, wo von Anschlägen und der mangelnden Aufklärung derselben berichtet wird, aber auch von der unmöglichen Rekonstruktion der Wahrheit, wenn jeder jeden der Lüge bezichtigt. Ein erster Umschwung des Buches findet statt, als der Autor über die gewonnene Erkenntnis berichtet, dass doch nachweisbare Gewalt von Roma ausgeht und nicht nur in Einzelfällen, dies am Beispiel Ungarn.

Nach gut der Hälfte des Buches kommt der Autor dann endlich einmal in eine Fahrtrichtung, die ich mir schon viel früher gewünscht hätte. Er berichtet über die von verworrener Dogmatik und Lebensferne geprägten Forscher und Institute, die sich der Bekämpfung des Antiziganismus verschrieben haben. Dabei deckt er nicht nur logische und fachliche Fehler auf, sondern beschreibt auch schön das Denkkarussell, in dem sich die Mitglieder dieser Zirkel befinden: das Forschungssubjekt wird mit dem Generalverdacht „Opferstatus“ versehen, Tatsächliches wird ausgeblendet, insbesondere was die Prämisse der Schutzbedürftigkeit der vermeintlichen Opfer stören könnte, aber es wird auch schön erklärt, dass das stete Verharren im Status der Diskriminierung auf Dauer verhindert, dass man sich innerhalb der Gesellschaft auf Augenhöhe gegenübersteht. Auch die nur allzu bereitwillig als Claqueure herbeispringenden Linksintellektuellen kriegen das Fett ab, das ihnen gebührt. Und auch der Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland samt dessen rührigen Vorsitzenden sowie verschiedene angegliederte Institutionen (siehe v.a. Kapitel 14) werden kritisch beleuchtet, insbesondere der sprachliche Wandel, der an dem Vorsitzenden selbst über die Jahrzehnte hin auszumachen ist, und die Multifunktionalität einiger Vorstandsmitglieder, die die Validität ihrer Publikationen und angeblichen Forschungsergebnisse ohne viel Argumentationsaufwand rasch ad absurdum führt. Letzten Endes arbeitet der Autor heraus, dass all diese Akteure keinen Beitrag zur faktischen Verbesserung der Lebenssituation der Betroffenen erbringen, dass die vornehmlich theoretisch beteiligte Wissenschaft diese Lebenssituation nicht einmal begreift - wie auch, wenn man sich nicht in die Problemgebiete vor Ort begibt, sondern nur mit fragwürdigen theoretisch-analytischen Methoden sprachliche Vergehen anderer zu ächten gewillt ist und dabei mitunter völlig absurde Vergleiche zum immer wieder als Totschlagsargument herbeigezogenen Naziregime gegen andere Bevölkerungsgruppen wie die Juden zieht. Dabei kommt fast schon zynisch hinzu, dass sich beileibe nicht alle „Zigeuner“ unter den „Schutz“ des genannten Zentralrats gestellt sehen wollen, vielmehr Roma und Sinti keineswegs alle unter einen Hut zu bringen sind, ja sogar bestimmte Roma keinesfalls von Sinti vertreten werden wollen und umgekehrt und es daneben durchaus Gruppen gibt, die sich selbstbewusst Zigeuner nennen und das keinesfalls als Beleidigung ansehen. Dazu analysiert der Autor treffend, dass sich gerade öffentliche Stellen sehr wohl der diskriminierenden Wirkung bewusst sein müssen, wenn sie „Roma-Kriminalität“ pauschal als solche bezeichnen, obwohl es bei typischen Delikten, Beispiel Metalldiebstähle, auch etliche andere Trittbrettfahrer gibt, die rein gar nichts mit Roma zu tun haben. Er plädiert deswegen aber völlig zu Recht dafür, dass Missstände benannt werden können müssen und nicht unter einem falschen Deckmantel der Nichtdiskriminierung das Schweigen öffentlicher Stellen und engagierter Bürger dazu führt, dass redliche Mitglieder jeglicher Minderheiten von wenigen kriminellen Subjekten in Misskredit gezogen werden.

Das alles ist sehr spannend zu lesen und könnte eine Kulmination des Buches sein, aber leider geht der Autor dann in den letzten drei Kapiteln wieder zum Duktus des Anfangs zurück und gerät ins Erzählen ohne zielführende Struktur. So werden natürlich noch weitere Themen abgedeckt, etwa ausbeuterische Strukturen innerhalb von Roma-Gemeinden, die Vorliebe ganzer Dörfer für bestimmte Destinationen, etwa der Straßenstrich in Dortmund oder Frankreichs Süden statt Deutschland, die Perversion von Bettelei oder die eigenen Pilgerfahrten der Ziganen. Aber das schon zu Beginn bemängelte strukturlose Dahinfließen der Erzählung ist für das viele Wissen und die unbestreitbare Analysekompetenz des Autors zu wenig. Es hätte zum Beispiel wenig bedurft um das Problem der Verhinderung des Zugangs der Kinder zur Bildung durch die eigenen Väter (Grund: durch Wissen wird die Autorität des Familienoberhauptes schwächer) auch bei anderen sozial schwachen Bevölkerungsgruppen auszumachen, also wiederum ein allgemeines Problem und nicht ein spezifisch ziganes zu erläutern. Und auch das Wiederaufgreifen der Probleme rund um den Zentralrat in Kapitel 14 hätte mit den Punkten, die im Mitteilteil des Buches angesprochen worden waren, besser gebündelt und als Schlusspunkt ausgearbeitet werden können. Stattdessen endet das Buch seicht und nahezu nichtssagend mit einem Wunsch nach Verbesserung der Zustände: wie das passieren soll, bleibt offen.

Was bleibt als Fazit? Dieses Buch gibt dem interessierten Leser viel Wissenswertes zum Begreifen und auch zum Nachdenken. Eine einheitliche Volksgruppe der Zigeuner gibt es nicht. Es gibt viele und deutliche regionale Unterschiede und es gibt wie in jeder Bevölkerungsgruppe redliche und unredliche Exemplare. Dazu gibt es - wie so oft bei Minderheiten - keine einheitliche und vor allem keine altruistisch-redliche Lobby, sondern es hat sich mittlerweile eine den Opferstatus weidlich auskostende Anprangerungsindustrie gebildet, die öffentliche Gelder nutzt, um praktisch wenig zielführende Beiträge und Forderungen von sich zu geben, und statt der Eigenständigkeit der Betroffenen nur immer neue Hilfsmittel verlangt. Die wahre Arbeit an den Menschen und für die Menschen wird stattdessen auf Kirche, soziale Einrichtungen und Einzelpersonen abgewälzt, die oft mit der schieren Masse von Neuankömmlingen oder Ansässigen überfordert sind, aber auch mit deren Einstellung zum Leben und zu rechtlichen und moralischen Normen. In puncto Kriminalität kann man aus den Ausführungen des Autors überwiegend völlig richtig entnehmen, dass es dem Grunde nach keine typische Zigeuner- oder Romakriminalität gibt, wohl aber Kriminelle aus dieser Bevölkerungsgruppe wie auch aus anderen. Es gibt dagegen sehr wohl nach innen, also innerhalb der einzelnen Roma-Gruppen, kriminelles Verhalten, etwa das Ausbeuten untereinander und viele Formen mafiöser Strukturen, oft aufgrund der schwachen Stellung der Roma nach außen, aber auch aufgrund der problematischen gesellschaftsinternen Strukturen der Roma in den osteuropäischen Staaten, die ihnen den Zugang zu rechtlichen Möglichkeiten zumindest erschwert. Konkrete Hilfestellungen für den Umgang mit Zigeunern, Roma oder Sinti, egal ob in Deutschland oder in Europa, gibt das Buch leider nicht, nur viele und rege Aspekte zur weiteren Reflektion.

geschrieben am 10.08.2013 | 1316 Wörter | 8283 Zeichen

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