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Mode sprengt Mieder - Sillhouettenwechsel


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Mode sprengt Mieder - Sillhouettenwechsel Unsere Kleidung formt uns. - Soziologisch und kulturgeschichtlich ist die Umhüllung des Menschen Spiegelbild der Zeit. Aber auch umgekehrt formt die Kleidung ihren Träger. Buchstäblich: Sie bestimmt, wie er sich bewegt, wie er sich fühlt. Manchmal sogar, wie er sich bewegen darf. Eine Ausstellung im Münchner Stadtmuseum (22. Januar 2010 bis 16. Mai 2010) widmet sich diesen Fragestellungen: Mode sprengt Mieder – Silhouettenwechsel. Mode engt ein; Mode hat Sprengkraft. Ausgangspunkt der Ausstellungsmacherinnen ist das Phänomen, dass die Mode die Silhouette des Menschen hervorbringt. Und die Frauen können ein Lied davon singen. Klassisches Beispiel ist das Schnürmieder. Es ist ein Gerüst, das die Trägerin formt, zurechtbiegt. So, wie sie die Zeit, die Mode und vielleicht auch das Bild, das der Mann von ihr hat, haben möchte. Das Schnürmieder ist selbst Mode, dabei ihr Hilfsmittel, indem das andere von ihm abgeleitet werden kann. Nicht nur modelliert es den Körper, es formt auch die Bewegung der Frau. Nicht zufällig spielte das Korsett mehrere Jahrhunderte lang eine so bedeutende Rolle in der Damenmode. Auch die Kinder durften in früherer Zeit nicht Kinder sein. Gerade an diesem Beispiel des Geschnürtseins wird deutlich, dass man in früheren Jahrhunderten die Kleinen nur als kleine Erwachsene sehen wollte und duldete, wurden sie doch entsprechend angezogen. Die Ausstellung und das begleitende Katalogbuch zeigen die jeweilige Mode der Epoche, die zugleich die Silhouette produzierte, definierte. Angefangen beim Rokoko, wo die Damenmode üppige Blüten trieb, wandert die Schau mit vielen Kleidern, Miedern, Plakaten und Werbeanzeigen durch die Zeiten und Stile der Mode. Heute kaum vorstellbar ist, was die damalige Frau mit sich herumschleppte an Masse und Steifigkeit. Der ausführliche Text des aufwendig gestalteten Kataloges macht deutlich, dass mit den Kleidungsvorschriften immer zugleich das Verhalten der Frau mit geregelt werden sollte: Das Schnürmieder als pädagogische Maßnahme. Als Emblem für Sitte, Anstand und moralische Integrität der Dame. Andererseits der Reiz des Auspackendürfens der Ehefrau durch den Göttergatten. Das Aufschnüren nach dem Ballabend als maskuline Erfüllung der sexuellen Erwartung. Allerdings war die Praxis des Einschnürens schon unter Zeitgenossen wahrlich nicht unumstritten. So schrieb der Gelehrte Johann Georg Krünitz in seiner 1786 erschienenen Oeconomischen Encyclopädie: »Man legt den Kindern, wenn sie einige Monate alt sind, die Schnürbrust an. Man hatte sie schon durch das heftige Einwindeln auf die Tortur gebracht, und befreyet nunmehr Hände und Füße von der Strafe, um die Eingeweide noch mehr zu pressen, und die Knochen zu verstümmeln. Die Schnürbrüste sind eine Art von Schilden, durch welche man die Biegsamkeit der noch zu schwachen Kinder, nach der schwachen Meinung des großen Haufens, aufhalten, und sie in den Stand setzen will, selbst aufrecht zu bleiben.« Der Modespaziergang geht weiter übers Directoire und Empire (1790 bis 1810), wo die bürgerliche Mode allmählich abgelöst wurde. Letztlich war es die Französische Revolution, die alles Einschnürende verbot und stigmatisierte. Doch wie auf anderen Feldern auch, provozierte dieser radikale und plötzliche Zwang seine subversive Konterrevolution: Was zwei Jahrhunderte gewährt hatte, wollte von der Gesellschaft so schnell nicht abgeschafft werden. So kamen um 1815 die lockeren und freizügigeren Antikenkleider wieder aus der Mode. Weitere Schwerpunkte der Ausstellung sind die 1950er und die Sechzigerjahre. In den Fünfzigern kam nun Farbe ins Spiel. Die Lebensfreude kam zurück. Als Seismograph des Jahrzehnts nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kann stehen, dass die Taille nun wieder so schmal ist, »wie sie nur sein kann« und dennoch nicht einengte, wie das Modejournal Constanze 1951 schriebe. Das wollte die moderne, von so manchen Zwängen befreite Frau nicht mehr. Deutlich macht die Ausstellung, wie die Frau dann in den Sechzigern selbstbewusster wird. Dieses Jahrzehnt ist jugendlicher und deutlich frecher. Berufstätigkeit wird stärker ein Thema bei den modebewussten Frauen in den Städten. Sie nehmen ihr Leben stärker selbst in die Hand, werden mehr sexy. Katalog und Ausstellung enden mit einem kurzen Ausblick auf 2010: Wie geht die Mode heute mit den Körperformen um? »Viele Bekleidungen lassen Spaß und Freude an der Mode erkennen: Erlaubt ist, was gefällt«, schreibt Isabella Belting. Das setzt allerdings eine gewisse Stilsicherheit voraus, ist man geneigt, hinzuzufügen.

Unsere Kleidung formt uns. - Soziologisch und kulturgeschichtlich ist die Umhüllung des Menschen Spiegelbild der Zeit. Aber auch umgekehrt formt die Kleidung ihren Träger. Buchstäblich: Sie bestimmt, wie er sich bewegt, wie er sich fühlt. Manchmal sogar, wie er sich bewegen darf.

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Eine Ausstellung im Münchner Stadtmuseum (22. Januar 2010 bis 16. Mai 2010) widmet sich diesen Fragestellungen: Mode sprengt Mieder – Silhouettenwechsel. Mode engt ein; Mode hat Sprengkraft. Ausgangspunkt der Ausstellungsmacherinnen ist das Phänomen, dass die Mode die Silhouette des Menschen hervorbringt. Und die Frauen können ein Lied davon singen. Klassisches Beispiel ist das Schnürmieder. Es ist ein Gerüst, das die Trägerin formt, zurechtbiegt. So, wie sie die Zeit, die Mode und vielleicht auch das Bild, das der Mann von ihr hat, haben möchte. Das Schnürmieder ist selbst Mode, dabei ihr Hilfsmittel, indem das andere von ihm abgeleitet werden kann. Nicht nur modelliert es den Körper, es formt auch die Bewegung der Frau.

Nicht zufällig spielte das Korsett mehrere Jahrhunderte lang eine so bedeutende Rolle in der Damenmode. Auch die Kinder durften in früherer Zeit nicht Kinder sein. Gerade an diesem Beispiel des Geschnürtseins wird deutlich, dass man in früheren Jahrhunderten die Kleinen nur als kleine Erwachsene sehen wollte und duldete, wurden sie doch entsprechend angezogen.

Die Ausstellung und das begleitende Katalogbuch zeigen die jeweilige Mode der Epoche, die zugleich die Silhouette produzierte, definierte. Angefangen beim Rokoko, wo die Damenmode üppige Blüten trieb, wandert die Schau mit vielen Kleidern, Miedern, Plakaten und Werbeanzeigen durch die Zeiten und Stile der Mode. Heute kaum vorstellbar ist, was die damalige Frau mit sich herumschleppte an Masse und Steifigkeit. Der ausführliche Text des aufwendig gestalteten Kataloges macht deutlich, dass mit den Kleidungsvorschriften immer zugleich das Verhalten der Frau mit geregelt werden sollte: Das Schnürmieder als pädagogische Maßnahme. Als Emblem für Sitte, Anstand und moralische Integrität der Dame. Andererseits der Reiz des Auspackendürfens der Ehefrau durch den Göttergatten. Das Aufschnüren nach dem Ballabend als maskuline Erfüllung der sexuellen Erwartung.

Allerdings war die Praxis des Einschnürens schon unter Zeitgenossen wahrlich nicht unumstritten. So schrieb der Gelehrte Johann Georg Krünitz in seiner 1786 erschienenen Oeconomischen Encyclopädie: »Man legt den Kindern, wenn sie einige Monate alt sind, die Schnürbrust an. Man hatte sie schon durch das heftige Einwindeln auf die Tortur gebracht, und befreyet nunmehr Hände und Füße von der Strafe, um die Eingeweide noch mehr zu pressen, und die Knochen zu verstümmeln. Die Schnürbrüste sind eine Art von Schilden, durch welche man die Biegsamkeit der noch zu schwachen Kinder, nach der schwachen Meinung des großen Haufens, aufhalten, und sie in den Stand setzen will, selbst aufrecht zu bleiben.«

Der Modespaziergang geht weiter übers Directoire und Empire (1790 bis 1810), wo die bürgerliche Mode allmählich abgelöst wurde. Letztlich war es die Französische Revolution, die alles Einschnürende verbot und stigmatisierte. Doch wie auf anderen Feldern auch, provozierte dieser radikale und plötzliche Zwang seine subversive Konterrevolution: Was zwei Jahrhunderte gewährt hatte, wollte von der Gesellschaft so schnell nicht abgeschafft werden. So kamen um 1815 die lockeren und freizügigeren Antikenkleider wieder aus der Mode.

Weitere Schwerpunkte der Ausstellung sind die 1950er und die Sechzigerjahre. In den Fünfzigern kam nun Farbe ins Spiel. Die Lebensfreude kam zurück. Als Seismograph des Jahrzehnts nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kann stehen, dass die Taille nun wieder so schmal ist, »wie sie nur sein kann« und dennoch nicht einengte, wie das Modejournal Constanze 1951 schriebe. Das wollte die moderne, von so manchen Zwängen befreite Frau nicht mehr.

Deutlich macht die Ausstellung, wie die Frau dann in den Sechzigern selbstbewusster wird. Dieses Jahrzehnt ist jugendlicher und deutlich frecher. Berufstätigkeit wird stärker ein Thema bei den modebewussten Frauen in den Städten. Sie nehmen ihr Leben stärker selbst in die Hand, werden mehr sexy.

Katalog und Ausstellung enden mit einem kurzen Ausblick auf 2010: Wie geht die Mode heute mit den Körperformen um? »Viele Bekleidungen lassen Spaß und Freude an der Mode erkennen: Erlaubt ist, was gefällt«, schreibt Isabella Belting.

Das setzt allerdings eine gewisse Stilsicherheit voraus, ist man geneigt, hinzuzufügen.

geschrieben am 01.02.2010 | 663 Wörter | 3866 Zeichen

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