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Point Blank


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Rezension von

Frank Drehmel

Point Blank Übersetz bedeutet “Point Blank” - je nach Kontext - unter anderem “geradewegs”, “unverblümt”, “glatt” oder “offen” bzw. in Verbindung mit “shot” (a point-blank shot) einen Schuss aus kürzester Distanz. Zugleich ist “Point Blank” aber auch der Titel eines harten und eiskalten Thrillers, der 1997 unter der Regie John Boormans entstand. Ob dieser Comic als Reminiszenz an jenen Film gedacht ist - Parallelen sind auf jeden Fall erkennbar - oder welche der vielen Bedeutungen des Begriffes “Point Blank” Brubaker beim Verfassen der Story im Sinne hatte, sei der Spekulation des einzelnen Lesers überlassen; nur eines sind Geschichte und Protagonisten definitiv nicht: offen und glatt. Brubakers düstere Story ist - wie der unkundige Leser dem 6-seitigen Essay Jochen Eckes entnehmen kann - im Universum von Wilstorms “Authority”, “WildC.A.T.s” bzw. “Stormwatch” angesiedelt und erzählt die Vorgeschichte zur hochgelobten Serie “Sleeper”, die ebenfalls von CrossCult auf Deutsch herausgegeben wird. Früher war Cole Cash aka “Grifter” Mitglied der “WildC.A.T.s”, von “I.O” bzw. “Team 7”, heute hängt er im “Domino” ab und betrachtet die dortige Freakshow der mehr oder weniger abgehalfterten Maskierten mit einer Mischung aus Abscheu und Wehmut. Eines Tages bietet ihm sein einstiger Mentor, John Lynch, einen Job als Rückendeckung bei der Suche nach einem Mann namens Carver. Allerdings erfährt Cash weder den Grund für Lynchs gefährliche Jagd noch die Ergebnisse der Ermittlungen, sodass er, als sein Auftraggeber niedergeschossen wird und ins Koma fällt, vor einem Haufen Nichts steht. Auf eigene Faust macht er sich mit nicht gerade verlässlicher Unterstützung alter Weggefährten daran, Licht in das Dunkel zu bringen, wobei ihn seine Fragen Schritt für Schritt Carver und dem hinter Carver stehenden Tao, einen hyperintelligenten Manipulator, näher bringen. Schließlich steht Cole Cash dem brillanten Verbrecher Auge in Auge gegenüber, erweist sich jedoch unfähig, Rache für Lynch nehmen, und erfährt stattdessen, dass er selbst der Schlüssel für das große Rätsel ist, das er zu lösen versucht. “Point Blank” ist das, was man heutzutage mit einer gewissen Nonchalance als “Autoren-Comic” bezeichnen würde. Ungeachtet konkreter Abgrenzungspropleme gegenüber den “traditionellen” Mainstream-Comics ist es in der Tat so, dass Brubaker deutlich weniger “Sklave” eines Editors zu sein scheint und signifikant mehr Gewalt über seine Figuren besitzt als die meisten Autoren früherer und auch aktueller Mainstreamware, wenngleich auch “Point Blank” für den amerikanischen Massenmarkt konzipiert ist. Brubakers Protagonist Cole Cash ist ein desillusionierter Zyniker, der sich nur noch um sich selbst dreht und dem - wie den meisten seiner heldischen Weggefährten - Visionen und Hoffnungen auf im Laufe seines Lebens abhanden gekommen sind. Destruktiv, gewaltaffin sind seine besonderen Fähigkeiten und geradezu selbstzerstörerisch sein Verhalten, so dass Cole Cash mehr einem Borderline-Charakter entspricht, als dem Klischee des herkömmlichen Helden. Die Erzählstruktur der Geschichte selbst ist zwar gerade für das Crime-Sujet konventionell, wenig innovativ und folgt einem typischen “Film Noir”-Muster, jedoch wird der im großen und ganzen sehr lineare Aufbau durch vereinzelte Rückblenden unterbrochen. Hinsichtlich der Beobachtungsperspektive bleibt der Leser durchgehend auf Augenhöhe Cole Cashs, besitzt also gegenüber dem Helden nur einen eng begrenzten, durch die Bildelemente definierten Wissensvorsprung, so dass das Lösen des Rätsel auch für ihn zu einem spannenden Erkenntnis-Prozess mit überraschenden Wendungen wird. Zweifellos würde dieser klassisch anmutende Crime-Thriller “noir” auch ohne Wesen mit übermenschlichen Kräften problemlos funktionieren. Dass sie überhaupt erwähnt werden, ist neben der Lokalisation in einem etablierten Wildstorm-Universum das Haupt-Indiz dafür, dass Brubaker die Geschichte tatsächlich für ein breiteres Mainstream-Publikum geschrieben hat. Mit dem gebürtigen Neuseeländer Colin Wilson zeichnet ein Künstler für die Grafik verantwortlich, der in grandioser und eindringlicher Weise die Ideen Brubakers in um Realismus bemühte, schmutzig-düstere Bilder zu bannen vermag. Dabei herrscht stilistisch insbesondere in Darstellung der Figuren ein eher europäischer, francobelgischer als amerikanischer Duktus vor. Der Grund hierfür mögen Wilsons Erfahrung sein, die er als Zeichner einiger Ausgaben von “La Jeunesse de Blueberry” in der Nachfolge des großen Jean Giraud (alias Moebius) sammeln konnte. Bei der Koloration arbeiten Wilson und Gate mit einer sehr reduzierten Palette aus überwiegend schmutzigen Blau- oder Brautönen, vermeiden starke Hell-Dunkel- und Farb-Kontraste - und durchbrechen den oft monochromen Charakter einzelner Seiten höchstens durch vorsichtig gesetzte Akzente, die aber niemals bunt und aufdringlich erscheinen. Unterm Strich also ergänzen sich Story und Artwork - Zeichnungen, Koloration - in nahezu perfekter Weise. Die exzellente Aufmachung des Hardcover-Tradepaperbacks lässt wie immer keine Wünsche offen und bietet dem comic-interessierten Fan sowohl ein kurzes Essay über die Einordnung von “Point Blank” in einen historischen wie inhaltlichen Kontext, als auch die von Simon Bisley gemalten - m.E. schwachen - Cover-Bilder der US-Ausgaben. Fazit: Ein düsterer, fesselnder “Comic Noir” mit interessanten, gebrochenen Charakteren und einem eher “europäischen” Artwork. Für Fans von klassischen Crime-Thrillern ein Muss!

Übersetz bedeutet “Point Blank” - je nach Kontext - unter anderem “geradewegs”, “unverblümt”, “glatt” oder “offen” bzw. in Verbindung mit “shot” (a point-blank shot) einen Schuss aus kürzester Distanz. Zugleich ist “Point Blank” aber auch der Titel eines harten und eiskalten Thrillers, der 1997 unter der Regie John Boormans entstand.

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Ob dieser Comic als Reminiszenz an jenen Film gedacht ist - Parallelen sind auf jeden Fall erkennbar - oder welche der vielen Bedeutungen des Begriffes “Point Blank” Brubaker beim Verfassen der Story im Sinne hatte, sei der Spekulation des einzelnen Lesers überlassen; nur eines sind Geschichte und Protagonisten definitiv nicht: offen und glatt.

Brubakers düstere Story ist - wie der unkundige Leser dem 6-seitigen Essay Jochen Eckes entnehmen kann - im Universum von Wilstorms “Authority”, “WildC.A.T.s” bzw. “Stormwatch” angesiedelt und erzählt die Vorgeschichte zur hochgelobten Serie “Sleeper”, die ebenfalls von CrossCult auf Deutsch herausgegeben wird.

Früher war Cole Cash aka “Grifter” Mitglied der “WildC.A.T.s”, von “I.O” bzw. “Team 7”, heute hängt er im “Domino” ab und betrachtet die dortige Freakshow der mehr oder weniger abgehalfterten Maskierten mit einer Mischung aus Abscheu und Wehmut.

Eines Tages bietet ihm sein einstiger Mentor, John Lynch, einen Job als Rückendeckung bei der Suche nach einem Mann namens Carver. Allerdings erfährt Cash weder den Grund für Lynchs gefährliche Jagd noch die Ergebnisse der Ermittlungen, sodass er, als sein Auftraggeber niedergeschossen wird und ins Koma fällt, vor einem Haufen Nichts steht.

Auf eigene Faust macht er sich mit nicht gerade verlässlicher Unterstützung alter Weggefährten daran, Licht in das Dunkel zu bringen, wobei ihn seine Fragen Schritt für Schritt Carver und dem hinter Carver stehenden Tao, einen hyperintelligenten Manipulator, näher bringen.

Schließlich steht Cole Cash dem brillanten Verbrecher Auge in Auge gegenüber, erweist sich jedoch unfähig, Rache für Lynch nehmen, und erfährt stattdessen, dass er selbst der Schlüssel für das große Rätsel ist, das er zu lösen versucht.

“Point Blank” ist das, was man heutzutage mit einer gewissen Nonchalance als “Autoren-Comic” bezeichnen würde. Ungeachtet konkreter Abgrenzungspropleme gegenüber den “traditionellen” Mainstream-Comics ist es in der Tat so, dass Brubaker deutlich weniger “Sklave” eines Editors zu sein scheint und signifikant mehr Gewalt über seine Figuren besitzt als die meisten Autoren früherer und auch aktueller Mainstreamware, wenngleich auch “Point Blank” für den amerikanischen Massenmarkt konzipiert ist.

Brubakers Protagonist Cole Cash ist ein desillusionierter Zyniker, der sich nur noch um sich selbst dreht und dem - wie den meisten seiner heldischen Weggefährten - Visionen und Hoffnungen auf im Laufe seines Lebens abhanden gekommen sind. Destruktiv, gewaltaffin sind seine besonderen Fähigkeiten und geradezu selbstzerstörerisch sein Verhalten, so dass Cole Cash mehr einem Borderline-Charakter entspricht, als dem Klischee des herkömmlichen Helden.

Die Erzählstruktur der Geschichte selbst ist zwar gerade für das Crime-Sujet konventionell, wenig innovativ und folgt einem typischen “Film Noir”-Muster, jedoch wird der im großen und ganzen sehr lineare Aufbau durch vereinzelte Rückblenden unterbrochen. Hinsichtlich der Beobachtungsperspektive bleibt der Leser durchgehend auf Augenhöhe Cole Cashs, besitzt also gegenüber dem Helden nur einen eng begrenzten, durch die Bildelemente definierten Wissensvorsprung, so dass das Lösen des Rätsel auch für ihn zu einem spannenden Erkenntnis-Prozess mit überraschenden Wendungen wird.

Zweifellos würde dieser klassisch anmutende Crime-Thriller “noir” auch ohne Wesen mit übermenschlichen Kräften problemlos funktionieren. Dass sie überhaupt erwähnt werden, ist neben der Lokalisation in einem etablierten Wildstorm-Universum das Haupt-Indiz dafür, dass Brubaker die Geschichte tatsächlich für ein breiteres Mainstream-Publikum geschrieben hat.

Mit dem gebürtigen Neuseeländer Colin Wilson zeichnet ein Künstler für die Grafik verantwortlich, der in grandioser und eindringlicher Weise die Ideen Brubakers in um Realismus bemühte, schmutzig-düstere Bilder zu bannen vermag. Dabei herrscht stilistisch insbesondere in Darstellung der Figuren ein eher europäischer, francobelgischer als amerikanischer Duktus vor. Der Grund hierfür mögen Wilsons Erfahrung sein, die er als Zeichner einiger Ausgaben von “La Jeunesse de Blueberry” in der Nachfolge des großen Jean Giraud (alias Moebius) sammeln konnte.

Bei der Koloration arbeiten Wilson und Gate mit einer sehr reduzierten Palette aus überwiegend schmutzigen Blau- oder Brautönen, vermeiden starke Hell-Dunkel- und Farb-Kontraste - und durchbrechen den oft monochromen Charakter einzelner Seiten höchstens durch vorsichtig gesetzte Akzente, die aber niemals bunt und aufdringlich erscheinen.

Unterm Strich also ergänzen sich Story und Artwork - Zeichnungen, Koloration - in nahezu perfekter Weise.

Die exzellente Aufmachung des Hardcover-Tradepaperbacks lässt wie immer keine Wünsche offen und bietet dem comic-interessierten Fan sowohl ein kurzes Essay über die Einordnung von “Point Blank” in einen historischen wie inhaltlichen Kontext, als auch die von Simon Bisley gemalten - m.E. schwachen - Cover-Bilder der US-Ausgaben.

Fazit: Ein düsterer, fesselnder “Comic Noir” mit interessanten, gebrochenen Charakteren und einem eher “europäischen” Artwork. Für Fans von klassischen Crime-Thrillern ein Muss!

geschrieben am 16.08.2008 | 747 Wörter | 4733 Zeichen

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