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Lifestyle Toujours


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Lifestyle Toujours Wir leben heute nicht einfach so, sagt Lars Distelhorst, sondern mit Stil. Mit Lifestyle. Seine Belege sind kaum infrage zu stellen: Beim Googeln findet man etwa 250 Millionen Websites, die den Begriff irgendwie verwenden. Der promovierte Politikwissenschaftler vergleicht diese quantitative Ausbeute mit der von Begriffen wie Demokratie, Freiheit und Toleranz, die er in der heutigen Zeit für wichtiger hält. Gibt man bei Google Demokratie ein, so findet man ‚nur’ 78 Millionen Websites. Distelhorst interpretiert, dass Lifestyle für die Menschen in der westlichen Welt im täglichen Bewusstsein eine größere Rolle spiele als die Auseinandersetzung mit Existenziellem, wie beispielsweise der Beschaffenheit ihres Gemeinwesens. Dabei hätten die Bürger genug Grund zur Rebellion. Aber sie rebellierten nicht, weil ihnen der Spätkapitalismus - in Form von Lifestyle - eine permanente Ablenkung serviere. Er sieht darin eine Art von Heilsversprechen. »Es lässt sich also wenig daran rütteln: Die Realisierung der Versprechungen der Moderne findet heute im privaten Raum durch die Stilisierung des eigenen Lebens statt, und dieses Versprechen wird von der Realität des Lifestyles offensichtlich in einem so ausreichenden Maße eingehalten, dass sich niemand zur Rebellion bemüßigt fühlt, auch wenn es vom archimedischen Punkt aus betrachtet genügend Menschen gäbe, die hiezu mehr als genug Gründe hätten.« Distelhorst, Lehrbeauftragter für politische Philosophie, ist der Auffassung, die Bürger der westlichen Demokratien hätten Freiheiten, wie sie die Geschichte bis dato kaum kannte. Aber sie wüssten diese nicht zu nutzen. »Die heutige Freiheit hat nicht nur den Kontakt zu ihrem eigenen Grund verloren, ihr kommt auch jede Richtung abhanden, weshalb sie sich in einem panischen Ausagieren zahlloser Möglichkeiten des Seins ergeht wie ein Ertrinkender, der wild auf das Wasser einschlägt, das ihm schon in die Lunge dringt.« Der Autor der Polemik »Lifestyle Toujours« betrachtet die vom Lifestyle offerierte Freiheit psychoanalytisch und sieht sie als »psychotisch strukturiert, da sie den Kontakt zur Realität verloren hat und ihr Wesen darin besteht, immer wieder andere Gestalten anzunehmen, die schließlich immer wieder verworfen werden, da auch sie nicht das Wahre sind – das Wahre, in dessen Besitz wir zu kommen hoffen, indem wir uns entsprechend modellieren, zeitgeisty und stylish sind.« So trete an die Stelle von gesellschaftlichem Engagement der egozentrische Herausputz der eigenen Fassade. Die Ironie sieht der Dozent darin, dass alle irgendwie stylish sein wollen, was zu einem Konformismus des Andersseins (Norbert Bolz) führe. Man denkt an die Verbreitung der Einkaufsbeutel aus dem KaDeWe oder der Syltaufkleber an den Autos. Das treibt Distelhorst zu der existenziellen Frage: Wie könnte ein tatsächliches Anderssein aussehen? Vor allem: Anders-Sein als was eigentlich? Die kleine Polemik, man könnte auch sagen, politische Streitschrift, birgt genug Sprengpotenzial in sich. Da verwundert es nicht mehr, wenn Distelhorst zur Definition des Politischen, in Abgrenzung zu permanent aufgeworfenen Scheinproblemen, die Freund-Feind-Definition von Carl Schmitt anführt: Der Feind ist meine eigene Frage als Gestalt. Vor einigen Jahren wäre man am Otto-Suhr-Institut, an dem der Autor lehrt, dafür noch exmatrikuliert worden. Anstatt mit dem Geländewagen beim Fitness-Studio vorzufahren oder sich ständig zu fragen, welches Handy von den Arbeitskollegen bewundert werden würde, empfiehlt der Autor, die Politik wieder zum Politischen hin zu öffnen und »einen Raum des Politischen zu bewahren«. Die Schrift endet mit einem dezisionistischen Aufruf. Verraten sei an dieser Stelle nur, dass Distelhorst die Auseinandersetzung mit der »kapitalistischen Struktur von Ökonomie, Politik und Kultur« für die größte der anstehenden Herausforderungen hält. Wir sind nicht mit allem ganz einverstanden, folgen der Argumentation Distelhorsts manchmal mit gemischten Gefühlen. So ist seine Gleichsetzung von Lifestyle mit Stil unserer Auffassung nach ein grundlegender Irrtum. Denn Stil ist gerade durch Geist bedingt. Niemand kann wirklich stilvoll sein, ohne Intelligenz, eine feine Wahrnehmung und eine Prise Ironie zu besitzen. Das genau unterscheidet den Charme eines stilvollen Menschen vom Stylish eines solariengebräunten Handytelefonierers. Dennoch: Eine fulminante Streitschrift, ein Pamphlet, das an die große Tradition dieser Schriften aus dem 18. und 19. Jahrhundert anknüpft, als die Menschen noch politisch waren. Als sie noch der Meinung waren, es gäbe Ideale, für die es sich lohnt, etwas zu riskieren – auch das eigene Leben. Es lohnt sich jedenfalls, auf Basis von Distelhorsts Gedanken zu debattieren.

Wir leben heute nicht einfach so, sagt Lars Distelhorst, sondern mit Stil. Mit Lifestyle. Seine Belege sind kaum infrage zu stellen: Beim Googeln findet man etwa 250 Millionen Websites, die den Begriff irgendwie verwenden. Der promovierte Politikwissenschaftler vergleicht diese quantitative Ausbeute mit der von Begriffen wie Demokratie, Freiheit und Toleranz, die er in der heutigen Zeit für wichtiger hält. Gibt man bei Google Demokratie ein, so findet man ‚nur’ 78 Millionen Websites.

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Distelhorst interpretiert, dass Lifestyle für die Menschen in der westlichen Welt im täglichen Bewusstsein eine größere Rolle spiele als die Auseinandersetzung mit Existenziellem, wie beispielsweise der Beschaffenheit ihres Gemeinwesens. Dabei hätten die Bürger genug Grund zur Rebellion. Aber sie rebellierten nicht, weil ihnen der Spätkapitalismus - in Form von Lifestyle - eine permanente Ablenkung serviere. Er sieht darin eine Art von Heilsversprechen. »Es lässt sich also wenig daran rütteln: Die Realisierung der Versprechungen der Moderne findet heute im privaten Raum durch die Stilisierung des eigenen Lebens statt, und dieses Versprechen wird von der Realität des Lifestyles offensichtlich in einem so ausreichenden Maße eingehalten, dass sich niemand zur Rebellion bemüßigt fühlt, auch wenn es vom archimedischen Punkt aus betrachtet genügend Menschen gäbe, die hiezu mehr als genug Gründe hätten.«

Distelhorst, Lehrbeauftragter für politische Philosophie, ist der Auffassung, die Bürger der westlichen Demokratien hätten Freiheiten, wie sie die Geschichte bis dato kaum kannte. Aber sie wüssten diese nicht zu nutzen. »Die heutige Freiheit hat nicht nur den Kontakt zu ihrem eigenen Grund verloren, ihr kommt auch jede Richtung abhanden, weshalb sie sich in einem panischen Ausagieren zahlloser Möglichkeiten des Seins ergeht wie ein Ertrinkender, der wild auf das Wasser einschlägt, das ihm schon in die Lunge dringt.« Der Autor der Polemik »Lifestyle Toujours« betrachtet die vom Lifestyle offerierte Freiheit psychoanalytisch und sieht sie als »psychotisch strukturiert, da sie den Kontakt zur Realität verloren hat und ihr Wesen darin besteht, immer wieder andere Gestalten anzunehmen, die schließlich immer wieder verworfen werden, da auch sie nicht das Wahre sind – das Wahre, in dessen Besitz wir zu kommen hoffen, indem wir uns entsprechend modellieren, zeitgeisty und stylish sind.« So trete an die Stelle von gesellschaftlichem Engagement der egozentrische Herausputz der eigenen Fassade.

Die Ironie sieht der Dozent darin, dass alle irgendwie stylish sein wollen, was zu einem Konformismus des Andersseins (Norbert Bolz) führe. Man denkt an die Verbreitung der Einkaufsbeutel aus dem KaDeWe oder der Syltaufkleber an den Autos.

Das treibt Distelhorst zu der existenziellen Frage: Wie könnte ein tatsächliches Anderssein aussehen? Vor allem: Anders-Sein als was eigentlich?

Die kleine Polemik, man könnte auch sagen, politische Streitschrift, birgt genug Sprengpotenzial in sich. Da verwundert es nicht mehr, wenn Distelhorst zur Definition des Politischen, in Abgrenzung zu permanent aufgeworfenen Scheinproblemen, die Freund-Feind-Definition von Carl Schmitt anführt: Der Feind ist meine eigene Frage als Gestalt. Vor einigen Jahren wäre man am Otto-Suhr-Institut, an dem der Autor lehrt, dafür noch exmatrikuliert worden.

Anstatt mit dem Geländewagen beim Fitness-Studio vorzufahren oder sich ständig zu fragen, welches Handy von den Arbeitskollegen bewundert werden würde, empfiehlt der Autor, die Politik wieder zum Politischen hin zu öffnen und »einen Raum des Politischen zu bewahren«. Die Schrift endet mit einem dezisionistischen Aufruf. Verraten sei an dieser Stelle nur, dass Distelhorst die Auseinandersetzung mit der »kapitalistischen Struktur von Ökonomie, Politik und Kultur« für die größte der anstehenden Herausforderungen hält.

Wir sind nicht mit allem ganz einverstanden, folgen der Argumentation Distelhorsts manchmal mit gemischten Gefühlen. So ist seine Gleichsetzung von Lifestyle mit Stil unserer Auffassung nach ein grundlegender Irrtum. Denn Stil ist gerade durch Geist bedingt. Niemand kann wirklich stilvoll sein, ohne Intelligenz, eine feine Wahrnehmung und eine Prise Ironie zu besitzen. Das genau unterscheidet den Charme eines stilvollen Menschen vom Stylish eines solariengebräunten Handytelefonierers.

Dennoch: Eine fulminante Streitschrift, ein Pamphlet, das an die große Tradition dieser Schriften aus dem 18. und 19. Jahrhundert anknüpft, als die Menschen noch politisch waren. Als sie noch der Meinung waren, es gäbe Ideale, für die es sich lohnt, etwas zu riskieren – auch das eigene Leben. Es lohnt sich jedenfalls, auf Basis von Distelhorsts Gedanken zu debattieren.

geschrieben am 04.11.2008 | 670 Wörter | 4048 Zeichen

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