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Das Tagebuch. Fünfter Band


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Das Tagebuch. Fünfter Band Kommen wir gleich zur Sache: Der fünfte Tagebuch-Band von Harry Graf Kessler ist nicht nur literarisch ein Genuss. Auch er ist ein historisches Dokument ersten Ranges. Das war nicht unbedingt zu erwarten. Denn die Aufzeichnungen umfassen den Zeitraum von August 1914 bis September 1916 – mithin den gesamten Ersten Weltkriegseinsatz des dandyistischen deutschen Weltbürgers. Daher hatten manche nur eher gewöhnliche Kriegsschilderungen erwartet. Doch dieser Band überrascht wiederum. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Die größte Überraschung ist vielleicht der lakonische Stil, den der Graf mitten im Krieg pflegt. Dieser Stil ist literarisch ein Déjà-vu, kennen wir ihn doch von einer der berühmtesten Schilderungen des Ersten Weltkrieges: Ernst Jüngers »In Stahlgewittern«. Wie zufällig erscheinen Harry Graf Kessler und Ernst Jünger im selben Verlag. Auch Jünger fliegen Schrapnells und Gewehrkugeln direkt um die Ohren, was ihn lediglich veranlasst, diesen Sachverhalt möglichst ungerührt zu notieren. Eine emotionale Beteiligung könnte den scharfen Blick trüben. Désinvolture. Dieses Stilmittel erlaubt darüber hinaus, auch skurrile Begebenheiten aufzuschreiben, ohne sich eines Motivs verdächtig zu machen. Kessler notiert am 18. Februar 1915: »Ein merkwürdiges Bild konnte man auf einem Sattel des Kalinowce durch das Scherenfernrohr beobachten: ein Bauernhaus, davor rechts drei oder vier Meter davon ein Schützengraben von Österreichern besetzt, und links etwa dreissig Meter hinter dem Hause an einem Waldrande ein deutlich sichtbarer russischer Unterstand, aus dem Russen ein- und ausgingen. Auf dem kaum vierzig Meter breiten Feld zwischen dem österreichischen Graben und den Russen vor dem Hause weidete ein kleines Mädchen eine Hammelherde. Während wir durchsahen, schlug eine von unseren Granaten neben dem Unterstand ein, und man sah die Russen eilig herausschwärmen.« Dieses von Kessler gemalte Bild ist vexierhaft, weil technische Methode und mentale Beobachterposition transzendieren. Der Blick des Beobachters durch das Scherenfernrohr ist immer wiederkehrende Formel bei Kesslers Tagebuch. Mitherausgeber Güter Riederer weist in seiner instruktiven Einleitung nach, wie stark die technischen Neuerungen die Sehgewohnheiten zu Anfang des 20. Jahrhunderts veränderten. Außerdem: Auch das Scherenfernrohr nutzte als propagandistische Metapher, um die Überlegenheit vor dem Feinde zu beweisen. Auf vielen Photographien der Kriegszeit findet sich der Kaiser scherenfernrohrblickend: Seht her, ich habe alles im Griff! Die Schilderung dessen, was der Frontsoldat durch das erst um 1900 erfundene Scherenfernrohr sah, gibt dem Tagebuch eine an die Moderne angepasste Dynamik. Ähnlich dem bewegten Bild, schildert Kessler die Kriegszenen in schneller Folge, kurz und präzise. Seine Dramaturgie ist die des schnellen Schnittes. Die Bildfolgen sind rasant. Durch die hohe Dichte der Momentaufnahmen verdichtet sich der Text von der Mikro- zur Makro-Aufnahme. Neben der höheren Geschwindigkeit schafft dieses Kunstmittel noch etwas Weiteres. Kessler betont mit seinem Blick durchs Fernrohr seine Beobachterposition. – Er rückt ab vom am Geschehen unmittelbar Beteiligten und wird zum Chronisten. Für das gerade aufkommende Kino interessierte sich der Seismograph der Moderne nicht zufällig. Zwar hatte er für das neue Medium und die dort hineinströmenden Massen nur gelinde Verachtung übrig. Dennoch war er äußerst wissbegierig, wie die laufenden Bilder das Sehverhalten der Masse verändern würden. Dabei kam dem »Rittmeister der 3. Garde Ulanen Kommandeur der II. Artillerie Munitionskolonne des Garde Reserve Korps« seine Beobachtungsgabe spürbar zugute. Es macht einen Reiz dieses Tagebuchbandes aus, dass dessen Autor über seine angeborene Beobachtungsgabe hinaus, diese vor dem Krieg durch intensive Selbstschulung immer weiter verfeinert hatte. Es gibt viele weitere Gründe, warum der fünfte des auf neun Tagebuchbände angelegten Diarien-Werkes Kesslers eine ästhetische und historische Fundgrube ist. Es ist wiederum die Fülle der Personen, mit denen er sich traf. Auch hier in der Lakonie der Aufzählung eine erstaunliche Nähe zu Ernst Jünger, diesmal zu seinen »Strahlungen«. Es ist die moderne Sichtweise eines gebildeten Gentleman von europäischem Format &C. &C. Auch das langsame Abrücken von seiner ursprünglichen Kriegsbegeisterung macht die Authentizität der Aufzeichnungen aus. Vieles andere auch hätte verdient, hier aufgezählt zu werden. Ergo: Der fünfte Band der Tagebücher Kesslers steht den bisher veröffentlichten nicht nach: Eine Edition von bleibendem Wert.

Kommen wir gleich zur Sache: Der fünfte Tagebuch-Band von Harry Graf Kessler ist nicht nur literarisch ein Genuss. Auch er ist ein historisches Dokument ersten Ranges. Das war nicht unbedingt zu erwarten. Denn die Aufzeichnungen umfassen den Zeitraum von August 1914 bis September 1916 – mithin den gesamten Ersten Weltkriegseinsatz des dandyistischen deutschen Weltbürgers. Daher hatten manche nur eher gewöhnliche Kriegsschilderungen erwartet.

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Doch dieser Band überrascht wiederum. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Die größte Überraschung ist vielleicht der lakonische Stil, den der Graf mitten im Krieg pflegt. Dieser Stil ist literarisch ein Déjà-vu, kennen wir ihn doch von einer der berühmtesten Schilderungen des Ersten Weltkrieges: Ernst Jüngers »In Stahlgewittern«. Wie zufällig erscheinen Harry Graf Kessler und Ernst Jünger im selben Verlag. Auch Jünger fliegen Schrapnells und Gewehrkugeln direkt um die Ohren, was ihn lediglich veranlasst, diesen Sachverhalt möglichst ungerührt zu notieren. Eine emotionale Beteiligung könnte den scharfen Blick trüben. Désinvolture. Dieses Stilmittel erlaubt darüber hinaus, auch skurrile Begebenheiten aufzuschreiben, ohne sich eines Motivs verdächtig zu machen. Kessler notiert am 18. Februar 1915: »Ein merkwürdiges Bild konnte man auf einem Sattel des Kalinowce durch das Scherenfernrohr beobachten: ein Bauernhaus, davor rechts drei oder vier Meter davon ein Schützengraben von Österreichern besetzt, und links etwa dreissig Meter hinter dem Hause an einem Waldrande ein deutlich sichtbarer russischer Unterstand, aus dem Russen ein- und ausgingen. Auf dem kaum vierzig Meter breiten Feld zwischen dem österreichischen Graben und den Russen vor dem Hause weidete ein kleines Mädchen eine Hammelherde. Während wir durchsahen, schlug eine von unseren Granaten neben dem Unterstand ein, und man sah die Russen eilig herausschwärmen.«

Dieses von Kessler gemalte Bild ist vexierhaft, weil technische Methode und mentale Beobachterposition transzendieren. Der Blick des Beobachters durch das Scherenfernrohr ist immer wiederkehrende Formel bei Kesslers Tagebuch. Mitherausgeber Güter Riederer weist in seiner instruktiven Einleitung nach, wie stark die technischen Neuerungen die Sehgewohnheiten zu Anfang des 20. Jahrhunderts veränderten. Außerdem: Auch das Scherenfernrohr nutzte als propagandistische Metapher, um die Überlegenheit vor dem Feinde zu beweisen. Auf vielen Photographien der Kriegszeit findet sich der Kaiser scherenfernrohrblickend: Seht her, ich habe alles im Griff!

Die Schilderung dessen, was der Frontsoldat durch das erst um 1900 erfundene Scherenfernrohr sah, gibt dem Tagebuch eine an die Moderne angepasste Dynamik. Ähnlich dem bewegten Bild, schildert Kessler die Kriegszenen in schneller Folge, kurz und präzise. Seine Dramaturgie ist die des schnellen Schnittes. Die Bildfolgen sind rasant. Durch die hohe Dichte der Momentaufnahmen verdichtet sich der Text von der Mikro- zur Makro-Aufnahme. Neben der höheren Geschwindigkeit schafft dieses Kunstmittel noch etwas Weiteres. Kessler betont mit seinem Blick durchs Fernrohr seine Beobachterposition. – Er rückt ab vom am Geschehen unmittelbar Beteiligten und wird zum Chronisten.

Für das gerade aufkommende Kino interessierte sich der Seismograph der Moderne nicht zufällig. Zwar hatte er für das neue Medium und die dort hineinströmenden Massen nur gelinde Verachtung übrig. Dennoch war er äußerst wissbegierig, wie die laufenden Bilder das Sehverhalten der Masse verändern würden. Dabei kam dem »Rittmeister der 3. Garde Ulanen Kommandeur der II. Artillerie Munitionskolonne des Garde Reserve Korps« seine Beobachtungsgabe spürbar zugute. Es macht einen Reiz dieses Tagebuchbandes aus, dass dessen Autor über seine angeborene Beobachtungsgabe hinaus, diese vor dem Krieg durch intensive Selbstschulung immer weiter verfeinert hatte.

Es gibt viele weitere Gründe, warum der fünfte des auf neun Tagebuchbände angelegten Diarien-Werkes Kesslers eine ästhetische und historische Fundgrube ist. Es ist wiederum die Fülle der Personen, mit denen er sich traf. Auch hier in der Lakonie der Aufzählung eine erstaunliche Nähe zu Ernst Jünger, diesmal zu seinen »Strahlungen«. Es ist die moderne Sichtweise eines gebildeten Gentleman von europäischem Format &C. &C. Auch das langsame Abrücken von seiner ursprünglichen Kriegsbegeisterung macht die Authentizität der Aufzeichnungen aus. Vieles andere auch hätte verdient, hier aufgezählt zu werden. Ergo: Der fünfte Band der Tagebücher Kesslers steht den bisher veröffentlichten nicht nach: Eine Edition von bleibendem Wert.

geschrieben am 05.05.2009 | 638 Wörter | 3959 Zeichen

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