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Echo: 1. Atomic Dreams


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Rezension von

Thomas Stumpf

Echo: 1. Atomic Dreams Im Hamburger Schreiber & Leser Verlag erscheint mit der deutschsprachigen Ausgabe von „Echo“ aus der Feder von Eisner-Award-Gewinner Terry Moore eine wahre Perle der Comickunst. Den Auftakt zur Reihe macht der über 200 (!) Seiten starke Band 1 „Atomic Dreams“. Kurz und spoilerfrei zum komplexen Inhalt: Die junge, in Trennung lebende Fotografin Julie Martin macht ein paar Aufnahmen an einem See im Wald als sich über ihr hoch in den Wolken eine gewaltige Explosion ereignet. Kurz darauf ergießt sich ein hagelartiger Niederschlag aus kugelförmigem Flüssigmetall über das Areal am See. Die Kügelchen bleiben an Julie haften und formen sich schließlich zu einem chromfarbenen Gebilde, dass ihren BH wegbrennt und ihren Oberkörper und ihre Brüste wie eine zweite Haut überzieht, ähnlich einem Harnisch, nur eben in organischer Form. Das Metall scheint eine Symbiose mit ihrer Haut eingegangen zu sein, und man kann es nicht mehr vom Körper trennen. Es handelt sich um eine sog. Beta-Skin, ein streng geheimes Regierungsexperiment mit dem Namen „Projekt Phi“ zur Entwicklung einer Körperrüstung mit überragenden Eigenschaften. Dahinter steckt eine Firma mit dem Namen „Heitzer Nuclear Research Institute“, kurz „HeNRI“. Die Anspielung auf die Inschrift über dem Christus-Kreuz „INRI“ ist nicht zu übersehen und steht sinnbildlich für die Dualität von Wissenschaft und Religion. Chef dieser Firma ist der ältliche Prof. Foster, ein reaktionärer, sexistischer und gewissenloser Wissenschaftler, für den die Entwicklung der Beta-Skin sein Lebenswerk darstellt. Doch die Beta-Skin ist viel mehr als ein Anzug, es ist eine mächtige Waffe von atomarer Stärke auf Plutoniumbasis, die sich nach den Gedanken ihres Trägers formen, ausdehnen und explodieren kann. Die Explosion über dem See ist dadurch ausgelöst worden, dass Prof. Foster seine Beta-Skin Testpilotin Annie Trotter von Kampfjets während eines Testflugs im Körperpanzer abschießen lässt – mit voller Absicht, um die Stärke der Beta-Skin zu testen. Annie stirbt dabei, die Beta-Skin zerfällt in ihre Einzelteile und regnet auf Julie herab. Mit der Beta-Skin, die sich über Julies Brüste formt, verbindet sich nicht nur atomares Flüssigmetall mit ihrer Haut, sondern Annies Erinnerungen mit Julies Geist, so dass die Gedanken und Emotionen der toten Annie als Echo ihrer Existenz in Julie fortbestehen. Daher auch der Titel des Comics „Echo“. Park Ranger Dillon Murphy wiederum ist auf der Suche nach seiner verschwundenen Freundin Annie Trotter als sich seine Wege mit Julies kreuzen. Gemeinsam versuchen sie, das Rätsel zu lösen und sind bald auf der Flucht vor HeNRI und der Regierung und dem Militär. Aber es kommt noch schlimmer, denn eine weitere Person hat sich während der Explosion am See aufgehalten und einen Teil der Beta-Skin absorbiert. Und deren Absichten sind gewalttätig und düster. Das ist der Hauptplot, daneben gibt es diverse Seitenstränge und interessante Charaktere, die das Ganze abrunden. Etwa Julies Noch-Ehemann, ihre in einem Heim lebende Schwester Pam, die Biker-Gang um den Veteranen Dan Backer, der eine Regierungsverschwörung aufklären möchte, ein steinewerfender Affe oder Prof. Fosters ebenso gewissenlosen Assistenten Jack. Und da wäre noch die hochtalentierte, intelligente und höchst interessante Ermittlerin Ivy Raven, die in Fosters Diensten steht und die Aufgabe hat, Julie und die Beta-Skin aufzuspüren. „Echo“ ist ein sehr vielschichtiger und hintergründiger Comic. Es geht zum einen um das Verhältnis des Menschen zur Technik, insbesondere der destruktiven Technik, im Kern um die Frage, ob der Mensch verantworten kann, was er erfindet. Die einzelnen Kapitel werden daher auch mit Zitaten von Albert Einstein und J. Robert Oppenheimer eingeleitet, den Vätern der Atombombe. „HeNRI“ steht für den militärisch-industriellen Komplex, vor dem Präsident Dwight Eisenhower seine Landsleute noch am Ende seiner Präsidentschaft eindringlich gewarnt hatte. Ein zentrales Thema ist sicherlich die Emanzipation. Die drei wichtigsten Charaktere, abgesehen von Dillon Murphy und Prof. Foster, sind Frauen: Annie, mit der es seinen Anfang nahm, Julie und die begnadete Ermittlerin Ivy. Dass die Beta-Skin ausgerechnet Julies BH „verbrennt“ und sich wie eine zweite Haut um ihre Brüste legt, ist ein klares Bild für die Befreiung der Weiblichkeit aus dem gesellschaftlichen patriarchischem Korsett der 60er, der Zeit, in der der revolutionäre Minirock in Mode kam und die Antibabypille ihren Siegeszug antrat. Nicht umsonst wird die hübsche Julie fast durchgehend nur in Hotpants und ihrer Beta-Skin gezeichnet. Auch die überaus hübsche Ivy ist eine starke und selbständige Frau, die ihren Kollegen nicht nur intellektuell überlegen ist, sondern dem vom Patriarchen Foster geführten Institut die Stirn bietet. In ihrem Wesen ist Julie der empathischen Ivy Raven gar nicht unähnlich. Annie Trotter ist Testpilotin einer Mega-Waffe zu einer Zeit, in der Frauen beim Militär bestenfalls Sanitätsdienst leisten durften. Der ganze Comic atmet den Geist des Kalten Krieges. Julie ist eine liebenswerte junge Frau mit einer Menge persönlicher Probleme. Sie lebt in Trennung, stimmt aber – zum Ärger ihres Ex – nicht in die Scheidung ein. Seit ihr Ex die Zahlungen eingestellt hat, ist sie ständig pleite und teilt sich das letzte Erdnussbutterbrot mit ihrem Hund. Ihre Schwester Pam lebt in einem Sanatorium und erfreut sich einer zweifelhaften geistigen Gesundheit. Von den Ereignissen wird Julie überrollt, sie kann die Beta-Skin nicht kontrollieren und als diese zum ersten Mal in einer lebensbedrohlichen Situation ihre Zerstörungskraft entfaltet, weiß Julie nicht, ob sie das ausgelöst hat oder die Beta-Skin ein Eigenleben führt. Oder war es doch Annies Echo in ihrem eigenen Geist? Terry Moore zeichnet und textet selbst und publiziert die Comics zudem in seinem eigenen Verlag Abstract Studio, was sie zu einem Aushängeschild der Independent-Szene macht. Das tolle Artwork des Comics ist komplett in Schwarz-Weiß gehalten und zeichnet sich durch starke Einzelpanels und feinlinige Abbildungen aus. Gerade die Gesichter der handelnden Personen sind sehr ausdrucksstark geraten, gerade bei Julie und Ivy. Durch das Fehlen jeglicher Farbe hält man sich irgendwie länger bei den Einzelpanels auf, um die zahlreichen Details, die sich sonst durch Farbe absetzen, zu erkunden. Es gibt keine Sperenzchen, keine Ablenkung, alles macht einen runden, geschlossenen Eindruck. Der Schwarz-Weiß-Effekt spiegelt zudem die den Comic durchziehende Dualität wider. Der storylastige Comic ist dialogbezogen und textfokussiert, was die komplexe Story auch erfordert. Dennoch zeigen sich keine Längen, der Comic hat genau das richtige Tempo. Moore hat ein Auge fürs Detail, nicht nur als Zeichner, sondern auch als Erzähler, was man z.B. an der Mühe erkennt, die er selbst in kleinste Nebenrollen steckt. Etwa die etwas retardierte Kellnerin des Diners, in dem Julie und Dillon auf ihrer Flucht frühstücken. Moore setzt nicht eben nur auf knallige Effekte (die der Comic durchaus zu bieten hat, es wird auch ganz schön brutal, zwischendurch richtet die Beta-Skin wahre Massaker an), sondern auf eine homogene, interessante Geschichte und lebensnah gezeichnete ausgeprägte Charaktere. Ein ganz toller Comic, den ich nur wärmstens empfehlen kann.

Im Hamburger Schreiber & Leser Verlag erscheint mit der deutschsprachigen Ausgabe von „Echo“ aus der Feder von Eisner-Award-Gewinner Terry Moore eine wahre Perle der Comickunst. Den Auftakt zur Reihe macht der über 200 (!) Seiten starke Band 1 „Atomic Dreams“.

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Kurz und spoilerfrei zum komplexen Inhalt:

Die junge, in Trennung lebende Fotografin Julie Martin macht ein paar Aufnahmen an einem See im Wald als sich über ihr hoch in den Wolken eine gewaltige Explosion ereignet. Kurz darauf ergießt sich ein hagelartiger Niederschlag aus kugelförmigem Flüssigmetall über das Areal am See. Die Kügelchen bleiben an Julie haften und formen sich schließlich zu einem chromfarbenen Gebilde, dass ihren BH wegbrennt und ihren Oberkörper und ihre Brüste wie eine zweite Haut überzieht, ähnlich einem Harnisch, nur eben in organischer Form. Das Metall scheint eine Symbiose mit ihrer Haut eingegangen zu sein, und man kann es nicht mehr vom Körper trennen.

Es handelt sich um eine sog. Beta-Skin, ein streng geheimes Regierungsexperiment mit dem Namen „Projekt Phi“ zur Entwicklung einer Körperrüstung mit überragenden Eigenschaften. Dahinter steckt eine Firma mit dem Namen „Heitzer Nuclear Research Institute“, kurz „HeNRI“. Die Anspielung auf die Inschrift über dem Christus-Kreuz „INRI“ ist nicht zu übersehen und steht sinnbildlich für die Dualität von Wissenschaft und Religion. Chef dieser Firma ist der ältliche Prof. Foster, ein reaktionärer, sexistischer und gewissenloser Wissenschaftler, für den die Entwicklung der Beta-Skin sein Lebenswerk darstellt. Doch die Beta-Skin ist viel mehr als ein Anzug, es ist eine mächtige Waffe von atomarer Stärke auf Plutoniumbasis, die sich nach den Gedanken ihres Trägers formen, ausdehnen und explodieren kann.

Die Explosion über dem See ist dadurch ausgelöst worden, dass Prof. Foster seine Beta-Skin Testpilotin Annie Trotter von Kampfjets während eines Testflugs im Körperpanzer abschießen lässt – mit voller Absicht, um die Stärke der Beta-Skin zu testen. Annie stirbt dabei, die Beta-Skin zerfällt in ihre Einzelteile und regnet auf Julie herab. Mit der Beta-Skin, die sich über Julies Brüste formt, verbindet sich nicht nur atomares Flüssigmetall mit ihrer Haut, sondern Annies Erinnerungen mit Julies Geist, so dass die Gedanken und Emotionen der toten Annie als Echo ihrer Existenz in Julie fortbestehen. Daher auch der Titel des Comics „Echo“.

Park Ranger Dillon Murphy wiederum ist auf der Suche nach seiner verschwundenen Freundin Annie Trotter als sich seine Wege mit Julies kreuzen. Gemeinsam versuchen sie, das Rätsel zu lösen und sind bald auf der Flucht vor HeNRI und der Regierung und dem Militär. Aber es kommt noch schlimmer, denn eine weitere Person hat sich während der Explosion am See aufgehalten und einen Teil der Beta-Skin absorbiert. Und deren Absichten sind gewalttätig und düster.

Das ist der Hauptplot, daneben gibt es diverse Seitenstränge und interessante Charaktere, die das Ganze abrunden. Etwa Julies Noch-Ehemann, ihre in einem Heim lebende Schwester Pam, die Biker-Gang um den Veteranen Dan Backer, der eine Regierungsverschwörung aufklären möchte, ein steinewerfender Affe oder Prof. Fosters ebenso gewissenlosen Assistenten Jack. Und da wäre noch die hochtalentierte, intelligente und höchst interessante Ermittlerin Ivy Raven, die in Fosters Diensten steht und die Aufgabe hat, Julie und die Beta-Skin aufzuspüren.

„Echo“ ist ein sehr vielschichtiger und hintergründiger Comic. Es geht zum einen um das Verhältnis des Menschen zur Technik, insbesondere der destruktiven Technik, im Kern um die Frage, ob der Mensch verantworten kann, was er erfindet. Die einzelnen Kapitel werden daher auch mit Zitaten von Albert Einstein und J. Robert Oppenheimer eingeleitet, den Vätern der Atombombe.

„HeNRI“ steht für den militärisch-industriellen Komplex, vor dem Präsident Dwight Eisenhower seine Landsleute noch am Ende seiner Präsidentschaft eindringlich gewarnt hatte. Ein zentrales Thema ist sicherlich die Emanzipation. Die drei wichtigsten Charaktere, abgesehen von Dillon Murphy und Prof. Foster, sind Frauen: Annie, mit der es seinen Anfang nahm, Julie und die begnadete Ermittlerin Ivy. Dass die Beta-Skin ausgerechnet Julies BH „verbrennt“ und sich wie eine zweite Haut um ihre Brüste legt, ist ein klares Bild für die Befreiung der Weiblichkeit aus dem gesellschaftlichen patriarchischem Korsett der 60er, der Zeit, in der der revolutionäre Minirock in Mode kam und die Antibabypille ihren Siegeszug antrat. Nicht umsonst wird die hübsche Julie fast durchgehend nur in Hotpants und ihrer Beta-Skin gezeichnet. Auch die überaus hübsche Ivy ist eine starke und selbständige Frau, die ihren Kollegen nicht nur intellektuell überlegen ist, sondern dem vom Patriarchen Foster geführten Institut die Stirn bietet. In ihrem Wesen ist Julie der empathischen Ivy Raven gar nicht unähnlich. Annie Trotter ist Testpilotin einer Mega-Waffe zu einer Zeit, in der Frauen beim Militär bestenfalls Sanitätsdienst leisten durften. Der ganze Comic atmet den Geist des Kalten Krieges.

Julie ist eine liebenswerte junge Frau mit einer Menge persönlicher Probleme. Sie lebt in Trennung, stimmt aber – zum Ärger ihres Ex – nicht in die Scheidung ein. Seit ihr Ex die Zahlungen eingestellt hat, ist sie ständig pleite und teilt sich das letzte Erdnussbutterbrot mit ihrem Hund. Ihre Schwester Pam lebt in einem Sanatorium und erfreut sich einer zweifelhaften geistigen Gesundheit. Von den Ereignissen wird Julie überrollt, sie kann die Beta-Skin nicht kontrollieren und als diese zum ersten Mal in einer lebensbedrohlichen Situation ihre Zerstörungskraft entfaltet, weiß Julie nicht, ob sie das ausgelöst hat oder die Beta-Skin ein Eigenleben führt. Oder war es doch Annies Echo in ihrem eigenen Geist?

Terry Moore zeichnet und textet selbst und publiziert die Comics zudem in seinem eigenen Verlag Abstract Studio, was sie zu einem Aushängeschild der Independent-Szene macht. Das tolle Artwork des Comics ist komplett in Schwarz-Weiß gehalten und zeichnet sich durch starke Einzelpanels und feinlinige Abbildungen aus. Gerade die Gesichter der handelnden Personen sind sehr ausdrucksstark geraten, gerade bei Julie und Ivy. Durch das Fehlen jeglicher Farbe hält man sich irgendwie länger bei den Einzelpanels auf, um die zahlreichen Details, die sich sonst durch Farbe absetzen, zu erkunden. Es gibt keine Sperenzchen, keine Ablenkung, alles macht einen runden, geschlossenen Eindruck. Der Schwarz-Weiß-Effekt spiegelt zudem die den Comic durchziehende Dualität wider. Der storylastige Comic ist dialogbezogen und textfokussiert, was die komplexe Story auch erfordert. Dennoch zeigen sich keine Längen, der Comic hat genau das richtige Tempo. Moore hat ein Auge fürs Detail, nicht nur als Zeichner, sondern auch als Erzähler, was man z.B. an der Mühe erkennt, die er selbst in kleinste Nebenrollen steckt. Etwa die etwas retardierte Kellnerin des Diners, in dem Julie und Dillon auf ihrer Flucht frühstücken. Moore setzt nicht eben nur auf knallige Effekte (die der Comic durchaus zu bieten hat, es wird auch ganz schön brutal, zwischendurch richtet die Beta-Skin wahre Massaker an), sondern auf eine homogene, interessante Geschichte und lebensnah gezeichnete ausgeprägte Charaktere.

Ein ganz toller Comic, den ich nur wärmstens empfehlen kann.

geschrieben am 20.06.2017 | 1083 Wörter | 6221 Zeichen

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