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Providence


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Rezension von

Thomas Stumpf

Providence Der Brite Alan Moore gilt als einer der größten und einflussreichsten Comicautoren überhaupt. Mit „The Killing Joke“ hat er einen der wichtigsten Batman-Comics aller Zeiten verfasst und mit seiner sagenhaften Graphic Novel „Watchmen“, die vom Time Magazine 2010 in die Liste der besten 100 Romane aufgenommen wurde, hat er sich einen Platz im Comicolymp ergattert. Zu seinen bekanntesten verfilmten Comics gehören etwa „From Hell“, „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ oder „V wie Vendetta“. Nunmehr wendet sich der Großmeister dem Schaffen von H.P. Lovecraft (1890 – 1937) zu und legt mit „Providence“ den Grundstein zur neuen Reihe um einen der einflussreichsten Horrorautoren aller Zeiten. Und um es gleich vorweg zu sagen, es ist ein Comic, den man unmöglich vom Leben Lovecrafts trennen oder verstehen kann. Und das ist Absicht. Protagonist der komplexen Handlung ist der junge Journalist Robert Black, der in Manhattan beim New York Herald arbeitet. Die Story beginnt im April 1919, also gerade dem Jahr, in dem die ersten Kurzgeschichten von Lovecraft veröffentlicht wurden. Robert Black ist der von Lovecraft ersonnenen fiktiven Figur Robert Blake nachempfunden, der wiederum seine Vorlage in dem Schriftsteller Robert Bloch hatte (Autor von „Psycho“). Robert Black wird zu Beginn des Comics von einem schweren Schicksalsschlag getroffen, ein Freund hat sich das in einem der neu gegründeten staatlichen Exit Gardens das Leben genommen. Wie sich im weiteren Verlauf herausstellt, handelte es sich um Blacks Geliebten, denn Robert Black ist homosexuell, was für die damalige Zeit gesellschaftlich sehr schwierig war. Die Exit Gardens sind vom Staat errichtete Kammern in öffentlichen Parkanlagen, in denen sich Suizidwillige das Leben nehmen können. Diese Idee stammt aus „Der König in Gelb“ von Robert Chambers (1865 – 1933), der wiederum literarisches Vorbild für Lovecraft und dessen Cthulhu-Mythos war. In diese persönliche Krise hinein stößt Black auf ein Buch mit dem Titel „Sous le monde“, dessen Lektüre den Leser wahnsinnig werden lassen soll. Auch diese Idee stammt aus „Der König in Gelb“. Darin ist es das gleichnamige Theaterstück „Der König in Gelb“, das den Leser ebenfalls den Verstand verlieren lassen soll. Bei seinen Recherchen stößt Black auf den Wissenschaftler Dr. Alvarez, der ihm von einem weiteren okkulten Werk erzählt, dem „Kitab“, geschrieben von einem Araber im frühen 8. Jahrhundert. Darin sollen vier Wege beschrieben sein, den Tod zu überlisten: besondere Ernährungsweise, Temperatur, Seelenübertragung und Wiedererweckung der Toten. Entsprechend verlässt Dr. Alvarez nie das Haus und hält die Raumtemperatur um den Gefrierpunkt. Das „Kitab“ entspricht der „Providence“-Version von Lovecrafts fiktivem Necronomicon. Black nimmt sich eine Auszeit beim Herald und begibt sich auf eine Reise durch Neuengland auf der Suche nach einer Ausgabe des Kitab. Zugleich will er seine Reise zu Recherchezwecken für ein von ihm geplantes Buch über das geheime Amerika nutzen. Auf seinem Trip ereignen sich merkwürdige Dinge und es kommt zu unheimlichen Begegnungen in typischer Lovecraftmanier. Soweit zur Handlung. Wie bereits eingangs erwähnt, ist dieser Comic für Leser, die Lovecraft und sein Werk nicht kennen, nur sehr schwer zugänglich. Sie werden nicht viel verstehen, denn Moore dekonstruiert Lovecrafts Leben und Werk und setzt es mit fiktiven Anleihen zu einem neuen Bild zusammen. Er vermengt dabei reale Ereignisse, Personen und Ort aus Lovecrafts Biografie mit fiktiven Ereignissen, Personen und Orten aus Lovecrafts literarischem Schaffen. Hinzu fügt er eigene fiktive Elemente wie z.B. „Sous le monde“ oder den „Kitab“, die Moore-Versionen des „König in Gelb“ und des „Necronomicon“. Wer sich mit Lovecraft nicht auskennt, wird wahrscheinlich gegen die Wand gefahren. Wer sich aber ein wenig damit befasst hat, wird begeistert sein, mit welch zahlreichen Anleihen Moore hier zu Werke geht, welche Detailtreue hervortritt und wie er reale Ereignisse und Fiktion zu einer neuen Meta-Ebene zusammensetzt und seine ganz eigene Pseudorealität im Lovecraft-Kosmos schafft. Es macht einen diebischen Spaß, all die vielen Anleihen und Reminiszenzen, die versteckten wie die offensichtlichen, zu suchen und nachzuverfolgen. Spannend ist der Comic nicht, wie auch Lovecraftgeschichten nicht wirklich spannend im herkömmlichen Sinne sind, aber ganz schön interessant. Moore nimmt uns an Robert Blacks Hand und macht mit uns einen Spaziergang durch Lovecrafts Welt. Thematisch landen wir damit beim Horror, dem phantastischen wie dem realen: Monstrositäten, Riten, Anderwelten, Pädophilie, Inzest, Vergewaltigung, Homophobie, Okkultismus, Antisemitismus. Lovecrafts Xenophobie schimmert überall durch, auch in diesem Comic. Man kann das Werk nicht vom Künstler trennen. Der Comic ist extrem textlastig, zuweilen auch sehr klein geschrieben, was etwas anstrengend ist. Dazwischen gibt es seitenweise handschriftliche Aufzeichnungen aus Robert Blacks Tagebuch, die das zuvor Gelesene aus seiner Sicht wiederholen oder reflektieren. Ein Comic, für den man sich viel Zeit nehmen muss. Aufgegliedert ist der Comic in vier Teile, wobei jeder einzelne einer Geschichte von H.P. Lovecraft nachempfunden ist. So stehen hier die Geschichten wie „Kühle Luft“ oder „Schatten über Innsmouth“. Optisch verantwortlich ist Jacen Burrows, dessen Zeichnungen im Gegensatz zum opulenten Inhalt sehr nüchtern und schnörkellos sind, gehalten in gedeckten Farben. Das Gutter, d.h. der Raum zwischen den einzelnen Panels, ist in Schwarz gehalten, was sehr gut zum Gesamteindruck passt. Die Panelabfolge ist sehr konservativ und statisch gewählt, in der Regel ist eine Bildseite in vier gleichgroße, waagrecht verlaufende, rechteckige Panels aufgeteilt. Nur ab und an wird diese Abfolge von größeren Panels unterbrochen. Ganzseitige Splashpanels sind rar. Ein inhaltlich sehr aufwändiger, optisch zurückhaltend geradliniger Comic, der für Fans von Lovecraft eine interessante Spielwiese ist, für Nichtlovecraftianer aber eine harte Nuss sein wird.

Der Brite Alan Moore gilt als einer der größten und einflussreichsten Comicautoren überhaupt. Mit „The Killing Joke“ hat er einen der wichtigsten Batman-Comics aller Zeiten verfasst und mit seiner sagenhaften Graphic Novel „Watchmen“, die vom Time Magazine 2010 in die Liste der besten 100 Romane aufgenommen wurde, hat er sich einen Platz im Comicolymp ergattert. Zu seinen bekanntesten verfilmten Comics gehören etwa „From Hell“, „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ oder „V wie Vendetta“.

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Nunmehr wendet sich der Großmeister dem Schaffen von H.P. Lovecraft (1890 – 1937) zu und legt mit „Providence“ den Grundstein zur neuen Reihe um einen der einflussreichsten Horrorautoren aller Zeiten. Und um es gleich vorweg zu sagen, es ist ein Comic, den man unmöglich vom Leben Lovecrafts trennen oder verstehen kann. Und das ist Absicht.

Protagonist der komplexen Handlung ist der junge Journalist Robert Black, der in Manhattan beim New York Herald arbeitet. Die Story beginnt im April 1919, also gerade dem Jahr, in dem die ersten Kurzgeschichten von Lovecraft veröffentlicht wurden. Robert Black ist der von Lovecraft ersonnenen fiktiven Figur Robert Blake nachempfunden, der wiederum seine Vorlage in dem Schriftsteller Robert Bloch hatte (Autor von „Psycho“). Robert Black wird zu Beginn des Comics von einem schweren Schicksalsschlag getroffen, ein Freund hat sich das in einem der neu gegründeten staatlichen Exit Gardens das Leben genommen. Wie sich im weiteren Verlauf herausstellt, handelte es sich um Blacks Geliebten, denn Robert Black ist homosexuell, was für die damalige Zeit gesellschaftlich sehr schwierig war. Die Exit Gardens sind vom Staat errichtete Kammern in öffentlichen Parkanlagen, in denen sich Suizidwillige das Leben nehmen können. Diese Idee stammt aus „Der König in Gelb“ von Robert Chambers (1865 – 1933), der wiederum literarisches Vorbild für Lovecraft und dessen Cthulhu-Mythos war.

In diese persönliche Krise hinein stößt Black auf ein Buch mit dem Titel „Sous le monde“, dessen Lektüre den Leser wahnsinnig werden lassen soll. Auch diese Idee stammt aus „Der König in Gelb“. Darin ist es das gleichnamige Theaterstück „Der König in Gelb“, das den Leser ebenfalls den Verstand verlieren lassen soll. Bei seinen Recherchen stößt Black auf den Wissenschaftler Dr. Alvarez, der ihm von einem weiteren okkulten Werk erzählt, dem „Kitab“, geschrieben von einem Araber im frühen 8. Jahrhundert. Darin sollen vier Wege beschrieben sein, den Tod zu überlisten: besondere Ernährungsweise, Temperatur, Seelenübertragung und Wiedererweckung der Toten. Entsprechend verlässt Dr. Alvarez nie das Haus und hält die Raumtemperatur um den Gefrierpunkt. Das „Kitab“ entspricht der „Providence“-Version von Lovecrafts fiktivem Necronomicon. Black nimmt sich eine Auszeit beim Herald und begibt sich auf eine Reise durch Neuengland auf der Suche nach einer Ausgabe des Kitab. Zugleich will er seine Reise zu Recherchezwecken für ein von ihm geplantes Buch über das geheime Amerika nutzen.

Auf seinem Trip ereignen sich merkwürdige Dinge und es kommt zu unheimlichen Begegnungen in typischer Lovecraftmanier. Soweit zur Handlung.

Wie bereits eingangs erwähnt, ist dieser Comic für Leser, die Lovecraft und sein Werk nicht kennen, nur sehr schwer zugänglich. Sie werden nicht viel verstehen, denn Moore dekonstruiert Lovecrafts Leben und Werk und setzt es mit fiktiven Anleihen zu einem neuen Bild zusammen. Er vermengt dabei reale Ereignisse, Personen und Ort aus Lovecrafts Biografie mit fiktiven Ereignissen, Personen und Orten aus Lovecrafts literarischem Schaffen. Hinzu fügt er eigene fiktive Elemente wie z.B. „Sous le monde“ oder den „Kitab“, die Moore-Versionen des „König in Gelb“ und des „Necronomicon“. Wer sich mit Lovecraft nicht auskennt, wird wahrscheinlich gegen die Wand gefahren.

Wer sich aber ein wenig damit befasst hat, wird begeistert sein, mit welch zahlreichen Anleihen Moore hier zu Werke geht, welche Detailtreue hervortritt und wie er reale Ereignisse und Fiktion zu einer neuen Meta-Ebene zusammensetzt und seine ganz eigene Pseudorealität im Lovecraft-Kosmos schafft. Es macht einen diebischen Spaß, all die vielen Anleihen und Reminiszenzen, die versteckten wie die offensichtlichen, zu suchen und nachzuverfolgen. Spannend ist der Comic nicht, wie auch Lovecraftgeschichten nicht wirklich spannend im herkömmlichen Sinne sind, aber ganz schön interessant. Moore nimmt uns an Robert Blacks Hand und macht mit uns einen Spaziergang durch Lovecrafts Welt. Thematisch landen wir damit beim Horror, dem phantastischen wie dem realen: Monstrositäten, Riten, Anderwelten, Pädophilie, Inzest, Vergewaltigung, Homophobie, Okkultismus, Antisemitismus. Lovecrafts Xenophobie schimmert überall durch, auch in diesem Comic. Man kann das Werk nicht vom Künstler trennen.

Der Comic ist extrem textlastig, zuweilen auch sehr klein geschrieben, was etwas anstrengend ist. Dazwischen gibt es seitenweise handschriftliche Aufzeichnungen aus Robert Blacks Tagebuch, die das zuvor Gelesene aus seiner Sicht wiederholen oder reflektieren. Ein Comic, für den man sich viel Zeit nehmen muss.

Aufgegliedert ist der Comic in vier Teile, wobei jeder einzelne einer Geschichte von H.P. Lovecraft nachempfunden ist. So stehen hier die Geschichten wie „Kühle Luft“ oder „Schatten über Innsmouth“.

Optisch verantwortlich ist Jacen Burrows, dessen Zeichnungen im Gegensatz zum opulenten Inhalt sehr nüchtern und schnörkellos sind, gehalten in gedeckten Farben. Das Gutter, d.h. der Raum zwischen den einzelnen Panels, ist in Schwarz gehalten, was sehr gut zum Gesamteindruck passt. Die Panelabfolge ist sehr konservativ und statisch gewählt, in der Regel ist eine Bildseite in vier gleichgroße, waagrecht verlaufende, rechteckige Panels aufgeteilt. Nur ab und an wird diese Abfolge von größeren Panels unterbrochen. Ganzseitige Splashpanels sind rar.

Ein inhaltlich sehr aufwändiger, optisch zurückhaltend geradliniger Comic, der für Fans von Lovecraft eine interessante Spielwiese ist, für Nichtlovecraftianer aber eine harte Nuss sein wird.

geschrieben am 24.01.2018 | 877 Wörter | 5183 Zeichen

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