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Am liebsten mag ich Monster


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Informationen zum Buch
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Rezension von

Thomas Stumpf

Am liebsten mag ich Monster Die zehnjährige Karen Reyes wächst im Chicago der 60er Jahre auf. Sie lebt mit ihrer Mutter und (zeitweise) mit ihrem großen Bruder in einer mehr oder weniger schäbigen Wohnung. Sie ist ein Unterschichtenkind mit Latinoherkunft, die Mutter alleinerziehend. Von ihrem Bruder hat sie das Talent und das Interesse für Kunst erworben. Ihre Umwelt betrachtet Karen sehr genau, nimmt sie aber stark verzerrt wahr. Als ihre Nachbarin Anka Silverberg vermeintlich Selbstmord begeht, nimmt Karen ihre eigenen Ermittlungen auf. Das ist die vordergründige Story, um die es geht. Über ihr trauriges Leben führt Karen Tagebuch. Sie schreibt und zeichnet alles, was ihr durch den kleinen Kopf geht in einen Ringblock - eben jener Comic, den der Leser respektive die Leserin nun in Händen hält. Ein über 400 Seiten starker Collegeblock, der von vorn bis hinten unter Außerachtlassung sämtlicher üblicher Limitierungen der Comickunst vollgeschrieben und vollgezeichnet ist. Was wir hier vor uns haben, ist eine Graphic Novel der Extraklasse und ganz und gar außergewöhnlich. Alleine die Idee, den Look eines vollgetexteten Ringblocks zu imitieren, ist grandios. Die Übertragung alleine dieses Aspekts in die deutsche Übersetzung muss eine gestalterische Meisterleistung gewesen sein. Der Comic ist so vielschichtig, sowohl gestalterisch als auch inhaltlich, dass es seinesgleichen sucht. Kaum zu glauben, dass die Schöpferin dieses Werks, Emil Ferris, bereits Mitte 50 ist und es sich vorliegend um ihr Comic-Debut (!) handelt. „Am liebsten mag ich Monster“ ist nicht nur ein Krimi, sondern vor allem eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Die kleine Karen ist vorpubertierend und kommt mit sich selbst und ihrer Umwelt nicht so ganz zu Rande. In ihrem Tagebuch zeichnet sie sich selbst immer als ein nicht besonders ansehnliches Werwolfmädchen mit einem Hang zum Morbiden, das in der Schule ein krasser Außenseiter ist. Sie freundet sich mit einem Mädchen an, dem es noch viel schlechter geht als ihr, doch auch das ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Karens Latinoherkunft stellt im Amerika der 60er Jahre, den Zeiten heftigster Rassendiskriminierungen, ein ganz erhebliches Problem dar. Ethische und sexuelle Andersartigkeit stößt an. Die kleine Karen ist die perfekte Antiheldin. Autorin Emil Ferris zeichnet mit ihrer Geschichte ein Sittengemälde dieser Zeit - und es fällt nicht positiv aus. Zu all den interessanten Alltagsbeobachtungen in ihrer näheren sozialen Umgebung gesellen sich so weitere Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Sozialkritik, Politik und Kriminalität hinzu. Es entsteht auf diese Art ein komplexes, facettenreiches Werk, versehen mit zahlreichen Denkanstößen. Die Handlung ist zuweilen etwas sprunghaft, der rote Faden geht aber nie verloren. Karen steht auf B-Horrormovies und Pulp-Heftchen. An genau deren Artwork orientiert sie sich beim Verfassen ihres Tagebuchs. Sie zeichnet ihre eigenen Cover, die sie den jeweiligen Abschnitten ihres Tagebuchs voranstellt. Diese erinnern stark an die Cover damaliger billiger Gruselgeschichten und Groschenhefte. Das Artwork von „Am liebsten mag ich Monster“ ist absolut außergewöhnlich und ebenso vielfältig wie der Inhalt. Von feinen Bleistiftzeichnungen und virtuosen Kugelschreiberskizzen bis zur kunstvoll ausgearbeiteten Adaptionen großer Gemälde der Weltgeschichte (etwa von Monet), findet sich ein großes Spektrum an Kunstfertigkeit, das einfach nur zutiefst bewundernswert ist. Die Collage ist das bevorzugte Stilmittel der Künstlerin, auf ausgetretene Pfade der Comickunst pfeift Emil Ferris. Was ist bitte ein Panel? Die vorliegende Graphic Novel von Emil Ferris ist bei aller optischer Opulenz sehr textlastig und verlangt vom Leser Aufmerksamkeit. Der Text ist meist irgendwie über die ganze Buchseite verteilt, der Ringblock wie in der Schule am Rand vollgeschrieben oder der Text findet sich als Fußnote oder in Bildern oder sonst wo. Manchmal muss man das Buch auf den Kopf drehen, um die Passagen lesen zu können. Rein formal sprengt Emil Ferris jegliche comicübliche Syntax. In den Texten wird nicht nur die Handlung vorangetrieben, Hintergründe erläutert und eine historisch authentische Atmosphäre erschaffen, sie enthalten auch zahlreiche Anspielungen auf Kunst, Film und Literatur. Das Werk hat nicht umsonst den diesjährigen Eisner-Award gewonnen - und das in gleich drei Kategorien (beste Graphic Novel, beste Künstlerin, beste Colorierung). Es ist zudem noch für den Hugo-Award nominiert. „Maus“-Schöpfer Art Spiegelmann nannte Emil Ferris eine der wichtigsten Comickünstlerinnen der Gegenwart - das ist nicht weniger als ein Ritterschlag. „Am liebsten mag ich Monster“ ist ein beeindruckendes, üppiges Werk von herausragender Kunstfertigkeit und emotionaler Tiefe. Ich bin schwer beeindruckt und lege jedem dieses einzigartige Comicbuch ans Herz.

Die zehnjährige Karen Reyes wächst im Chicago der 60er Jahre auf. Sie lebt mit ihrer Mutter und (zeitweise) mit ihrem großen Bruder in einer mehr oder weniger schäbigen Wohnung. Sie ist ein Unterschichtenkind mit Latinoherkunft, die Mutter alleinerziehend. Von ihrem Bruder hat sie das Talent und das Interesse für Kunst erworben. Ihre Umwelt betrachtet Karen sehr genau, nimmt sie aber stark verzerrt wahr. Als ihre Nachbarin Anka Silverberg vermeintlich Selbstmord begeht, nimmt Karen ihre eigenen Ermittlungen auf. Das ist die vordergründige Story, um die es geht.

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Über ihr trauriges Leben führt Karen Tagebuch. Sie schreibt und zeichnet alles, was ihr durch den kleinen Kopf geht in einen Ringblock - eben jener Comic, den der Leser respektive die Leserin nun in Händen hält. Ein über 400 Seiten starker Collegeblock, der von vorn bis hinten unter Außerachtlassung sämtlicher üblicher Limitierungen der Comickunst vollgeschrieben und vollgezeichnet ist.

Was wir hier vor uns haben, ist eine Graphic Novel der Extraklasse und ganz und gar außergewöhnlich. Alleine die Idee, den Look eines vollgetexteten Ringblocks zu imitieren, ist grandios. Die Übertragung alleine dieses Aspekts in die deutsche Übersetzung muss eine gestalterische Meisterleistung gewesen sein.

Der Comic ist so vielschichtig, sowohl gestalterisch als auch inhaltlich, dass es seinesgleichen sucht. Kaum zu glauben, dass die Schöpferin dieses Werks, Emil Ferris, bereits Mitte 50 ist und es sich vorliegend um ihr Comic-Debut (!) handelt. „Am liebsten mag ich Monster“ ist nicht nur ein Krimi, sondern vor allem eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Die kleine Karen ist vorpubertierend und kommt mit sich selbst und ihrer Umwelt nicht so ganz zu Rande. In ihrem Tagebuch zeichnet sie sich selbst immer als ein nicht besonders ansehnliches Werwolfmädchen mit einem Hang zum Morbiden, das in der Schule ein krasser Außenseiter ist. Sie freundet sich mit einem Mädchen an, dem es noch viel schlechter geht als ihr, doch auch das ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Karens Latinoherkunft stellt im Amerika der 60er Jahre, den Zeiten heftigster Rassendiskriminierungen, ein ganz erhebliches Problem dar. Ethische und sexuelle Andersartigkeit stößt an. Die kleine Karen ist die perfekte Antiheldin. Autorin Emil Ferris zeichnet mit ihrer Geschichte ein Sittengemälde dieser Zeit - und es fällt nicht positiv aus. Zu all den interessanten Alltagsbeobachtungen in ihrer näheren sozialen Umgebung gesellen sich so weitere Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Sozialkritik, Politik und Kriminalität hinzu. Es entsteht auf diese Art ein komplexes, facettenreiches Werk, versehen mit zahlreichen Denkanstößen. Die Handlung ist zuweilen etwas sprunghaft, der rote Faden geht aber nie verloren.

Karen steht auf B-Horrormovies und Pulp-Heftchen. An genau deren Artwork orientiert sie sich beim Verfassen ihres Tagebuchs. Sie zeichnet ihre eigenen Cover, die sie den jeweiligen Abschnitten ihres Tagebuchs voranstellt. Diese erinnern stark an die Cover damaliger billiger Gruselgeschichten und Groschenhefte. Das Artwork von „Am liebsten mag ich Monster“ ist absolut außergewöhnlich und ebenso vielfältig wie der Inhalt. Von feinen Bleistiftzeichnungen und virtuosen Kugelschreiberskizzen bis zur kunstvoll ausgearbeiteten Adaptionen großer Gemälde der Weltgeschichte (etwa von Monet), findet sich ein großes Spektrum an Kunstfertigkeit, das einfach nur zutiefst bewundernswert ist. Die Collage ist das bevorzugte Stilmittel der Künstlerin, auf ausgetretene Pfade der Comickunst pfeift Emil Ferris. Was ist bitte ein Panel?

Die vorliegende Graphic Novel von Emil Ferris ist bei aller optischer Opulenz sehr textlastig und verlangt vom Leser Aufmerksamkeit. Der Text ist meist irgendwie über die ganze Buchseite verteilt, der Ringblock wie in der Schule am Rand vollgeschrieben oder der Text findet sich als Fußnote oder in Bildern oder sonst wo. Manchmal muss man das Buch auf den Kopf drehen, um die Passagen lesen zu können. Rein formal sprengt Emil Ferris jegliche comicübliche Syntax. In den Texten wird nicht nur die Handlung vorangetrieben, Hintergründe erläutert und eine historisch authentische Atmosphäre erschaffen, sie enthalten auch zahlreiche Anspielungen auf Kunst, Film und Literatur.

Das Werk hat nicht umsonst den diesjährigen Eisner-Award gewonnen - und das in gleich drei Kategorien (beste Graphic Novel, beste Künstlerin, beste Colorierung). Es ist zudem noch für den Hugo-Award nominiert. „Maus“-Schöpfer Art Spiegelmann nannte Emil Ferris eine der wichtigsten Comickünstlerinnen der Gegenwart - das ist nicht weniger als ein Ritterschlag. „Am liebsten mag ich Monster“ ist ein beeindruckendes, üppiges Werk von herausragender Kunstfertigkeit und emotionaler Tiefe. Ich bin schwer beeindruckt und lege jedem dieses einzigartige Comicbuch ans Herz.

geschrieben am 10.09.2018 | 692 Wörter | 4144 Zeichen

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