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Volksgemeinschaft oder Volksstaat


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Rezension von

Max Bloch

Volksgemeinschaft oder Volksstaat Die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs waren der Humus jener Ideologeme und Ideologien, die das Gesicht des 20. Jahrhunderts prägten. Während von britischer und französischer Seite die publizistisch-propagandastische Aktion ganz auf den „Kampf der Zivilisation gegen die (deutsche) Barbarei“, gegen die brandschatzenden Hunnenhorden abgestellt war, während hier zwei alte, stolze Nationen gegen einen aufrührerischen Parvenü zu Felde zogen, wurde in Deutschland der Krieg – gerade im akademischen Milieu – als die große Prüfung empfunden und begrüßt, durch die das Werk der nationalen Einheit durch die soziale Einigung gekrönt werden könne. Diese ideologisch aufgeladene Interpretation des Kriegsgeschehens fand in den „Ideen von 1914“, in der Verheißung eines alle Klassen des Volkes umspannenden „nationalen Sozialismus“, einer der „formalistischen“, „westlichen“ Demokratie entgegengestellten „Volksgemeinschaft“ ihren sinnfälligen Ausdruck, die von namhaften Gelehrten wie Plenge, Kjellén, Sombart und Harnack geprägt und vertreten wurden. Diesen – realpolitisch schwammigen und in ihrer Deutung offenen – Ideen, wie er selber sagt: „bewusst unbefangen“, nachgegangen zu sein, sie methodisch zergliedert, analysiert und in den Kontext der politischen Ordnungsvorstellungen des frühen 20. Jahrhunderts eingebettet zu haben, ist das Ergebnis der ambitionierten Studie von Steffen Bruendel, die im Sommer 2001 von der Universität Bielefeld als Dissertation angenommen worden ist. Die „Ideen von 1914“, so führt Bruendel aus, seien eben keine aus dem Augenblick geborene „kurzlebige Verwirrung“ gewesen, auch keine bloße Propaganda, sondern die Fortführung einer politisch-akademischen Reformdiskussion, die durch die Anforderungen des Krieges neuen Auftrieb erhalten hätte. Insbesondere die rechtliche Eingliederung der Arbeiterklasse in die „nationale Einheitsfront“, das Abschneiden feudaler Zöpfe, vor allem die überfällige Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts standen im Zentrum der Debatten. Aus diesem Kriege, so der Konsens der Gelehrten, könne der Staat nicht austreten, wie er in ihn hineingetreten war. Ein neues Zeitalter, mochte man es begrüßen oder nicht, hatte unweigerlich begonnen. Ebenso wie die politische, so begann jedoch auch die „akademische Geschlossenheit“ bereits 1915, als die Hoffnungen auf einen kurzen Waffengang schwanden, zu bröckeln, und mit der Gründung des innenpolitisch reformorientierten, außenpolitisch moderaten „Nationalausschusses für einen ehrenvollen Frieden“ im Juli 1916 wurde die Spaltung des akademischen Milieus in der Kriegsziel- und Reformfrage auch institutionell verfestigt. Hier rächte sich die Deutungsfähigkeit jener „Ideen von 1914“, von denen schon Max Weber nicht recht wusste, was eigentlich ihr Inhalt sei. Spätestens 1917, mit den konkurrierenden Gründungen des „Volksbundes für Freiheit und Vaterland“, einer Fortentwicklung des Nationalausschusses, der auf dem Boden der Friedensresolution der Reichstagsmehrheit stand, und der „Vaterlandspartei“, die eben jene Resolution als nationale Schmach, als Bettelei, als Defätismus und Verrat anprangerte, trieben diese Differenzen ihrem Höhepunkt zu. Die innere Einheit, so ließen sich die „Vaterlandsgelehrten“ vernehmen, werde durch „innere Feinde“, Juden, Katholiken, Sozialisten und nationale Minderheiten, bedroht, deren Einfluss es zu mindern, die es auszuschalten galt. Diese Entwicklung vom „inklusiven“ zum „exklusiven“ Volksgemeinschaftsmodell wird von Bruendel überzeugend als eine ideenpolitische „Weichenstellung“ interpretiert, die das Kriegsende überdauerte. Gleichwohl ist – trotz der offensichtlichen terminologischen Übereinstimmungen – eine vermeintliche Kontinuität zwischen den „Ideen von 1914“ und dem Aufstieg der NSDAP, die mit dem Volksgemeinschaftskonzept hausieren ging, – wie Bruendel betont – differenziert zu betrachten. Mit der Vorstellung einer harmonischen, Sozialisten wie Juden umspannenden, demokratisch organisierten „Volksgemeinschaft“ hatten die Nationalsozialisten nichts im Sinn. Ihr Trachten galt der Vernichtung des „inneren“, vor allem „rassischen“ Feindes, und die harmonischen „Ideen von 1914“ traten im öffentlichen Gedenken hinter der kämpferischen „Frontgemeinschaft“ des Weltkriegs folgerichtig zurück. Die „Deutsche Gesellschaft von 1914“, die sich der Perpetuierung jener Ideen verschrieben hatte, wurde 1934 aufgelöst, und ihr langjähriger Vorsitzender, der ehemalige Kolonialstaatssekretär Wilhelm Solf, gab bedauernd zu Protokoll, dass „die heutige Generation an der Ausstrahlung des Geistes, den die Gründer wünschten“, der wehrhaften Toleranz auf dem Boden des Nationalen, „nicht den gleichen Gefallen findet“. Die Einführung eines „Arierparagraphen“ in das Statut der Gesellschaft, so Solf, liefe all dem zuwider, wofür sie stehe. Steffen Bruendel hat die Entwicklung der „Ideen von 1914“, die Auseinandersetzungen zwischen „Volksbunds-“ und „Vaterlandsgelehrten“, Geburt und erste Schritte einer meinungsbildenden Intellektuellenkultur in Deutschland, die Wende vom „inklusiven“ zum „exklusiven“ Volksgemeinschaftsmodell in einer methodisch wie sprachlich brillanten, urteilssicheren und quellennahen Studie analysiert und nachgezeichnet. Für die politische Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts seit vier Jahren ein Standardwerk, an dem der historisch interessierte Leser nicht herumkommt.

Die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs waren der Humus jener Ideologeme und Ideologien, die das Gesicht des 20. Jahrhunderts prägten. Während von britischer und französischer Seite die publizistisch-propagandastische Aktion ganz auf den „Kampf der Zivilisation gegen die (deutsche) Barbarei“, gegen die brandschatzenden Hunnenhorden abgestellt war, während hier zwei alte, stolze Nationen gegen einen aufrührerischen Parvenü zu Felde zogen, wurde in Deutschland der Krieg – gerade im akademischen Milieu – als die große Prüfung empfunden und begrüßt, durch die das Werk der nationalen Einheit durch die soziale Einigung gekrönt werden könne. Diese ideologisch aufgeladene Interpretation des Kriegsgeschehens fand in den „Ideen von 1914“, in der Verheißung eines alle Klassen des Volkes umspannenden „nationalen Sozialismus“, einer der „formalistischen“, „westlichen“ Demokratie entgegengestellten „Volksgemeinschaft“ ihren sinnfälligen Ausdruck, die von namhaften Gelehrten wie Plenge, Kjellén, Sombart und Harnack geprägt und vertreten wurden. Diesen – realpolitisch schwammigen und in ihrer Deutung offenen – Ideen, wie er selber sagt: „bewusst unbefangen“, nachgegangen zu sein, sie methodisch zergliedert, analysiert und in den Kontext der politischen Ordnungsvorstellungen des frühen 20. Jahrhunderts eingebettet zu haben, ist das Ergebnis der ambitionierten Studie von Steffen Bruendel, die im Sommer 2001 von der Universität Bielefeld als Dissertation angenommen worden ist.

Die „Ideen von 1914“, so führt Bruendel aus, seien eben keine aus dem Augenblick geborene „kurzlebige Verwirrung“ gewesen, auch keine bloße Propaganda, sondern die Fortführung einer politisch-akademischen Reformdiskussion, die durch die Anforderungen des Krieges neuen Auftrieb erhalten hätte. Insbesondere die rechtliche Eingliederung der Arbeiterklasse in die „nationale Einheitsfront“, das Abschneiden feudaler Zöpfe, vor allem die überfällige Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts standen im Zentrum der Debatten. Aus diesem Kriege, so der Konsens der Gelehrten, könne der Staat nicht austreten, wie er in ihn hineingetreten war. Ein neues Zeitalter, mochte man es begrüßen oder nicht, hatte unweigerlich begonnen. Ebenso wie die politische, so begann jedoch auch die „akademische Geschlossenheit“ bereits 1915, als die Hoffnungen auf einen kurzen Waffengang schwanden, zu bröckeln, und mit der Gründung des innenpolitisch reformorientierten, außenpolitisch moderaten „Nationalausschusses für einen ehrenvollen Frieden“ im Juli 1916 wurde die Spaltung des akademischen Milieus in der Kriegsziel- und Reformfrage auch institutionell verfestigt. Hier rächte sich die Deutungsfähigkeit jener „Ideen von 1914“, von denen schon Max Weber nicht recht wusste, was eigentlich ihr Inhalt sei.

Spätestens 1917, mit den konkurrierenden Gründungen des „Volksbundes für Freiheit und Vaterland“, einer Fortentwicklung des Nationalausschusses, der auf dem Boden der Friedensresolution der Reichstagsmehrheit stand, und der „Vaterlandspartei“, die eben jene Resolution als nationale Schmach, als Bettelei, als Defätismus und Verrat anprangerte, trieben diese Differenzen ihrem Höhepunkt zu. Die innere Einheit, so ließen sich die „Vaterlandsgelehrten“ vernehmen, werde durch „innere Feinde“, Juden, Katholiken, Sozialisten und nationale Minderheiten, bedroht, deren Einfluss es zu mindern, die es auszuschalten galt. Diese Entwicklung vom „inklusiven“ zum „exklusiven“ Volksgemeinschaftsmodell wird von Bruendel überzeugend als eine ideenpolitische „Weichenstellung“ interpretiert, die das Kriegsende überdauerte.

Gleichwohl ist – trotz der offensichtlichen terminologischen Übereinstimmungen – eine vermeintliche Kontinuität zwischen den „Ideen von 1914“ und dem Aufstieg der NSDAP, die mit dem Volksgemeinschaftskonzept hausieren ging, – wie Bruendel betont – differenziert zu betrachten. Mit der Vorstellung einer harmonischen, Sozialisten wie Juden umspannenden, demokratisch organisierten „Volksgemeinschaft“ hatten die Nationalsozialisten nichts im Sinn. Ihr Trachten galt der Vernichtung des „inneren“, vor allem „rassischen“ Feindes, und die harmonischen „Ideen von 1914“ traten im öffentlichen Gedenken hinter der kämpferischen „Frontgemeinschaft“ des Weltkriegs folgerichtig zurück. Die „Deutsche Gesellschaft von 1914“, die sich der Perpetuierung jener Ideen verschrieben hatte, wurde 1934 aufgelöst, und ihr langjähriger Vorsitzender, der ehemalige Kolonialstaatssekretär Wilhelm Solf, gab bedauernd zu Protokoll, dass „die heutige Generation an der Ausstrahlung des Geistes, den die Gründer wünschten“, der wehrhaften Toleranz auf dem Boden des Nationalen, „nicht den gleichen Gefallen findet“. Die Einführung eines „Arierparagraphen“ in das Statut der Gesellschaft, so Solf, liefe all dem zuwider, wofür sie stehe. Steffen Bruendel hat die Entwicklung der „Ideen von 1914“, die Auseinandersetzungen zwischen „Volksbunds-“ und „Vaterlandsgelehrten“, Geburt und erste Schritte einer meinungsbildenden Intellektuellenkultur in Deutschland, die Wende vom „inklusiven“ zum „exklusiven“ Volksgemeinschaftsmodell in einer methodisch wie sprachlich brillanten, urteilssicheren und quellennahen Studie analysiert und nachgezeichnet. Für die politische Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts seit vier Jahren ein Standardwerk, an dem der historisch interessierte Leser nicht herumkommt.

geschrieben am 09.07.2008 | 685 Wörter | 4683 Zeichen

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