Navigation

Seiten der Rubrik "Bücher"


Google Anzeigen

Anzeigen

Bücher

Handbuch Fin de Siècle


Statistiken
  • 3741 Aufrufe

Informationen zum Buch
  ISBN
  Herausgeber
  Verlag
  Sprache
  Seiten
  Erscheinungsjahr
  Extras

Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Handbuch Fin de Siècle Fin de Siècle – kaum eine andere Epoche zieht heute so viel Aufmerksamkeit auf sich. Und dennoch herrscht allgemeine Unsicherheit, was denn diese Zeit ausgemacht hat. Wodurch ist sie charakterisiert? Emblematisch ist eine Szene in Eduard von Keyserlings Roman »Abendliche Häuser«, in der zwei alte Adlige einfältig sinnierend beieinander sitzen. Am Schluss des Romans, nachdem die Jungen fulminant gescheitert und jeglicher Hoffnung beraubt sind, gehen die alten Barone wieder zum Müßiggang, ihrer aristokratischen Hauptbeschäftigung über. Man erwartet nichts mehr von der Zeit, vom Leben. Die Menschheit steht am Rande des Nichts. Dem Untergang kann man nur noch beiwohnen - und ihn ästhetisch zelebrieren. Alles sind Ausbruchsversuche, Fluchtversuche aus dem Fin-de-Siècle-Dasein. Protest gegen das nichtgelebte Leben und die noch düstereren Aussichten. »Nichts Neues in der Gegend?«, fragt der eine den anderen. Der erwidert: »Nein, nichts, [...] Gott sei Dank ist hier alles wieder ruhig.« Darauf der Erste: »Das ist gut, [...] man hat im Leben ja auch seine Unruhe gehabt, man hat seine Tätigkeit und seinen Wirkungskreis gehabt, nun will man Ruhe im windstillen Winkel.« Was bleibt, ist der Gedanke an einen guten Rotwein. Untergangsstimmung, Endzeit-Atmosphäre. Aber das Fin de Siècle war viel mehr, und dieses Mehr ist so vielfältig, dass es schwer ist, es zusammenzufassen, es auf einen Nenner zu bringen. Eine wesentliche Voraussetzung war die extreme Geschwindigkeit von Industrialisierung und technischem Fortschritt, mit der weder Gesellschaft noch Menschen zurecht kamen. In England zogen die Arbeiterfamilien zu tausenden nach London und lebten hier unter heute unvorstellbaren Umständen. In Paris ließ Napoleon III. den Baron Hausmann in großem Stil alte Häuser abreißen, um Platz für große Plätze und breite Straßen zu erhalten. Das war zugleich ein staatliches Beschäftigungsprogramm. Zugleich betraf die Fin-de-Siècle-Stimmung die verschiedensten Lebensbereiche, was es heute so schwierig macht, sich dieser Zeit zwischen den 1880er Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges seriös zu nähern. Diese Annäherung versucht nun ein voluminöses »Handbuch Fin de Siècle« des Stuttgarter Alfred Kröner Verlages. Die Herausgeber, die beide an der Universität Freiburg in der Schweiz lehren, betonen in ihrem Vorwort, dass es ihnen darum geht, den Forschungsstand in übersichtlicher Form zusammenzuführen. Gleichzeitig soll das Buch nicht auf den akademischen Bereich ausgerichtet sein, sondern sich an alle Interessierten wenden. Deshalb haben sie die Form des Essays für die einzelnen Themen gewählt. Und diese Form scheint gelungen, weil sie tatsächlich zu angenehmer Lesbarkeit führt. Eine Eigenschaft, die ja vielen Fachaufsätzen mangelt, weil deren Autoren sich hinter pseudo-wissenschaftlicher Sprache und unzähligen Fußnoten verschanzen. Die Beschränkung auf das deutsche Fin de Siècle ist mutig. Die Herausgeber sagen selbst, dies sei eine contradictio in adjecto, und dennoch ist diese Beschränkung sehr zu begrüßen. Dieser Rahmen ermöglicht die Darstellung der bedeutenden deutschen Künstler, deren Bio-Bibliographien in dem Band ganze 200 Seiten einnehmen. Hier sind die wichtigsten Lebensdaten aufgeführt. Eine Kurzbibliographie verschafft einen Überblick über die wichtigsten Werke. Hilfreich wäre die Einbeziehung bedeutender Sekundärliteratur gewesen. Stefan Bodo Würffel legt in seiner Einleitung den Rahmen fest: »Epoche – Politik – Kultur« in Deutschland. Es folgen ausführliche Darstellungen der europäischen Staaten. Bemerkenswert, dass nicht einmal Kroatien, Serbien oder das Baltikum ausgelassen werden. Dadurch erhält der Leser ein Gefühl für die Tiefe der europäischen Dimension dieser Kulturströmung. Im Handbuch gehört zum Kapitel »Europäisches Umfeld« ein Eingehen auf Mallarmé und den Symbolismus ebenso wie eine kurze Präsentation der geistigen Zentren der Strömung. Deutlich wird die Bedeutung einer Metropole als geistigem Kristallisationspunkt für eine Kulturnation. Das 2. Kapitel »Gesellschaft« beginnt mit der Gruppe als künstlerischem Synergie-Pool des Fin de Siècle und betont damit deren Bedeutung für den einzelnen Künstler. Die Brücke oder der George-Kreis waren weit mehr als Verbindungen zum Austausch oder der gegenseitigen Stützung. Hier fanden gesellschaftliche Anliegen ihre Heimat und wurde versucht, über das Hier-und-Jetzt in radikalerer Vehemenz hinauszudenken, als dies teils im jeweiligen Werk geschah. Im Kapitel finden sowohl damalige spiritistische Strömungen Darstellung, wie schreibende Frauen und das deutsch-jüdische Kulturverhältnis. Im 3. Kapitel finden die literarischen Formen ausführliche Darstellung. Man erhält ohne wissenschaftlichen Belehrungszwang Informationen, Querverweise, angereichert durch Literaturhinweise. Auch deren Gewichtung kann als gelungen gelten. Das IV. Kapitel mit dem Titel »Künste« beschäftigt sich nicht nur mit Malerei, Skulptur, Musik und Tanz, sondern lässt Bereiche wie den Städtebau oder die Wohnkultur nicht außer acht. Hervorzuheben sind Umfang und Niveau der Betrachtungen. Unter der Überschrift »Kunstglanz« seziert Oskar Bätschmann unter anderen die Biennale in Venedig von 1895 und die Plakatkunst. Dann geht er auf eine ganze Reihe von Randphänomenen des Fin de Siècle ein, die hier nur erwähnt werden können: die Legitimation des Künstlers, Angst als Lebensfaktor, die Femme fatale. Die Wissenschaften fehlen freilich nicht in diesem Kompendium der artifiziellen Epoche. Das V. Kapitel fächert die verschiedenen Disziplinen auf. Gut ist hier die Reihenfolge und Gewichtung. Nur wenn man die damals herrschenden Philosophie- und gesellschaftstheoretischen Strömungen kennt, kann man wirklich verstehen, welcher Wirkungskontext die Künstler-Provokateure bewogen, motiviert oder auch abgestoßen hat. Der Alfred Kröner Verlag hat – unterstützt durch die Universität Freiburg/ Schweiz und die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften eine Lücke im Bücherregal gefüllt. Wer sich bisher in Kürze über einzelne Aspekte des Fin de Siècle informieren wollte, hatte Schwierigkeiten, schnell die gewünschten Informationen zu finden. Der gewichtige und ansprechend gestaltete Band ist nun eine äußerst wertvolle Hilfe und gehört in alle geisteswissenschaftlichen Lesesäle. Er animiert zum weiteren Vertiefen in diesen so bewegenden Zeitabschnitt, dessen Studium eine Lehrstunde für eine Erneuerung der europäischen Kultur sein könnte.

Fin de Siècle – kaum eine andere Epoche zieht heute so viel Aufmerksamkeit auf sich. Und dennoch herrscht allgemeine Unsicherheit, was denn diese Zeit ausgemacht hat. Wodurch ist sie charakterisiert?

weitere Rezensionen von Matthias Pierre Lubinsky


Emblematisch ist eine Szene in Eduard von Keyserlings Roman »Abendliche Häuser«, in der zwei alte Adlige einfältig sinnierend beieinander sitzen. Am Schluss des Romans, nachdem die Jungen fulminant gescheitert und jeglicher Hoffnung beraubt sind, gehen die alten Barone wieder zum Müßiggang, ihrer aristokratischen Hauptbeschäftigung über. Man erwartet nichts mehr von der Zeit, vom Leben. Die Menschheit steht am Rande des Nichts. Dem Untergang kann man nur noch beiwohnen - und ihn ästhetisch zelebrieren. Alles sind Ausbruchsversuche, Fluchtversuche aus dem Fin-de-Siècle-Dasein. Protest gegen das nichtgelebte Leben und die noch düstereren Aussichten. »Nichts Neues in der Gegend?«, fragt der eine den anderen. Der erwidert: »Nein, nichts, [...] Gott sei Dank ist hier alles wieder ruhig.« Darauf der Erste: »Das ist gut, [...] man hat im Leben ja auch seine Unruhe gehabt, man hat seine Tätigkeit und seinen Wirkungskreis gehabt, nun will man Ruhe im windstillen Winkel.« Was bleibt, ist der Gedanke an einen guten Rotwein.

Untergangsstimmung, Endzeit-Atmosphäre. Aber das Fin de Siècle war viel mehr, und dieses Mehr ist so vielfältig, dass es schwer ist, es zusammenzufassen, es auf einen Nenner zu bringen. Eine wesentliche Voraussetzung war die extreme Geschwindigkeit von Industrialisierung und technischem Fortschritt, mit der weder Gesellschaft noch Menschen zurecht kamen. In England zogen die Arbeiterfamilien zu tausenden nach London und lebten hier unter heute unvorstellbaren Umständen. In Paris ließ Napoleon III. den Baron Hausmann in großem Stil alte Häuser abreißen, um Platz für große Plätze und breite Straßen zu erhalten. Das war zugleich ein staatliches Beschäftigungsprogramm.

Zugleich betraf die Fin-de-Siècle-Stimmung die verschiedensten Lebensbereiche, was es heute so schwierig macht, sich dieser Zeit zwischen den 1880er Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges seriös zu nähern. Diese Annäherung versucht nun ein voluminöses »Handbuch Fin de Siècle« des Stuttgarter Alfred Kröner Verlages. Die Herausgeber, die beide an der Universität Freiburg in der Schweiz lehren, betonen in ihrem Vorwort, dass es ihnen darum geht, den Forschungsstand in übersichtlicher Form zusammenzuführen. Gleichzeitig soll das Buch nicht auf den akademischen Bereich ausgerichtet sein, sondern sich an alle Interessierten wenden. Deshalb haben sie die Form des Essays für die einzelnen Themen gewählt. Und diese Form scheint gelungen, weil sie tatsächlich zu angenehmer Lesbarkeit führt. Eine Eigenschaft, die ja vielen Fachaufsätzen mangelt, weil deren Autoren sich hinter pseudo-wissenschaftlicher Sprache und unzähligen Fußnoten verschanzen.

Die Beschränkung auf das deutsche Fin de Siècle ist mutig. Die Herausgeber sagen selbst, dies sei eine contradictio in adjecto, und dennoch ist diese Beschränkung sehr zu begrüßen. Dieser Rahmen ermöglicht die Darstellung der bedeutenden deutschen Künstler, deren Bio-Bibliographien in dem Band ganze 200 Seiten einnehmen. Hier sind die wichtigsten Lebensdaten aufgeführt. Eine Kurzbibliographie verschafft einen Überblick über die wichtigsten Werke. Hilfreich wäre die Einbeziehung bedeutender Sekundärliteratur gewesen.

Stefan Bodo Würffel legt in seiner Einleitung den Rahmen fest: »Epoche – Politik – Kultur« in Deutschland. Es folgen ausführliche Darstellungen der europäischen Staaten. Bemerkenswert, dass nicht einmal Kroatien, Serbien oder das Baltikum ausgelassen werden. Dadurch erhält der Leser ein Gefühl für die Tiefe der europäischen Dimension dieser Kulturströmung. Im Handbuch gehört zum Kapitel »Europäisches Umfeld« ein Eingehen auf Mallarmé und den Symbolismus ebenso wie eine kurze Präsentation der geistigen Zentren der Strömung. Deutlich wird die Bedeutung einer Metropole als geistigem Kristallisationspunkt für eine Kulturnation.

Das 2. Kapitel »Gesellschaft« beginnt mit der Gruppe als künstlerischem Synergie-Pool des Fin de Siècle und betont damit deren Bedeutung für den einzelnen Künstler. Die Brücke oder der George-Kreis waren weit mehr als Verbindungen zum Austausch oder der gegenseitigen Stützung. Hier fanden gesellschaftliche Anliegen ihre Heimat und wurde versucht, über das Hier-und-Jetzt in radikalerer Vehemenz hinauszudenken, als dies teils im jeweiligen Werk geschah. Im Kapitel finden sowohl damalige spiritistische Strömungen Darstellung, wie schreibende Frauen und das deutsch-jüdische Kulturverhältnis.

Im 3. Kapitel finden die literarischen Formen ausführliche Darstellung. Man erhält ohne wissenschaftlichen Belehrungszwang Informationen, Querverweise, angereichert durch Literaturhinweise. Auch deren Gewichtung kann als gelungen gelten.

Das IV. Kapitel mit dem Titel »Künste« beschäftigt sich nicht nur mit Malerei, Skulptur, Musik und Tanz, sondern lässt Bereiche wie den Städtebau oder die Wohnkultur nicht außer acht. Hervorzuheben sind Umfang und Niveau der Betrachtungen. Unter der Überschrift »Kunstglanz« seziert Oskar Bätschmann unter anderen die Biennale in Venedig von 1895 und die Plakatkunst. Dann geht er auf eine ganze Reihe von Randphänomenen des Fin de Siècle ein, die hier nur erwähnt werden können: die Legitimation des Künstlers, Angst als Lebensfaktor, die Femme fatale.

Die Wissenschaften fehlen freilich nicht in diesem Kompendium der artifiziellen Epoche. Das V. Kapitel fächert die verschiedenen Disziplinen auf. Gut ist hier die Reihenfolge und Gewichtung. Nur wenn man die damals herrschenden Philosophie- und gesellschaftstheoretischen Strömungen kennt, kann man wirklich verstehen, welcher Wirkungskontext die Künstler-Provokateure bewogen, motiviert oder auch abgestoßen hat.

Der Alfred Kröner Verlag hat – unterstützt durch die Universität Freiburg/ Schweiz und die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften eine Lücke im Bücherregal gefüllt. Wer sich bisher in Kürze über einzelne Aspekte des Fin de Siècle informieren wollte, hatte Schwierigkeiten, schnell die gewünschten Informationen zu finden.

Der gewichtige und ansprechend gestaltete Band ist nun eine äußerst wertvolle Hilfe und gehört in alle geisteswissenschaftlichen Lesesäle. Er animiert zum weiteren Vertiefen in diesen so bewegenden Zeitabschnitt, dessen Studium eine Lehrstunde für eine Erneuerung der europäischen Kultur sein könnte.

geschrieben am 29.08.2008 | 883 Wörter | 5575 Zeichen

Kommentare lesen Kommentar schreiben

Kommentare zur Rezension (0)

Platz für Anregungen und Ergänzungen