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Der Erzähler - Walter Benjamin auf Ibiza


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Der Erzähler - Walter Benjamin auf Ibiza Als Walter Benjamin am Morgen des 19. April 1932 im Hafen von Ibiza-Stadt die Insel zum ersten Mal betritt, hat er keine Vorstellung davon, was ihn erwartet. Er kennt weder die Beschaffenheit von Ibiza, die Art ihrer Bewohner noch die Kultur der Baleareninsel. Augenblicklich ist er von der Landschaft fasziniert und davon, wie sich die traditionellen kleinen Häuser darin einfügen: »Danach begreift es sich von selbst, daß die Insel wirklich seitab des Weltverkehrs und auch der Zivilisation liegt, so daß man auf jede Art von Komfort verzichten muß. Man kann es mit Leichtigkeit, nicht nur der inneren Unruhe wegen, die die ökonomische Unabhängigkeit sondern auch der Verfassung wegen, die diese Landschaft einem mit gibt; die unberührteste, die ich jemals gefunden habe« schrieb Benjamin wenige Tage darauf an seinen Freund Gershom Scholem. In diesen wenigen Sätzen hat Benjamin seine zwei wesentlichen Gründe genannt, längere Zeit auf Ibiza zu verbringen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme musste er Deutschland verlassen. Als Jude und – wie er sich sah – marxistischer Schriftsteller stand er ganz oben auf der Liste der Nazis. Aber seine innere Unruhe, der Stress der Großstadt malträtierten ihn. Lange schon dachte er über ein Refugium auf dem Lande nach. In diesen Jahren seiner Flucht besuchte er mehrmals seinen Freund Brecht in Dänemark. Hier genoss er die Abgeschiedenheit. Der zweite Grund, warum Ibiza für ihn geeignet schien, war seine finanzielle Situation. In den Jahren seiner mehrmonatigen Ibiza-Aufenthalte, 1932 und 1933, lebte er quasi von der Hand in den Mund. Zwar hatte er nun mit seinen Büchern Erfolge, doch schlug sich das nicht sogleich finanziell nieder. Die Monate auf Ibiza konnte er sich einigermaßen durch Rezensionen für deutsche Zeitungen über Wasser halten. Vicente Valero schildert Benjamins Ibiza-Zeit. Der spanische Lyriker vermag es, eher plaudernd als dozierend, sich dem Berliner Gelehrten biographisch anzunähern. Das Buch liest sich wie eine Erzählung. Und dennoch vermisst man weder Details noch Gefühlsagen, Freundschaften und Konflikte, die den sensiblen Deutschen so häufig emotional beanspruchten. Besondere Stärke des Buches ist es, das Entstehen von Benjamins Schriften aus dieser Zeit geistig und emotional in ihren Entstehungskontext einzubetten. Dabei war die Wahl des Ortes wohl eher zufällig. Seit 1916 war Benjamin mit dem Doktor der Philosophie Felix Noeggerath befreundet. Er hatte ihn während eines mehrmonatigen Aufenthalts in München kennengelernt. Beide hatten sich damals eine außerordentliche Universitätsvorlesung zu Kultur und Sprache des alten Mexiko angehört. Viele Jahre hatten sie sich nicht wiedergesehen, als sie sich im Winter 1932 zufällig wiedertrafen. Noeggerath erzählte von der Doktorarbeit seines Sohnes, über die historische Architektur Ibizas. Außerdem standen sie kurz vor der Abreise zur Insel. Das musste auf Benjamin wirken, wie der erhoffte Glücksfall: Er befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer tiefen Krise, sowohl finanziell wie auch intellektuell und privat. So war er sofort bereit, seine Koffer zu packen, um das immer bedrohlicher werdende Berlin zu verlassen. Die Stille der mediterranen Dörfer und die lächerlich geringen Lebenshaltungskosten waren es vor allem, wovon sein alter Bekannter schwärmte und was Benjamin bewog, kurzfristig nach Ibiza zu reisen. Wie improvisiert die Entscheidung war, davon kündet ein Brief an Theodor W. Adorno. »Ich habe Prospekte eingefordert, denen zufolge man auf eine halbwegs menschenwürdige Art – wenn auch natürlich dritter Klasse – eine vierzehntägige Seereise über Holland und Portugal für 160 Mark machen kann. Und demgemäß ist es sehr wahrscheinlich, daß ich am 9. April von Hamburg nach den Balearen abfahre.« Zu diesem Zeitpunkt konnte Walter Benjamin noch nicht ahnen, wie stark ihn die Kultur der Insel, ihre Menschen und die mediterrane Atmosphäre beeinflussen und animieren würden. Die Rekonstruktion von Vicente Valero von Benjamins Ibiza-Zeit macht deutlich, in welcher Situation verschiedene, später berühmt gewordene Texte entstanden. Während seines ersten Ibiza-Aufenthaltes arbeitete Benjamin an der »Berliner Chronik« und der »Berliner Kindheit um 1900«. In seinen Schriften aus dieser Zeit – insbesondere denjenigen, die er nach den Ibiza-Aufenthalten fertig stellte – brachte der deutsche Kulturphilosoph seine Überzeugung zum Ausdruck, der Auflösung einer Welt beizuwohnen, die die Menschheit so nie wieder vorfinden würde. Der auf Ibiza geborene Valero zitiert Susan Sontag, der zufolge Benjamin gespürt habe, »dass er in einer Zeit lebte, in der alles Kostbare das letzte seiner Art war«.

Als Walter Benjamin am Morgen des 19. April 1932 im Hafen von Ibiza-Stadt die Insel zum ersten Mal betritt, hat er keine Vorstellung davon, was ihn erwartet. Er kennt weder die Beschaffenheit von Ibiza, die Art ihrer Bewohner noch die Kultur der Baleareninsel. Augenblicklich ist er von der Landschaft fasziniert und davon, wie sich die traditionellen kleinen Häuser darin einfügen: »Danach begreift es sich von selbst, daß die Insel wirklich seitab des Weltverkehrs und auch der Zivilisation liegt, so daß man auf jede Art von Komfort verzichten muß. Man kann es mit Leichtigkeit, nicht nur der inneren Unruhe wegen, die die ökonomische Unabhängigkeit sondern auch der Verfassung wegen, die diese Landschaft einem mit gibt; die unberührteste, die ich jemals gefunden habe« schrieb Benjamin wenige Tage darauf an seinen Freund Gershom Scholem.

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In diesen wenigen Sätzen hat Benjamin seine zwei wesentlichen Gründe genannt, längere Zeit auf Ibiza zu verbringen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme musste er Deutschland verlassen. Als Jude und – wie er sich sah – marxistischer Schriftsteller stand er ganz oben auf der Liste der Nazis. Aber seine innere Unruhe, der Stress der Großstadt malträtierten ihn. Lange schon dachte er über ein Refugium auf dem Lande nach. In diesen Jahren seiner Flucht besuchte er mehrmals seinen Freund Brecht in Dänemark. Hier genoss er die Abgeschiedenheit. Der zweite Grund, warum Ibiza für ihn geeignet schien, war seine finanzielle Situation. In den Jahren seiner mehrmonatigen Ibiza-Aufenthalte, 1932 und 1933, lebte er quasi von der Hand in den Mund. Zwar hatte er nun mit seinen Büchern Erfolge, doch schlug sich das nicht sogleich finanziell nieder. Die Monate auf Ibiza konnte er sich einigermaßen durch Rezensionen für deutsche Zeitungen über Wasser halten.

Vicente Valero schildert Benjamins Ibiza-Zeit. Der spanische Lyriker vermag es, eher plaudernd als dozierend, sich dem Berliner Gelehrten biographisch anzunähern. Das Buch liest sich wie eine Erzählung. Und dennoch vermisst man weder Details noch Gefühlsagen, Freundschaften und Konflikte, die den sensiblen Deutschen so häufig emotional beanspruchten. Besondere Stärke des Buches ist es, das Entstehen von Benjamins Schriften aus dieser Zeit geistig und emotional in ihren Entstehungskontext einzubetten.

Dabei war die Wahl des Ortes wohl eher zufällig. Seit 1916 war Benjamin mit dem Doktor der Philosophie Felix Noeggerath befreundet. Er hatte ihn während eines mehrmonatigen Aufenthalts in München kennengelernt. Beide hatten sich damals eine außerordentliche Universitätsvorlesung zu Kultur und Sprache des alten Mexiko angehört. Viele Jahre hatten sie sich nicht wiedergesehen, als sie sich im Winter 1932 zufällig wiedertrafen. Noeggerath erzählte von der Doktorarbeit seines Sohnes, über die historische Architektur Ibizas. Außerdem standen sie kurz vor der Abreise zur Insel. Das musste auf Benjamin wirken, wie der erhoffte Glücksfall: Er befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer tiefen Krise, sowohl finanziell wie auch intellektuell und privat. So war er sofort bereit, seine Koffer zu packen, um das immer bedrohlicher werdende Berlin zu verlassen.

Die Stille der mediterranen Dörfer und die lächerlich geringen Lebenshaltungskosten waren es vor allem, wovon sein alter Bekannter schwärmte und was Benjamin bewog, kurzfristig nach Ibiza zu reisen. Wie improvisiert die Entscheidung war, davon kündet ein Brief an Theodor W. Adorno. »Ich habe Prospekte eingefordert, denen zufolge man auf eine halbwegs menschenwürdige Art – wenn auch natürlich dritter Klasse – eine vierzehntägige Seereise über Holland und Portugal für 160 Mark machen kann. Und demgemäß ist es sehr wahrscheinlich, daß ich am 9. April von Hamburg nach den Balearen abfahre.«

Zu diesem Zeitpunkt konnte Walter Benjamin noch nicht ahnen, wie stark ihn die Kultur der Insel, ihre Menschen und die mediterrane Atmosphäre beeinflussen und animieren würden. Die Rekonstruktion von Vicente Valero von Benjamins Ibiza-Zeit macht deutlich, in welcher Situation verschiedene, später berühmt gewordene Texte entstanden. Während seines ersten Ibiza-Aufenthaltes arbeitete Benjamin an der »Berliner Chronik« und der »Berliner Kindheit um 1900«.

In seinen Schriften aus dieser Zeit – insbesondere denjenigen, die er nach den Ibiza-Aufenthalten fertig stellte – brachte der deutsche Kulturphilosoph seine Überzeugung zum Ausdruck, der Auflösung einer Welt beizuwohnen, die die Menschheit so nie wieder vorfinden würde. Der auf Ibiza geborene Valero zitiert Susan Sontag, der zufolge Benjamin gespürt habe, »dass er in einer Zeit lebte, in der alles Kostbare das letzte seiner Art war«.

geschrieben am 03.09.2008 | 686 Wörter | 3975 Zeichen

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