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Kulturen des Bildes


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Rezension von

Benjamin Städter

Kulturen des Bildes Bild – Körper – Medium. Diese drei Fixpunkte bilden den gemeinsamen Rahmen der Beiträge des Sammelbandes „Kulturen des Bildes“, der die ersten Ergebnisse des an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe angesiedelten interdisziplinären Graduiertenkollegs „Bild. Körper. Medium. Eine anthropologische Perspektive“ zusammenfasst. In Anlehnung an die von Hans Belting entworfene Bild-Anthropologie verwerfen die Autoren den Versuch einer absoluten, quasi zeitlosen Bestimmung des Bildes und betonen stattdessen seine Verortung in einem kulturellen Umfeld, der es in der bildwissenschaftlichen Forschung nachzuspüren gilt. Den Autoren geht es, wie es der Titel bereits zum Ausdruck bringt, um die Untersuchung gerade der Kulturen des Bildes. Die Einbettung in diese lässt sich nun, so die zugrunde liegende Prämisse der Beiträge, anhand des heuristischen Dreiecks von Bild – Körper – Medium analysieren: Jedes Bild bedarf zunächst eines Mediums, das es materialisiert und erfahrbar macht und darüber hinaus eines Körpers, um erfahren zu werden. Dieser speichert, bewertet und verarbeitet das Bild, indem er das äußere, materiale Bild in ein inneres, endogenes wandelt. So kommt es zu dem dynamischen Wechselverhältnis der drei Konstanten, deren Wandel es in historischer und kultureller Perspektive zu untersuchen gilt. Die dreiundzwanzig inhaltlich breit ausgerichteten Aufsätze des Sammelbandes leisten dies in vier thematischen Kapiteln. Ein erstes fragt nach den Verschränkungen von Text- und Bildkulturen. Ein zweiter Abschnitt diskutiert die Funktionalität von Bildern im Mittelalter und der frühen Neuzeit, indem etwa die den religiösen Bildern eingeschriebenen Heilsfunktionen in den Blick genommen werden. Das dritte Kapitel „Einverleibende Blicke – Verkörpernde Bilder“ widmet sich dem Verhältnis von Bildern und Körperlichkeit bzw. der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen den Kulturen des Bildes und den Kulturen des Körpers. Die im vierten Kapitel versammelten Beiträge diskutieren die Bedeutung des technischen Mediums, das Bilder materialisiert, für deren Rezeption. Inwiefern, so die grundlegende Frage, steuern technische Medien die Bildwahrnehmung und auch den Blick des Betrachters? An dieser Stelle soll darauf verzichtet werden, die Aufsätze in ihrer Gesamtheit vorzustellen. Beispielhaft sei der Beitrag von Matthias Weiß herausgegriffen, der verschiedene Lesarten eines Musikvideos der US-Popikone Madonna diskutiert. Der gängigen, vor allen von der feministischen Literaturkritik herausgearbeiteten Interpretation des Videos „Open your heart“ (1986) als pornografisch anmutende Zurschaustellung des weiblichen Körpers stellt Weiß eine diametral zuwiderlaufende Lesart entgegen. In Rückgriff auf die Foucault’schen Ausführungen zum Panopticum als Instrument der Macht und Überwachung kehrt der Autor die im Video dargestellte Situation einer Peepshow in ihr Gegenteil: Nicht die Gaffer herrschen mit ihren Blicken über den Körper der lasziv tanzenden Madonna. Vielmehr könne diese die Blicke der (männlichen und weiblichen) Voyeure lenken, die dem Anblick der Tänzerin hilflos ausgeliefert sind. So folge die Situation der im Video inszenierten Peepshow tendenziell der von Foucault beschriebenen Anordnung des Panopticums, eines Gefängnisbaus, der es dem in einem Turm sitzenden Wächter erlaubt, die um ihn herum angeordneten Zellen einzusehen ohne aber selbst gesehen zu werden. Ob nun aber der Blick des Zuschauers mit den durchaus schlüssigen Anmerkungen Weiß’ beschrieben werden kann und in einem „Blick zweiter Ordnung“ (S.321) auf die Gaffer und damit auf die althergebrachte Situation der Peepshow in spöttischer Überlegenheit herabsieht oder der Videorezipient eben doch die Position des Voyeurs einnimmt und den weiblichen Körper in sexueller Erregung konsumiert, kann, so konstatiert der Autor zurecht, nicht beantwortet werden. Ob das populäre Video einer Popikone das treffende Medium ist, um die sich in den voyeuristischen Blicken konstituierenden gängigen Machtverhältnisse zu dekonstruieren, scheint zudem eher fraglich. Zumindest zeigt die vom Autor herausgearbeitete Lesart aber, dass Madonna als Künstlerin für sich ein Machtinstrument reklamiert, was gemeinhin als genuin männliches gilt, nämlich die Macht über die Blickverhältnisse. Somit, so die abschließende These, lässt sich die Unterstellung eines pornografischen Videos „mit Sicherheit nicht“ aufrechterhalten (S.323). Weiß’ Ausführungen mögen an dieser Stelle verdeutlichen, wie fruchtbar und zugleich anschaulich (und hier stechen sie durchaus positiv aus dem Sammelband heraus) die oben skizzierten theoretischen Prämissen in die Präsentation der wissenschaftlichen Arbeit umgesetzt werden können. Seine Fokussierung auf die im Video präsentierten Bilder, die spezifischen Eigenheiten des Medientyps Musikvideo (Weiß nimmt sowohl die visuellen als auch die textlich-auditiven Aspekte in den Blick) und letztendlich die Bedeutung von Körperlichkeit auch für die Rezeption der Bilder scheinen für die von ihm vorgenommene Analyse überaus plausibel und überzeugend.

Bild – Körper – Medium. Diese drei Fixpunkte bilden den gemeinsamen Rahmen der Beiträge des Sammelbandes „Kulturen des Bildes“, der die ersten Ergebnisse des an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe angesiedelten interdisziplinären Graduiertenkollegs „Bild. Körper. Medium. Eine anthropologische Perspektive“ zusammenfasst.

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In Anlehnung an die von Hans Belting entworfene Bild-Anthropologie verwerfen die Autoren den Versuch einer absoluten, quasi zeitlosen Bestimmung des Bildes und betonen stattdessen seine Verortung in einem kulturellen Umfeld, der es in der bildwissenschaftlichen Forschung nachzuspüren gilt. Den Autoren geht es, wie es der Titel bereits zum Ausdruck bringt, um die Untersuchung gerade der Kulturen des Bildes. Die Einbettung in diese lässt sich nun, so die zugrunde liegende Prämisse der Beiträge, anhand des heuristischen Dreiecks von Bild – Körper – Medium analysieren: Jedes Bild bedarf zunächst eines Mediums, das es materialisiert und erfahrbar macht und darüber hinaus eines Körpers, um erfahren zu werden. Dieser speichert, bewertet und verarbeitet das Bild, indem er das äußere, materiale Bild in ein inneres, endogenes wandelt. So kommt es zu dem dynamischen Wechselverhältnis der drei Konstanten, deren Wandel es in historischer und kultureller Perspektive zu untersuchen gilt.

Die dreiundzwanzig inhaltlich breit ausgerichteten Aufsätze des Sammelbandes leisten dies in vier thematischen Kapiteln. Ein erstes fragt nach den Verschränkungen von Text- und Bildkulturen. Ein zweiter Abschnitt diskutiert die Funktionalität von Bildern im Mittelalter und der frühen Neuzeit, indem etwa die den religiösen Bildern eingeschriebenen Heilsfunktionen in den Blick genommen werden. Das dritte Kapitel „Einverleibende Blicke – Verkörpernde Bilder“ widmet sich dem Verhältnis von Bildern und Körperlichkeit bzw. der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen den Kulturen des Bildes und den Kulturen des Körpers. Die im vierten Kapitel versammelten Beiträge diskutieren die Bedeutung des technischen Mediums, das Bilder materialisiert, für deren Rezeption. Inwiefern, so die grundlegende Frage, steuern technische Medien die Bildwahrnehmung und auch den Blick des Betrachters?

An dieser Stelle soll darauf verzichtet werden, die Aufsätze in ihrer Gesamtheit vorzustellen. Beispielhaft sei der Beitrag von Matthias Weiß herausgegriffen, der verschiedene Lesarten eines Musikvideos der US-Popikone Madonna diskutiert. Der gängigen, vor allen von der feministischen Literaturkritik herausgearbeiteten Interpretation des Videos „Open your heart“ (1986) als pornografisch anmutende Zurschaustellung des weiblichen Körpers stellt Weiß eine diametral zuwiderlaufende Lesart entgegen. In Rückgriff auf die Foucault’schen Ausführungen zum Panopticum als Instrument der Macht und Überwachung kehrt der Autor die im Video dargestellte Situation einer Peepshow in ihr Gegenteil: Nicht die Gaffer herrschen mit ihren Blicken über den Körper der lasziv tanzenden Madonna. Vielmehr könne diese die Blicke der (männlichen und weiblichen) Voyeure lenken, die dem Anblick der Tänzerin hilflos ausgeliefert sind. So folge die Situation der im Video inszenierten Peepshow tendenziell der von Foucault beschriebenen Anordnung des Panopticums, eines Gefängnisbaus, der es dem in einem Turm sitzenden Wächter erlaubt, die um ihn herum angeordneten Zellen einzusehen ohne aber selbst gesehen zu werden.

Ob nun aber der Blick des Zuschauers mit den durchaus schlüssigen Anmerkungen Weiß’ beschrieben werden kann und in einem „Blick zweiter Ordnung“ (S.321) auf die Gaffer und damit auf die althergebrachte Situation der Peepshow in spöttischer Überlegenheit herabsieht oder der Videorezipient eben doch die Position des Voyeurs einnimmt und den weiblichen Körper in sexueller Erregung konsumiert, kann, so konstatiert der Autor zurecht, nicht beantwortet werden. Ob das populäre Video einer Popikone das treffende Medium ist, um die sich in den voyeuristischen Blicken konstituierenden gängigen Machtverhältnisse zu dekonstruieren, scheint zudem eher fraglich. Zumindest zeigt die vom Autor herausgearbeitete Lesart aber, dass Madonna als Künstlerin für sich ein Machtinstrument reklamiert, was gemeinhin als genuin männliches gilt, nämlich die Macht über die Blickverhältnisse. Somit, so die abschließende These, lässt sich die Unterstellung eines pornografischen Videos „mit Sicherheit nicht“ aufrechterhalten (S.323). Weiß’ Ausführungen mögen an dieser Stelle verdeutlichen, wie fruchtbar und zugleich anschaulich (und hier stechen sie durchaus positiv aus dem Sammelband heraus) die oben skizzierten theoretischen Prämissen in die Präsentation der wissenschaftlichen Arbeit umgesetzt werden können. Seine Fokussierung auf die im Video präsentierten Bilder, die spezifischen Eigenheiten des Medientyps Musikvideo (Weiß nimmt sowohl die visuellen als auch die textlich-auditiven Aspekte in den Blick) und letztendlich die Bedeutung von Körperlichkeit auch für die Rezeption der Bilder scheinen für die von ihm vorgenommene Analyse überaus plausibel und überzeugend.

geschrieben am 01.10.2008 | 683 Wörter | 4383 Zeichen

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