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Fontane denkt an Afghanistan


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Rezension von

Eliza Gamai

Fontane denkt an Afghanistan Eine Welt außerhalb des Mainstream René Sommer versteht es meisterhaft, die Poesie mit Pop zu unterwandern und verkrustete Formen aufzubrechen. Trotzdem hat der Dichter aus dem schweizerischen Jura mehr mit Theodor Fontane gemeinsam, als klassisch geschulte Lesende ahnen würden: Das Zusammenstoßen von Alltäglichem und Skurrilem bringt auch in Fontanes Gedichten, vor allem in den Balladen überraschende Wendungen hervor. Poesie ist wirklich eine andere und wunderbare Art von Sprache. Beim Lesen in René Sommers Gedichtband „Fontane denkt an Afghanistan“ gibt es eine Fülle von eigenwilliger Sprachkunst zu entdecken. Der fiktive Dichter August Abegg bildet eine Art Untergrund, eine Welt außerhalb des Mainstream: "... August Abegg spaziert immer tiefer in den jurassischen Urwald hinein, bis der Blick auf Häuser und Straßen und das ferne Grollen der Zivilisation vollkommen verschwunden sind." Seine surrealen Gedichte verraten die Grotesken der Populärkultur, von denen er sich beeinflusst sieht. Sie soll den Übergang von der alltäglichen äußeren Welt in den surrealen Bezirk des kollektiven Unbewussten erfahrbar machen: "... Abegg reißt das Bild des dicken goldenen Buddhas aus einem Reiseprospekt, klebt es über eine Postkarte. - John Lennon Airport, wir sind gelandet." Poesie in der Nachbarschaft von archetypischen Träumen und Bildern könnte beim ersten unvertrauten Lesen unglaubwürdig wirken. Sommer setzt Unglaubwürdigkeit als Konstruktionsprinzip ein. Seine Freude am Unsinn bringt eine eigene Logik hervor, die in sich stimmig ist und sowohl der Sprachphilosophie als auch der Erkenntnistheorie neue und überraschende Felder öffnen: "... Abegg ist in der richtige Straße ausgestiegen, stellt dann aber fest, in der falschen Stadt." Sommer hat keine Lust die Dinge, die ihm in der Literatur fehlen, zu suchen. Er hat sie stattdessen selbst verwirklicht. Die Lesenden mögen staunen, welch surreale Personen- und Dingwelt ihnen in „Fontane denkt an Afghanistan“ begegnet – eine Bereicherung ihres Lebens wird die Lektüre alleweil. "... In der Nähe des St.-Matthäus-Friedhofs, wo die Gebrüder Grimm begraben liegen, fällt die Musik wie Farbtupfer in eine Bleistiftwelt." Was die Lektüre besonders anregend und spannend macht, ist die überraschende Art und Weise, wie Sommer etwas vom Wesen einer Figur erfasst und in originelle Bilder umsetzt: "... Abegg legt Fotoapparate in die rostigen Autos. Die Zeit festzuhalten, versucht er vergeblich." René Sommer setzt aus einzelnen Wörtern, die ihn faszinieren, eine eigene Welt zusammen. Sie sind für ihn wie Bausteine voll Musik, „die aus dem Helllaut strömt“, Klicken und Klappern, „das aus halb geöffnetem Mund beim Bilden der Konsonanten dringt“. Mit großer Kunst balanciert er in den Gedichten auf der Trennlinie des Realen und des Surrealen. Im Text „Das erste Bild von Andy Warhol“ lässt er den amerikanischen Künstler mit der Romanfigur Emma Bovary am Waldrand picknicken. Die Farben malen ein Tischlein, das von selbst Speis und Trank hervorzaubert. Das Sandwich, das dabei entsteht, beschreibt Sommer so real, dass die Lesenden die herausquellende Pampe aus Avocadocreme und Tomatenwürfel fast riechen können. Und so ist jedes einzelne Gedicht ein Genuss, aus einer überraschenden Wendung der Sprache hervorgezaubert.

Eine Welt außerhalb des Mainstream

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rezensiert seit
Buchtitel
2
31.07.2018
4
11.03.2018

René Sommer versteht es meisterhaft, die Poesie mit Pop zu unterwandern und verkrustete Formen aufzubrechen. Trotzdem hat der Dichter aus dem schweizerischen Jura mehr mit Theodor Fontane gemeinsam, als klassisch geschulte Lesende ahnen würden: Das Zusammenstoßen von Alltäglichem und Skurrilem bringt auch in Fontanes Gedichten, vor allem in den Balladen überraschende Wendungen hervor. Poesie ist wirklich eine andere und wunderbare Art von Sprache. Beim Lesen in René Sommers Gedichtband „Fontane denkt an Afghanistan“ gibt es eine Fülle von eigenwilliger Sprachkunst zu entdecken. Der fiktive Dichter August Abegg bildet eine Art Untergrund, eine Welt außerhalb des Mainstream:

"... August Abegg spaziert immer tiefer in den jurassischen Urwald hinein, bis der Blick auf Häuser und Straßen und das ferne Grollen der Zivilisation vollkommen verschwunden sind."

Seine surrealen Gedichte verraten die Grotesken der Populärkultur, von denen er sich beeinflusst sieht. Sie soll den Übergang von der alltäglichen äußeren Welt in den surrealen Bezirk des kollektiven Unbewussten erfahrbar machen:

"... Abegg reißt das Bild

des dicken goldenen Buddhas

aus einem Reiseprospekt,

klebt es über eine Postkarte.

- John Lennon Airport,

wir sind gelandet."

Poesie in der Nachbarschaft von archetypischen Träumen und Bildern könnte beim ersten unvertrauten Lesen unglaubwürdig wirken. Sommer setzt Unglaubwürdigkeit als Konstruktionsprinzip ein. Seine Freude am Unsinn bringt eine eigene Logik hervor, die in sich stimmig ist und sowohl der Sprachphilosophie als auch der Erkenntnistheorie neue und überraschende Felder öffnen:

"... Abegg ist

in der richtige Straße ausgestiegen,

stellt dann aber fest,

in der falschen Stadt."

Sommer hat keine Lust die Dinge, die ihm in der Literatur fehlen, zu suchen. Er hat sie stattdessen selbst verwirklicht. Die Lesenden mögen staunen, welch surreale Personen- und Dingwelt ihnen in „Fontane denkt an Afghanistan“ begegnet – eine Bereicherung ihres Lebens wird die Lektüre alleweil.

"... In der Nähe des St.-Matthäus-Friedhofs,

wo die Gebrüder Grimm begraben liegen,

fällt die Musik wie Farbtupfer

in eine Bleistiftwelt."

Was die Lektüre besonders anregend und spannend macht, ist die überraschende Art und Weise, wie Sommer etwas vom Wesen einer Figur erfasst und in originelle Bilder umsetzt:

"... Abegg legt Fotoapparate

in die rostigen Autos.

Die Zeit festzuhalten,

versucht er vergeblich."

René Sommer setzt aus einzelnen Wörtern, die ihn faszinieren, eine eigene Welt zusammen. Sie sind für ihn wie Bausteine voll Musik, „die aus dem Helllaut strömt“, Klicken und Klappern, „das aus halb geöffnetem Mund beim Bilden der Konsonanten dringt“. Mit großer Kunst balanciert er in den Gedichten auf der Trennlinie des Realen und des Surrealen. Im Text „Das erste Bild von Andy Warhol“ lässt er den amerikanischen Künstler mit der Romanfigur Emma Bovary am Waldrand picknicken. Die Farben malen ein Tischlein, das von selbst Speis und Trank hervorzaubert. Das Sandwich, das dabei entsteht, beschreibt Sommer so real, dass die Lesenden die herausquellende Pampe aus Avocadocreme und Tomatenwürfel fast riechen können. Und so ist jedes einzelne Gedicht ein Genuss, aus einer überraschenden Wendung der Sprache hervorgezaubert.

geschrieben am 02.04.2015 | 474 Wörter | 2807 Zeichen

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