
| ISBN | 349205398X | |
| Autor | Andreas Altmann | |
| Verlag | Piper | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 256 | |
| Erscheinungsjahr | 2011 | |
| Extras | - |

Dieser Roman ist eine Wucht, eine Urgewalt, eine Welle von schriftgewordener Wut, ein verzweifelter Schrei nach der nie teilgewordenen Liebe der Eltern. Man braucht zur Lektüre manchmal starke Nerven und will sich gar nicht noch genauer ausmalen als es ohnehin schon beschrieben wird, was dem Autor in seiner Kindheit widerfahren ist. Aber man kann es nicht vermeiden, denn der Autor klärt den Leser darüber brutalstmöglich auf, sodass man sich fragt: Wieso ist er unter der Erniedrigung, der Gewalt, der Hoffnungslosigkeit nicht verrückt geworden, nicht zerbrochen? Wieso hat er immer noch die Hoffnung gehegt, von seinem kriegskaputten psychotischen Vater geliebt zu werden? Und wie kann unter dem Deckmantel der Frömmigkeit Altöttings solches Unrecht geschehen, gekannt und zugelassen werden? Immer wieder verweist der Autor auf die Doppelgesichtigkeit der Menschen, der Moral vor Ort und der Katholiken im Allgemeinen, moniert die erst in jüngerer Zeit erfolgte Anpassung der Rechte des Kindes in deutschen Gesetzen und prangert die viel zu späte Aufklärung der Verbrechen katholischer Würdenträger und sonst für junge Menschen Verantwortlicher an – und man kann ihm nur schaudernd Recht geben. Die Unfähigkeit zur Auflehnung bzw. zur Flucht grämt den Autor an vielen Stellen und so bleiben ihm nur stille und kleine Etappensiege des Widerstands, bis er sich endlich (gewaltsam) vom Vaterhaus lösen kann. Dass ihm dabei bereits viel früher die Mutter ebenfalls abhanden kam, ihrerseits durch Flucht vor dem sadistischen Ehemann, innerlich gebrochen und in einem naiven, eingeimpften Glauben verhaftet, und dass er darüber, dass sie ihn nicht ebenfalls gerettet hat, im Laufe der Zeit ebenfalls wütend wird, erfährt der Leser dann im Verlauf des Buches. Ebenfalls bewegend ist die im umfangreichen Nachwort beschriebene vergebliche therapeutische Aufarbeitung seiner Kindheit bis er einen gegen ihn gerichteten Tötungsversuch seiner Mutter kurz nach seiner Geburt aufdeckt. Dann endlich kann er mit seinem wirklichen Leben beginnen, ist aber gezeichnet und auch gekennzeichnet durch das Fehlen belastbarer familiärer Strukturen, vertrauensbasierter menschlicher Beziehungen und durch die Unfähigkeit, die eigenen Stärken zu erkennen. Erst als er letzteres vermag und in die Tat umsetzt und dazu der Vater letztendlich stirbt, kann der innere Aussöhnungsprozess, vor allem mit sich selbst stattfinden.
Wer auch nur zu einem geringen Prozentsatz dessen, was der Autor erleiden musste, unter den eigenen Eltern gelitten hat, wird dieses Buch verschlingen und die Katharsis, die der Autor durch das Niederschreiben ermöglicht, schätzen und sich fast ärgern, dass man nicht selbst die eigene Wut zeitnah zu Papier gebracht hat. Und wer bei den letzten Sätzen des Buches die Reaktion des Autors teilt, muss sich darüber nicht schämen. Stattdessen sollte jeder seinen eigenen Kindern die ihnen gebührende Liebe zukommen lassen, bedingungslos. Ein grandioses Buch, ein kaum in ein Genre einzuordnendes Werk, dessen Kraft den Leser bis zum Schluss mitreißt .
geschrieben am 24.09.2011 | 449 Wörter | 2638 Zeichen
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