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Hurra, wir werden Unterschicht! Zur Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion


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Rezension von

Christoph Kramer

Hurra, wir werden Unterschicht! Zur Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion Peter Merschs „Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion“ verbindet die ökonomische Fertilitätstheorie in der Nachfolge Gary Beckers mit evolutionstheoretischen Überlegungen. Die zentrale These ist, daß in den wohlfahrtsstaatlich-kapitalistischen Gesellschaften derzeitiger Prägung eine „negative“ Selektion stattfindet, d.h., die am besten an den Produktionsprozeß angepaßten Individuen (sowie deren Gene und Erziehungspotentiale) würden aufgrund wachsender Kinderlosigkeit evolutionär eliminiert, während die weniger gut angepaßten Individuen (Unterschicht) aufgrund höherer Geburtenraten evolutionär im Vorteil seien und über kurz oder lang für eine „Brasilianisierung“ der Gesellschaft sorgen werden. Die „sozialistisch“ organisierte Reproduktion (bei der die individuell zu erbringenden finanziellen und Arbeitsleistungen bei der Geburt und Aufzucht von Kindern in Form von arbeitsfähigen und besteuerbaren Erwachsenen dem Kollektiv ohne annähernd gleichwertige Gegenleistungen zur Verfügung gestellt werden) führe zu einer Transferausbeutung von Eltern zugunsten Kinderloser. Dieser Ausbeutung entzögen sich verständlicherweise gerade diejenigen Individuen in immer stärkerem Maße, welche von ihren Anlagen her in der Lage wären, qualitativ besonders hochwertigen Nachwuchs heranzuziehen. Dies betreffe nach dem Fall patriarchalischer Schranken in erster Linie qualifizierte Frauen, deren gesellschaftlicher Erfolg wegen Nachwuchsmangels nicht mehr in die nächste Generation weitergegeben werden könne. Dieser Mechanismus verletze somit signifikant das Prinzip der Generationengerechtigkeit. Dem hier naheliegenden Einwand, daß dieser Verlust an Humankapital vielleicht durch Bildungsanstrengungen bei Kindern der Unterschicht oder Zugewanderten ausgeglichen werden könnte, begegnet Mersch mit Hinweis auf eine in der einschlägigen evolutionsbiologischen Forschung (Zwillingsforschung, Studien zu Adoption usw.) vorherrschende Auffassung, nach der Intelligenz zu mindestens 70 Prozent angeboren sei. D.h., auch bei intensiven Bildungsbemühungen würden die Kinder der „bildungsfernen Schichten“ mit dem ererbten niedrigeren IQ nicht auf das Niveau von Akademikerkindern gebracht werden können. Außerdem würden Eigenschaften, die erst nach der Geburt erworben wurden, nicht weiter vererbt. Sollten also die durch Bildung sozial aufgestiegenen Kinder der Unterschichten selbst wieder Kinder in die Welt setzen (was dann ja auch nicht mehr ohne weiteres wahrscheinlich ist), müßte man in der nächsten Generation trotzdem wieder bei null mit den Bildungsbemühungen anfangen. Mersch will die allgemeine, gleichberechtigt auch Frauen offenstehende Individualisierung der Lebensverhältnisse und biographischen Optionen nicht rückgängig machen (und hält eine Wiedererrichtung des reproduktiv viel erfolgreicheren Patriarchats wohl weder für wünschbar noch für überhaupt aussichtsreich). Sein Alternativvorschlag ist daher im Kern einleuchtend: Genau wie Karl Otto Hondrich plädiert er für eine neue Arbeitsteilung zwischen Kinderlosen und Eltern. Im Gegensatz zu Hondrich, in dessen Modell hauptsächlich aus Entwicklungsländern Zugewanderte – unentgeltlich - für den dann zu qualifizierenden Nachwuchs sorgen sollen, möchte Mersch lieber kollektiv finanzierte und akademisch ausgebildete Spezialisten für qualitativ hochwertige Reproduktion einstellen. Durch Steuern oder parafiskalische Abgaben sollen sich die Bürger also von der Reproduktion genauso entlasten können wie derzeit schon von anderen lästigen Aufgaben wie der Sorge um Sicherheit, Gesundheit, Altersvorsorge usw. Genauso wie es Polizisten, Soldaten und Beamte für alles mögliche gibt, vom Umweltschutz bis zur Verkehrsplanung, könnte es nach Mersch auch das Berufsbild einer Art Gebär- und Aufzuchtsbeamtin geben: so genannte „Familienmanager(innen)“. Fazit: Das Buch bietet einen sehr guten und instruktiven Überblick über die einschlägigen Theorien und Debatten. Mitunter werden Zusammenhänge didaktisch geschickt in Form anschaulicher, beispielhafter Modelle verdeutlicht. Hier hat sich jemand intensiv mit der Materie beschäftigt und einen eigenständigen, originellen und diskussionsfähigen Lösungsvorschlag erarbeitet. Auf der Minusseite sind zu veranschlagen: Redundanzen sowie unnötige, den hohen sachlichen Anspruch konterkarierende Polemiken und rhetorische Flapsigkeiten (z.B. schon in der Titelgebung).

Peter Merschs „Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion“ verbindet die ökonomische Fertilitätstheorie in der Nachfolge Gary Beckers mit evolutionstheoretischen Überlegungen.

Die zentrale These ist, daß in den wohlfahrtsstaatlich-kapitalistischen Gesellschaften derzeitiger Prägung eine „negative“ Selektion stattfindet, d.h., die am besten an den Produktionsprozeß angepaßten Individuen (sowie deren Gene und Erziehungspotentiale) würden aufgrund wachsender Kinderlosigkeit evolutionär eliminiert, während die weniger gut angepaßten Individuen (Unterschicht) aufgrund höherer Geburtenraten evolutionär im Vorteil seien und über kurz oder lang für eine „Brasilianisierung“ der Gesellschaft sorgen werden.

Die „sozialistisch“ organisierte Reproduktion (bei der die individuell zu erbringenden finanziellen und Arbeitsleistungen bei der Geburt und Aufzucht von Kindern in Form von arbeitsfähigen und besteuerbaren Erwachsenen dem Kollektiv ohne annähernd gleichwertige Gegenleistungen zur Verfügung gestellt werden) führe zu einer Transferausbeutung von Eltern zugunsten Kinderloser. Dieser Ausbeutung entzögen sich verständlicherweise gerade diejenigen Individuen in immer stärkerem Maße, welche von ihren Anlagen her in der Lage wären, qualitativ besonders hochwertigen Nachwuchs heranzuziehen. Dies betreffe nach dem Fall patriarchalischer Schranken in erster Linie qualifizierte Frauen, deren gesellschaftlicher Erfolg wegen Nachwuchsmangels nicht mehr in die nächste Generation weitergegeben werden könne. Dieser Mechanismus verletze somit signifikant das Prinzip der Generationengerechtigkeit.

Dem hier naheliegenden Einwand, daß dieser Verlust an Humankapital vielleicht durch Bildungsanstrengungen bei Kindern der Unterschicht oder Zugewanderten ausgeglichen werden könnte, begegnet Mersch mit Hinweis auf eine in der einschlägigen evolutionsbiologischen Forschung (Zwillingsforschung, Studien zu Adoption usw.) vorherrschende Auffassung, nach der Intelligenz zu mindestens 70 Prozent angeboren sei. D.h., auch bei intensiven Bildungsbemühungen würden die Kinder der „bildungsfernen Schichten“ mit dem ererbten niedrigeren IQ nicht auf das Niveau von Akademikerkindern gebracht werden können. Außerdem würden Eigenschaften, die erst nach der Geburt erworben wurden, nicht weiter vererbt. Sollten also die durch Bildung sozial aufgestiegenen Kinder der Unterschichten selbst wieder Kinder in die Welt setzen (was dann ja auch nicht mehr ohne weiteres wahrscheinlich ist), müßte man in der nächsten Generation trotzdem wieder bei null mit den Bildungsbemühungen anfangen.

Mersch will die allgemeine, gleichberechtigt auch Frauen offenstehende Individualisierung der Lebensverhältnisse und biographischen Optionen nicht rückgängig machen (und hält eine Wiedererrichtung des reproduktiv viel erfolgreicheren Patriarchats wohl weder für wünschbar noch für überhaupt aussichtsreich). Sein Alternativvorschlag ist daher im Kern einleuchtend:

Genau wie Karl Otto Hondrich plädiert er für eine neue Arbeitsteilung zwischen Kinderlosen und Eltern. Im Gegensatz zu Hondrich, in dessen Modell hauptsächlich aus Entwicklungsländern Zugewanderte – unentgeltlich - für den dann zu qualifizierenden Nachwuchs sorgen sollen, möchte Mersch lieber kollektiv finanzierte und akademisch ausgebildete Spezialisten für qualitativ hochwertige Reproduktion einstellen. Durch Steuern oder parafiskalische Abgaben sollen sich die Bürger also von der Reproduktion genauso entlasten können wie derzeit schon von anderen lästigen Aufgaben wie der Sorge um Sicherheit, Gesundheit, Altersvorsorge usw. Genauso wie es Polizisten, Soldaten und Beamte für alles mögliche gibt, vom Umweltschutz bis zur Verkehrsplanung, könnte es nach Mersch auch das Berufsbild einer Art Gebär- und Aufzuchtsbeamtin geben: so genannte „Familienmanager(innen)“.

Fazit: Das Buch bietet einen sehr guten und instruktiven Überblick über die einschlägigen Theorien und Debatten. Mitunter werden Zusammenhänge didaktisch geschickt in Form anschaulicher, beispielhafter Modelle verdeutlicht. Hier hat sich jemand intensiv mit der Materie beschäftigt und einen eigenständigen, originellen und diskussionsfähigen Lösungsvorschlag erarbeitet. Auf der Minusseite sind zu veranschlagen: Redundanzen sowie unnötige, den hohen sachlichen Anspruch konterkarierende Polemiken und rhetorische Flapsigkeiten (z.B. schon in der Titelgebung).

geschrieben am 23.07.2007 | 533 Wörter | 3845 Zeichen

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