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Siebzig Acryl, dreißig Wolle


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Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Siebzig Acryl, dreißig Wolle Der Leser wird mitten in das Leben von Camelia Vega, der Protagonistin des Romans, geschleudert und erfährt Stück für Stück, dass sie in einem eher heruntergekommenen Stadtteil von Leeds ein Haus mit ihrer Mutter bewohnt. Diese ist bzw. war Flötenspielerin für einen klassischen Radiosender und schweigt, seit ihr Mann, der Vater von Camelia, bei einem Unfall zusammen mit seiner Geliebten verstorben ist. Zu diesem Zeitpunkt muss Camelia die eigene Studentenwohnung jäh verlassen, in die sie einziehen wollte, um sich fortan um die Mutter zu kümmern. Denn diese verlässt das Haus nicht mehr, spricht nicht mehr, wäscht sich nicht mehr, isst nur unregelmäßig und macht ihrer ebenso leidenden Tochter das Leben noch mehr zur Qual als dies schon durch den Tod des Vaters und dessen Verrat an der Familie geschehen ist. Camelia lässt den Leser immer wieder mit derber Sprache an der Hässlichkeit von Leeds teilhaben, aber auch an ihren inneren Unruhezuständen und der Unzufriedenheit über ihr momentanes Dasein. Als sie atypisch geschnittene bzw. genähte Kleider in einem Müllcontainer vor ihrem Haus findet und kurz darauf das dazugehörende Bekleidungsgeschäft des Chinesen Wen, scheint die Geschichte jedoch eine positive Wendung für sie zu nehmen, da sie sich nämlich über den gemeinsamen Chinesischunterricht bei Wen in diesen verliebt. Der aber weist sie zurück und sie versinkt nach ersten Anfängen von Lebensmut und Lebensfreude zunächst in noch tieferer depressiver und destruktiver Stimmung. Als sie in einem Racheakt die Kleider in Wens Laden zerschneidet, taucht dessen Bruder auf der Bildfläche auf und Camelia beginnt mit ihm, leider aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen, eine Beziehung, die sich im heftigen körperlichen Austausch erschöpft, wobei aber offenbar beide positive Energie daraus ziehen. Eigentlich ist sie aber immer noch darauf bedacht, Wen für sich zu gewinnen, der ihr aber irgendwann gesteht, dass er wohl an Impotenz leidet und schon seine letzte Freundin an seinen Bruder verloren hat, diese sich sogar umgebracht hatte. Die vorher nur auf Papier gezeichneten chinesischen Schriftzeichen ritzt sich Camelia nun mit einer Schere in die Beine und auch das zum Tod des Vaters gezeigte bulimische Verhalten kommt wieder zu Tage, man beginnt das Schlimmste für die Psyche von Camelia zu befürchten. Um das Unglück von Camelia noch perfekt zu machen, verliebt sich die Mutter in den Leiter des Fotokurses, zu dem Camelia die Mutter angemeldet hatte - eigentlich um diese wieder ans Leben heranzuführen. Nun aber hat die Mutter nur noch Augen für den neuen Verehrer, beginnt wieder zu leben, was Körperhygiene, Musizieren, Kleiderauswahl und Teilnahme am gesellschaftlichen Umgang beinhaltet, bezieht aber ihre Tochter überhaupt nicht mit ein, sondern stößt sie durch ihr fortwährendes Schweigen brüsk zurück. Sie bekocht den Neuen sogar und deckt den Tisch nur für zwei, nicht aber für die Tochter. Die ihr zuvor über Jahre erbrachten Pflegeleistungen ignoriert sie völlig und macht das Schicksal von Camelia auf groteske Weise tragisch. Camelia hegt nun Suizidgedanken, sitzt mit einem Teppichmesser auf einer Mauer, als sich der neue Verehrer der Mutter zu ihr hinaufschwingt, um ihr das Messer zu entreißen. Dabei stürzt er von der Mauer und stirbt selbst. Die Rückkehr zur Mutter, die auf einmal wieder spricht, ist dabei ein formidabler und krachender Abschluss eines Romans, der zwischendrin schon Längen und Schwächen hat. Zu den nicht so gelungenen Aspekten des Buches zählen z.B. die viel zu intensive Beschäftigung mit den chinesischen Schriftzeichen, die der sinologisch ungebildete Leser nur als Gimmick wahrnehmen kann, nicht aber deren immer wiederkehrende Beschreibung samt Radikalen und Mehrbedeutungen oder Tonalität in der wahrscheinlich beabsichtigten Tiefe begreifen. Ebenfalls ein Schwachpunkt ist die Beziehung zu Wens jüngerem Bruder Jimmy, denn das Ausleben und Beschreiben des eigentlich mit Wen ersehnten Geschlechtsverkehrs an diversen Orten bringt das Buch über viele Seiten nicht voran und ist auch eine Niveauschwächung im Vergleich zur teilweise an den Tag gelegten Komplexität davor. Schließlich ist auch, dies wohl wegen der Übersetzung des Werks, der Witz des vom Engländer unverstandenen Italieners nicht so ganz durchgreifend, denn aus den Dialogen ergibt sich gerade nicht, wer wen warum und wann nicht versteht. Man kann nur erahnen, dass Camelia mglw. italienisch spricht oder vielleicht mit Akzent, denn man sieht ja nur die deutsche Übersetzung. Sehr erfreulich hingegen sind die vielfach aufleuchtenden sprachlichen Höhepunkte, wenn nämlich die Autorin Sätze und Metaphern präsentiert, die in wunderbarem Gegensatz zur vorher ebenso authentischen rauen Sprache der jungen Camelia stehen. Über das Dahinvegetieren der Mutter schreibt sie z.B. (S. 14): „Ja, die Augen sind der Spiegel der Seele, aber die Seele meiner Mutter war mittlerweile nicht mehr eitel genug, um sich im Spiegel zu betrachten.“ Oder die Beschreibung, wie die besorgte Großmutter extra aus Italien anreist, um sich dann doch nicht gegen das Schweigen der eigenen Tochter durchsetzen zu können (S. 48): „Morgens setzten sich die beiden […] aufs Sofa und begannen einen Dialog aus Pausen, bei dem ihnen Worte nicht in die Quere kamen.“ Beeindruckend ist ebenfalls die Konfrontation Camelias mit der Natur als Zerrbild, als sie diese so gar nicht mit ihrem Geisteszustand vereinbaren kann (S. 85): „Die Schönheit muss man nicht suchen - die fällt über dich her, wenn du mal einen Moment lang nicht aufpasst.“ Auch einzelne Lacher erlaubt die Autorin dem Leser, etwa wenn sich Camelia im Spiegel betrachtet und zu ihrer Nase feststellt (S. 136): „Nicht gerade riesig, würde ich sagen, aber sicher auf Google Maps erkennbar.“ Insgesamt hat man es hier mit einem (sicherlich z.T. autobiographisch geprägten) Roman zu tun, der keine tiefer gehende Botschaft in sich trägt, aber eine Lebenssituation einer jungen Frau authentisch rau, sprachlich spannend und mit gelungenem Ende beschreibt. Dass ein Erstlingswerk noch Brüche und Ungereimtheiten, gerade was den Stil und die Kontinuität des Niveaus in sich trägt, ist ein verzeihbarer Makel - auf die Folgewerke der Autorin darf man sich freuen.

Der Leser wird mitten in das Leben von Camelia Vega, der Protagonistin des Romans, geschleudert und erfährt Stück für Stück, dass sie in einem eher heruntergekommenen Stadtteil von Leeds ein Haus mit ihrer Mutter bewohnt. Diese ist bzw. war Flötenspielerin für einen klassischen Radiosender und schweigt, seit ihr Mann, der Vater von Camelia, bei einem Unfall zusammen mit seiner Geliebten verstorben ist. Zu diesem Zeitpunkt muss Camelia die eigene Studentenwohnung jäh verlassen, in die sie einziehen wollte, um sich fortan um die Mutter zu kümmern. Denn diese verlässt das Haus nicht mehr, spricht nicht mehr, wäscht sich nicht mehr, isst nur unregelmäßig und macht ihrer ebenso leidenden Tochter das Leben noch mehr zur Qual als dies schon durch den Tod des Vaters und dessen Verrat an der Familie geschehen ist.

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Camelia lässt den Leser immer wieder mit derber Sprache an der Hässlichkeit von Leeds teilhaben, aber auch an ihren inneren Unruhezuständen und der Unzufriedenheit über ihr momentanes Dasein. Als sie atypisch geschnittene bzw. genähte Kleider in einem Müllcontainer vor ihrem Haus findet und kurz darauf das dazugehörende Bekleidungsgeschäft des Chinesen Wen, scheint die Geschichte jedoch eine positive Wendung für sie zu nehmen, da sie sich nämlich über den gemeinsamen Chinesischunterricht bei Wen in diesen verliebt. Der aber weist sie zurück und sie versinkt nach ersten Anfängen von Lebensmut und Lebensfreude zunächst in noch tieferer depressiver und destruktiver Stimmung. Als sie in einem Racheakt die Kleider in Wens Laden zerschneidet, taucht dessen Bruder auf der Bildfläche auf und Camelia beginnt mit ihm, leider aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen, eine Beziehung, die sich im heftigen körperlichen Austausch erschöpft, wobei aber offenbar beide positive Energie daraus ziehen. Eigentlich ist sie aber immer noch darauf bedacht, Wen für sich zu gewinnen, der ihr aber irgendwann gesteht, dass er wohl an Impotenz leidet und schon seine letzte Freundin an seinen Bruder verloren hat, diese sich sogar umgebracht hatte. Die vorher nur auf Papier gezeichneten chinesischen Schriftzeichen ritzt sich Camelia nun mit einer Schere in die Beine und auch das zum Tod des Vaters gezeigte bulimische Verhalten kommt wieder zu Tage, man beginnt das Schlimmste für die Psyche von Camelia zu befürchten. Um das Unglück von Camelia noch perfekt zu machen, verliebt sich die Mutter in den Leiter des Fotokurses, zu dem Camelia die Mutter angemeldet hatte - eigentlich um diese wieder ans Leben heranzuführen.

Nun aber hat die Mutter nur noch Augen für den neuen Verehrer, beginnt wieder zu leben, was Körperhygiene, Musizieren, Kleiderauswahl und Teilnahme am gesellschaftlichen Umgang beinhaltet, bezieht aber ihre Tochter überhaupt nicht mit ein, sondern stößt sie durch ihr fortwährendes Schweigen brüsk zurück. Sie bekocht den Neuen sogar und deckt den Tisch nur für zwei, nicht aber für die Tochter. Die ihr zuvor über Jahre erbrachten Pflegeleistungen ignoriert sie völlig und macht das Schicksal von Camelia auf groteske Weise tragisch. Camelia hegt nun Suizidgedanken, sitzt mit einem Teppichmesser auf einer Mauer, als sich der neue Verehrer der Mutter zu ihr hinaufschwingt, um ihr das Messer zu entreißen. Dabei stürzt er von der Mauer und stirbt selbst. Die Rückkehr zur Mutter, die auf einmal wieder spricht, ist dabei ein formidabler und krachender Abschluss eines Romans, der zwischendrin schon Längen und Schwächen hat.

Zu den nicht so gelungenen Aspekten des Buches zählen z.B. die viel zu intensive Beschäftigung mit den chinesischen Schriftzeichen, die der sinologisch ungebildete Leser nur als Gimmick wahrnehmen kann, nicht aber deren immer wiederkehrende Beschreibung samt Radikalen und Mehrbedeutungen oder Tonalität in der wahrscheinlich beabsichtigten Tiefe begreifen. Ebenfalls ein Schwachpunkt ist die Beziehung zu Wens jüngerem Bruder Jimmy, denn das Ausleben und Beschreiben des eigentlich mit Wen ersehnten Geschlechtsverkehrs an diversen Orten bringt das Buch über viele Seiten nicht voran und ist auch eine Niveauschwächung im Vergleich zur teilweise an den Tag gelegten Komplexität davor. Schließlich ist auch, dies wohl wegen der Übersetzung des Werks, der Witz des vom Engländer unverstandenen Italieners nicht so ganz durchgreifend, denn aus den Dialogen ergibt sich gerade nicht, wer wen warum und wann nicht versteht. Man kann nur erahnen, dass Camelia mglw. italienisch spricht oder vielleicht mit Akzent, denn man sieht ja nur die deutsche Übersetzung.

Sehr erfreulich hingegen sind die vielfach aufleuchtenden sprachlichen Höhepunkte, wenn nämlich die Autorin Sätze und Metaphern präsentiert, die in wunderbarem Gegensatz zur vorher ebenso authentischen rauen Sprache der jungen Camelia stehen. Über das Dahinvegetieren der Mutter schreibt sie z.B. (S. 14): „Ja, die Augen sind der Spiegel der Seele, aber die Seele meiner Mutter war mittlerweile nicht mehr eitel genug, um sich im Spiegel zu betrachten.“ Oder die Beschreibung, wie die besorgte Großmutter extra aus Italien anreist, um sich dann doch nicht gegen das Schweigen der eigenen Tochter durchsetzen zu können (S. 48): „Morgens setzten sich die beiden […] aufs Sofa und begannen einen Dialog aus Pausen, bei dem ihnen Worte nicht in die Quere kamen.“ Beeindruckend ist ebenfalls die Konfrontation Camelias mit der Natur als Zerrbild, als sie diese so gar nicht mit ihrem Geisteszustand vereinbaren kann (S. 85): „Die Schönheit muss man nicht suchen - die fällt über dich her, wenn du mal einen Moment lang nicht aufpasst.“ Auch einzelne Lacher erlaubt die Autorin dem Leser, etwa wenn sich Camelia im Spiegel betrachtet und zu ihrer Nase feststellt (S. 136): „Nicht gerade riesig, würde ich sagen, aber sicher auf Google Maps erkennbar.“

Insgesamt hat man es hier mit einem (sicherlich z.T. autobiographisch geprägten) Roman zu tun, der keine tiefer gehende Botschaft in sich trägt, aber eine Lebenssituation einer jungen Frau authentisch rau, sprachlich spannend und mit gelungenem Ende beschreibt.

Dass ein Erstlingswerk noch Brüche und Ungereimtheiten, gerade was den Stil und die Kontinuität des Niveaus in sich trägt, ist ein verzeihbarer Makel - auf die Folgewerke der Autorin darf man sich freuen.

geschrieben am 22.07.2012 | 943 Wörter | 5383 Zeichen

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