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Als die Tauben verschwanden


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Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Als die Tauben verschwanden Die Autorin Sofi Oksanen war in verschiedenen Buchankündigungen und Besprechungen sehr gelobt worden und auch der Stoff ihres neuen Romans klang viel versprechend: Estland zur Zeit der deutschen Besatzung und die Beleuchtung von einzelnen Schicksalen im Spielball der Großmächte und nationalen Partikularinteressen. Nach der Lektüre ist mein Fazit eher gemischt. Sprachlich war ich sehr angetan von diesem Roman, auch in der deutschen Übersetzung. Die punktuelle Aufnahme von Stimmungen und Geschehnissen einerseits, die Einordnung in einen übergeordneten historischen Rahmen andererseits, ist eindringlich und mit leiser aber wirksamer Penetranz gelungen. Man kann sich in die drei Hauptcharaktere recht rasch hineinfinden und wundert sich dank der zeitlich vielschichtigen Darstellung bis zur letzten Seite über die zuerst verworrenen und dann entwirrten Schicksale und Zusammenhänge zwischen Roland, Edgar und Juudit. Der zeitliche Ausschnitt des Romans umfasst ca. 23 Jahre und springt immer wieder zwischen den Jahren hin und her. Auf diese Weise hat man einen Einblick in das Schicksal der drei Personen während des Weltkrieges, kurz danach und dann noch in den 60er Jahren. Roland und Edgar sind Cousins, werden aber von der gleichen Frau großgezogen. Sie sind in ihrem Wesen grundverschieden, Roland ist der geradlinige patriotische Freiheitskämpfer, dem es stets um das Wohl der Esten geht, Edgar hingegen ist passend dazu der verschlagene Opportunist, der sich je nach Machtverschiebung seinen Weg des geringsten Widerstandes sucht, um in irgendeiner Form abgesichert zu sein und an einer Art Karriere arbeiten zu können. Dass er dabei zwischen den sich duellierenden Großmächten hin- und herwechselt scheint nur andere zu stören. Er ist mit Juudit verheiratet, die ihrerseits eine Cousine von Rosalie ist, Rolands zukünftiger Ehefrau. Rosalie findet einen frühen, seltsam beschwiegenen Tod und Juudit verliert so einen wichtigen Ansprech- und Austauschpartner. Denn ihre Ehe mit Edgar verläuft höchst unzufriedenstellend, dieser ist wie viele Kämpfer auch irgendwann verschwunden. Roland, wieder auf der Bildfläche erschienen, versucht Juudit für den Widerstand zu gewinnen und setzt sie auf einen deutschen Offizier als Lockvogel an. Juudit verliebt sich aber in einen zufällig anwesenden anderen Offizier und beginnt in Abwesenheit von Edgar endlich ein scheinbar perfektes Leben als begehrte und sorgende Lebensgefährtin. Edgar taucht aber wieder auf, arbeitet sogar mit gerade diesem deutschen Offizier zusammen, der Widerstand wird verraten und noch allerlei Dinge passieren in rascher Abfolge. Dann kommt die zeitliche Lücke von fast 20 Jahren, die sukzessive, aber nur als Stückwerk aufgeklärt wird. Denn indem Edgar später als Chronist auf diese Zeiten zurückblickt, um die Geschichte passend zur nun wieder herrschenden kommunistischen Partei zu schreiben, werden weitere Rätsel geschaffen und gelöst, dies konsequent bis zum Ende des Buches. Sowohl der Verbleib von Roland, die Rolle Juudits, ihre Beziehung zu Roland, die Gründe für Edgars Verhalten und manche andere zufällige Begebenheit finden Beachtung und eine Art von Aufklärung, wenngleich sich der Leser manches dann als Rückschluss selbst zusammenreimen darf und manches auch weiterer Erläuterung bedurft hätte, etwa Rolands Schicksal. Das Ende des Romans ist durchaus dramatisch und regelrecht tragisch, insbesondere weil man dem zuletzt übrig bleibenden Protagonisten diesen „Sieg“ nicht gönnen mag. Insgesamt ist der Roman aber trotz der hervorragenden und tiefgründigen Ausarbeitung des Beziehungsgeflechts zwischen diesen drei Personen jedenfalls für meinen Eindruck zu kompliziert. Dies beginnt schon damit, dass ich doch die eine oder andere Schwierigkeit hatte, die zahlreichen Namen und Städte im Kopf zu behalten und dann jeweils wieder richtig einzuordnen, ebenso wer wann auf welcher Seite und warum stand, welche Institution wann gegen wen agierte und agitierte und warum dies in welchem Jahr dann zum Problem werden konnte. Auch die Bezugnahme auf historische Ereignisse wie die Schauprozesse der Kommunisten kann ohne weiteres Hintergrundwissen nicht fruchten. Hier hätte eine Entschlackung und Präzisierung des Stoffes durchaus Wunder bewirkt, denn ein guter und spannender Roman sollte nicht auch zugleich ein geschichtlicher Aufklärungsroman sein wollen, auch wenn das Verhältnis der Esten zu ihrer Vergangenheit der Aufarbeitung bedürfen sollte. Schon allein das Vorhandensein eines Glossars zu Personen und Begriffen hat mich vor der Lektüre etwas zurückschrecken lassen: ein guter Roman braucht das nicht, gerade wenn man es mit Robert Harris‘ Intrige vergleicht, wo ebenfalls ein Personenglossar angeboten wird, das man aber durch die kluge Komposition des Romans eben nicht benötigt. Aus diesen Gründen bewerte ich das Buch nicht mit der vollen Zufriedenheit, wenngleich sich mancher mglw. besser als ich im Geflecht von Namen, Daten und Zeiten zurechtfinden mag.

Die Autorin Sofi Oksanen war in verschiedenen Buchankündigungen und Besprechungen sehr gelobt worden und auch der Stoff ihres neuen Romans klang viel versprechend: Estland zur Zeit der deutschen Besatzung und die Beleuchtung von einzelnen Schicksalen im Spielball der Großmächte und nationalen Partikularinteressen. Nach der Lektüre ist mein Fazit eher gemischt. Sprachlich war ich sehr angetan von diesem Roman, auch in der deutschen Übersetzung. Die punktuelle Aufnahme von Stimmungen und Geschehnissen einerseits, die Einordnung in einen übergeordneten historischen Rahmen andererseits, ist eindringlich und mit leiser aber wirksamer Penetranz gelungen. Man kann sich in die drei Hauptcharaktere recht rasch hineinfinden und wundert sich dank der zeitlich vielschichtigen Darstellung bis zur letzten Seite über die zuerst verworrenen und dann entwirrten Schicksale und Zusammenhänge zwischen Roland, Edgar und Juudit. Der zeitliche Ausschnitt des Romans umfasst ca. 23 Jahre und springt immer wieder zwischen den Jahren hin und her. Auf diese Weise hat man einen Einblick in das Schicksal der drei Personen während des Weltkrieges, kurz danach und dann noch in den 60er Jahren. Roland und Edgar sind Cousins, werden aber von der gleichen Frau großgezogen. Sie sind in ihrem Wesen grundverschieden, Roland ist der geradlinige patriotische Freiheitskämpfer, dem es stets um das Wohl der Esten geht, Edgar hingegen ist passend dazu der verschlagene Opportunist, der sich je nach Machtverschiebung seinen Weg des geringsten Widerstandes sucht, um in irgendeiner Form abgesichert zu sein und an einer Art Karriere arbeiten zu können. Dass er dabei zwischen den sich duellierenden Großmächten hin- und herwechselt scheint nur andere zu stören. Er ist mit Juudit verheiratet, die ihrerseits eine Cousine von Rosalie ist, Rolands zukünftiger Ehefrau. Rosalie findet einen frühen, seltsam beschwiegenen Tod und Juudit verliert so einen wichtigen Ansprech- und Austauschpartner. Denn ihre Ehe mit Edgar verläuft höchst unzufriedenstellend, dieser ist wie viele Kämpfer auch irgendwann verschwunden. Roland, wieder auf der Bildfläche erschienen, versucht Juudit für den Widerstand zu gewinnen und setzt sie auf einen deutschen Offizier als Lockvogel an. Juudit verliebt sich aber in einen zufällig anwesenden anderen Offizier und beginnt in Abwesenheit von Edgar endlich ein scheinbar perfektes Leben als begehrte und sorgende Lebensgefährtin. Edgar taucht aber wieder auf, arbeitet sogar mit gerade diesem deutschen Offizier zusammen, der Widerstand wird verraten und noch allerlei Dinge passieren in rascher Abfolge. Dann kommt die zeitliche Lücke von fast 20 Jahren, die sukzessive, aber nur als Stückwerk aufgeklärt wird. Denn indem Edgar später als Chronist auf diese Zeiten zurückblickt, um die Geschichte passend zur nun wieder herrschenden kommunistischen Partei zu schreiben, werden weitere Rätsel geschaffen und gelöst, dies konsequent bis zum Ende des Buches. Sowohl der Verbleib von Roland, die Rolle Juudits, ihre Beziehung zu Roland, die Gründe für Edgars Verhalten und manche andere zufällige Begebenheit finden Beachtung und eine Art von Aufklärung, wenngleich sich der Leser manches dann als Rückschluss selbst zusammenreimen darf und manches auch weiterer Erläuterung bedurft hätte, etwa Rolands Schicksal. Das Ende des Romans ist durchaus dramatisch und regelrecht tragisch, insbesondere weil man dem zuletzt übrig bleibenden Protagonisten diesen „Sieg“ nicht gönnen mag.

Insgesamt ist der Roman aber trotz der hervorragenden und tiefgründigen Ausarbeitung des Beziehungsgeflechts zwischen diesen drei Personen jedenfalls für meinen Eindruck zu kompliziert. Dies beginnt schon damit, dass ich doch die eine oder andere Schwierigkeit hatte, die zahlreichen Namen und Städte im Kopf zu behalten und dann jeweils wieder richtig einzuordnen, ebenso wer wann auf welcher Seite und warum stand, welche Institution wann gegen wen agierte und agitierte und warum dies in welchem Jahr dann zum Problem werden konnte. Auch die Bezugnahme auf historische Ereignisse wie die Schauprozesse der Kommunisten kann ohne weiteres Hintergrundwissen nicht fruchten. Hier hätte eine Entschlackung und Präzisierung des Stoffes durchaus Wunder bewirkt, denn ein guter und spannender Roman sollte nicht auch zugleich ein geschichtlicher Aufklärungsroman sein wollen, auch wenn das Verhältnis der Esten zu ihrer Vergangenheit der Aufarbeitung bedürfen sollte. Schon allein das Vorhandensein eines Glossars zu Personen und Begriffen hat mich vor der Lektüre etwas zurückschrecken lassen: ein guter Roman braucht das nicht, gerade wenn man es mit Robert Harris‘ Intrige vergleicht, wo ebenfalls ein Personenglossar angeboten wird, das man aber durch die kluge Komposition des Romans eben nicht benötigt. Aus diesen Gründen bewerte ich das Buch nicht mit der vollen Zufriedenheit, wenngleich sich mancher mglw. besser als ich im Geflecht von Namen, Daten und Zeiten zurechtfinden mag.

geschrieben am 20.10.2014 | 712 Wörter | 4256 Zeichen

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