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Die alte Mätresse


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Die alte Mätresse Barbey d’Aurevilly (1808-1889) war eine absolute Ausnahmepersönlichkeit. Von großer Intelligenz, weitem Horizont und subtiler Wahrnehmung schuf er um seine eigene Person herum eine Art von Panzer der Exzentrizität. Er sprach laut und wenn es sein musste stundenlang. Da er völlig verarmt war, ließ er sich oft auf nonchalante Weise einladen. Doch man lud ihn gerne ein, waren seine Vorträge doch von hinreißender Brillanz. Zum Durstlöschen trank er am liebsten Champagner. Er gab dem Dandyismus nicht nur das lebende Beispiel dafür, dass Bescheidenheit die Tugend der Philister und anderer Taugenichtse sei und bleiben solle. Auch schuf er mit seinem wunderbar-spleenigen Traktat über den Ur-Dandy Brummell eines der bis heute einflussreichsten Bücher zum dandysme. Vor Joris-Karl Huysmans Bibel des Dandyismus, dem Roman »Gegen den Strich«, kniete er nieder, wie er dem Autoren in einem frenetischen Brief schrieb. Zum 200. Geburtstag des snobistischen Dandys legt der Matthes & Seitz Berlin Verlag seinen zuerst 1851 veröffentlichten großen Roman »Die alte Mätresse« in einer wahrhaft fulminanten Neuübersetzung von Caroline Vollmann vor. Als der umfangreiche Roman in Frankreich herauskam, hatte das Land radikale Umwälzungen hinter sich. Die beiden großen Revolutionen von 1830 und 1848 hatten die Herrschaft der Monarchie endgültig hinweggefegt. Lebt ein Dandy grundsätzlich mental in der Vergangenheit, zumeist sogar in einem vorigen Jahrhundert, so hatte die Rückgewandtheit bei Barbey zusätzlichen Schub durch seine Herkunft. War doch die Familie erst im 18. Jahrhundert geadelt worden. Die Demokratisierung machte mit dem weiteren sozialen Aufstieg nun Schluss. So ist Barbeys Haltung royalistisch. Sein Stil ist aristokratophil. Er schreibt zuweilen manieriert; nie ist der Leser jedoch dadurch gelangweilt. Im Gegenteil. Seine Wortschleifen sind bewundernswert. So ist es auch weniger die Handlung, die diesen 500-Seiten-Roman so ungeheuer lesenswert macht. Es ist die Sprache, es ist das Air der Nostalgie im besten Sinne des Wortes, das dieses Buch zum Bildungs- und Spracherlebnis werden lässt. Barbeys Romanheld, der Dandy Ryno de Marigny ist verlobt mit Hermangarde de Polastron, die er auch später ehelicht. Da Barbey den Leser von der Schönheit der Aristokratie überzeugen will, schildert er die Blüte des französischen Adels als Engel. Ihre Augen sind königsblau, »ihr Blond jedoch war wie flüssiges Gold; ihr Teint strahlte milchig weiß«. Der Autor lässt den Leser nicht im Zweifel über seine historischen Bezüge: »Hermangarde trug ihren karolingischen Namen im übrigen zu recht.« So hieß auch die Schwiegertochter Karls des Großen. Die Hochadlige von anmutiger Schönheit war »stolz und zartfühlend zugleich«. Ihre Gegenspielerin ist von ganz anderem Blute: Vellini heißt die Geliebte von Ryno. Sie ist die uneheliche Tochter einer spanischen Herzogin und eines Toreros. Als Kurtisane eines englischen Lords wird sie von diesem geheiratet, verlässt ihn jedoch für Ryno wieder. Sie ist von südländischem Typ: mit dunkler Haut und pechschwarzem Haar. Ryno schildert in ausgiebigen Erzählungen gegenüber einem Vertrauten, wie er ihrem Wesen, ihren dunklen Augen sklavisch verfallen ist: »mit dürstenden Nüstern sehne ich mich nach dem Duft der kupferfarbenen Haut«: »Durch eine verhängnisvolle Verknüpfung, die im übrigen die Beständigkeit der Leidenschaften, die sie eingeflößt hatte, und die Unmöglichkeit, sich davon zu lösen, erklärte, die alle Gefühle auszeichnete, deren Gegenstand sie gewesen war, machte sie aus jedem Bedauern wieder eine Begierde und entzündete das schwere Feuer der Wollust bis in die Tiefen der Traurigkeit, ähnlich einem Vulkan, der aus seinem erloschenen Krater erneut glühende Lava ausspeit.« Das Hin- und Hergerissensein zwischen Engel und Teufel, das Barbey versteht erotisierend-hautnah zu beschreiben, meint bei ihm die politische Situation zwischen Adels- und Volksherrschaft. Die wunderschöne Hermanngarde ist rein wie der Frühlingstau. Aber die verhexte Vellini übt auf ihn einen unstillbaren Reiz aus, dem zu widerstehen er nicht im Stande ist. Es sind nicht nur die zahlreichen dandyistisch-reaktionären Bezüge und Anspielungen, die den Charme der Erzählung ausmachen. Es ist die spielerisch-ironische Schilderung seines Helden Marigny, mit der Barbey, selbst eher eine skurrile Erscheinung, ein Wunschbild von sich selbst entwarf. Bedeutend ist der Roman auch wegen seiner Stellung in der Literaturgeschichte. Er verbindet die Stile von Balzac und Flaubert. Die Autoren der nachfolgenden sogenannten Décadence sahen sich durch den exzentrischen Dandy Barbey beeinflusst. Barbeys wortgewaltige Plastizität lässt Szenen von ungeheurer Anschaulichkeit entstehen. Dieses Buch, gefördert durch das Französische Außenministerium, holt den großartigen Stylisten Jules Amedée Barbey d’Aurevilly zurück aus der Vergessenheit.

Barbey d’Aurevilly (1808-1889) war eine absolute Ausnahmepersönlichkeit. Von großer Intelligenz, weitem Horizont und subtiler Wahrnehmung schuf er um seine eigene Person herum eine Art von Panzer der Exzentrizität. Er sprach laut und wenn es sein musste stundenlang. Da er völlig verarmt war, ließ er sich oft auf nonchalante Weise einladen. Doch man lud ihn gerne ein, waren seine Vorträge doch von hinreißender Brillanz. Zum Durstlöschen trank er am liebsten Champagner. Er gab dem Dandyismus nicht nur das lebende Beispiel dafür, dass Bescheidenheit die Tugend der Philister und anderer Taugenichtse sei und bleiben solle. Auch schuf er mit seinem wunderbar-spleenigen Traktat über den Ur-Dandy Brummell eines der bis heute einflussreichsten Bücher zum dandysme. Vor Joris-Karl Huysmans Bibel des Dandyismus, dem Roman »Gegen den Strich«, kniete er nieder, wie er dem Autoren in einem frenetischen Brief schrieb.

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Zum 200. Geburtstag des snobistischen Dandys legt der Matthes & Seitz Berlin Verlag seinen zuerst 1851 veröffentlichten großen Roman »Die alte Mätresse« in einer wahrhaft fulminanten Neuübersetzung von Caroline Vollmann vor. Als der umfangreiche Roman in Frankreich herauskam, hatte das Land radikale Umwälzungen hinter sich. Die beiden großen Revolutionen von 1830 und 1848 hatten die Herrschaft der Monarchie endgültig hinweggefegt. Lebt ein Dandy grundsätzlich mental in der Vergangenheit, zumeist sogar in einem vorigen Jahrhundert, so hatte die Rückgewandtheit bei Barbey zusätzlichen Schub durch seine Herkunft. War doch die Familie erst im 18. Jahrhundert geadelt worden. Die Demokratisierung machte mit dem weiteren sozialen Aufstieg nun Schluss.

So ist Barbeys Haltung royalistisch. Sein Stil ist aristokratophil. Er schreibt zuweilen manieriert; nie ist der Leser jedoch dadurch gelangweilt. Im Gegenteil. Seine Wortschleifen sind bewundernswert. So ist es auch weniger die Handlung, die diesen 500-Seiten-Roman so ungeheuer lesenswert macht. Es ist die Sprache, es ist das Air der Nostalgie im besten Sinne des Wortes, das dieses Buch zum Bildungs- und Spracherlebnis werden lässt.

Barbeys Romanheld, der Dandy Ryno de Marigny ist verlobt mit Hermangarde de Polastron, die er auch später ehelicht. Da Barbey den Leser von der Schönheit der Aristokratie überzeugen will, schildert er die Blüte des französischen Adels als Engel. Ihre Augen sind königsblau, »ihr Blond jedoch war wie flüssiges Gold; ihr Teint strahlte milchig weiß«. Der Autor lässt den Leser nicht im Zweifel über seine historischen Bezüge: »Hermangarde trug ihren karolingischen Namen im übrigen zu recht.« So hieß auch die Schwiegertochter Karls des Großen. Die Hochadlige von anmutiger Schönheit war »stolz und zartfühlend zugleich«.

Ihre Gegenspielerin ist von ganz anderem Blute: Vellini heißt die Geliebte von Ryno. Sie ist die uneheliche Tochter einer spanischen Herzogin und eines Toreros. Als Kurtisane eines englischen Lords wird sie von diesem geheiratet, verlässt ihn jedoch für Ryno wieder. Sie ist von südländischem Typ: mit dunkler Haut und pechschwarzem Haar. Ryno schildert in ausgiebigen Erzählungen gegenüber einem Vertrauten, wie er ihrem Wesen, ihren dunklen Augen sklavisch verfallen ist: »mit dürstenden Nüstern sehne ich mich nach dem Duft der kupferfarbenen Haut«: »Durch eine verhängnisvolle Verknüpfung, die im übrigen die Beständigkeit der Leidenschaften, die sie eingeflößt hatte, und die Unmöglichkeit, sich davon zu lösen, erklärte, die alle Gefühle auszeichnete, deren Gegenstand sie gewesen war, machte sie aus jedem Bedauern wieder eine Begierde und entzündete das schwere Feuer der Wollust bis in die Tiefen der Traurigkeit, ähnlich einem Vulkan, der aus seinem erloschenen Krater erneut glühende Lava ausspeit.«

Das Hin- und Hergerissensein zwischen Engel und Teufel, das Barbey versteht erotisierend-hautnah zu beschreiben, meint bei ihm die politische Situation zwischen Adels- und Volksherrschaft. Die wunderschöne Hermanngarde ist rein wie der Frühlingstau. Aber die verhexte Vellini übt auf ihn einen unstillbaren Reiz aus, dem zu widerstehen er nicht im Stande ist.

Es sind nicht nur die zahlreichen dandyistisch-reaktionären Bezüge und Anspielungen, die den Charme der Erzählung ausmachen. Es ist die spielerisch-ironische Schilderung seines Helden Marigny, mit der Barbey, selbst eher eine skurrile Erscheinung, ein Wunschbild von sich selbst entwarf. Bedeutend ist der Roman auch wegen seiner Stellung in der Literaturgeschichte. Er verbindet die Stile von Balzac und Flaubert. Die Autoren der nachfolgenden sogenannten Décadence sahen sich durch den exzentrischen Dandy Barbey beeinflusst.

Barbeys wortgewaltige Plastizität lässt Szenen von ungeheurer Anschaulichkeit entstehen. Dieses Buch, gefördert durch das Französische Außenministerium, holt den großartigen Stylisten Jules Amedée Barbey d’Aurevilly zurück aus der Vergessenheit.

geschrieben am 15.12.2008 | 692 Wörter | 4182 Zeichen

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