Navigation

Seiten der Rubrik "Bücher"


Google Anzeigen

Anzeigen

Bücher

Guten Morgen, Genosse Elefant


Statistiken
  • 105 Aufrufe

Informationen zum Buch
  ISBN
  Autor
  Verlag
  Sprache
  Seiten
  Erscheinungsjahr
  Extras

Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Guten Morgen, Genosse Elefant Christopher Wilson hat einen Roman vorgelegt, in welchem ein Junge von ca. 12 Jahren die Hauptrolle spielt und das neben historischen Größen wie Stalin, Beria und Chruschtschow. Die Idee, eine unbedarfte Person in historische Zusammenhänge zu pflanzen und den Geschehnissen ihren Lauf zu lassen, dürfte manchem Leser schon aus dem Roman des „Hundertjährigen“ von Jonasson bekannt vorkommen. Allerdings überwiegt hier das Komödiantische nur scheinbar, denn schon während und vor allem gegen Ende des Romans werden etliche Nuancen der sowjetischen Schreckensherrschaft über die eigene Bevölkerung nur zu deutlich und gerade der Schlusspunkt hinterlässt einen ganz faden Beigeschmack. Worum geht es? Juri ist der Sohn des Moskauer Zoodirektors und hat in jungen Jahren einige Unfälle erlitten, die ihn allerdings nicht das Leben kosteten, sondern nur erheblich beeinträchtigt haben, sodass er unter körperlichen Benachteiligungen, aber auch unter zerebralen Widrigkeiten zu leiden hat, darunter epileptische Anfälle in Stresssituationen, aber eben auch ein unbekümmert loses Mundwerk. Gerade Letzteres ist in einem Staat, bei dem man stets darauf Acht geben muss, was man wann zu wem überhaupt sagen darf, ohne dass einen die Staatssicherheit sofort einkassiert, eher von Nachteil. Eines Nachts erscheint dann auch die Staatsmacht vor der Haustür des Vaters und bringt ihn und Juri in die Datscha des „Woschd“, des Führers der UdSSR, also zu dieser Zeit Stalin. Dort erfahren sie, dass Stalin den Ärzten (und vielen anderen Berufsgruppen und anderen Kategorien von Menschen) nicht traut, sodass nun ein Veterinärmediziner eine Diagnose stellen soll (daher auch der Titel des Werks). Diese ist rasch erteilt, da die Erkrankung des obersten Sowjet offensichtlich ist: er hat einen oder mehrere Schlaganfälle erlitten und leidet nun an deren Folgen. Eine Erkrankung des Staatschefs ist aber nicht vorgesehen, sodass er sich zunächst in seiner Datsche auskurieren möchte und aus einer spontanen Laune heraus Juri zu seinem Vorkoster ernennt, da er Vergiftungsphantasien hegt. Hier wie auch an vielen anderen Stellen wird die akribische Arbeit an der historischen Realität – soweit zugänglich bzw. überliefert – deutlich, was dem Buch ein ganz eigenes Flair verleiht und die absurde Situation des liebenswerten Trottels Juri, als den ihn alle ansehen, erst glaubwürdig als Romanhandlung erscheinen lässt. Hieran und an vielen anderen Stellen erkennt man, dass Wilson handwerklich hervorragend gearbeitet hat. Im Laufe der Zeit entdeckt Juri dann das staatlich praktizierte Doppelgängerwesen, was an späterer Stelle noch einmal von Bedeutung sein wird, die Paranoia des Staatsoberhaupts und die Intrigen und Machtrangeleien der Stellvertreter unter ihm, die zwar alle namentlich verfremdet wurden, aber – bei geschichtlicher Vorkenntnis – deutlich erkennbar sind. Er erfährt jedoch auch real von der zuvor nur kolportierten Brutalität und menschlichen Auslese, die im Sowjetsystem dieser Zeit betrieben wird, wobei die Auslöschung ganzer Existenzen das Maximum an Vernichtung ist, die der Apparat zu leisten imstande ist: nicht nur das körperliche Dasein wird beendet, sondern auch jeder Hinweis darauf, dass der Mensch jemals gelebt hat. Auch dieser Umstand wird den Lesern am Ende des Buches wieder begegnen. Die relativ kurze Zeit zwischen der Erkrankung Stalins und seinem Tod wird für Juri zu einem Erlebnis sondergleichen, das er aber in all seiner Schrecklichkeit für meinen Geschmack etwas zu gelassen wegsteckt. Hier muss dann wieder der Ansatz des Romans als Satire oder Tragikomödie herhalten, denn einen echten Verdrängungsmechanismus z.B. für erlittene Folter könnte der Roman nach dem vorherigen Klamauk gar nicht glaubhaft transportieren. Die Lektüre geht flott von der Hand, das Ineinandergreifen von Fiktion und Historie ist gelungen und auch das Ende ist konsequent - nur einfach nicht mehr lustig, was man ggf. vor der Lektüre wissen sollte, wenn man sich eigentlich auf eine vollständige Komödie eingestellt haben sollte. Das Werk ist wie schon erwähnt handwerklich hervorragend gemacht und schon deshalb zur Lektüre empfehlenswert.

Christopher Wilson hat einen Roman vorgelegt, in welchem ein Junge von ca. 12 Jahren die Hauptrolle spielt und das neben historischen Größen wie Stalin, Beria und Chruschtschow. Die Idee, eine unbedarfte Person in historische Zusammenhänge zu pflanzen und den Geschehnissen ihren Lauf zu lassen, dürfte manchem Leser schon aus dem Roman des „Hundertjährigen“ von Jonasson bekannt vorkommen. Allerdings überwiegt hier das Komödiantische nur scheinbar, denn schon während und vor allem gegen Ende des Romans werden etliche Nuancen der sowjetischen Schreckensherrschaft über die eigene Bevölkerung nur zu deutlich und gerade der Schlusspunkt hinterlässt einen ganz faden Beigeschmack.

weitere Rezensionen von Dr. Benjamin Krenberger


Worum geht es? Juri ist der Sohn des Moskauer Zoodirektors und hat in jungen Jahren einige Unfälle erlitten, die ihn allerdings nicht das Leben kosteten, sondern nur erheblich beeinträchtigt haben, sodass er unter körperlichen Benachteiligungen, aber auch unter zerebralen Widrigkeiten zu leiden hat, darunter epileptische Anfälle in Stresssituationen, aber eben auch ein unbekümmert loses Mundwerk. Gerade Letzteres ist in einem Staat, bei dem man stets darauf Acht geben muss, was man wann zu wem überhaupt sagen darf, ohne dass einen die Staatssicherheit sofort einkassiert, eher von Nachteil. Eines Nachts erscheint dann auch die Staatsmacht vor der Haustür des Vaters und bringt ihn und Juri in die Datscha des „Woschd“, des Führers der UdSSR, also zu dieser Zeit Stalin. Dort erfahren sie, dass Stalin den Ärzten (und vielen anderen Berufsgruppen und anderen Kategorien von Menschen) nicht traut, sodass nun ein Veterinärmediziner eine Diagnose stellen soll (daher auch der Titel des Werks). Diese ist rasch erteilt, da die Erkrankung des obersten Sowjet offensichtlich ist: er hat einen oder mehrere Schlaganfälle erlitten und leidet nun an deren Folgen. Eine Erkrankung des Staatschefs ist aber nicht vorgesehen, sodass er sich zunächst in seiner Datsche auskurieren möchte und aus einer spontanen Laune heraus Juri zu seinem Vorkoster ernennt, da er Vergiftungsphantasien hegt. Hier wie auch an vielen anderen Stellen wird die akribische Arbeit an der historischen Realität – soweit zugänglich bzw. überliefert – deutlich, was dem Buch ein ganz eigenes Flair verleiht und die absurde Situation des liebenswerten Trottels Juri, als den ihn alle ansehen, erst glaubwürdig als Romanhandlung erscheinen lässt. Hieran und an vielen anderen Stellen erkennt man, dass Wilson handwerklich hervorragend gearbeitet hat. Im Laufe der Zeit entdeckt Juri dann das staatlich praktizierte Doppelgängerwesen, was an späterer Stelle noch einmal von Bedeutung sein wird, die Paranoia des Staatsoberhaupts und die Intrigen und Machtrangeleien der Stellvertreter unter ihm, die zwar alle namentlich verfremdet wurden, aber – bei geschichtlicher Vorkenntnis – deutlich erkennbar sind. Er erfährt jedoch auch real von der zuvor nur kolportierten Brutalität und menschlichen Auslese, die im Sowjetsystem dieser Zeit betrieben wird, wobei die Auslöschung ganzer Existenzen das Maximum an Vernichtung ist, die der Apparat zu leisten imstande ist: nicht nur das körperliche Dasein wird beendet, sondern auch jeder Hinweis darauf, dass der Mensch jemals gelebt hat. Auch dieser Umstand wird den Lesern am Ende des Buches wieder begegnen.

Die relativ kurze Zeit zwischen der Erkrankung Stalins und seinem Tod wird für Juri zu einem Erlebnis sondergleichen, das er aber in all seiner Schrecklichkeit für meinen Geschmack etwas zu gelassen wegsteckt. Hier muss dann wieder der Ansatz des Romans als Satire oder Tragikomödie herhalten, denn einen echten Verdrängungsmechanismus z.B. für erlittene Folter könnte der Roman nach dem vorherigen Klamauk gar nicht glaubhaft transportieren.

Die Lektüre geht flott von der Hand, das Ineinandergreifen von Fiktion und Historie ist gelungen und auch das Ende ist konsequent - nur einfach nicht mehr lustig, was man ggf. vor der Lektüre wissen sollte, wenn man sich eigentlich auf eine vollständige Komödie eingestellt haben sollte. Das Werk ist wie schon erwähnt handwerklich hervorragend gemacht und schon deshalb zur Lektüre empfehlenswert.

geschrieben am 05.10.2018 | 607 Wörter | 3536 Zeichen

Kommentare lesen Kommentar schreiben

Kommentare zur Rezension (0)

Platz für Anregungen und Ergänzungen