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Ikarien


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Rezension von

Frieda Lyd

Ikarien Uwe Timm ist einer der großen und vielseitigen Erzähler der Gegenwart. Wer wenigstens eines seiner Kinderbücher gelesen hat, wird nicht umhin kommen auch seine Romane in die Hand zu nehmen. Auch wenn ich "Ikarien" erst jetzt in der Fassung als Taschenbuch auf der Leipziger Buchmesse entdeckt hatte, war es kein Fehler sich durch den Text zu arbeiten. Ja, ich meine, das ist keine Bett- oder Strandlektüre, sondern eine Geschichte, die zumindest in Auszügen in Schulbücher gehört. Hier wird Geschichtsbewusstsein aufgerüttelt aus einer Perspektive, die ich, obwohl schon lange bekannt, wieder mit Erschrecken und Schaudern aufgenommen habe. Und man sollte dieses Buch all denen vorlegen, die heute mit ihren Sprüchen wieder versuchen, diese schreckliche Zeit zu verklären. Michael Hansen, in Deutschland geboren und mit seiner Mutter dem Vater nach Amerika gefolgt, weil dieser als Präparator dort eine Anstellung finden konnte, kehrt nach dem 2. Weltkrieg 1945 im Auftrag des Geheimdienstes als Offizier in seine erste Heimat zurück. Er soll herausfinden, welche Rolle der Eugeniker Alfred Ploetz, der schon verstorben war, im Dritten Reich gespielt hatte. Herr Wagner, ein ehemaliger KZ-Häftling, wird ihm für seine Interviews zur Verfügung stehen. Die Angst des Geheimdienstes gründete sich auch um den Einfluss der Organisation der Ikarier, die es eine Zeit lang in den USA gab und eine alternative und selektive Lebensform darstellen sollte. Plötz und Wagner haben diese beide kennen gelernt.Wagner, der publizistisch und journalistisch tätig war, wurde verfolgt und eingekerkert. Er arbeitet jetzt noch im hohen Alter in einem Antiquariat und ist für Hansen der Gesprächspartner und profunde Kenner von Ploetz.Ploetz gehörte zu den Forschern, die in abstrusen Theorien die wahnsinnigen Rassengesetze der Nazis durch ihre Forschungen gestützt hatten, was am Ende zu den Massenvernichtungen führte. Hansen erlebt diese Offenbarungen von Wagner sehr intensiv. Man merkt, dass er mit zwei Augen auf die Geschichte, die so grausam ist, schaut und dass Hass gegen alle Deutschen keine Lösung sein kann. Er bedient sich aber auch seiner Privilegien als amerikanischer Offizier und genießt nach Möglichkeiten ebendiese, auch wenn es das Fraternisierungsverbot gab. Diese Sicht auf den Neubeginn und Versuche der Aufklärung von Kriegsverbrechen ist bemerkenswert, erschreckend, aber auch ermutigend, begründet sie doch auch einen Versuch,die Deutschen durch Bildung, hier durch Einrichtung einer Bibliothek mit amerikanischen Zeitschriften und Literatur in den Neuanfang einzubeziehen und Chancen für ein friedliches Miteinander zu schaffen. Auch über siebzig Jahre nach dem Ende des Krieges ist dieses Buch wichtig, denn wir sind die Generation, die die Erinnerung wachhalten muss, auch wenn wir schon das Privileg haben, in Frieden zu leben. Es ist eine kleine Insel, uns umgeben heute so viele gewaltsame Konflikte, dass wir nicht oft genug unsere Erinnerung schärfen sollten, um diesen Frieden zu erhalten.

Uwe Timm ist einer der großen und vielseitigen Erzähler der Gegenwart. Wer wenigstens eines seiner Kinderbücher gelesen hat, wird nicht umhin kommen auch seine Romane in die Hand zu nehmen.

weitere Rezensionen von Frieda Lyd

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rezensiert seit
Buchtitel
1
14.04.2019

Auch wenn ich "Ikarien" erst jetzt in der Fassung als Taschenbuch auf der Leipziger Buchmesse entdeckt hatte, war es kein Fehler sich durch den Text zu arbeiten. Ja, ich meine, das ist keine Bett- oder Strandlektüre, sondern eine Geschichte, die zumindest in Auszügen in Schulbücher gehört. Hier wird Geschichtsbewusstsein aufgerüttelt aus einer Perspektive, die ich, obwohl schon lange bekannt, wieder mit Erschrecken und Schaudern aufgenommen habe. Und man sollte dieses Buch all denen vorlegen, die heute mit ihren Sprüchen wieder versuchen, diese schreckliche Zeit zu verklären.

Michael Hansen, in Deutschland geboren und mit seiner Mutter dem Vater nach Amerika gefolgt, weil dieser als Präparator dort eine Anstellung finden konnte, kehrt nach dem 2. Weltkrieg 1945 im Auftrag des Geheimdienstes als Offizier in seine erste Heimat zurück. Er soll herausfinden, welche Rolle der Eugeniker Alfred Ploetz, der schon verstorben war, im Dritten Reich gespielt hatte.

Herr Wagner, ein ehemaliger KZ-Häftling, wird ihm für seine Interviews zur Verfügung stehen. Die Angst des Geheimdienstes gründete sich auch um den Einfluss der Organisation der Ikarier, die es eine Zeit lang in den USA gab und eine alternative und selektive Lebensform darstellen sollte. Plötz und Wagner haben diese beide kennen gelernt.Wagner, der publizistisch und journalistisch tätig war, wurde verfolgt und eingekerkert. Er arbeitet jetzt noch im hohen Alter in einem Antiquariat und ist für Hansen der Gesprächspartner und profunde Kenner von Ploetz.Ploetz gehörte zu den Forschern, die in abstrusen Theorien die wahnsinnigen Rassengesetze der Nazis durch ihre Forschungen gestützt hatten, was am Ende zu den Massenvernichtungen führte.

Hansen erlebt diese Offenbarungen von Wagner sehr intensiv. Man merkt, dass er mit zwei Augen auf die Geschichte, die so grausam ist, schaut und dass Hass gegen alle Deutschen keine Lösung sein kann. Er bedient sich aber auch seiner Privilegien als amerikanischer Offizier und genießt nach Möglichkeiten ebendiese, auch wenn es das Fraternisierungsverbot gab.

Diese Sicht auf den Neubeginn und Versuche der Aufklärung von Kriegsverbrechen ist bemerkenswert, erschreckend, aber auch ermutigend, begründet sie doch auch einen Versuch,die Deutschen durch Bildung, hier durch Einrichtung einer Bibliothek mit amerikanischen Zeitschriften und Literatur in den Neuanfang einzubeziehen und Chancen für ein friedliches Miteinander zu schaffen. Auch über siebzig Jahre nach dem Ende des Krieges ist dieses Buch wichtig, denn wir sind die Generation, die die Erinnerung wachhalten muss, auch wenn wir schon das Privileg haben, in Frieden zu leben. Es ist eine kleine Insel, uns umgeben heute so viele gewaltsame Konflikte, dass wir nicht oft genug unsere Erinnerung schärfen sollten, um diesen Frieden zu erhalten.

geschrieben am 14.04.2019 | 444 Wörter | 2564 Zeichen

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