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Einzelgänger & Exzentriker


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Einzelgänger & Exzentriker Jede Zeit hat ihre Außenseiter. Man könnte auch sagen, jede Epoche hat ihre Exzentriker. Das will heißen, dass es in jedem Abschnitt, dem die Kulturhistoriker einen Anfang und ein Ende gaben, Menschen gegeben hat, die anders waren als die anderen. Schwierig ist hier die Definition per definitionem. Denn: Was ist eine Epoche, wann ist ein Zeitabschnitt zuende? Historiker versuchen, anhand im Nachhinein gefundener Ereignisse, zu bestimmen, wie das eigentlich damals gewesen ist. Die Menschen, die damals gelebt haben, würden sie diese Festlegungen heute lesen, verstünden vermutlich kein Wort. Genauso schwierig ist es festzulegen, wer ein Exzentriker gewesen ist. Vielleicht wirkt er ja nur aus heutiger Rückschau so?! Hans Veigl unternimmt in seinem Buch »Einzelgänger & Exzentriker. Aussenseiter wider den Zeitgeist« trotzdem den Versuch. Ob die Beschriebenen alle Einzelgänger waren oder Exzentriker, darüber ließe sich trefflich streiten. Aber das spielt auch keine Rolle. Veigl, freier Schriftsteller in Graz, hat ein launisches Buch geschaffen, in dem man sich einfach einmal ein Kapitel vornehmen kann. Er biographiert eine Reihe von Wiener Verrückten, ohne die das Leben weniger lebenswert wäre und ohne die es so etwas wie Tratsch gar nicht geben könnte. In seiner intelligenten Einleitung zitiert der Autor die berühmte – und exzentrische – Edith Sitwell: »Exzentrik ist NICHT, wie langweilige Leute uns glauben machen wollen, eine Form von Verrücktheit, sondern oft eine Art unschuldiger Stolz. Geniale und aristokratische Menschen werden häufig als exzentrisch betrachtet, weil das Genie wie der Aristokrat vollkommen unerschrocken und unbeeinflusst sind von den Meinungen und Launen der Masse.« Das Buch erhebt keinen Anspruch, wie es nach ’68 üblich geworden war. Nun musste alles einem pseudo-wissenschaftlichen Zweck dienen. Man durfte nicht einfach nur zur Erbauung ein Buch lesen. Alles dürstete nach permanenter Aufklärung. Dies Buch ist anders. Es unterhält und tut dies auf sehr gebildete Weise. Veigl will keine Konklusion ziehen, versucht sich an keiner Definition, was ein Exzentriker ist. Das würde sowieso scheitern. Umso angenehmer lesen sich die Geschichten, Anekdoten und Werdegänge von Menschen, die einfach anders waren. Heute fast vergessen ist der Hellseher – ob er wirklich einer war, wissen wir nicht – Erik Jan Hanussen, dessen Schicksal Veigl beschreibt. Ein bunter Vogel, der nach unzähligen erfolglosen Versuchen, als großer Magier zu reüssieren, es dann doch noch schaffte. Anfang der 1930er Jahre füllte er allabendlich einen 2.500 Personen fassenden Saal am Berliner Nollendorfplatz und brachte die Menge in unwirkliches Erstaunen. Er lebte in einer 14-Zimmer-Wohnung und fuhr einen Maybach. Veigl gibt seine Abendgage mit 1.000 Reichsmark an, was damals mehr Geld war, als die meisten im Monat verdienten. Zusätzlich absolvierte Hanussen noch private Sitzungen in seiner Wohnung, die er sich ebenfalls fürstlich entlohnen ließ. Doch Hanussen, der eigentlich Steinschneider hieß, Jude war und sich im Dritten Reich eine arische Herkunft zulegte, überlebte seinen allzu engen Kontakt mit den Nazis nicht. Schon vor der Machtergreifung mit einer Reihe von SA-Leuten befreundet, geriet er zwischen die rivalisierenden Fronten der Nazis. Waldarbeiter fanden seine von Wildfraß unkenntlich gewordene Leiche Anfang April 1933 in einer kleinen Tannenschonung an der Landstraße zwischen Baruth und Neuhof südlich von Berlin. Ein Lesevergnügen ist auch die Geschichte von Paul Wittgenstein, einem Großneffen des Philosophen. Von Camillo Schaefer als »Dandy des Wortwitzes und der Pointe« bezeichnet, brachte der sein Erbe mit allerlei exklusiven Vergnügungen durch: Segeln, Hockey, Autorennen, Tennis. Aber er wäre kein Dandy gewesen, wenn er nicht dem Geiste glich, den er begriff. Ebenso wie sein Großonkel Ludwig zitierte er immer wieder Otto Weininger und ward häufig auf der Terrasse des Hotels Sacher gesehen, - vertieft ins Streitgespräch mit Thomas Bernhard. Dankbar sind wir, dass Hans Veigl diesen österreichischen Dandy dem Vergessen entrissen hat. Übrig bleibt die Anfangsfrage: Was ist ein Exzentriker? Es gab zu jeder Zeit Unkonventionelle: Bohèmiens, Dandys, Snobs, Flaneure. Im nächsten Jahrhundert gab es den Ted, den Punk, es gab Popper, Tramps und Spontis. Das 21. Jahrhundert scheint gänzlich ohne Exzentriker zu beginnen. Oder?

Jede Zeit hat ihre Außenseiter. Man könnte auch sagen, jede Epoche hat ihre Exzentriker. Das will heißen, dass es in jedem Abschnitt, dem die Kulturhistoriker einen Anfang und ein Ende gaben, Menschen gegeben hat, die anders waren als die anderen. Schwierig ist hier die Definition per definitionem. Denn: Was ist eine Epoche, wann ist ein Zeitabschnitt zuende? Historiker versuchen, anhand im Nachhinein gefundener Ereignisse, zu bestimmen, wie das eigentlich damals gewesen ist. Die Menschen, die damals gelebt haben, würden sie diese Festlegungen heute lesen, verstünden vermutlich kein Wort. Genauso schwierig ist es festzulegen, wer ein Exzentriker gewesen ist. Vielleicht wirkt er ja nur aus heutiger Rückschau so?!

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Hans Veigl unternimmt in seinem Buch »Einzelgänger & Exzentriker. Aussenseiter wider den Zeitgeist« trotzdem den Versuch. Ob die Beschriebenen alle Einzelgänger waren oder Exzentriker, darüber ließe sich trefflich streiten. Aber das spielt auch keine Rolle. Veigl, freier Schriftsteller in Graz, hat ein launisches Buch geschaffen, in dem man sich einfach einmal ein Kapitel vornehmen kann. Er biographiert eine Reihe von Wiener Verrückten, ohne die das Leben weniger lebenswert wäre und ohne die es so etwas wie Tratsch gar nicht geben könnte.

In seiner intelligenten Einleitung zitiert der Autor die berühmte – und exzentrische – Edith Sitwell: »Exzentrik ist NICHT, wie langweilige Leute uns glauben machen wollen, eine Form von Verrücktheit, sondern oft eine Art unschuldiger Stolz. Geniale und aristokratische Menschen werden häufig als exzentrisch betrachtet, weil das Genie wie der Aristokrat vollkommen unerschrocken und unbeeinflusst sind von den Meinungen und Launen der Masse.«

Das Buch erhebt keinen Anspruch, wie es nach ’68 üblich geworden war. Nun musste alles einem pseudo-wissenschaftlichen Zweck dienen. Man durfte nicht einfach nur zur Erbauung ein Buch lesen. Alles dürstete nach permanenter Aufklärung. Dies Buch ist anders. Es unterhält und tut dies auf sehr gebildete Weise. Veigl will keine Konklusion ziehen, versucht sich an keiner Definition, was ein Exzentriker ist. Das würde sowieso scheitern.

Umso angenehmer lesen sich die Geschichten, Anekdoten und Werdegänge von Menschen, die einfach anders waren. Heute fast vergessen ist der Hellseher – ob er wirklich einer war, wissen wir nicht – Erik Jan Hanussen, dessen Schicksal Veigl beschreibt. Ein bunter Vogel, der nach unzähligen erfolglosen Versuchen, als großer Magier zu reüssieren, es dann doch noch schaffte. Anfang der 1930er Jahre füllte er allabendlich einen 2.500 Personen fassenden Saal am Berliner Nollendorfplatz und brachte die Menge in unwirkliches Erstaunen. Er lebte in einer 14-Zimmer-Wohnung und fuhr einen Maybach. Veigl gibt seine Abendgage mit 1.000 Reichsmark an, was damals mehr Geld war, als die meisten im Monat verdienten. Zusätzlich absolvierte Hanussen noch private Sitzungen in seiner Wohnung, die er sich ebenfalls fürstlich entlohnen ließ. Doch Hanussen, der eigentlich Steinschneider hieß, Jude war und sich im Dritten Reich eine arische Herkunft zulegte, überlebte seinen allzu engen Kontakt mit den Nazis nicht. Schon vor der Machtergreifung mit einer Reihe von SA-Leuten befreundet, geriet er zwischen die rivalisierenden Fronten der Nazis. Waldarbeiter fanden seine von Wildfraß unkenntlich gewordene Leiche Anfang April 1933 in einer kleinen Tannenschonung an der Landstraße zwischen Baruth und Neuhof südlich von Berlin.

Ein Lesevergnügen ist auch die Geschichte von Paul Wittgenstein, einem Großneffen des Philosophen. Von Camillo Schaefer als »Dandy des Wortwitzes und der Pointe« bezeichnet, brachte der sein Erbe mit allerlei exklusiven Vergnügungen durch: Segeln, Hockey, Autorennen, Tennis. Aber er wäre kein Dandy gewesen, wenn er nicht dem Geiste glich, den er begriff. Ebenso wie sein Großonkel Ludwig zitierte er immer wieder Otto Weininger und ward häufig auf der Terrasse des Hotels Sacher gesehen, - vertieft ins Streitgespräch mit Thomas Bernhard. Dankbar sind wir, dass Hans Veigl diesen österreichischen Dandy dem Vergessen entrissen hat.

Übrig bleibt die Anfangsfrage: Was ist ein Exzentriker? Es gab zu jeder Zeit Unkonventionelle: Bohèmiens, Dandys, Snobs, Flaneure. Im nächsten Jahrhundert gab es den Ted, den Punk, es gab Popper, Tramps und Spontis. Das 21. Jahrhundert scheint gänzlich ohne Exzentriker zu beginnen. Oder?

geschrieben am 30.04.2008 | 640 Wörter | 3743 Zeichen

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