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Die Geschichte der Bienen


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Rezension von

Thomas Stumpf

Die Geschichte der Bienen „Die Geschichte der Bienen“ ist ein interessanter, nachhaltiger Roman, der drei Familiengeschichten aus verschiedenen Zeiten über eine Spanne von zweieinhalb Jahrhunderten parallel erzählt. Sie drehen sich sämtlich um Bienen und ihre Auswirkung auf die Menschen im Einzelnen und die Menschheit insgesamt. Es beginnt mit der dystopischen Weltuntergangsgeschichte aus dem China des Jahres 2098. Die Bienen sind schon lange ausgestorben und die Menschheit am Rande des Abgrunds. Mit einigem Erfolg bestäuben die Chinesen mit Tausenden von Arbeitern Pflanzen und Obstbäumen manuell mit kleinen Pinseln, die einzige noch funktionierende Art, Lebensmittel zu gewinnen. Es ist eine schwierige, extrem aufwändige Arbeit, jede nicht erfolgreiche Bestäubung ein schwerer Verlust. Tao ist eine der Arbeiterinnen. Sie lebt mit ihrem Mann Kuan und dem dreijährigen Sohn Wei-Wen, für den sie sich eine bessere Zukunft erhofft, in einer kleinen Hütte. An einem freien Volksfeiertag nach Ende der Bestäubungssaison macht die kleine Familie, die sonst höchstens ein oder zwei gemeinsame Stunden am Tag gemeinsam verbringen kann, einen kleinen Ausflug. Doch etwas geschieht mit Wei-Wen, er bricht bewusstlos zusammen. Ärzte kommen und holen ihn ab. Wohin er gebracht wird, was mit ihm ist, erfahren die Eltern nicht. Spezialtruppen rücken an, riegeln das Gebiet ab. Tao macht sich auf den Weg zur Hauptstadt Peking, um nach ihrem Sohn zu suchen. Doch Peking ist nahezu ausgestorben. Alleine zieht sie durch die verfallene Stadt. Im England des Jahres 1852 siecht der Naturforscher und Saatguthändler William Savage seit Wochen und Monaten vor sich hin. Er verlässt das Bett nicht mehr. Grund ist, dass er sich als Vater von sieben Töchtern und einem Sohn, als Forscher und als Mensch als vollkommen gescheitert sieht und der Welt nicht mehr gegenübertreten kann. Auslösendes Moment dafür war, dass sein wissenschaftlicher Mentor Rahm ihn hat fallen lassen. Die Familie hat inzwischen nahezu alle Rücklagen aufgebraucht, der soziale Abstieg und die Verarmung drohen. Sein Sohn Edmund reicht ihm ein Buch, das Williams Lebensgeister wieder weckt: er ist besessen davon, einen neuen, modernen Bienenstock zu erfinden, es seinem Mentor Rahm zu zeigen. Er will, dass seine Familie, vor allem sein Sohn, stolz auf ihn ist. Er macht sich an die Arbeit. Seine Frau und die Töchter empfindet er als pure Belastung, am Familienleben nimmt er auch nach seiner „Gesundung“ nicht teil. Einzige Ausnahme ist seine älteste Tochter Charlotte, die seinen wissenschaftlichen Eifer teilt, während Edmund sich nicht im Geringsten um all das schert. Sein Bienenvolk gedeiht und endlich gelingt ihm – eigentlich seiner Tochter Charlotte – eine wegweisende Erfindung für einen Bienenstock, die er patentieren lassen will. Die dritte Geschichte spielt in Ohio/USA im Jahr 2007. Imker George entspringt einer langen Reihe von Imkern in seiner Familie und führt den traditionsreichen Betrieb mit seiner Frau zusammen. Das Besondere: er baut seine Bienenstöcke nach einer alten Vorlage schon immer selbst. Er möchte in sein Geschäft investieren, doch die Mittel sind knapp und die Bank gibt keinen Kredit. Am liebsten wäre es ihm, wenn sein Sohn Tom endlich in das Geschäft einsteigen und den Betrieb mit ihm gemeinsam führen würde. Doch Tom hat andere Pläne, denn er studiert Journalismus und ist nur selten zuhause. George kann das nicht akzeptieren, seine Frau steht eher auf Toms Seite. Und dann, ganz plötzlich, beginnen die Bienen auszusterben. Sie verschwinden einfach. Maja Lunde widmet sich in ihrem großartigen Roman einem brandgefährlichem Thema, nämlich dem weltweiten Sterben der Bienen. Gnadenlos und konsequent führt sie nach und nach aus, welche Folgen dies für Natur und Mensch hat. Dabei ist das keine Zukunftsspinnerei, sondern in einigen Teilen schon leider Realität. Die Menschen sind von der Arbeit der Bienen abhängig, sie bestäuben mehr als 60% unserer Nahrungsmittel und Nutzpflanzen, nicht nur die Honigbiene, sondern auch die Wildbiene. Ihr Aussterben würde eine weltweite Nahrungskrise mit all ihren Folgen auslösen. Dabei erhebt Maja Lunde zu keiner Zeit oberlehrerhaft den Zeigefinger, sondern zeigt schlicht die Konsequenzen. Vielleicht befürchtet der eine oder andere, das Buch könnte überlastet sein, mit wissenschaftlichen Daten und Fakten. Dazu ist Maja Lunde aber zu gut, vor allem sprachlich. Ein reines Infodumping findet nicht statt. Sie packt die Informationen an die richtigen Stellen und in der richtigen Dosierung. Im Vordergrund steht immer dennoch der Roman, also die erzählte Geschichte. Erzählt werden die drei Handlungsstränge abwechselnd, jeweils aus der Ich-Perspektive der Hauptpersonen Tao, William und George. Am Ende werden die drei Geschichten geschickt inhaltlich verbunden, eine Beziehung der drei Familien über die räumliche und zeitliche Entfernung hinweg hergestellt. Das ist schön und nahtlos gemacht. Abgesehen von den Bienen haben die drei Geschichten, so unterschiedlich sie auch sind, noch weitere Gemeinsamkeiten. Ein Kernpunkt ist vor allem die Familie, denn nicht zufällig haben alle drei Protagonisten Kinder. Tao will um jeden Preis, dass es ihr Sohn Wei-Wen später einmal besser hat. Um zu verhindern, dass er auch schon im Alter von acht Jahren als Blütenbestäuber arbeiten muss und somit seiner Kindheit beraubt wird, versucht sie verzweifelt, dass er mit drei Jahren schon Zahlen und Buchstaben lernt, damit er sich später für höhere Aufgaben qualifizieren kann. Sie setzt sich, das Kind und die ganze Familie damit unter Druck, statt die Zeit zu nutzen, die ihr zur Verfügung steht. William Savage ist ein ganz furchtbarer Mensch, egozentrisch und selbstgerecht sondergleichen. Das Verständnis der Rolle der Frau in der Gesellschaft des Viktorianischen Englands ist sehr treffend herausgearbeitet und steht in krassem Widerspruch zum heutigen Verständnis. Aber auch er will, dass es seiner Familie mit dem, was er erreicht, besser geht und seine Kinder etwas von dem haben, was er ihnen hinterlässt. Auch wenn seine Beweggründe zu einem guten Teil in seinem Ego und verletzten Stolz zu suchen sind. George möchte etwas Werthaltiges weitergeben und gemeinsam mit seinem Sohn die Zukunft der Familie aufbauen, das Handwerk an ihn weitergeben. In jeder der drei Geschichten stellt sich die Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen. Taos Geschichte ist unheimlich und verstörend, das Ende der postapokalyptischen Entwicklung eines Planeten ohne Bienen. Williams Story ist eher tragisch-komisch, eine Geschichte vom persönlichen Scheitern. Georges Story ist die sehr reale Geschichte eines hart arbeitenden Mannes, der alles gibt und ums Überleben kämpft, für seine Familie und die Bienen. Am Ende gehören die Geschichten zusammen, man kann nicht das eine vom anderen trennen. Das trifft auch auf die kleinen Bienen zu, die Teil des Riesenorganismus des Planeten sind und darin eine sehr wichtige Rolle spielen. Das ruhig erzählte und sprachlich sehr schöne Buch hat keinen durchgehenden Spannungsbogen, die Geschichten entwickeln sich unterschiedlich schnell, jede hat ihr eigenes Tempo, ihren eigenen Erzählfluss. Bei Tao wird es schnell dramatisch und die Story driftet danach in ein klassisches Endzeitszenario. Williams Geschichte hat den gleichförmigsten Takt, während der George-Teil sich langsam zuspitzt. Gleichwohl sind die drei Teile aufeinander abgestimmt und ergeben ein homogenes Ganzes. „Die Geschichte der Bienen“ ist ein Buch, für das man sich beim Lesen gerne etwas mehr Zeit nehmen darf, man wird dafür belohnt. Ein Buch, das nachwirkt und zum Nachdenken anregt und zu Recht große Aufmerksamkeit erfährt. Hat mir sehr gefallen.

„Die Geschichte der Bienen“ ist ein interessanter, nachhaltiger Roman, der drei Familiengeschichten aus verschiedenen Zeiten über eine Spanne von zweieinhalb Jahrhunderten parallel erzählt. Sie drehen sich sämtlich um Bienen und ihre Auswirkung auf die Menschen im Einzelnen und die Menschheit insgesamt.

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Es beginnt mit der dystopischen Weltuntergangsgeschichte aus dem China des Jahres 2098. Die Bienen sind schon lange ausgestorben und die Menschheit am Rande des Abgrunds. Mit einigem Erfolg bestäuben die Chinesen mit Tausenden von Arbeitern Pflanzen und Obstbäumen manuell mit kleinen Pinseln, die einzige noch funktionierende Art, Lebensmittel zu gewinnen. Es ist eine schwierige, extrem aufwändige Arbeit, jede nicht erfolgreiche Bestäubung ein schwerer Verlust. Tao ist eine der Arbeiterinnen. Sie lebt mit ihrem Mann Kuan und dem dreijährigen Sohn Wei-Wen, für den sie sich eine bessere Zukunft erhofft, in einer kleinen Hütte. An einem freien Volksfeiertag nach Ende der Bestäubungssaison macht die kleine Familie, die sonst höchstens ein oder zwei gemeinsame Stunden am Tag gemeinsam verbringen kann, einen kleinen Ausflug. Doch etwas geschieht mit Wei-Wen, er bricht bewusstlos zusammen. Ärzte kommen und holen ihn ab. Wohin er gebracht wird, was mit ihm ist, erfahren die Eltern nicht. Spezialtruppen rücken an, riegeln das Gebiet ab. Tao macht sich auf den Weg zur Hauptstadt Peking, um nach ihrem Sohn zu suchen. Doch Peking ist nahezu ausgestorben. Alleine zieht sie durch die verfallene Stadt.

Im England des Jahres 1852 siecht der Naturforscher und Saatguthändler William Savage seit Wochen und Monaten vor sich hin. Er verlässt das Bett nicht mehr. Grund ist, dass er sich als Vater von sieben Töchtern und einem Sohn, als Forscher und als Mensch als vollkommen gescheitert sieht und der Welt nicht mehr gegenübertreten kann. Auslösendes Moment dafür war, dass sein wissenschaftlicher Mentor Rahm ihn hat fallen lassen. Die Familie hat inzwischen nahezu alle Rücklagen aufgebraucht, der soziale Abstieg und die Verarmung drohen. Sein Sohn Edmund reicht ihm ein Buch, das Williams Lebensgeister wieder weckt: er ist besessen davon, einen neuen, modernen Bienenstock zu erfinden, es seinem Mentor Rahm zu zeigen. Er will, dass seine Familie, vor allem sein Sohn, stolz auf ihn ist. Er macht sich an die Arbeit. Seine Frau und die Töchter empfindet er als pure Belastung, am Familienleben nimmt er auch nach seiner „Gesundung“ nicht teil. Einzige Ausnahme ist seine älteste Tochter Charlotte, die seinen wissenschaftlichen Eifer teilt, während Edmund sich nicht im Geringsten um all das schert. Sein Bienenvolk gedeiht und endlich gelingt ihm – eigentlich seiner Tochter Charlotte – eine wegweisende Erfindung für einen Bienenstock, die er patentieren lassen will.

Die dritte Geschichte spielt in Ohio/USA im Jahr 2007. Imker George entspringt einer langen Reihe von Imkern in seiner Familie und führt den traditionsreichen Betrieb mit seiner Frau zusammen. Das Besondere: er baut seine Bienenstöcke nach einer alten Vorlage schon immer selbst. Er möchte in sein Geschäft investieren, doch die Mittel sind knapp und die Bank gibt keinen Kredit. Am liebsten wäre es ihm, wenn sein Sohn Tom endlich in das Geschäft einsteigen und den Betrieb mit ihm gemeinsam führen würde. Doch Tom hat andere Pläne, denn er studiert Journalismus und ist nur selten zuhause. George kann das nicht akzeptieren, seine Frau steht eher auf Toms Seite. Und dann, ganz plötzlich, beginnen die Bienen auszusterben. Sie verschwinden einfach.

Maja Lunde widmet sich in ihrem großartigen Roman einem brandgefährlichem Thema, nämlich dem weltweiten Sterben der Bienen. Gnadenlos und konsequent führt sie nach und nach aus, welche Folgen dies für Natur und Mensch hat. Dabei ist das keine Zukunftsspinnerei, sondern in einigen Teilen schon leider Realität. Die Menschen sind von der Arbeit der Bienen abhängig, sie bestäuben mehr als 60% unserer Nahrungsmittel und Nutzpflanzen, nicht nur die Honigbiene, sondern auch die Wildbiene. Ihr Aussterben würde eine weltweite Nahrungskrise mit all ihren Folgen auslösen. Dabei erhebt Maja Lunde zu keiner Zeit oberlehrerhaft den Zeigefinger, sondern zeigt schlicht die Konsequenzen. Vielleicht befürchtet der eine oder andere, das Buch könnte überlastet sein, mit wissenschaftlichen Daten und Fakten. Dazu ist Maja Lunde aber zu gut, vor allem sprachlich. Ein reines Infodumping findet nicht statt. Sie packt die Informationen an die richtigen Stellen und in der richtigen Dosierung. Im Vordergrund steht immer dennoch der Roman, also die erzählte Geschichte.

Erzählt werden die drei Handlungsstränge abwechselnd, jeweils aus der Ich-Perspektive der Hauptpersonen Tao, William und George. Am Ende werden die drei Geschichten geschickt inhaltlich verbunden, eine Beziehung der drei Familien über die räumliche und zeitliche Entfernung hinweg hergestellt. Das ist schön und nahtlos gemacht.

Abgesehen von den Bienen haben die drei Geschichten, so unterschiedlich sie auch sind, noch weitere Gemeinsamkeiten. Ein Kernpunkt ist vor allem die Familie, denn nicht zufällig haben alle drei Protagonisten Kinder. Tao will um jeden Preis, dass es ihr Sohn Wei-Wen später einmal besser hat. Um zu verhindern, dass er auch schon im Alter von acht Jahren als Blütenbestäuber arbeiten muss und somit seiner Kindheit beraubt wird, versucht sie verzweifelt, dass er mit drei Jahren schon Zahlen und Buchstaben lernt, damit er sich später für höhere Aufgaben qualifizieren kann. Sie setzt sich, das Kind und die ganze Familie damit unter Druck, statt die Zeit zu nutzen, die ihr zur Verfügung steht.

William Savage ist ein ganz furchtbarer Mensch, egozentrisch und selbstgerecht sondergleichen. Das Verständnis der Rolle der Frau in der Gesellschaft des Viktorianischen Englands ist sehr treffend herausgearbeitet und steht in krassem Widerspruch zum heutigen Verständnis. Aber auch er will, dass es seiner Familie mit dem, was er erreicht, besser geht und seine Kinder etwas von dem haben, was er ihnen hinterlässt. Auch wenn seine Beweggründe zu einem guten Teil in seinem Ego und verletzten Stolz zu suchen sind.

George möchte etwas Werthaltiges weitergeben und gemeinsam mit seinem Sohn die Zukunft der Familie aufbauen, das Handwerk an ihn weitergeben.

In jeder der drei Geschichten stellt sich die Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen.

Taos Geschichte ist unheimlich und verstörend, das Ende der postapokalyptischen Entwicklung eines Planeten ohne Bienen. Williams Story ist eher tragisch-komisch, eine Geschichte vom persönlichen Scheitern. Georges Story ist die sehr reale Geschichte eines hart arbeitenden Mannes, der alles gibt und ums Überleben kämpft, für seine Familie und die Bienen. Am Ende gehören die Geschichten zusammen, man kann nicht das eine vom anderen trennen. Das trifft auch auf die kleinen Bienen zu, die Teil des Riesenorganismus des Planeten sind und darin eine sehr wichtige Rolle spielen.

Das ruhig erzählte und sprachlich sehr schöne Buch hat keinen durchgehenden Spannungsbogen, die Geschichten entwickeln sich unterschiedlich schnell, jede hat ihr eigenes Tempo, ihren eigenen Erzählfluss. Bei Tao wird es schnell dramatisch und die Story driftet danach in ein klassisches Endzeitszenario. Williams Geschichte hat den gleichförmigsten Takt, während der George-Teil sich langsam zuspitzt. Gleichwohl sind die drei Teile aufeinander abgestimmt und ergeben ein homogenes Ganzes. „Die Geschichte der Bienen“ ist ein Buch, für das man sich beim Lesen gerne etwas mehr Zeit nehmen darf, man wird dafür belohnt. Ein Buch, das nachwirkt und zum Nachdenken anregt und zu Recht große Aufmerksamkeit erfährt. Hat mir sehr gefallen.

geschrieben am 27.09.2017 | 1149 Wörter | 6541 Zeichen

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