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Der unsichtbare Freund


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Informationen zum Buch
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  Seiten
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  Extras

Rezension von

Thomas Stumpf

Der unsichtbare Freund Kate Reese flieht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher vor ihrem gewalttätigen Freund Jerry. Sie landet im beschaulichen Mill Grove, nicht sehr weit von Pittsburgh gelegen, und beginnt ein neues Leben. Das kleine Städtchen, durchzogen von einer einzigen Durchgangsstraße, ist ringsum von Wald umgeben, der Missionswald. Der stille und mit einer ausgeprägten Leseschwäche belastete Christopher, der es in der Schule nicht leicht hat, leidet unter der Situation, gibt aber alles, um seine Mutter zu unterstützen. Geld ist knapp, auch nachdem Kate endlich einen Job gefunden hat. Christopher schließt Freundschaften mit drei anderen Jungs, sämtlich Außenseiter wie er. Irgendwann beginnt Christopher eine Stimme zu hören, die ihn in den nahe gelegenen Missionswald lockt. Er verschwindet für mehrere Tage spurlos, die Suchaktion bleibt ohne Erfolg. Als er wieder auftaucht, ist alles anders. Seine Leseschwäche ist verschwunden, er verschlingt Bücher geradezu, seine Leistungen in der Schule verbessern sich schlagartig. Er beginnt aber auch, Dinge über andere Menschen zu wissen und vermag es, in gewissem Umfang in die Zukunft zu schauen. So sagt er seiner Mutter voraus, welche Zahlen sie im Lotto spielen soll und sie gewinnt. Die Familie Reese kauft ein eigenes Haus und alles scheint gut zu werden. Doch Christopher war nicht allein im Wald. Er hat dort den „netten Mann“ kennengelernt, einen unsichtbaren Freund, den nur Christopher sehen und hören kann. Dieser gibt ihm den Auftrag, im Wald ein Baumhaus zu errichten. Alles hinge hiervon ab, anderenfalls würde die ganze Stadt am Weihnachtstag zerstört und alle würden sterben. Nur Christopher sei in der Lage, dies zu verhindern. So baut Christopher mit seinen neuen (realen) Freunden das Baumhaus. Dieses dient als Portal in eine Fantasiewelt, im Grunde eine zeitgleich existierende Alternativversion der Stadt, in der eine böse Frau, die von Brandwunden überzogene „zischende Lady“ herrscht. Die unsichtbare Version der Stadt ist bevölkert mit einer Alternativversion der Einwohner von Mill Grove, den „Briefkastenleuten“. Die „zischende Lady“ hat ihnen Mund und Augen zugenäht und sie zu ihren Dienern gemacht. Sie will Christopher töten und den „netten Mann“ in ihre Gewalt bringen. Doch am Tage ist Christopher unsichtbar für sie. Ab Einbruch der Dunkelheit allerdings kann sie ihn sehen und jagen. Die „zischende Lady“ will unbedingt das Baumhaus und sie will die Stadt zerstören. Der „nette Mann“ will sie mit Christophers Hilfe aufhalten. Nach jedem Ausflug in die Fantasiewelt wachsen Christophers Fähigkeiten. Er weiß alles über die Einwohner der Stadt, kann ihre Gedanken lesen und ihre Handlungen vorhersehen. Er wird mächtiger und mächtiger. Doch das hat seinen Preis. Er fiebert stark und bekommt oft Nasenbluten, sowie ständige Kopfschmerzen und ein starkes Jucken am ganzen Körper. Schließlich entwickelt Christopher die Fähigkeit, anderen durch eine bloße Berührung zu heilen. Nach und nach wird er allmächtig. Seine Mutter dagegen glaubt, ihr Sohn verliert langsam den Verstand, denn er spricht ständig mit und von Personen, die für sie nicht real sind. Christophers Vater hatte an einer Geisteskrankheit gelitten und sie macht sich große Sorgen, ihrem Sohn könnte es genauso ergehen - bis sie ihm aufgrund eines besonderen Ereignisses doch Glauben schenkt. Doch da hat der Kampf Gut gegen Böse schon längst angefangen und das Leben aller Einwohner steht auf dem Spiel. Zudem findet Christopher in der Nähe des Baumhauses das Skelett eines kleinen Jungen, der vor 50 Jahren bereits verschwunden war - David Olson. Auch dieser war damals gemeinsam mit dem „netten Mann“ der „zischenden Lady“ entgegengetreten. Christopher braucht all seinen Mut und die Hilfe seiner Freunde, um zu verhindern, dass die „zischende Lady“ die dünne Grenze zwischen ihrer Welt und der Realität einreißen und alles in Tod und Verderben stürzen kann. Und die Zeit drängt, denn Weihnachten steht bereits vor der Tür… Viel mehr möchte ich zum komplexen Inhalt nicht verraten, denn das Buch ist schwer zu rezensieren ohne dabei zu spoilern. Der Roman lebt aber natürlich nicht von dieser vordergründigen Story alleine. Er ist vielmehr bevölkert von zahlreichen Figuren, die ihn erst lesenswert machen. Mill Grove und seine Bewohner erinnern ein wenig an Stephen Kings Castle Rock aus Needful Things (In einer kleinen Stadt). Die Dinge beginnen sich zum Schlechten zu verändern, nachdem Christopher nach mehreren Tagen seines Verschwindens wieder auftaucht. Dann erst werden mobbende Schüler zu gewalttätigen Waffenträgern, schlechte Ehen enden in Blutvergießen, Eltern misshandeln ihre Kinder, Aggressionen und Gewalt treten an die Oberfläche und bestimmen das Leben der Menschen in Mill Grove. Die „zischende Lady“ bringt in jedem das Schlechteste hervor. Alles steuert auf einen großen Gewaltausbruch zu. Doch so einfach und vordergründig ist der Roman nicht gestrickt, der Konflikt liegt viel tiefer begraben. Chbosky will mehr. Als die streng katholische Schülerin Mary Katherine schwanger wird, obwohl sie noch jungfräulich ist, erahnt man als Leser spätestens ab dieser sehr speziellen unbefleckten Empfängnis, dass das Buch einen komplett anderen Einschlag erhält. Der Roman ist nicht ohne Grund gespickt mit religiösen Allegorien und Bildern und schließlich arbeitet Chbosky über den Lauf des Romans die hoch interessante Idee von Gott als Mörder aus und stellt die Opferung seines Sohns Jesus in ein völlig neues Licht. So wird letztlich auch der Titel des Romans „Der unsichtbare Freund“ mit einer Doppeldeutigkeit belegt. Gemeint ist damit nicht lediglich Christophers imaginärer Freund „der nette Mann“, sondern Gott im Verhältnis zum Menschen. Die Idee, dass Gott lediglich eine Projektion der Menschen ist, brachte schon Feuerbach auf. Gott als „imaginary friend“ (so der Originaltitel des Romans) ist ein streitbefangenes Thema, dass im religiös aufgeladenen Amerika aktuell oft zur Sprache kommt, sowohl aus religiösen als auch antiklerikalen und atheistischen Kreisen. Im gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Klima der USA durchaus ein gewagtes Unterfangen, an dieses Pulverfass eine Lunte zu legen. Gepaart wird das Ganze mit eingestreuten Hinweisen auf Konflikte im Nahen Osten und einer weltweiten Flüchtlingskrise. Ähnlich wie in seinem 20 Jahre zurückliegenden Welterfolg „The Perks of being a wallflower“ (Das also ist mein Leben, verfilmt mit Emma Watson) entwirft Chbosky erneut eine fragwürdige gesellschaftliche Landschaft und zeigt, was es bedeutet, in dieser heutigen Generation erwachsen zu werden, wenngleich seine Protagonisten diesmal jünger sind. Chbosky setzt zu einer gesellschaftlichen und religiösen Gesamtbetrachtung an, darunter macht er es nicht. Und genau deshalb tue ich mir schwer damit, dass der Roman in das Horrorgenre verortet wurde und so auch beworben wird. Es ist eine Geschichte mit ausgeprägten Horrorelementen, ja. Aber es ist nicht wirklich ein Horrorroman. Nach Angaben des Autors hat er neun Jahre an dem Buch geschrieben. Das merkt man, denn im Laufe dieser Schaffensphase hat Chbosky anscheinend verschiedene Hüte aufgesetzt: Wir haben zunächst einen horrortypischen Auftakt, der durch die beinharte reale Story der vor dem gewalttätigen Ex flüchtenden alleinerziehenden Mutter mit all ihren sozialen, emotionalen und finanziellen Sorgen abgelöst wird. Dann offenbart sich eine Phantasiestory, es stellt sich das das Stranger-Things- Gefühl ein mit den Jungs, die gemeinsam übernatürlichen Parallelwelten und Gegnern trotzen (sogar das Nasenbluten ist dabei). „Der unsichtbare Freund“ ist eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Geschichte über Freundschaft, Glaube und Zuversicht. Er beinhaltet Krimielemente und offenbart zugleich ein wunderbares Sammelsurium an popkulturellen Anspielungen, vor allem aus den Bereichen Film und Literatur. (Da Chbosky in Pittsburgh geboren und aufgewachsen ist, ist es nicht verwunderlich, dass auch die Pittsburgh Steelers mannigfach Erwähnung finden). „Der unsichtbare Freund“ ist nicht zuletzt ein provokantes, kritisches Zeitgemälde der USA. Anders als ein Horrorroman verfügt das Buch auch nicht über eine Klimax. Zwischendurch kommt es zwar zu spannenden Szenen (Flucht vor der „zischenden Lady“, Flucht aus dem Krankenhaus, Verfolgungsjagd), es sind aber immer nur Einzelsequenzen. Einen großen Spannungsbogen über den Verlauf der Erzählung kann man nur bedingt ausmachen. Überhaupt ist das Buch mit über 900 Seiten im Hardcover insgesamt für meinen Geschmack deutlich zu lange geraten, man hätte die Geschichte auch mit 400 Seiten weniger erzählen können, ohne dass etwas Wesentliches verloren gegangen wäre. Das hätte dem Roman gut getan. Es sind zahlreiche gedoppelten Sätze und Wiederholungen enthalten, die sämtlich redundant sind. Und wenn Christopher von seiner gemeinen Mitschülerin wegen seiner schlechtsitzenden Hose zum x-ten Mal mit „Hochwasser! Hochwasser!“ beschimpft wird, ist das nur noch nervend. Kürzen ist eine Kunst, großzügiges Lektorat. Was mir auch nicht so gefallen hat, ist, dass die Protagonisten und Helden quasi ausschließlich männlich und überwiegend weiß besetzt sind. Auch in der Kindergruppe sind nur Jungs vertreten. Frauen haben - abgesehen von Kate Reese und der Virgin Mary - nur untergeordnete Rollen oder sind bösartig. Das Springen von Genre zu Genre ist auch nicht gerade förderlich. Es wäre besser gewesen, sich auf eine Kernaussage zu konzentrieren, das Buch will ein wenig zu viel auf einmal und entwickelt so beim Lesen seine grenzwertigen, leicht an den Nerven zehrenden Längen. Dennoch will man unbedingt wissen, wie die Sache endet. Chbosky ist zu gut, um den Leser dann doch nicht bei der Stange zu halten, das muss man ihm zugutehalten. Trotz dieser klar hervortretenden Schwächen hat mir das Buch gut gefallen. Es enthält tolle Einzelszenen mit starken Bildern, für die Chbosky als Drehbuchautor und Regisseur ein Händchen hat. Er macht aufschlussreiche Beobachtungen und liefert interessante, provozierende Denkansätze. Ich mochte das Kleinstadtsetting und fieberte mit dem tapferen Christoper mit. Chbosky braucht auch keine mystischen Figuren, bei ihm wird der Kampf Gut gegen Böse direkt zwischen den Kontrahenten selbst ausgetragen. Dabei wartet er mit einigen Überraschungen auf. Wenn man am Ende die Auflösung kennt, würde man am liebsten nochmals von vorn beginnen und die Worte und Taten einiger Protagonisten in neuem Licht abwägen. Und das Buch ist nicht zu Ende, bevor es nicht zu Ende ist. Das gilt bis zur allerletzten Seite.

Kate Reese flieht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher vor ihrem gewalttätigen Freund Jerry. Sie landet im beschaulichen Mill Grove, nicht sehr weit von Pittsburgh gelegen, und beginnt ein neues Leben. Das kleine Städtchen, durchzogen von einer einzigen Durchgangsstraße, ist ringsum von Wald umgeben, der Missionswald. Der stille und mit einer ausgeprägten Leseschwäche belastete Christopher, der es in der Schule nicht leicht hat, leidet unter der Situation, gibt aber alles, um seine Mutter zu unterstützen. Geld ist knapp, auch nachdem Kate endlich einen Job gefunden hat. Christopher schließt Freundschaften mit drei anderen Jungs, sämtlich Außenseiter wie er.

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14.01.2020
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08.10.2019
3
21.08.2019
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14.08.2019
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15.07.2019

Irgendwann beginnt Christopher eine Stimme zu hören, die ihn in den nahe gelegenen Missionswald lockt. Er verschwindet für mehrere Tage spurlos, die Suchaktion bleibt ohne Erfolg. Als er wieder auftaucht, ist alles anders. Seine Leseschwäche ist verschwunden, er verschlingt Bücher geradezu, seine Leistungen in der Schule verbessern sich schlagartig. Er beginnt aber auch, Dinge über andere Menschen zu wissen und vermag es, in gewissem Umfang in die Zukunft zu schauen. So sagt er seiner Mutter voraus, welche Zahlen sie im Lotto spielen soll und sie gewinnt. Die Familie Reese kauft ein eigenes Haus und alles scheint gut zu werden. Doch Christopher war nicht allein im Wald. Er hat dort den „netten Mann“ kennengelernt, einen unsichtbaren Freund, den nur Christopher sehen und hören kann. Dieser gibt ihm den Auftrag, im Wald ein Baumhaus zu errichten. Alles hinge hiervon ab, anderenfalls würde die ganze Stadt am Weihnachtstag zerstört und alle würden sterben. Nur Christopher sei in der Lage, dies zu verhindern. So baut Christopher mit seinen neuen (realen) Freunden das Baumhaus.

Dieses dient als Portal in eine Fantasiewelt, im Grunde eine zeitgleich existierende Alternativversion der Stadt, in der eine böse Frau, die von Brandwunden überzogene „zischende Lady“ herrscht. Die unsichtbare Version der Stadt ist bevölkert mit einer Alternativversion der Einwohner von Mill Grove, den „Briefkastenleuten“. Die „zischende Lady“ hat ihnen Mund und Augen zugenäht und sie zu ihren Dienern gemacht. Sie will Christopher töten und den „netten Mann“ in ihre Gewalt bringen. Doch am Tage ist Christopher unsichtbar für sie. Ab Einbruch der Dunkelheit allerdings kann sie ihn sehen und jagen. Die „zischende Lady“ will unbedingt das Baumhaus und sie will die Stadt zerstören. Der „nette Mann“ will sie mit Christophers Hilfe aufhalten.

Nach jedem Ausflug in die Fantasiewelt wachsen Christophers Fähigkeiten. Er weiß alles über die Einwohner der Stadt, kann ihre Gedanken lesen und ihre Handlungen vorhersehen. Er wird mächtiger und mächtiger. Doch das hat seinen Preis. Er fiebert stark und bekommt oft Nasenbluten, sowie ständige Kopfschmerzen und ein starkes Jucken am ganzen Körper. Schließlich entwickelt Christopher die Fähigkeit, anderen durch eine bloße Berührung zu heilen. Nach und nach wird er allmächtig. Seine Mutter dagegen glaubt, ihr Sohn verliert langsam den Verstand, denn er spricht ständig mit und von Personen, die für sie nicht real sind. Christophers Vater hatte an einer Geisteskrankheit gelitten und sie macht sich große Sorgen, ihrem Sohn könnte es genauso ergehen - bis sie ihm aufgrund eines besonderen Ereignisses doch Glauben schenkt. Doch da hat der Kampf Gut gegen Böse schon längst angefangen und das Leben aller Einwohner steht auf dem Spiel. Zudem findet Christopher in der Nähe des Baumhauses das Skelett eines kleinen Jungen, der vor 50 Jahren bereits verschwunden war - David Olson. Auch dieser war damals gemeinsam mit dem „netten Mann“ der „zischenden Lady“ entgegengetreten. Christopher braucht all seinen Mut und die Hilfe seiner Freunde, um zu verhindern, dass die „zischende Lady“ die dünne Grenze zwischen ihrer Welt und der Realität einreißen und alles in Tod und Verderben stürzen kann. Und die Zeit drängt, denn Weihnachten steht bereits vor der Tür…

Viel mehr möchte ich zum komplexen Inhalt nicht verraten, denn das Buch ist schwer zu rezensieren ohne dabei zu spoilern. Der Roman lebt aber natürlich nicht von dieser vordergründigen Story alleine. Er ist vielmehr bevölkert von zahlreichen Figuren, die ihn erst lesenswert machen. Mill Grove und seine Bewohner erinnern ein wenig an Stephen Kings Castle Rock aus Needful Things (In einer kleinen Stadt). Die Dinge beginnen sich zum Schlechten zu verändern, nachdem Christopher nach mehreren Tagen seines Verschwindens wieder auftaucht. Dann erst werden mobbende Schüler zu gewalttätigen Waffenträgern, schlechte Ehen enden in Blutvergießen, Eltern misshandeln ihre Kinder, Aggressionen und Gewalt treten an die Oberfläche und bestimmen das Leben der Menschen in Mill Grove. Die „zischende Lady“ bringt in jedem das Schlechteste hervor. Alles steuert auf einen großen Gewaltausbruch zu.

Doch so einfach und vordergründig ist der Roman nicht gestrickt, der Konflikt liegt viel tiefer begraben. Chbosky will mehr. Als die streng katholische Schülerin Mary Katherine schwanger wird, obwohl sie noch jungfräulich ist, erahnt man als Leser spätestens ab dieser sehr speziellen unbefleckten Empfängnis, dass das Buch einen komplett anderen Einschlag erhält. Der Roman ist nicht ohne Grund gespickt mit religiösen Allegorien und Bildern und schließlich arbeitet Chbosky über den Lauf des Romans die hoch interessante Idee von Gott als Mörder aus und stellt die Opferung seines Sohns Jesus in ein völlig neues Licht. So wird letztlich auch der Titel des Romans „Der unsichtbare Freund“ mit einer Doppeldeutigkeit belegt. Gemeint ist damit nicht lediglich Christophers imaginärer Freund „der nette Mann“, sondern Gott im Verhältnis zum Menschen. Die Idee, dass Gott lediglich eine Projektion der Menschen ist, brachte schon Feuerbach auf. Gott als „imaginary friend“ (so der Originaltitel des Romans) ist ein streitbefangenes Thema, dass im religiös aufgeladenen Amerika aktuell oft zur Sprache kommt, sowohl aus religiösen als auch antiklerikalen und atheistischen Kreisen. Im gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Klima der USA durchaus ein gewagtes Unterfangen, an dieses Pulverfass eine Lunte zu legen. Gepaart wird das Ganze mit eingestreuten Hinweisen auf Konflikte im Nahen Osten und einer weltweiten Flüchtlingskrise.

Ähnlich wie in seinem 20 Jahre zurückliegenden Welterfolg „The Perks of being a wallflower“ (Das also ist mein Leben, verfilmt mit Emma Watson) entwirft Chbosky erneut eine fragwürdige gesellschaftliche Landschaft und zeigt, was es bedeutet, in dieser heutigen Generation erwachsen zu werden, wenngleich seine Protagonisten diesmal jünger sind.

Chbosky setzt zu einer gesellschaftlichen und religiösen Gesamtbetrachtung an, darunter macht er es nicht. Und genau deshalb tue ich mir schwer damit, dass der Roman in das Horrorgenre verortet wurde und so auch beworben wird. Es ist eine Geschichte mit ausgeprägten Horrorelementen, ja. Aber es ist nicht wirklich ein Horrorroman. Nach Angaben des Autors hat er neun Jahre an dem Buch geschrieben. Das merkt man, denn im Laufe dieser Schaffensphase hat Chbosky anscheinend verschiedene Hüte aufgesetzt: Wir haben zunächst einen horrortypischen Auftakt, der durch die beinharte reale Story der vor dem gewalttätigen Ex flüchtenden alleinerziehenden Mutter mit all ihren sozialen, emotionalen und finanziellen Sorgen abgelöst wird. Dann offenbart sich eine Phantasiestory, es stellt sich das das Stranger-Things- Gefühl ein mit den Jungs, die gemeinsam übernatürlichen Parallelwelten und Gegnern trotzen (sogar das Nasenbluten ist dabei). „Der unsichtbare Freund“ ist eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Geschichte über Freundschaft, Glaube und Zuversicht. Er beinhaltet Krimielemente und offenbart zugleich ein wunderbares Sammelsurium an popkulturellen Anspielungen, vor allem aus den Bereichen Film und Literatur. (Da Chbosky in Pittsburgh geboren und aufgewachsen ist, ist es nicht verwunderlich, dass auch die Pittsburgh Steelers mannigfach Erwähnung finden). „Der unsichtbare Freund“ ist nicht zuletzt ein provokantes, kritisches Zeitgemälde der USA.

Anders als ein Horrorroman verfügt das Buch auch nicht über eine Klimax. Zwischendurch kommt es zwar zu spannenden Szenen (Flucht vor der „zischenden Lady“, Flucht aus dem Krankenhaus, Verfolgungsjagd), es sind aber immer nur Einzelsequenzen. Einen großen Spannungsbogen über den Verlauf der Erzählung kann man nur bedingt ausmachen. Überhaupt ist das Buch mit über 900 Seiten im Hardcover insgesamt für meinen Geschmack deutlich zu lange geraten, man hätte die Geschichte auch mit 400 Seiten weniger erzählen können, ohne dass etwas Wesentliches verloren gegangen wäre. Das hätte dem Roman gut getan. Es sind zahlreiche gedoppelten Sätze und Wiederholungen enthalten, die sämtlich redundant sind. Und wenn Christopher von seiner gemeinen Mitschülerin wegen seiner schlechtsitzenden Hose zum x-ten Mal mit „Hochwasser! Hochwasser!“ beschimpft wird, ist das nur noch nervend. Kürzen ist eine Kunst, großzügiges Lektorat.

Was mir auch nicht so gefallen hat, ist, dass die Protagonisten und Helden quasi ausschließlich männlich und überwiegend weiß besetzt sind. Auch in der Kindergruppe sind nur Jungs vertreten. Frauen haben - abgesehen von Kate Reese und der Virgin Mary - nur untergeordnete Rollen oder sind bösartig.

Das Springen von Genre zu Genre ist auch nicht gerade förderlich. Es wäre besser gewesen, sich auf eine Kernaussage zu konzentrieren, das Buch will ein wenig zu viel auf einmal und entwickelt so beim Lesen seine grenzwertigen, leicht an den Nerven zehrenden Längen. Dennoch will man unbedingt wissen, wie die Sache endet. Chbosky ist zu gut, um den Leser dann doch nicht bei der Stange zu halten, das muss man ihm zugutehalten.

Trotz dieser klar hervortretenden Schwächen hat mir das Buch gut gefallen. Es enthält tolle Einzelszenen mit starken Bildern, für die Chbosky als Drehbuchautor und Regisseur ein Händchen hat. Er macht aufschlussreiche Beobachtungen und liefert interessante, provozierende Denkansätze. Ich mochte das Kleinstadtsetting und fieberte mit dem tapferen Christoper mit. Chbosky braucht auch keine mystischen Figuren, bei ihm wird der Kampf Gut gegen Böse direkt zwischen den Kontrahenten selbst ausgetragen. Dabei wartet er mit einigen Überraschungen auf. Wenn man am Ende die Auflösung kennt, würde man am liebsten nochmals von vorn beginnen und die Worte und Taten einiger Protagonisten in neuem Licht abwägen. Und das Buch ist nicht zu Ende, bevor es nicht zu Ende ist. Das gilt bis zur allerletzten Seite.

geschrieben am 14.01.2020 | 1556 Wörter | 9024 Zeichen

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