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Die Möglichkeit von Glück


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Rezension von

Kilian Kneisel

Die Möglichkeit von Glück Anne Rabe liefert mit ihrem Debütroman die Möglichkeit von Glück einen interessanten Beitrag zu aktuellen Fragen der deutsch-deutschen Geschichte. Diese Gedanken legt sie ihre Protagonistin Stine in den Mund. Ein an äußerer Handlung armes Buch, das jedoch durch kluge Passagen, intensive Selbstreflexion und Schönsprache überzeugt. Eine Kleinstadt, irgendwo in Ostdeutschland. In den 90er Jahren. Den Baseballschlägerjahren. Hier wächst die Protagonistin Stine auf. Geboren kurz vor der Wende schwankt ihre Kindheit zwischen der allgemeinen Euphorie des Aufbruchs und der Ernüchterung, die sich sehr schnell offenbart. Man erfährt schnell Komma um welche Stadt es sich handelt: Wismar. Hier wächst diene mit ihrem kleinen Bruder Tim in einer scheinbar idyllischen Familie auf. Von außen erscheint ihre Mutter als ein blonder Engel, der sich liebevoll um alle kümmert. Die Kinder müssen unter den autoritären und Erziehungsmethoden der Mutter leiden. Kleinste Verfehlungen Haben weitreichende Konsequenzen. So müssen die Kinder Zur Abhärtung in kochend heißem Wasserbaden; gelangen beim Essen Flecken, so schlägt die Mutter die Kinder; Fehlverhalten in der Schule wird mit wochenlangem Anschweigen bestraft. Der Vater kann oder will nicht einschreiten. Die Ich-Protagonistin bilanziert: In unserer Kindheit haben wir das Schweigen gelernt. Die Kinder müssen schweigen. Die Erwachsenen wollen schweigen. Die Frage nach der eigenen Rolle in der DDR-Diktatur und der eigenen Vergangenheit werden ignoriert und abgetan. Vielmehr werden die Vorzüge des Lebens in der DDR betont. Dies geschieht vor dem Hintergrund der 90er-Jahre, in denen die blühenden Landschaften ausgeblieben sind und der Wandel hin zum Guten wenn überhaupt nur spärlich stattfand. Stine glaubt zunächst die Aussagen ihrer Familie und entfremdet sich darüber unter anderem von ihrer besten Freundin. Die Handlung vollzieht sich vor allem in Stine, in ihren Gedanken. Ihre Selbstgespräche sind kursiv gedruckt. Genau darin liegt aber die Stärke des Buchs. Man kann sich mit der Protagonistin identifizieren oder nicht, sie als moralisch überlegen akzeptieren oder diese Einstellung kritisieren. Der Gedankengang und die damit verbundenen Fragen überzeugen jedoch. Anne Rabe schafft es vor allem durch akribische Recherche, ein sehr einprägsames Bild vom Zwiespalt der ersten Nachwendegeneration zu zeichnen. Dabei steht der Konflikt von Stine mit ihrer Familie stellvertretend für all diejenigen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen mit der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen wollen oder müssen. Darüber hinaus stellt sie die Frage, wie es um die Erinnerungskultur der „besseren deutschen Alternative“ bestellt ist. Was soll aufgearbeitet werden? Was muss aufgearbeitet werden? Wie sollte es aufgearbeitet werden? Stine wählt den Weg der eigenen Recherche und bringt damit die NS und Stasi Vergangenheit ihres eigenen Großvaters ans Licht. Sie hat nun Gewissheit, die Familie ist aber generationenübergreifend entzweit.

Anne Rabe liefert mit ihrem Debütroman die Möglichkeit von Glück einen interessanten Beitrag zu aktuellen Fragen der deutsch-deutschen Geschichte. Diese Gedanken legt sie ihre Protagonistin Stine in den Mund. Ein an äußerer Handlung armes Buch, das jedoch durch kluge Passagen, intensive Selbstreflexion und Schönsprache überzeugt.

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Eine Kleinstadt, irgendwo in Ostdeutschland. In den 90er Jahren. Den Baseballschlägerjahren. Hier wächst die Protagonistin Stine auf. Geboren kurz vor der Wende schwankt ihre Kindheit zwischen der allgemeinen Euphorie des Aufbruchs und der Ernüchterung, die sich sehr schnell offenbart.

Man erfährt schnell Komma um welche Stadt es sich handelt: Wismar. Hier wächst diene mit ihrem kleinen Bruder Tim in einer scheinbar idyllischen Familie auf. Von außen erscheint ihre Mutter als ein blonder Engel, der sich liebevoll um alle kümmert. Die Kinder müssen unter den autoritären und Erziehungsmethoden der Mutter leiden. Kleinste Verfehlungen Haben weitreichende Konsequenzen. So müssen die Kinder Zur Abhärtung in kochend heißem Wasserbaden; gelangen beim Essen Flecken, so schlägt die Mutter die Kinder; Fehlverhalten in der Schule wird mit wochenlangem Anschweigen bestraft. Der Vater kann oder will nicht einschreiten. Die Ich-Protagonistin bilanziert: In unserer Kindheit haben wir das Schweigen gelernt.

Die Kinder müssen schweigen. Die Erwachsenen wollen schweigen. Die Frage nach der eigenen Rolle in der DDR-Diktatur und der eigenen Vergangenheit werden ignoriert und abgetan. Vielmehr werden die Vorzüge des Lebens in der DDR betont. Dies geschieht vor dem Hintergrund der 90er-Jahre, in denen die blühenden Landschaften ausgeblieben sind und der Wandel hin zum Guten wenn überhaupt nur spärlich stattfand. Stine glaubt zunächst die Aussagen ihrer Familie und entfremdet sich darüber unter anderem von ihrer besten Freundin.

Die Handlung vollzieht sich vor allem in Stine, in ihren Gedanken. Ihre Selbstgespräche sind kursiv gedruckt. Genau darin liegt aber die Stärke des Buchs. Man kann sich mit der Protagonistin identifizieren oder nicht, sie als moralisch überlegen akzeptieren oder diese Einstellung kritisieren. Der Gedankengang und die damit verbundenen Fragen überzeugen jedoch.

Anne Rabe schafft es vor allem durch akribische Recherche, ein sehr einprägsames Bild vom Zwiespalt der ersten Nachwendegeneration zu zeichnen. Dabei steht der Konflikt von Stine mit ihrer Familie stellvertretend für all diejenigen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen mit der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen wollen oder müssen.

Darüber hinaus stellt sie die Frage, wie es um die Erinnerungskultur der „besseren deutschen Alternative“ bestellt ist. Was soll aufgearbeitet werden? Was muss aufgearbeitet werden? Wie sollte es aufgearbeitet werden? Stine wählt den Weg der eigenen Recherche und bringt damit die NS und Stasi Vergangenheit ihres eigenen Großvaters ans Licht. Sie hat nun Gewissheit, die Familie ist aber generationenübergreifend entzweit.

geschrieben am 06.11.2023 | 421 Wörter | 2577 Zeichen

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