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Brodecks Bericht


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Rezension von

Johanna Götzendorfer

Brodecks Bericht Philippe Claudel siedelt den Ort des Geschehens von „Brodecks Bericht“ irgendwo in einem abgeschiedenen, einsamen Bergdorf am Rande der Zivilisation an; 400 Einwohner zählt das Dorf, in dem sowohl deutsche als auch französische Namen und Bezeichnungen gebräuchlich sind: Man kann davon ausgehen, dass es sich – wie in anderen Werken Claudels - um Elsass-Lothringen handelt, ist der Autor doch selbst Lothringer. Allerdings findet sich diese Vermutung auf keiner der etwa 330 Seiten bestätigt: Claudel gibt weder konkrete Orts-, noch Zeitangaben, benennt manche Dinge, Städte, Geisteshaltungen und vielleicht sogar Menschen, die man spezifisch zu erkennen glaubte, um, sodass sich „Brodecks Bericht“ mehr als eine Parabel, vielleicht sogar ein Märchen, liest. Brodeck wurde als verwaistes Kind in seinem kriegszerstörten Dorf von einer alten, herumziehenden Frau aufgelesen, mit der er sich dann in eben jenes Dorf durchschlägt, in dem sie mehr oder weniger herzlich aufgenommen werden. Brodeck wächst als einer unter vielen auf, das Einzige, was in vielleicht von den anderen Kindern des Dorfes unterscheidet, ist seine geheimnisvolle Herkunft. Jahre später wird er von der Dorfgemeinschaft zum Studium in die Hauptstadt – deren Name natürlich nicht genannt wird – geschickt, wo er zum ersten Mal mit einer faschistischen Bewegung, die sich nach und nach des gesamten Landes zu ermächtigen beginnt, in Berührung kommt: die Fratergekeime. Verstört flüchtet Brodeck zurück ins Dorf, welches ihm als sichere Zufluchtsstätte erscheint, bis die Fratergekeime im Zuge ihres Krieges auch dort einmarschieren und das Dorf annektieren. Damit beginnt Brodecks Martyrium: Die Dorfbewohner und auch die Fratergekeime erkennen in ihm einen Fremden, er wird fortgeschleppt Richtung Lager, so wie Millionen anderer Fremder auch. Brodeck überlebt, weil er seine Menschlichkeit aufgibt, seinen Stolz und sein Ehrgefühl vergisst: Er wird im Lager zu Hund Brodeck. Andere Mitgefangene gehen lieber in den Tod als zum Tier zu werden. Brodeck wird zum Tier und überlebt: Hund Brodeck soll von da an nie wieder aus seiner Seele verschwinden und ihn immer an die Grausamkeit des Menschen erinnern. Brodeck bleibt am Leben und kehrt zurück in sein Dorf, in das Dorf, dessen Einwohner ihn verraten und bewusst in den Tod geschickt haben. Aber er überlebt, und wird von nun an zum Sinnbild für die Verbrechen der Dorfgemeinschaft, führt ihnen Tag für Tag durch seine bloße Existenz ihre Unmenschlichkeit vor Augen. Jahre später kommt eines Tages ein seltsam gekleideter, unbekannter Mann in das Dorf: Er scheint sich nicht auf der Durchreise zu befinden oder durch Zufall auf das abgeschiedene Dorf gestoßen zu sein, sondern dieses Dorf zum Ziel seiner Reise auserkoren zu haben: Er gibt seinen Namen nicht preis, womit er für die Dorfbewohner schlicht zum Anderen wird. Der Andere verbringt seine Zeit damit, Porträts und Landschaften des Dorfes zu malen. Wortkarg und ungewöhnlich in der Erscheinung, wird er für die Dorfgemeinschaft schnell zum Störfaktor. Als die Bewohner dann auch noch erkennen, dass er ihnen mit seinen Bildern, die „nicht wirklich präzise, aber sehr wahr“ sind, einen Spiegel vorhält, in dem sie ihre Verbrechen, die von ihnen begangenen Gräuel und Unmenschlichkeiten erkennen, fassen die Männer des Dorfes einen Entschluss: Der Andere muss sterben. Brodeck wird genötigt, einen Bericht zu verfassen, in dem er darstellen soll, wieso es nötig, wieso es entschuldbar war, den Anderen zu töten. Hund Brodeck gehorcht. Aber der Mensch Brodeck lehnt sich heimlich auf: parallel zu dem sachlichen, für die Dorfgemeinschaft bestimmten Bericht schreibt er an einem zweiten Bericht, in dem er seine Geschichte erzählt: Dies ist der eigentliche Inhalt von „Brodecks Bericht“. Philippe Claudel zeichnet ein düsteres Bild der menschlichen Seelenlandschaft, in der sich nur manchmal Hoffnung, Unschuld und Mitgefühl zeigen. Er beschreibt dies mit Hilfe sprachlicher Bilder, die sich in ihrer ganzen Schönheit und Vielfalt in der Sprache eines einfachen Dorfbewohners offenbaren: Brodeck schreibt so, wie er auch spricht, doch trotzdem – oder vielleicht genau deswegen – stellt er große Wahrheiten dar: „Mir scheint, dass ich für mein Leben nicht geschaffen bin. Ich bin zu klein für das, was in meinem Leben passiert ist, ich bin nicht gemacht für so viele Brüche, so viel Leid. Vielleicht ist alles meine Schuld? Vielleicht weiß ich einfach nicht, wie man ein Menschenleben lebt? Vielleicht ist aber auch dieses Jahrhundert, in dem ich lebe, daran schuld, dieses zerstörerische, grausame Jahrhundert. Manchmal fühlt sich mein Kopf so an, als müsste er explodieren.“ „Brodecks Bericht“ ist eine große Parabel auf eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts: den Faschismus. Gleichzeitig zeigt es auch auf, wie leicht, wie einfach Menschen einen anderen als Fremden, als anders, als nicht passend, nicht zugehörig kategorisieren.

Philippe Claudel siedelt den Ort des Geschehens von „Brodecks Bericht“ irgendwo in einem abgeschiedenen, einsamen Bergdorf am Rande der Zivilisation an; 400 Einwohner zählt das Dorf, in dem sowohl deutsche als auch französische Namen und Bezeichnungen gebräuchlich sind: Man kann davon ausgehen, dass es sich – wie in anderen Werken Claudels - um Elsass-Lothringen handelt, ist der Autor doch selbst Lothringer. Allerdings findet sich diese Vermutung auf keiner der etwa 330 Seiten bestätigt: Claudel gibt weder konkrete Orts-, noch Zeitangaben, benennt manche Dinge, Städte, Geisteshaltungen und vielleicht sogar Menschen, die man spezifisch zu erkennen glaubte, um, sodass sich „Brodecks Bericht“ mehr als eine Parabel, vielleicht sogar ein Märchen, liest.

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Brodeck wurde als verwaistes Kind in seinem kriegszerstörten Dorf von einer alten, herumziehenden Frau aufgelesen, mit der er sich dann in eben jenes Dorf durchschlägt, in dem sie mehr oder weniger herzlich aufgenommen werden. Brodeck wächst als einer unter vielen auf, das Einzige, was in vielleicht von den anderen Kindern des Dorfes unterscheidet, ist seine geheimnisvolle Herkunft. Jahre später wird er von der Dorfgemeinschaft zum Studium in die Hauptstadt – deren Name natürlich nicht genannt wird – geschickt, wo er zum ersten Mal mit einer faschistischen Bewegung, die sich nach und nach des gesamten Landes zu ermächtigen beginnt, in Berührung kommt: die Fratergekeime. Verstört flüchtet Brodeck zurück ins Dorf, welches ihm als sichere Zufluchtsstätte erscheint, bis die Fratergekeime im Zuge ihres Krieges auch dort einmarschieren und das Dorf annektieren. Damit beginnt Brodecks Martyrium: Die Dorfbewohner und auch die Fratergekeime erkennen in ihm einen Fremden, er wird fortgeschleppt Richtung Lager, so wie Millionen anderer Fremder auch.

Brodeck überlebt, weil er seine Menschlichkeit aufgibt, seinen Stolz und sein Ehrgefühl vergisst: Er wird im Lager zu Hund Brodeck. Andere Mitgefangene gehen lieber in den Tod als zum Tier zu werden. Brodeck wird zum Tier und überlebt: Hund Brodeck soll von da an nie wieder aus seiner Seele verschwinden und ihn immer an die Grausamkeit des Menschen erinnern.

Brodeck bleibt am Leben und kehrt zurück in sein Dorf, in das Dorf, dessen Einwohner ihn verraten und bewusst in den Tod geschickt haben. Aber er überlebt, und wird von nun an zum Sinnbild für die Verbrechen der Dorfgemeinschaft, führt ihnen Tag für Tag durch seine bloße Existenz ihre Unmenschlichkeit vor Augen.

Jahre später kommt eines Tages ein seltsam gekleideter, unbekannter Mann in das Dorf: Er scheint sich nicht auf der Durchreise zu befinden oder durch Zufall auf das abgeschiedene Dorf gestoßen zu sein, sondern dieses Dorf zum Ziel seiner Reise auserkoren zu haben: Er gibt seinen Namen nicht preis, womit er für die Dorfbewohner schlicht zum Anderen wird. Der Andere verbringt seine Zeit damit, Porträts und Landschaften des Dorfes zu malen. Wortkarg und ungewöhnlich in der Erscheinung, wird er für die Dorfgemeinschaft schnell zum Störfaktor. Als die Bewohner dann auch noch erkennen, dass er ihnen mit seinen Bildern, die „nicht wirklich präzise, aber sehr wahr“ sind, einen Spiegel vorhält, in dem sie ihre Verbrechen, die von ihnen begangenen Gräuel und Unmenschlichkeiten erkennen, fassen die Männer des Dorfes einen Entschluss: Der Andere muss sterben.

Brodeck wird genötigt, einen Bericht zu verfassen, in dem er darstellen soll, wieso es nötig, wieso es entschuldbar war, den Anderen zu töten. Hund Brodeck gehorcht. Aber der Mensch Brodeck lehnt sich heimlich auf: parallel zu dem sachlichen, für die Dorfgemeinschaft bestimmten Bericht schreibt er an einem zweiten Bericht, in dem er seine Geschichte erzählt: Dies ist der eigentliche Inhalt von „Brodecks Bericht“.

Philippe Claudel zeichnet ein düsteres Bild der menschlichen Seelenlandschaft, in der sich nur manchmal Hoffnung, Unschuld und Mitgefühl zeigen. Er beschreibt dies mit Hilfe sprachlicher Bilder, die sich in ihrer ganzen Schönheit und Vielfalt in der Sprache eines einfachen Dorfbewohners offenbaren: Brodeck schreibt so, wie er auch spricht, doch trotzdem – oder vielleicht genau deswegen – stellt er große Wahrheiten dar:

„Mir scheint, dass ich für mein Leben nicht geschaffen bin. Ich bin zu klein für das, was in meinem Leben passiert ist, ich bin nicht gemacht für so viele Brüche, so viel Leid. Vielleicht ist alles meine Schuld? Vielleicht weiß ich einfach nicht, wie man ein Menschenleben lebt? Vielleicht ist aber auch dieses Jahrhundert, in dem ich lebe, daran schuld, dieses zerstörerische, grausame Jahrhundert. Manchmal fühlt sich mein Kopf so an, als müsste er explodieren.“

„Brodecks Bericht“ ist eine große Parabel auf eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts: den Faschismus. Gleichzeitig zeigt es auch auf, wie leicht, wie einfach Menschen einen anderen als Fremden, als anders, als nicht passend, nicht zugehörig kategorisieren.

geschrieben am 16.09.2009 | 743 Wörter | 4179 Zeichen

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