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Große Kannibalenschau


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Rezension von

Antje Jürgens

Große Kannibalenschau Zum Autor Hinter dem auf dem Buchcover seltsam wirkenden Namen CKLKH Fischer verbirgt sich der Autor, Musik- und Kulturjournalist Christian Fischer. Neben seiner Tätigkeit für verschiedene Magazine wie etwa Melodie & Rhythmus oder auch Motor.de, war er Mitherausgeber der 2001 eingestellten Literaturzeitschrift "Der kleine Dilettant". Doch damit nicht genug. Der Poet-2000-Stipendiat arbeitete in der Assistenz des Geschäftsführers des Maas-Verlages, lektorierte bei Heyne und Goldmann erschienene Bücher von Mark Pätzold und schrieb neben zwei Drehbüchern für Whiteport Film auch den hier vorgestellten Roman Große Kannibalenschau. Zum Buch Es ist, abgesehen von Fischers Debütroman, auch der 60. Roman aus dem Hause periplaneta. Gemäß der Inhaltsangabe entführt der Autor seine Leserschaft darin nach Hamburg im September 1899. In Europa ziehen Völkerschauen Millionen von Besuchern an. Sie bestaunen Eskimos, Beduinen oder Negerstämme, die im Zoo, Varieté und Zirkus zur Schau gestellt werden. Die Nachfrage nach den Wilden ist riesig. Und so sucht Agent Heinrich Hermann für die Spektakel im Tierpark Hagenbeck in den Kolonien nach den exotischsten Exemplaren. Eben zurückgekehrt von einer strapaziösen Reise nach Deutsch-Neuguinea, wo er einen Stamm Kopfjäger unter Vertrag genommen hat, genießt er die Zeit mit seiner Familie, die ihn viel zu selten sieht. Doch ihm ist nur wenig Ruhe vergönnt, denn eines Morgens, als er gerade beim Kaffee sitzt, meldet das Dienstmädchen aufgeregt: „Herr Hermann? Da ist jemand vom Tierpark. Er sagt, Sie sollen schnell mitkommen. Er sagt, es eilt. Er sagt auch, Ihre Wilden würden - streiken. Und sie hätten sich einen Anwalt genommen.“ CKLKH Fischers historischer Roman über die Zeit der Menschenzoos ist manchmal grotesk, oft auch etwas schräg und sehr kurzweilig. Tolle Unterhaltung für Wilde, Herrenmenschen und für deren Nachfahren. Treffender könnte sein Roman nicht beschrieben werden. Der Autor hat das Buch in drei Handlungsstränge geteilt. Der Erste umfasst eine Reise Hermanns nach Neuguinea zur Beschaffung neuer Objekte für Hagenbeck. Der Zweite sein Leben, seine Familie und die Ausstellungszeit in Hamburg. Der dritte in die beiden anderen geschickt verwobene Strang Hermanns Kampf mit sich selbst. Meine Meinung In seinem Debütroman führt der Autor den Leser in eine bizarre und skurrile Welt, die faszinierend kurzweilig unterhält und gleichsam ein Gedankenkarussell in Gang setzt, das nicht so einfach zu stoppen ist. Der Roman selbst mag zwar fiktiv sein, die der Geschichte zugrunde liegende Idee besitzt jedoch durchaus einen historischen Kontext, an den sich Fischer größtenteils hält. Es scheint einerseits schwer vorstellbar, was man zu lesen bekommt. Wer würde heute noch in einen Zoo gehen, um jemandem dabei zuzusehen, wie er kocht? Andererseits hat sich, auch wenn heute die sogenannten Wilden größtenteils zivilisiert sind und damit uninteressant geworden zu sein scheinen, doch ein ähnliches Phänomen bis in die heutige Zeit gerettet. Immerhin gibt es Menschen, die sich an irgendwelchen Orten zusammenpferchen lassen, um ihre Kunststückchen und verbalen Ergüsse für ihre Anhängerschaft vor laufender Kamera vorzuführen. Und noch immer finden sich weltweit seltsamerweise Zuschauer aus allen Bevölkerungsschichten, die mehr oder weniger gebannt zusehen. Damals jedoch waren es Menschen, die – im Gegensatz zu den Figuren in Fischer Roman oder den Teilnehmern irgendwelcher Fernsehsendungen – vermutlich nicht freiwillig gekommen sind, um Hagenbeck-Besucher (oder die anderer Zoos, Zirkusse, Varietés) zu ergötzen. Menschen, die oftmals und allenfalls als Tiere bezeichnet und stellenweise weitaus schlimmer behandelt wurden. Aus ihrem natürlichen Umfeld und ihren Familien gerissen und zur Schau gestellt um, falls sie das Pech hatten, hier einer der zahlreich auf sie einstürmenden Krankheiten zu erliegen, weit ab der Heimat und ihren Vorfahren nicht würdig beigesetzt, sondern eventuell seziert und für die Ewigkeit konserviert zu werden. Und das alles vielleicht, nachdem sie zuvor in ihrer Heimat bereits feststellen mussten, dass die seltsamen Fremden, die übers Meer zu ihnen gekommen waren, nicht so nett waren, wie sie anfangs schienen, sie in bestimmten Situationen zwar als so menschlich betrachteten, dass sie für Mischlingsnachwuchs mit ihnen sorgten, ansonsten jedoch als amüsante Alternative zu sonstigen Haustieren oder als billige, beliebig austauschbare, arbeitende Kreaturen sahen. Klingt bitter und nach keinem Kapitel unserer Geschichte, auf das wir stolz sein können, kommt aber dank Fischers Idee, die Wilden den Spieß umdrehen zu lassen, sie als geschäftstüchtige, durchaus gewiefte Figuren und nicht als absolut hilf- und willenlose Kreaturen darzustellen, anders herüber. Exotische Länder und Lebewesen. Eine bei allem Mangel an Zivilisation lockende Freiheit. Eine gewisse Machtposition in der Fremde und die Chance auf Bewunderung, wenn er erfolgreich heimkehrt. All das steht seinem engen bürgerlichen, scheuklappenbehaftetem Dasein gegenüber. Mit all dem muss Fischers Protagonist fertig werden und zeigt die Tendenz, daran zu zerbrechen. Seine Erlebnisse, seine Ängste, seine Hoffnungen. Von all dem schreibt Fischer überaus lebendig und tiefgründig und schafft es gleichzeitig das Ganze dezent und unkompliziert zu gestalten. Sein humoriger Schreibstil und seine greifbaren Beschreibungen sowohl der einzelnen Handlungsschauplätze als auch der versnobten, ach so zivilisieren Bürgerschaft in Europa, respektive Hamburg, mit überaus bigotten Ansichten, machen seinen Debütroman zu einem Buch für mich, das ich mit Sicherheit nochmals lesen und gerne weiterempfehlen kann. Fazit Skurrile und kurzweilige Unterhaltung vor einer realen historischen Kulisse. Macht eindeutig Lust auf mehr. Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)

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Hinter dem auf dem Buchcover seltsam wirkenden Namen CKLKH Fischer verbirgt sich der Autor, Musik- und Kulturjournalist Christian Fischer. Neben seiner Tätigkeit für verschiedene Magazine wie etwa Melodie & Rhythmus oder auch Motor.de, war er Mitherausgeber der 2001 eingestellten Literaturzeitschrift "Der kleine Dilettant". Doch damit nicht genug. Der Poet-2000-Stipendiat arbeitete in der Assistenz des Geschäftsführers des Maas-Verlages, lektorierte bei Heyne und Goldmann erschienene Bücher von Mark Pätzold und schrieb neben zwei Drehbüchern für Whiteport Film auch den hier vorgestellten Roman Große Kannibalenschau.

Zum Buch

Es ist, abgesehen von Fischers Debütroman, auch der 60. Roman aus dem Hause periplaneta. Gemäß der Inhaltsangabe entführt der Autor seine Leserschaft darin nach

Hamburg im September 1899.

In Europa ziehen Völkerschauen Millionen von Besuchern an. Sie bestaunen Eskimos, Beduinen oder Negerstämme, die im Zoo, Varieté und Zirkus zur Schau gestellt werden. Die Nachfrage nach den Wilden ist riesig. Und so sucht Agent Heinrich Hermann für die Spektakel im Tierpark Hagenbeck in den Kolonien nach den exotischsten Exemplaren.

Eben zurückgekehrt von einer strapaziösen Reise nach Deutsch-Neuguinea, wo er einen Stamm Kopfjäger unter Vertrag genommen hat, genießt er die Zeit mit seiner Familie, die ihn viel zu selten sieht. Doch ihm ist nur wenig Ruhe vergönnt, denn eines Morgens, als er gerade beim Kaffee sitzt, meldet das Dienstmädchen aufgeregt:

„Herr Hermann? Da ist jemand vom Tierpark. Er sagt, Sie sollen schnell mitkommen. Er sagt, es eilt. Er sagt auch, Ihre Wilden würden - streiken. Und sie hätten sich einen Anwalt genommen.“

CKLKH Fischers historischer Roman über die Zeit der Menschenzoos ist manchmal grotesk, oft auch etwas schräg und sehr kurzweilig. Tolle Unterhaltung für Wilde, Herrenmenschen und für deren Nachfahren.

Treffender könnte sein Roman nicht beschrieben werden. Der Autor hat das Buch in drei Handlungsstränge geteilt. Der Erste umfasst eine Reise Hermanns nach Neuguinea zur Beschaffung neuer Objekte für Hagenbeck. Der Zweite sein Leben, seine Familie und die Ausstellungszeit in Hamburg. Der dritte in die beiden anderen geschickt verwobene Strang Hermanns Kampf mit sich selbst.

Meine Meinung

In seinem Debütroman führt der Autor den Leser in eine bizarre und skurrile Welt, die faszinierend kurzweilig unterhält und gleichsam ein Gedankenkarussell in Gang setzt, das nicht so einfach zu stoppen ist. Der Roman selbst mag zwar fiktiv sein, die der Geschichte zugrunde liegende Idee besitzt jedoch durchaus einen historischen Kontext, an den sich Fischer größtenteils hält.

Es scheint einerseits schwer vorstellbar, was man zu lesen bekommt. Wer würde heute noch in einen Zoo gehen, um jemandem dabei zuzusehen, wie er kocht? Andererseits hat sich, auch wenn heute die sogenannten Wilden größtenteils zivilisiert sind und damit uninteressant geworden zu sein scheinen, doch ein ähnliches Phänomen bis in die heutige Zeit gerettet. Immerhin gibt es Menschen, die sich an irgendwelchen Orten zusammenpferchen lassen, um ihre Kunststückchen und verbalen Ergüsse für ihre Anhängerschaft vor laufender Kamera vorzuführen. Und noch immer finden sich weltweit seltsamerweise Zuschauer aus allen Bevölkerungsschichten, die mehr oder weniger gebannt zusehen.

Damals jedoch waren es Menschen, die – im Gegensatz zu den Figuren in Fischer Roman oder den Teilnehmern irgendwelcher Fernsehsendungen – vermutlich nicht freiwillig gekommen sind, um Hagenbeck-Besucher (oder die anderer Zoos, Zirkusse, Varietés) zu ergötzen. Menschen, die oftmals und allenfalls als Tiere bezeichnet und stellenweise weitaus schlimmer behandelt wurden. Aus ihrem natürlichen Umfeld und ihren Familien gerissen und zur Schau gestellt um, falls sie das Pech hatten, hier einer der zahlreich auf sie einstürmenden Krankheiten zu erliegen, weit ab der Heimat und ihren Vorfahren nicht würdig beigesetzt, sondern eventuell seziert und für die Ewigkeit konserviert zu werden. Und das alles vielleicht, nachdem sie zuvor in ihrer Heimat bereits feststellen mussten, dass die seltsamen Fremden, die übers Meer zu ihnen gekommen waren, nicht so nett waren, wie sie anfangs schienen, sie in bestimmten Situationen zwar als so menschlich betrachteten, dass sie für Mischlingsnachwuchs mit ihnen sorgten, ansonsten jedoch als amüsante Alternative zu sonstigen Haustieren oder als billige, beliebig austauschbare, arbeitende Kreaturen sahen.

Klingt bitter und nach keinem Kapitel unserer Geschichte, auf das wir stolz sein können, kommt aber dank Fischers Idee, die Wilden den Spieß umdrehen zu lassen, sie als geschäftstüchtige, durchaus gewiefte Figuren und nicht als absolut hilf- und willenlose Kreaturen darzustellen, anders herüber.

Exotische Länder und Lebewesen. Eine bei allem Mangel an Zivilisation lockende Freiheit. Eine gewisse Machtposition in der Fremde und die Chance auf Bewunderung, wenn er erfolgreich heimkehrt. All das steht seinem engen bürgerlichen, scheuklappenbehaftetem Dasein gegenüber. Mit all dem muss Fischers Protagonist fertig werden und zeigt die Tendenz, daran zu zerbrechen. Seine Erlebnisse, seine Ängste, seine Hoffnungen. Von all dem schreibt Fischer überaus lebendig und tiefgründig und schafft es gleichzeitig das Ganze dezent und unkompliziert zu gestalten. Sein humoriger Schreibstil und seine greifbaren Beschreibungen sowohl der einzelnen Handlungsschauplätze als auch der versnobten, ach so zivilisieren Bürgerschaft in Europa, respektive Hamburg, mit überaus bigotten Ansichten, machen seinen Debütroman zu einem Buch für mich, das ich mit Sicherheit nochmals lesen und gerne weiterempfehlen kann.

Fazit

Skurrile und kurzweilige Unterhaltung vor einer realen historischen Kulisse. Macht eindeutig Lust auf mehr.

Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)

geschrieben am 13.11.2010 | 830 Wörter | 4997 Zeichen

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Rezension von

Sibylle Meister

Große Kannibalenschau Das Buch beginnt ganz harmlos, mit einer gutbürgerlichen Szene am Sonntagmorgen beim Frühstück, im Jahr 1899. Heinrich Herrmann, der eben erst von einer kräftezehrenden Reise aus Deutsch-Neuguinea zurückgekehrt ist, geniesst die Ruhe, seinen Kaffee und die Zeitung, als das Dienstmädchen ihn mit der Meldung aufschreckt, er müsse sofort in den Zoo, seine Wilden würden streiken. Die Reise nach Deutsch-Neuguinea hatte nämlich den Zweck, für die beliebten Völkerschauen des Zoos Hagenbeck neue Wilde zu finden. Das war für den Agenten gar keine einfache Aufgabe, denn die Sensationslust der europäischen Zoobesucher verlangt nach immer neuen, noch exotischeren Wilden, die aber nicht allzu gefährlich sein dürfen, sonst werden sie für den Zoo zum Sicherheitsrisiko. Und da die Konkurrenz auch nicht schläft, musste Heinrich Herrmann noch gegen den Kollegen aus Paris durchsetzen. Nun hat er also seinen Stamm Kopfjäger gegen alle Widrigkeiten nach Hamburg gebracht, doch hier fangen die Probleme erst an... Die Vorstellung, fremde Völker in Zoos und Variétés zur Belustigung der Massen auszustellen, wirkt heute barbarisch, das war aber vor noch nicht allzulanger Zeit in Europa durchaus üblich. Das war mir zwar bewusst, trotzdem war ich etwas überrascht, als meine Großmutter mir beiläufig erzählte, sie habe in ihrer Kindheit noch die „Lippennegerinnen“ im Zoo Basel gesehen. Das war damals ein großes Spektakel, da wurde im Zoo extra ein „Eingeborenendorf“ aufgestellt, für das man separaten Eintritt zahlen musste, um dann den Wilden beim Kochen, Essen und Tanzen zusehen zu können. Universitäten und Museen nutzten die Gelegenheit für Studien und fertigten, falls eines der Ausstellungsstücke am ungewohnten Klima oder einer Krankheit starb, auch gerne anatomische Präparate an. Die Wilden wurden zwar selten gewaltsam verschleppt, in der Regel wurde mit dem lokalen Häüptling, König oder Stammesführer über die Reise verhandelt, aber die wenigsten hatten eine Ahnung, was auf sie zukommen würde, noch konnten sie sich gegen Misshandlung zur Wehr setzen. Genau an diesem Punkt setzt CKLKH Fischer mit seiner „Grossen Kannibalenschau“ an, indem er die Rollen vertauscht. Weil sich seine Wilden einen Anwalt nehmen und auf ihre Vertragsrechte pochen, bringen sie die gängigen Vorstellungen von wild und zivilisiert durcheinander und sorgen für wunderbar skurile Momente. Der Autor spielt gekonnt mit den Klischees, lässt großartige Bilder entstehen und immer wieder ins Absurde kippen. Besonders gelungen ist die Szene eines gutbürgerlichen Geburtstagsfestes, bei dem sich die biederen Hamburger Bürger unerwartet den Südseeinsulanern gegenübersehen und sich so gar nicht kultiviert benehmen. Fazit: großartige Unterhaltung, die auch zum Nachdenken anregt.

Das Buch beginnt ganz harmlos, mit einer gutbürgerlichen Szene am Sonntagmorgen beim Frühstück, im Jahr 1899. Heinrich Herrmann, der eben erst von einer kräftezehrenden Reise aus Deutsch-Neuguinea zurückgekehrt ist, geniesst die Ruhe, seinen Kaffee und die Zeitung, als das Dienstmädchen ihn mit der Meldung aufschreckt, er müsse sofort in den Zoo, seine Wilden würden streiken.

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Die Vorstellung, fremde Völker in Zoos und Variétés zur Belustigung der Massen auszustellen, wirkt heute barbarisch, das war aber vor noch nicht allzulanger Zeit in Europa durchaus üblich. Das war mir zwar bewusst, trotzdem war ich etwas überrascht, als meine Großmutter mir beiläufig erzählte, sie habe in ihrer Kindheit noch die „Lippennegerinnen“ im Zoo Basel gesehen. Das war damals ein großes Spektakel, da wurde im Zoo extra ein „Eingeborenendorf“ aufgestellt, für das man separaten Eintritt zahlen musste, um dann den Wilden beim Kochen, Essen und Tanzen zusehen zu können. Universitäten und Museen nutzten die Gelegenheit für Studien und fertigten, falls eines der Ausstellungsstücke am ungewohnten Klima oder einer Krankheit starb, auch gerne anatomische Präparate an. Die Wilden wurden zwar selten gewaltsam verschleppt, in der Regel wurde mit dem lokalen Häüptling, König oder Stammesführer über die Reise verhandelt, aber die wenigsten hatten eine Ahnung, was auf sie zukommen würde, noch konnten sie sich gegen Misshandlung zur Wehr setzen.

Genau an diesem Punkt setzt CKLKH Fischer mit seiner „Grossen Kannibalenschau“ an, indem er die Rollen vertauscht. Weil sich seine Wilden einen Anwalt nehmen und auf ihre Vertragsrechte pochen, bringen sie die gängigen Vorstellungen von wild und zivilisiert durcheinander und sorgen für wunderbar skurile Momente. Der Autor spielt gekonnt mit den Klischees, lässt großartige Bilder entstehen und immer wieder ins Absurde kippen. Besonders gelungen ist die Szene eines gutbürgerlichen Geburtstagsfestes, bei dem sich die biederen Hamburger Bürger unerwartet den Südseeinsulanern gegenübersehen und sich so gar nicht kultiviert benehmen.

Fazit: großartige Unterhaltung, die auch zum Nachdenken anregt.

geschrieben am 12.07.2011 | 401 Wörter | 2359 Zeichen

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