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Ein ewigwährender Untergang


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Rezension von

Christoph Kramer

Ein ewigwährender Untergang Thomas Etzemüller hat einen diskursanalytischen Essay über den Bevölkerungsdiskurs geschrieben. Er versucht, eine apokalyptische Grundstruktur nachzuweisen, die seit dem späten 19. Jahrhundert das demographische Sprechen über nationale Grenzen und historische Zäsuren hinweg bestimmt habe und immer noch bestimme. Dieses Sprechen wird als Reaktion auf die Industrialisierung begriffen. Es sei daher „eine recht junge Angelegenheit“. Da die sozialen Veränderungen nicht in den Griff zu bekommen gewesen seien, habe der erklärende Diskurs eine gewisse Entlastungsfunktion erfüllt und es zunehmend erlaubt, „durch den Zugriff auf Bevölkerung Gesellschaft zu regulieren“. Besondere Bedeutung sei dabei den Techniken des Sichtbarmachens (Graphiken, Diagramme, suggestive Bilder) zugekommen. Die Grundkoordinaten des besagten Diskurses seien dabei immer die selben geblieben: Bevölkerung und Fertilität werden auf einen abgegrenzten Raum (meist die Nation) bezogen und nach qualitativen Kriterien (Rasse/ethnische Zugehörigkeit und/oder Klasse/soziale Schicht) differenziert. Das Geschlechterverhältnis sowie der Antagonismus zwischen Natur und Kultur im weitesten Sinne werden problematisiert. Die Entwicklung wird als krisenhaft und katastrophal dargestellt und einem harmonischen Ideal- bzw. Normalzustand kontrastiert, den es mit Mitteln des „social engineering“ wieder zu erringen gilt. Durch den Vergleich des deutschen Bevölkerungswissenschaftlers Friedrich Burgdörfer mit dem schwedischen Wissenschaftlerpaar Alva und Gunnar Myrdal versucht Etzemüller einmal exemplarisch die strukturelle Ähnlichkeit des Bevölkerungsdiskurses trotz unterschiedlicher politischer Einstellungen und nationaler Zugehörigkeit seiner Träger zu verdeutlichen. Hier wie auch im internationalen wissenschaftlichen Eugenik-Diskurs der 30er und 40er Jahre lassen sich verblüffende Übereinstimmungen feststellen. Alles kreiste immer um die Probleme Überalterung, Degeneration und Überfremdung. Die Matrix des apokalyptischen Bevölkerungsdiskurses hätten grundsätzlich weder Sozialdemokraten noch Neomalthusianer verlassen. Eugenik und Sozialpolitik seien „Geschwister“ gewesen und bezüglich des rapiden Bevölkerungswachstums der Slawen habe aufgrund von Überfremdungsangst sozusagen ein neomalthusianischer Konsens bestanden. Von einem nationalsozialistischen Sonderweg könne angesichts all dessen nur noch bedingt gesprochen werden. Auf die schwere Wirtschaftskrise der 30er Jahre habe man letztlich überall mit einer Art „nationalem Sozialismus“ reagiert, der immer auch eugenische Maßnahmen einschloß. Nach 1945 ist dann der neomalthusianische Strang des apokalyptischen Bevölkerungsdiskurses v.a. in Hinblick auf die Dritte Welt zu neuem Leben erwacht – zunehmend auch im Zusammenhang mit der Umweltfrage. Die letzten Kapitel seines Buches nutzt Etzemüller für eine polemische Abrechnung mit dem deutschen Bevölkerungsdiskurs der letzten Jahrzehnte bis heute, der – beklagenswerter Weise – immer noch die apokalyptischen Züge trage, die im Vergleich dazu der schwedische – lobenswerter Weise – inzwischen weitgehend abgelegt habe. Einmal mehr zeige sich, daß, obwohl der tatsächliche Untergang immer ausgeblieben sei, sich der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs stets neu reproduziere, um seine „biopolitische“ Funktion erfüllen zu können. Wenn aber die 300-jährige „Hysterie“ einmal überall vorbei ist, könne man endlich anfangen, „Alternativen zur aktuellen Untergangsstimmung“ zu denken. Etzemüllers Essay ist recht kurzweilig geschrieben und für ein vorgebildetes Publikum leicht verdauliche Kost. Besonders hervorzuheben sind die zahlreichen, z.T. sehr erhellenden Bebilderungen. Gegen Etzemüller bleibt kritisch einzuwenden, daß er sich selbst nicht wirklich aus seiner Matrix zu lösen vermag. Seine „kritische Diskursanalyse“ bleibt dem apokalyptischen Diskurs – auf einer höheren Ebene – verhaftet. Etzemüller scheint sagen zu wollen: Wenn wir weiter so reden, wird vielleicht (wieder) Furchtbares geschehen. Es darf allerdings bezweifelt werden, ob nach der apokalyptischen Überzeichnung nun die von Etzemüller empfohlene diskursive Verharmlosung der Schicksalsfrage der Demographie eine endgültige Lösung darstellt. Ob man nun von „Volkstod“ und „Überfremdung“, von „Vergreisung“ und „hohen Integrationskosten“ oder – wie Etzemüller – von einer Änderung der „Altersstruktur“ und von Immigranten, die Schwierigkeiten „haben und bereiten“ spricht, die Prozesse sind dieselben. So fehlt Etzemüllers Diskursgeschichte weitgehend der Bezug auf historische Fakten und empirische Grundlagen der verhandelten Diskurse. Angesichts der vielen durch Youth bulges (Gunnar Heinsohn) erst ermöglichten ethnischen Säuberungen und Genozide des 20. Jahrhunderts läßt sich Demographie nicht einfach als eine bloß diskursive Angst-Chimäre vom Tisch wischen, wie Etzemüller das versucht. Insbesondere auf dem militärischen Sektor scheint dem Rezensenten die krisenhafte Verknüpfung von Raum sowie Menge und Qualität der einsatzfähigen Menschen weniger eine 300jährige diskursive Mode als vielmehr eine zeitlose anthropologische Grundfrage zu sein. An einer Stelle äußert Etzemüller mit Bezug u.a. auf Burgdörfer etwas salopp: „Man liest solche Texte und fragt sich: Warum leben wir eigentlich noch? Wieso sind wir nicht von der Bildfläche verschwunden und die Afrikaner, Asiaten und Slawen besiedeln unsere Heimat?“ Daß große Teile der Heimat, die Burgdörfer damals meinte, heute tatsächlich von Slawen bewohnt werden, wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die blinden Flecken und Grenzen der reinen Diskursanalyse.

Thomas Etzemüller hat einen diskursanalytischen Essay über den Bevölkerungsdiskurs geschrieben. Er versucht, eine apokalyptische Grundstruktur nachzuweisen, die seit dem späten 19. Jahrhundert das demographische Sprechen über nationale Grenzen und historische Zäsuren hinweg bestimmt habe und immer noch bestimme.

Dieses Sprechen wird als Reaktion auf die Industrialisierung begriffen. Es sei daher „eine recht junge Angelegenheit“. Da die sozialen Veränderungen nicht in den Griff zu bekommen gewesen seien, habe der erklärende Diskurs eine gewisse Entlastungsfunktion erfüllt und es zunehmend erlaubt, „durch den Zugriff auf Bevölkerung Gesellschaft zu regulieren“. Besondere Bedeutung sei dabei den Techniken des Sichtbarmachens (Graphiken, Diagramme, suggestive Bilder) zugekommen.

Die Grundkoordinaten des besagten Diskurses seien dabei immer die selben geblieben: Bevölkerung und Fertilität werden auf einen abgegrenzten Raum (meist die Nation) bezogen und nach qualitativen Kriterien (Rasse/ethnische Zugehörigkeit und/oder Klasse/soziale Schicht) differenziert. Das Geschlechterverhältnis sowie der Antagonismus zwischen Natur und Kultur im weitesten Sinne werden problematisiert. Die Entwicklung wird als krisenhaft und katastrophal dargestellt und einem harmonischen Ideal- bzw. Normalzustand kontrastiert, den es mit Mitteln des „social engineering“ wieder zu erringen gilt.

Durch den Vergleich des deutschen Bevölkerungswissenschaftlers Friedrich Burgdörfer mit dem schwedischen Wissenschaftlerpaar Alva und Gunnar Myrdal versucht Etzemüller einmal exemplarisch die strukturelle Ähnlichkeit des Bevölkerungsdiskurses trotz unterschiedlicher politischer Einstellungen und nationaler Zugehörigkeit seiner Träger zu verdeutlichen. Hier wie auch im internationalen wissenschaftlichen Eugenik-Diskurs der 30er und 40er Jahre lassen sich verblüffende Übereinstimmungen feststellen. Alles kreiste immer um die Probleme Überalterung, Degeneration und Überfremdung. Die Matrix des apokalyptischen Bevölkerungsdiskurses hätten grundsätzlich weder Sozialdemokraten noch Neomalthusianer verlassen. Eugenik und Sozialpolitik seien „Geschwister“ gewesen und bezüglich des rapiden Bevölkerungswachstums der Slawen habe aufgrund von Überfremdungsangst sozusagen ein neomalthusianischer Konsens bestanden. Von einem nationalsozialistischen Sonderweg könne angesichts all dessen nur noch bedingt gesprochen werden. Auf die schwere Wirtschaftskrise der 30er Jahre habe man letztlich überall mit einer Art „nationalem Sozialismus“ reagiert, der immer auch eugenische Maßnahmen einschloß. Nach 1945 ist dann der neomalthusianische Strang des apokalyptischen Bevölkerungsdiskurses v.a. in Hinblick auf die Dritte Welt zu neuem Leben erwacht – zunehmend auch im Zusammenhang mit der Umweltfrage.

Die letzten Kapitel seines Buches nutzt Etzemüller für eine polemische Abrechnung mit dem deutschen Bevölkerungsdiskurs der letzten Jahrzehnte bis heute, der – beklagenswerter Weise – immer noch die apokalyptischen Züge trage, die im Vergleich dazu der schwedische – lobenswerter Weise – inzwischen weitgehend abgelegt habe. Einmal mehr zeige sich, daß, obwohl der tatsächliche Untergang immer ausgeblieben sei, sich der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs stets neu reproduziere, um seine „biopolitische“ Funktion erfüllen zu können. Wenn aber die 300-jährige „Hysterie“ einmal überall vorbei ist, könne man endlich anfangen, „Alternativen zur aktuellen Untergangsstimmung“ zu denken.

Etzemüllers Essay ist recht kurzweilig geschrieben und für ein vorgebildetes Publikum leicht verdauliche Kost. Besonders hervorzuheben sind die zahlreichen, z.T. sehr erhellenden Bebilderungen. Gegen Etzemüller bleibt kritisch einzuwenden, daß er sich selbst nicht wirklich aus seiner Matrix zu lösen vermag. Seine „kritische Diskursanalyse“ bleibt dem apokalyptischen Diskurs – auf einer höheren Ebene – verhaftet. Etzemüller scheint sagen zu wollen: Wenn wir weiter so reden, wird vielleicht (wieder) Furchtbares geschehen. Es darf allerdings bezweifelt werden, ob nach der apokalyptischen Überzeichnung nun die von Etzemüller empfohlene diskursive Verharmlosung der Schicksalsfrage der Demographie eine endgültige Lösung darstellt. Ob man nun von „Volkstod“ und „Überfremdung“, von „Vergreisung“ und „hohen Integrationskosten“ oder – wie Etzemüller – von einer Änderung der „Altersstruktur“ und von Immigranten, die Schwierigkeiten „haben und bereiten“ spricht, die Prozesse sind dieselben.

So fehlt Etzemüllers Diskursgeschichte weitgehend der Bezug auf historische Fakten und empirische Grundlagen der verhandelten Diskurse. Angesichts der vielen durch Youth bulges (Gunnar Heinsohn) erst ermöglichten ethnischen Säuberungen und Genozide des 20. Jahrhunderts läßt sich Demographie nicht einfach als eine bloß diskursive Angst-Chimäre vom Tisch wischen, wie Etzemüller das versucht. Insbesondere auf dem militärischen Sektor scheint dem Rezensenten die krisenhafte Verknüpfung von Raum sowie Menge und Qualität der einsatzfähigen Menschen weniger eine 300jährige diskursive Mode als vielmehr eine zeitlose anthropologische Grundfrage zu sein. An einer Stelle äußert Etzemüller mit Bezug u.a. auf Burgdörfer etwas salopp: „Man liest solche Texte und fragt sich: Warum leben wir eigentlich noch? Wieso sind wir nicht von der Bildfläche verschwunden und die Afrikaner, Asiaten und Slawen besiedeln unsere Heimat?“ Daß große Teile der Heimat, die Burgdörfer damals meinte, heute tatsächlich von Slawen bewohnt werden, wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die blinden Flecken und Grenzen der reinen Diskursanalyse.

geschrieben am 08.05.2007 | 705 Wörter | 4882 Zeichen

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