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Papa, der Himmel brennt


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Rezension von

Thomas Stumpf

Papa, der Himmel brennt Noch ein Buch über den Zweiten Weltkrieg, wird vielleicht so manch einer denken. Wer braucht das denn noch? Gibt es nicht schon genug davon? Nein, offenbar nicht, denn wer die Erinnerung verweigert, riskiert, die gleichen Fehler zu wiederholen, wie man derzeit leider wieder feststellen muss. Und wie Menschen den Krieg erleben, ist auch jetzt topaktuell. Zudem ist das hier kein politisches Buch, kein Buch über den Zweiten Weltkrieg und kein Buch über Adolf Hitler. Es sind die Erinnerungen eines kleinen Mädchens, das bei Ausbruch des Krieges kurz vor ihrem sechsten Geburtstag stand und für das „Krieg“ und „Hitler“ sehr abstrakte Begriffe waren. An dieses Mädchen, das sie einst war, erinnert die Autorin Margret Siebel und schildert ihre ganz persönlichen Kindheitserlebnisse von Kriegsausbruch bis zu dessen Ende. Margret stammt aus gutem Hause. Der Vater Richter, die Mutter aus einer Pfälzer Weinhändlerfamilie, lebt die Familie, zu der auch die große Schwester, Dackel Hexe und ein Hausmädchen gehören, in Nürnberg, als am 01.09.1939 der Krieg ausbricht. Zunächst erfährt die Familie kaum Einschränkungen und die ersten beiden Kriegsjahre stellen keine große Beeinträchtigung oder Gefahr dar. Die kleine Margret streitet und wetteifert mit ihrer Schwester, der recht strenge Vater behütet die Familie, die liebenswerte Mutter hält das gesellschaftliche Leben aufrecht. So wächst Margret, die keine Vorstellung vom „Krieg“ oder vom „Feind“ hat, einigermaßen sorgenfrei auf – jedenfalls zu Beginn. Der Krieg hält nur schleichend Einzug, in der Schule lehrt man sie, dass man nun „Heil Hitler“ statt „Grüß Gott“ sagt und auf dem Dachboden werden Wassereimer bereitgestellt. Doch dann kommen die Bomber über Nürnberg und regelmäßig muss die Familie zusammen mit den anderen Hausbewohnern im Keller Zuflucht suchen. Margrets größte Sorge gilt dabei ihrem kleinen Dackel, der nicht mit in den Schutzraum darf. Die Autorin schildert in vielen kleinen Episoden, die lose chronologisch aneinander gereiht sind, ihre Kleinmädchenerlebnisse und den familiären Alltag während des Krieges. Vom Knappwerden der Nahrungsmittel, den schönen Weihnachtsfesten mitten in der Zerstörung, von Oma Lenchen, von tollen Seidenstrümpfen und Frisuren der Cousinen in der Pfalz, von Käse, den sie heimlich in ihrem Zimmer hortet bis er zum Himmel stinkt und natürlich von den Angriffen auf die Stadt, die sie in Todesangst zitternd im Keller übersteht. Um das Kind in Sicherheit zu bringen, wird Margret zu ihrer anderen Großmutter nach Landau in der Pfalz geschickt, wo lange Zeit keine Bomben fallen und der Krieg nur wie ein Schreckgespenst erscheint. Zwischen Margret und der Großmutter kommt es häufig zu Reibereien, dennoch erlebt sie schöne Zeiten in der Pfalz. Am Ende kehrt sie wieder nach Nürnberg zurück, bis der Krieg zu Ende geht. Als sie dann den „Feind“ nach der Kapitulation tatsächlich erblickt, nämlich als die amerikanischen Befreiungstruppen in die Stadt einziehen, stellt sie zu ihrer kindlichen Überraschung fest, dass das auch nur gewöhnliche Menschen sind. Es war bestimmt keine einfache Angelegenheit, all die Erinnerungen zu sortieren und zu packen, vom Erinnern selbst vielleicht einmal ganz abgesehen. Interessant ist, dass die Autorin auf jegliche Selbstreflektion verzichtet und ohne irgendwelche rückschauenden Anmerkungen oder Kommentierungen einfach nur die Erinnerungen eines kleinen Mädchens aus dessen damaliger Sicht niedergeschrieben hat. So kommt es beim Leser zu keinerlei Verzerrungen oder Relativierungen durch die zeitliche Distanz zwischen der Autorin und dem Kind, das sie dem Leser näher bringen will. Die Autorin lässt damit quasi die gesamte Erfahrungswelt als spätere Erwachsene außen vor und zeigt nur das Kind in der damaligen Zeit, das sie gewesen war. Ein Weg, den nicht viele so gemacht hätten. Die meisten wären wohl der Versuchung erlegen, Brücken in ihr späteres und heutiges Leben zu schlagen und Verknüpfungen herzustellen. Dass sich Margret Siebel für einen anderen Weg entschieden hast, tut dem Buch gut, denn es reduziert die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche, nämlich alleine die auf damaligen Erlebnisse, wie sie eben waren als sie stattfanden (und nicht, was sie als Erwachsene vielleicht heute darüber denken mag). Das macht die Schilderungen reiner, ungefiltert, und man ist als Leser dadurch irgendwie näher dran. Ein liebenswertes Buch, voll mit traurigen und lustigen, furchtbaren und fröhlichen Erinnerungen an eine Kindheit im Krieg. Empfehlenswert.

Noch ein Buch über den Zweiten Weltkrieg, wird vielleicht so manch einer denken. Wer braucht das denn noch? Gibt es nicht schon genug davon? Nein, offenbar nicht, denn wer die Erinnerung verweigert, riskiert, die gleichen Fehler zu wiederholen, wie man derzeit leider wieder feststellen muss. Und wie Menschen den Krieg erleben, ist auch jetzt topaktuell. Zudem ist das hier kein politisches Buch, kein Buch über den Zweiten Weltkrieg und kein Buch über Adolf Hitler. Es sind die Erinnerungen eines kleinen Mädchens, das bei Ausbruch des Krieges kurz vor ihrem sechsten Geburtstag stand und für das „Krieg“ und „Hitler“ sehr abstrakte Begriffe waren. An dieses Mädchen, das sie einst war, erinnert die Autorin Margret Siebel und schildert ihre ganz persönlichen Kindheitserlebnisse von Kriegsausbruch bis zu dessen Ende.

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Margret stammt aus gutem Hause. Der Vater Richter, die Mutter aus einer Pfälzer Weinhändlerfamilie, lebt die Familie, zu der auch die große Schwester, Dackel Hexe und ein Hausmädchen gehören, in Nürnberg, als am 01.09.1939 der Krieg ausbricht. Zunächst erfährt die Familie kaum Einschränkungen und die ersten beiden Kriegsjahre stellen keine große Beeinträchtigung oder Gefahr dar. Die kleine Margret streitet und wetteifert mit ihrer Schwester, der recht strenge Vater behütet die Familie, die liebenswerte Mutter hält das gesellschaftliche Leben aufrecht. So wächst Margret, die keine Vorstellung vom „Krieg“ oder vom „Feind“ hat, einigermaßen sorgenfrei auf – jedenfalls zu Beginn. Der Krieg hält nur schleichend Einzug, in der Schule lehrt man sie, dass man nun „Heil Hitler“ statt „Grüß Gott“ sagt und auf dem Dachboden werden Wassereimer bereitgestellt. Doch dann kommen die Bomber über Nürnberg und regelmäßig muss die Familie zusammen mit den anderen Hausbewohnern im Keller Zuflucht suchen. Margrets größte Sorge gilt dabei ihrem kleinen Dackel, der nicht mit in den Schutzraum darf.

Die Autorin schildert in vielen kleinen Episoden, die lose chronologisch aneinander gereiht sind, ihre Kleinmädchenerlebnisse und den familiären Alltag während des Krieges. Vom Knappwerden der Nahrungsmittel, den schönen Weihnachtsfesten mitten in der Zerstörung, von Oma Lenchen, von tollen Seidenstrümpfen und Frisuren der Cousinen in der Pfalz, von Käse, den sie heimlich in ihrem Zimmer hortet bis er zum Himmel stinkt und natürlich von den Angriffen auf die Stadt, die sie in Todesangst zitternd im Keller übersteht. Um das Kind in Sicherheit zu bringen, wird Margret zu ihrer anderen Großmutter nach Landau in der Pfalz geschickt, wo lange Zeit keine Bomben fallen und der Krieg nur wie ein Schreckgespenst erscheint. Zwischen Margret und der Großmutter kommt es häufig zu Reibereien, dennoch erlebt sie schöne Zeiten in der Pfalz. Am Ende kehrt sie wieder nach Nürnberg zurück, bis der Krieg zu Ende geht. Als sie dann den „Feind“ nach der Kapitulation tatsächlich erblickt, nämlich als die amerikanischen Befreiungstruppen in die Stadt einziehen, stellt sie zu ihrer kindlichen Überraschung fest, dass das auch nur gewöhnliche Menschen sind.

Es war bestimmt keine einfache Angelegenheit, all die Erinnerungen zu sortieren und zu packen, vom Erinnern selbst vielleicht einmal ganz abgesehen. Interessant ist, dass die Autorin auf jegliche Selbstreflektion verzichtet und ohne irgendwelche rückschauenden Anmerkungen oder Kommentierungen einfach nur die Erinnerungen eines kleinen Mädchens aus dessen damaliger Sicht niedergeschrieben hat. So kommt es beim Leser zu keinerlei Verzerrungen oder Relativierungen durch die zeitliche Distanz zwischen der Autorin und dem Kind, das sie dem Leser näher bringen will. Die Autorin lässt damit quasi die gesamte Erfahrungswelt als spätere Erwachsene außen vor und zeigt nur das Kind in der damaligen Zeit, das sie gewesen war. Ein Weg, den nicht viele so gemacht hätten. Die meisten wären wohl der Versuchung erlegen, Brücken in ihr späteres und heutiges Leben zu schlagen und Verknüpfungen herzustellen. Dass sich Margret Siebel für einen anderen Weg entschieden hast, tut dem Buch gut, denn es reduziert die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche, nämlich alleine die auf damaligen Erlebnisse, wie sie eben waren als sie stattfanden (und nicht, was sie als Erwachsene vielleicht heute darüber denken mag). Das macht die Schilderungen reiner, ungefiltert, und man ist als Leser dadurch irgendwie näher dran. Ein liebenswertes Buch, voll mit traurigen und lustigen, furchtbaren und fröhlichen Erinnerungen an eine Kindheit im Krieg. Empfehlenswert.

geschrieben am 26.04.2016 | 671 Wörter | 3835 Zeichen

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